Leseprobe zu "Die Religion der ersten Christen" von Gerd Theißen
§ 1 Einleitung:
Das Programm einer Theorie der urchristlichen Religion
Warum eine Theorie der urchristlichen Religion? Warum keine "Theologie des Neuen Testaments", um den Glauben der ersten Christen zusammenfassend darzustellen?
Bekanntlich kann man von "Theologie" in einem deskriptiven und in einem konfessorischen Sinne reden. Der Begriff "Theologie des Neuen Testaments" wird deskriptiv benutzt, wenn er eine Analyse aller Aussagen im NT meint, die von Gott sprechen oder von Welt und Mensch in ihrer Beziehung zu Gott, ohne dass für solche Aussagen ein normativer Anspruch erhoben wird. Eine solche deskriptive Theologie des NT ist m.E. nicht in der Lage, den urchristlichen Glauben in seiner ganzen Dynamik zu erfassen. Um zu erkennen, was die ersten Christen in ihrem Innersten bewegte, muss man ihr ganzes Leben untersuchen und ihre theologischen Aussagen in semiotische, soziale, psychische und historische Zusammenhänge hineinstellen, die nicht unmittelbar "theologisch" sind. Die Dynamik des urchristlichen Glaubens ist in der Dynamik des Lebens verwurzelt.
Eine "Theologie" im konfessorischen Sinne kommt dieser Dynamik auf den ersten Blick sehr viel näher. Denn sie ist "konfessorisch", weil sie von der Prämisse ausgeht, dass dieser Glaube auch heute noch normativgültige Kraft hat. Sie ist daher sensibel dafür, dass er auch in seiner Entstehungszeit diese Kraft besaß. Man muss sich jedoch klar machen: Wer in einer Darstellung des Glaubens der ersten Christen von der normativgültigen Prämisse ausgeht: "Gott hat in Christus die Welt erlöst und menschliches Leben zu seiner Erfüllung gebracht", - der läuft Gefahr, viele säkularisierte Zeitgenossen von einem solchen Zugang zum NT auszuschließen. Er entzieht das Zentrum urchristlichen Lebens dem allgemeinen Gespräch. Er bewegt sich in einem innerkirchlichen Diskurs. Eine Theorie der urchristlichen Religion will den urchristlichen Glauben in seiner das ganze Leben bestimmenden Dynamik mit allgemeinen religionswissenschaftlichen Kategorien beschreiben und erklären. Sie will
1. Das Programm einer religionswissenschaftlichen Analyse der urchristlichen Religion geht zurück auf William Wrede, Über Aufgabe und Methode der so eine Doppellektüre dieses Glaubens ermöglichen: eine Sicht von innen und von außen - und vor allem eine Vermittlung zwischen diesen beiden Perspektiven.
genannten Neutestamentlichen Theologie, Göttingen: Vandenhoeck 1897; = Georg Strecker (Hg.), Das Problem der Theologie des Neuen Testaments, WdF 367, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1975, 81-154; = The Task and Methods of New Testament Theology, in: Robert Morgan (Hg.), The Nature of New Testament Theology, SBT 25, London: SCM 1973, 68-116. Dies Programm wurde in der Gegenwart von Heikki Räisänen erneuert. Vgl. ders., Beyond New Testament Theology: A Story and a Programme, London: SCM 1990; ders., Die frühchristliche Gedankenwelt: Eine religionswissenschaftliche Alternative zur >neutestamentlichen Theologie<, in: Christoph Dohmen/ Thomas Söding (Hg.), Eine Bibel - zwei Testamente: Positionen biblischer Theologie, Paderborn: Schöningh 1995, 253-265; ders., Comparative Religion, Theology, and New Testament Exegesis, StTh 52 (1998) 116-129. Charakteristisch für dies Programm sind drei Merkmale, die durch ihren Widerspruch gegen eine normativ gebundene "Theologie des Neuen Testaments" bestimmt und insofern Variationen desselben Anliegens sind:
oo)Die Distanzierung gegenüber dem normativen Anspruch der religiösen Texte. Ihr "Anspruch" wird zum Gegenstand, aber nicht zur Voraussetzung ihrer Analyse. Die Analyse des Urchristentums geschieht "identitätsoffen" (d.h. zugänglich für Menschen mit verschiedener religiöser Identität) und "applikationsfern" (d.h. unabhängig von der Verwendbarkeit der Ergebnisse in der kirchlichen Praxis).
pp)Die Überschreitung der Grenzen des Kanons: Alle urchristliche Literatur bis etwa Irenaeus wird mit in die Untersuchung einbezogen, wobei die genaue Abgrenzung des Urchristentums von der Alten Kirche umstritten ist. Die kanonische und nichtkanonische Literatur gilt prinzipiell als gleichwertig.
qq)Die Emanzipation von den Kategorien "Orthodoxie" und "Häresie": Alle urchristlichen Strömungen gelten als prinzipiell gleichberechtigt. Überspitzt ausgedrückt: Die Orthodoxie gilt im Zweifelsfalle als die "Häresie, die sich durchgesetzt hat".
Drei weitere Bestimmungen bringen eher positiv zum Ausdruck, was eine solche religionswissenschaftliche Analyse des Urchristentums anstrebt. Hier liegen die Stärken des Programms:
rr)Die Anerkennung der Pluralität und Widersprüchlichkeit der theologischen Entwürfe im Urchristentum. Es besteht keine Notwendigkeit, ein einheitliches Kerygma aus den urchristlichen Schriften herauszuarbeiten, obwohl die Frage nach seiner Einheit ein berechtigtes historisches und religionswissenschaftliches (und keineswegs nur ein theologisches) Anliegen bleibt: Die hier vorgelegte Theorie der urchristlichen Religion fragt sehr viel intensiver nach der Einheit in der Mannigfaltigkeit, als die programmatische Anerkennung der Mannigfaltigkeit vermuten lässt.
ss)Die Interpretation theologischer Gedanken aus ihrem realen Lebenskontext heraus. Religion besteht nicht (nur) in Ideen, sondern ist Ausdruck des ganzen Lebens. Theologische Gedanken sind Ausdruck religiöser und sozialer
Nun ist in der allgemeinen Religionswissenschaft umstritten, was Religion überhaupt ist. Die folgende Definition kann und will nicht beanspruchen, die allein mögliche Definition zu sein, wohl aber, dass sie innerhalb des Spektrums möglicher Definitionen keine Extremformulierung darstellt:
Religion ist ein kulturelles Zeichensystem, das Lebensgewinn durch Entsprechung zu einer letzten Wirklichkeit verheißt.
Erfahrung - und in jedem Falle auch von nicht-religiösen Faktoren mit bedingt. Daher werden auch politische und soziale Rahmenbedingungen mit in die Analyse einbezogen.
Die Offenheit gegenüber der Religionsgeschichte: Die urchristliche Religion wird in ihrer Interaktion mit anderen Religionen gesehen - insbesondere als eine aus dem Judentum kommende Strömung, die durch die Auseinandersetzung mit paganen Religionen geprägt wurde. Diese anderen Religionen werden ohne Abwertung dargestellt - und nicht vom Standpunkt einer von vornherein feststehenden Überlegenheit des Urchristentums. Etwas anderes ist es, dass auch das Überlegenheitsbewusstsein von Juden und Christen in der paganen Welt eine Erklärung verlangt.
Noch liegt kein ausgeführter Entwurf einer solchen religionswissenschaftlichen Analyse des Urchristentums vor. Deutlich sollte jedoch sein: Ein solcher Ansatz lässt einen großen Spielraum für verschiedene Konzepte. Der hier vorgelegte Versuch zeichnet sich wahrscheinlich (1.) durch eine Verwendung theoretischer Modelle aus, auch wenn sie immer nur dienende Funktion haben.
Sitemap: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20