Im Licht der Finsternis - Albus, Anita
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Anita Albus beleuchtet poetisch und kenntnisreich einen der bedeutendsten Romanciers der Weltliteratur: Marcel Proust Auf einzigartige Weise vereint Anita Albus in ihren Aquarellen, ihren Studien zur Kunst und ihrem gefeierten Buch Von seltenen Vögeln intensive Kennerschaft und künstlerisch Präzision. Mit diesem subtilen und leidenschaftlichen Blick nähert sie sich Marcel Proust und seinem monumentalen Werk: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit . In einer spannenden Lektüre führt die Autorin den Leser auf verschlungenen Pfaden durch den Proustianischen Garten der Lüste mit seinem Höllen…mehr

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Produktbeschreibung

Anita Albus beleuchtet poetisch und kenntnisreich einen der bedeutendsten Romanciers der Weltliteratur: Marcel Proust
Auf einzigartige Weise vereint Anita Albus in ihren Aquarellen, ihren Studien zur Kunst und ihrem gefeierten Buch Von seltenen Vögeln intensive Kennerschaft und künstlerische Präzision. Mit diesem subtilen und leidenschaftlichen Blick nähert sie sich Marcel Proust und seinem monumentalen Werk: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit . In einer spannenden Lektüre führt die Autorin den Leser auf verschlungenen Pfaden durch den Proustianischen Garten der Lüste mit seinem Höllen- und seinem Paradiesflügel. Zahlreiche prächtige Illustrationen ergänzen ihre Deutungen.
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • Seitenzahl: 221
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 224 S. m. farb. Illustr.
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 135mm x 23mm
  • Gewicht: 433g
  • ISBN-13: 9783100006240
  • ISBN-10: 3100006240
  • Best.Nr.: 32201617

Autorenporträt

Anita Albus lebt als Malerin und Schriftstellerin in München und in Burgund. Berühmt wurde sie vor allem durch ihre augentäuschenden Naturdarstellungen, die vielfach ausgestelt wurden. Zugleich mit der Malerei hat sich Anita Albus der Literatur gewidmet, einen Roman und Erzählungen geschrieben und mehrfach ausgezeichnete Essays verfaßt.

Rezensionen

Besprechung von 12.02.2011
Was Sie schon immer über Spargel wissen wollten
Anita Albus bestürmt Marcel Proust als unerschrockene Botanikerin und leidenschaftliche Katholikin
Ein erstaunliches Buch über Marcel Proust legt uns die Malerin und Autorin Anita Albus da vor: „Im Licht der Finsternis“ heißt der bibliophil ausgestattete Essay, mit dem das literarische Jubiläumsprogramm des S. Fischer Verlags anlässlich seines 125-jährigen Bestehens eröffnet. Man hat sich nicht lumpen lassen, vom feinen Leinen (dunkelblau) bis zum Satz („in der Cicero Poliphilus & Blado Italic von Wilfried Schmidberger in Nördlingen nach den Regeln der Schwarzen Kunst und in der bewährten Rechtschreibung“), vom Papier („Luxo Cream“ von Schneidersöhne, Kelkheim) bis zu den prächtigen Abbildungen diverser Pflanzen und gotischer Kirchenkunst – alles vom Feinsten.
In der vorangestellten Notiz wird versprochen, dass die Autorin „Niegesehenes“ in Prousts Romanungetüm „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zutage fördere. Das nennt man selbstbewusst, schließlich handelt es sich bei diesem Autor um einen der am gründlichsten erforschten des zwanzigsten Jahrhunderts. Trotzdem, eine gewisse Bewunderung kann man dieser die aktuelle Proustforschung übergehenden Chuzpe nicht versagen; sie lässt Platz für eigene Gedanken, Expertise und Obsessionen.
Und an letzterem gebricht es Anita Albus tatsächlich nicht. Das Gebirge von Prousts Werk betrachtet sie durch die Brille der konservativen Katholikin, die sich zur alten Mess bekennt und – mit Proust – die Trennung von Kirche und Staat als „Tod der Kathedralen“ betrauert; so hieß im Jahr 1904 Prousts berühmter Artikel im Figaro. Der Säkularismus, der in Frankreich seit nun über hundert Jahren Gesetz ist, habe die Kirchen ein Stück weit „gemordet“, diagnostiziert die teilweise im Burgund lebende Autorin; sie kennt das in die Gegenwelt reichende Dilemma – Priestermangel, Geldmangel – aus der Nähe.
Der weitere in diesem Buch aktivierte Blick gehört der unerschrockenen Botanikerin. Und auch hier deutet sie Proust mit Proust selbst, denn dessen (keineswegs erst durch ihre Lektüre nachgewiesene) enorme botanische Kenntnis ist so verblüffend wie evident. Allein die unter der Regie von Jean-Yves Tadié herausgegebene vierbändige Pléiade-Ausgabe der „Recherche“ weist Prousts Quellen nach, ob es sich um die „Art religieux du XIIIe siècle en France“ von Emile Mâle handelt, um Werke von Linné, Michelet, Fabre, Darwin oder um die „Legenda aurea“ des Jacobus de Voragine.
Was Proust, der Bibliotheken hasste, lesend verschlungen hat im Laufe seines von Krankheit gezeichneten Lebens, grenzt an ein Wunder und ist, streng genommen, monströs. Die Kehrseite dieses radikalen Innenlebens war ein Erfahrungsverzicht, der sich nicht zuletzt in seiner dogmatischen Liebestheorie niederschlägt, in der allein der Eifersucht die Qualität des Begehrensstifters zukommt.
Prousts Bewunderung für die romanische und gotische Sakralkunst ist, nicht nur weil er um der Kathedralen willen gegen die antiklerikale Bewegung der vorletzten Jahrhundertwende eingestellt war, ebenso offenkundig wie seine botanische Poetik, die sich von frisch geköpftem Spargel nährt, sich am stechenden Geruch des Weißdorns berauscht, Orchideen beim Befruchtungsakt bespitzelt, Cassisblätter mit einem glitschigen Faden überzieht, oder den schönen, schrecklichen Medusen des Meeres (vulgo: Quallen) nachsinnt. Anita Albus hat sich vorgenommen, beide Sphären, die naturwissenschaftliche und die sakrale, eng zu führen, sie als Einheit dergestalt zu beschreiben, dass Prousts Werk am Ende selbst als gotische Kathedrale erscheine.
Selbstverständlich steht diese Deutung auch im Zeichen von Prousts langjähriger Beschäftigung mit dem Werk John Ruskins, von dem er – mit Hilfe seiner Mutter und einer Freundin, denn Proust selbst hat in der Schule kein Englisch gelernt – zwei Bücher ins Französische übertrug, „La Bible d’Amiens“ und „Sésame et les Lys“.
Ruskins katastrophale, sein Leben verdunkelnde Phobie vor dem weiblichen Geschlecht findet bei Proust, dem Homosexuellen, übrigens keinen Niederschlag. Das unterstreicht Anita Albus in dankenswerter Klarheit – um allerdings an anderer Stelle in ein längst widerlegtes Klischee zu tappen. Sie behauptet nämlich, hinter den blühenden Mädchen der „Recherche“ verbürgen sich im Grunde Jungen („die insgeheim männlichen jungen Mädchen“). Diese hartnäckige Annahme einer Geschlechter-Camouflage reduziert Prousts Werk, indem sie den schönen, erzähltechnisch enorm wichtigen Unterschied zwischen dem Reich „Sodoms“, wo Charlus und seinesgleichen zu Hause sind, und dem Reich „Gomorras“ unterschlägt, wo Albertine und deren Freundinnen unter den eifersüchtigen Augen des Erzählers ein höchst eigenständiges, geheimnisumwittertes Leben führen.
Dabei widerspricht Albus ihrerseits einem Klischee. Dessen Stil sei nicht, wie oft behauptet, „impressionistisch“; vielmehr nehme Proust die Details wie mit dem Teleskop in den Blick, mit Abstand und Präzision. Präzision und Nähe bezeichnen, um im katholischen Universum zu bleiben, Anita Albus’ Tugend als forschende Leserin. Laster und Erregung im ständigen Wechselspiel von Anbetung und Profanierung, darum geht es.
Wie unter der Lupe, wobei dann wirklich nie gesehene Einzelheiten herangezoomt werden, lässt die Autorin einige Prunkszenen der „Recherche“ Revue passieren – die mörderische Küchenherrschaft der begnadeten Köchin Françoise gegen das schwangere Dienstmädchen in Combray; die Onanie-Szene vor dem geöffneten Klofenster; die blasphemischen Lustspiele zwischen Mademoiselle Vinteuil und deren „Gespielin“ (Albus); die Maiandacht in der Dorfkirche; Gilberte Swanns obszöne Geste mit Gartenschlauch und Spaten, sowie die beiden großen Voyeursszenen mit Baron de Charlus in Paris.
Wenn auch die botanischen Erläuterungen ob ihres humorfreien Lehrbuchcharakters gelegentlich ermüden, so ist man doch dankbar zu erfahren, warum der Spargel ausgerechnet am Johannistag das letzte Mal in der Saison gestochen wird, zu erfahren, dass der Weißdorn (aubépine) den Penis des (Jesus)Knaben enthält (pine) oder dass die im Hof der Guermantes auf die Hummel wartende Orchidee von Proust fachmännisch auf den Spuren Darwins modifiziert worden ist.
Besonders dankbar ist man für den Hinweis auf das von Jupien „vielleicht“ vergessene „Pollenpaket“; auch wenn man in der Frage, wer denn nun den Pollen abliefert in jener imposanten Eröffnungsszene von „Sodom und Gomorra“ – Jupien oder Charlus – durchaus geteilter Meinung sein kann. Vergessen wir nicht, dass der voyeuristische Erzähler der Vereinigung der ungleichen Männer keineswegs zusieht; zu spät erst erklimmt er die Leiter, um durch das „vasistas“, das Guckfenster, zu spähen, und da unterhalten sich die beiden Herren bereits.
Als Ausklang begleitet Anita Albus ihren Helden Marcel Proust noch einmal an das Rote Portal der Heiligen Anna von Notre-Dame; er trägt einen Pelzmantel über dem Schlafanzug. Wir befinden uns im Jahr 1913; der geliebte Chauffeur Alfred Agostinelli, dessen Lenkrad Proust in „Tage im Automobil“ (1907) mit dem Weihekreuz der Apostel in der Heiligen Kapelle verglichen hatte, ist seit sieben Wochen auf der Flucht.
Bald wird er mit dem Flugzeug über dem Mittelmeer abstürzen. Nicht nur das Weihekreuz/Lenkrad erblicken Prousts „teleskopische Eulenaugen“ in jener Nacht erneut; sondern, in Stein gehauen von den spöttischen Künstlern des Mittelalters, auch den berühmten Bischof von Paris aus dem 5. Jahrhundert: Saint Marcel, den Drachen zähmend. Dem nächsten, letzten Schritt kann Anita Albus nun nicht mehr widerstehen: „Die Bestien statt mit dem Krummstab mit der Feder zu zähmen, war dem auferlegt, der eintausendundvierhundert Jahre nach Saint Marcel in Paris als Fischer, Bäcker, Schneider und Baumeister tätig war.“
Der Schriftsteller in der Rolle des Heiligen: Schade, der gelehrte Essay mündet in Kunstreligion. Aber noch aus einem anderen Grund kann man das so nicht stehen lassen. Wenn Marcel Proust, der mütterlicherseits jüdisch war, der in seinem Roman nicht umsonst den in der Dreyfus-Affäre sich offenbarenden Antisemitismus der katholischen High Society gnadenlos-satirisch aufspießt, wenn Proust, der als junger Mann Zolas „J’accuse“ unterschrieben hatte, hier als Superkatholik und schreibender Kathedralenmeister vereinnahmt wird, dann verzerrt das nicht nur die Perspektive. Es ist zutiefst verstörend. Auch in diesem Sinne ein erstaunliches Buch.
INA HARTWIG
ANITA ALBUS: Im Licht der Finsternis. Über Proust. Mit diversen Abbildungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 224 Seiten, 38 Euro.
Was Proust, der Bibliotheken
hasste, lesend verschlungen
hat, grenzt an ein Wunder
Edouard Manets Gemälde „Der Spargel“ (oben) entstand 1880. Anita Albus (links) will die durchdringenden Blicke, die Marcel Proust in seinem Roman auf den Spargel wirft, möglichst weit von Manet wegrücken: „Das Werk von Proust ist nicht malerisch.“
Fotos: Isolde Ohlbaum (links), Interfoto
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Besprechung von 12.03.2011
Auf der Suche nach der höchsten Wahrheit

Der Natur die Kunst einschreiben: Anita Albus hat mit "Im Licht der Finsternis" eines der erstaunlichsten Bücher über Marcel Proust vorgelegt.

Von Joachim Kalka

Adorno beginnt seinen Aufsatz "Kleine Proust-Kommentare" so: "Gegen kleine Kommentare zu einigen Abschnitten aus der ,Suche nach der verlorenen Zeit' ließe sich sagen, dass bei dem verwirrend reichen und krausen Gebilde der Leser mehr der orientierenden Überschau bedürfe, als dass er noch tiefer ins Einzelne verstrickt werden möchte, aus dem ohnehin nur schwer und mühsam der Weg zum Ganzen sich bahnen ließe. Der Einwand scheint mir der Sache nicht gerecht zu werden."

Tatsächlich können nur die Einzelheiten den Weg weisen. Denn "die produktive Kraft zur Einheit ist identisch mit dem passiven Vermögen, schrankenlos, ohne Rückhalt ans Detail sich zu verlieren". Das gilt auch für den "produktiven" Leser. Der hat nun ein Buch über Proust-Lektüre geschenkt bekommen, das ihm dringend nahelegt, sich an die Einzelheiten zu verlieren - um dadurch aufs erstaunlichste zu einem Begriff von der Einheit des Proustschen Werkes zu gelangen.

Die Konzentration auf die Einzelheit erscheint in der "Recherche" unter anderem auch in ironischer Beleuchtung als Caprice des Schriftstellers Bergotte, der ein Werk, das er loben will, immer mit dem Bezug auf ein entlegenes Detail charakterisiert. "Da kommt ein kleines Mädchen vor mit einem orangefarbene Schal. Das ist gut, das ist gut!" Oder: "Ja, genau, da gibt es eine Stelle, wo ein Regiment durch eine Stadt marschiert, jawohl, das ist gut!" Das ist bei aller ästhetischen Plausibilität - woran erinnern wir uns bei Romanen? - komisch. Aber wir wissen: Ganz im Ernst wird Bergotte in einer Kunstausstellung sterben vor Vermeers "Gezicht op Delft", hingerissen fasziniert von einer ganz kleinen Einzelheit der Malerei, der "kleinen gelben Mauerecke": "So hätte ich schreiben sollen . . ."

Anita Albus hat mit "Im Licht der Finsternis" eines der erstaunlichsten Bücher über Proust vorgelegt. Es ist übersät mit Neuigkeiten, es stellt eine Vielzahl bisher unbemerkter Bezüge her, die eine neue Perspektive auf die vertraute Landschaft des OEuvres eröffnen. Frappierend ist für den Leser, wie unbekümmert die Interpretin hier ganz und gar von ihren eigenen leidenschaftlichen Neigungen (par excellence der zur Naturkunde, zu den Vögeln, den Insekten, den Pflanzen) ausgegangen ist - um mit zauberischer Sicherheit bei der Sache anzukommen.

Die Proust-Interpretation hat sich lange ausführlich mit jenen großen Parametern des Werks beschäftigt, die unsere Gegenwart am unmittelbarsten interessiert haben: dem Sexuellen (mit besonderer, von Proust vorgegebener Betonung der "Perversion") und dem Politischen (dem ungeheuren Schatten der Affäre Dreyfus und dem Antisemitismus). Wenig Einzelzüge der "Recherche" sind den Lesern geläufiger als die hier einschlägigen Schlüsselepisoden: etwa das Balzritual und der Liebesakt zwischen den vom Zufall zusammengeführten, aber einander sofort "erkennenden" Charlus und Jupien ("Sie haben einen richtig dicken Arsch") oder die maliziöse Suffisance der Konversation im Salon der Guermantes: "Sie wissen ja wohl, weshalb man die Beweise für Dreyfus' Verrat nicht offenlegt. Er ist der Liebhaber der Gattin des Kriegsministers, wie man hört." - "Ach ja? Und ich dachte, von der Frau des Ministerpräsidenten."

Diese Schilderungen des Gesellschaftlichen sind von einer solchen Präzision und Gewalt des Komischen und der kühlen Melancholie, dass sie den Leser dazu verleiten könnten, sich von ihrer Vordergrundpräsenz überwältigen zu lassen. Doch ist der Roman aus inneren Strukturen und Motivgeflechten aufgebaut, auf einer Technik der kumulativen Wiederkehr von psychologischen und poetologischen Bezügen, mit denen Proust Erinnerung beschwören will, "wiedergefundene Zeit". Die ganze "Recherche" zielt darauf hin und baut auf der Erkenntnis auf, dass wir uns im Leben durch die Gegenstände unserer Beobachtung definieren, die erst in der Erinnerung ihre Leuchtkraft erhalten. Und dass unsere Erleuchtung mit der Durchdringung unserer eigenen Kognitionsprozesse zusammenhängt. Ein oft düsteres Panorama verstreichender, verstrichener Zeit enthüllt sich, plötzlich an unvorhersehbaren Punkten von einem blendenden Licht erhellt, an anderen beschienen von kleinen epiphanischen Merkwürdigkeiten.

Anita Albus lehrt den Leser nun, in welchem Maße diese Methodik Prousts, sein "Anliegen", zusammenhängt mit Naturbeobachtung und mit Rückgriffen auf eine, summarisch gesagt, mittelalterlich-frühneuzeitliche Tradition. Markante biographische Zeugnisse sind etwa seine Verehrung für Ruskin (den er übersetzte) und dessen Studien zur Gotik, seine Lektüre von Èmile Mâles großem Werk über die religiöse Kunst Frankreichs im dreizehnten Jahrhundert, seine Bewunderung für Fabres Insektenstudien (die Grabwespe!). Sie führt hierbei weit über das Bekannte hinaus - so kann sie zeigen, dass sich bereits bei Ruskin eine frappante Beschreibung der für Proust so bedeutsamen Weißdornblüte findet. An vielen Punkten des Romans kann man unter ihrer Anleitung mit bisher unerreichter Intimität, wie von innen, die Technik verfolgen, mit welcher der Romancier seine ungeheure Arbeit ins Werk setzt. Ernst Robert Curtius: "Man könnte die großen Gesellschaftsschilderer der Literatur danach einteilen, ob sie das soziale Reich als Fauna sehen, als Menagerie - oder als Flora, als Vegetation. Bei Proust herrscht die letztere Betrachtungsweise, die botanische, und sie ist bei ihm ausgeprägt in einem Grade, wie er sich wohl bei keinem anderen Autor findet." Dies demonstriert Albus nicht nur anhand der bekannteren "Recherche"-Beispiele (der Orchidee, dem Weißdorn), sondern an vielen anderen - besonders schön am Spargel in der Caritas-Szene. Wer eine erstaunliche Probe dessen aufschlagen möchte, was hier die botanische Analyse vermag, könnte nachlesen, was über Flieder und Cassis - die jeweils am Klofenster winken - in den beiden Fassungen der Onanieszene des jungen Marcel gesagt wird.

Die geduldige Analyse scheinbar marginaler Details, die Erlösung verborgener Zusammenhänge führt bei Anita Albus in die Kathedralarchitektur mittelalterlicher Religion und Philosophie (was ja identisch ist). Die Ästhetik ist in dieser Sphäre - wie mit einem scharf pointierten Motto von Curtius gleich zu Beginn in Erinnerung gebracht wird - immer Teil eines religiösen Gesamtzusammenhanges, das Schöne nie autonom. Auch die sinnliche Erfahrung gehört, was wir vergessen haben, unmittelbar in einen Gnadenzusammenhang. Es ist unzweifelhaft, dass Proust durch eine Vielzahl von Lektüren und Anschauungen aufs Genaueste über dieses Weltbild informiert war, und es ist evident, welche Bedeutung das "Kirchliche" in den Romanbeschreibungen hat.

In einer wunderschönen Passage zu Beginn des "Recherche"-Teils "Die Gefangene" wird das Babel der "cris de Paris", der Kaufrufe auf der Straße, beschrieben. Dieses Konzert der ohne Unterlass ihre alten Kleider oder ihr Gemüse anbietenden Händler erinnert den lauschenden Erzähler an alte Kirchen, Kadenz und Wiederholung der Rufe scheinen liturgisch. Anita Albus erwähnt die "gregorianische Artischockenanpreisung" dieser Szene in einer Fußnote (übrigens: Sagt nicht Jupien in einem kurzen Moment der Eifersucht, als Charlus nach dem Beischlaf sich allzu interessiert nach den Laufburschen des Viertels erkundigt: "Sie haben ein Artischockenherz"?) Wie alle Wunderkammern ist die "Recherche" eine Schule der Wahrnehmung, deren hauptsächliche Erkenntnisstrategie das unerwartete Nebeneinander und Ineinander ist.

Der Bedeutung jener Tradition für Proust - bisher in Einzelzügen bekannt, nie zuvor mit solcher Konsequenz vorgeführt - ist unbestreitbar. "Eine poetische Intuition verwandelt sich in eine biologische Analogie", schrieb Curtius. Und umgekehrt, möchte man hinzufügen, und außerdem sind beide Teil eines großen, weit in Mittelalter und Antike zurückreichenden Bezugssystems aus Etymologie, Naturlehre und religiös-moralischer Symbolik. Die Pflanzen und Insekten, denen wir gleichen, bevölkern den Roman, und während Charlus Jupien verfolgt, naht die Hummel (die der Erzähler eigentlich beobachten wollte und deren Summen dem Gepfeife des Barons gleicht) sich der Blüte. Metapher, Analogon, Leitmotiv, Allegorie - "das ganze Riesenwerk Prousts ist ein einziger ausgedehnter Vergleich und dreht sich um die Wörter ,als ob'". So schrieb Nabokov; was aber dieses "als ob" bedeutet, das fügt er in einer Fußnote hinzu: "Middleton Murry hat gesagt, wenn man genau sein wolle, sei man gezwungen, metaphorisch vorzugehen." Das kontinuierliche "als ob" Prousts, die Herrschaft des Vergleichs, steht im Dienst der seherischen Genauigkeit, der ansonsten nicht zu habenden höheren Wahrheit.

Anita Albus legt uns nahe, diese höhere Wahrheit bei Proust als eine höchste zu sehen: die der Religion. Für sie ist gewiss, dass Proust - gerade auch in seiner Anstrengung als Künstler - ein gläubiger Mensch war. Das ist für die communis opinio der Forschung fast ein Skandalon. "Einmal verherrlicht Proust mittelalterliche Meister, die in ihren Kathedralen Zierate so verborgen angebracht hätten, dass sie wissen mussten, es werde nie ein Mensch sie erblicken. Die Einheit ist keine fürs menschliche Auge veranstaltete . . ., erst einem göttlichen Betrachter würde sie offenbar." Das schrieb nun wiederum Adorno. Der Konjunktiv seines "würde" markiert den Punkt, an dem wohl die meisten Leser innehielten: Man nimmt diese starke Metapher nicht existentiell wörtlich. Die religiöse und die profane Lesart begegnen sich aber in dem ganz Anderen, das Prousts Vergleiche einfordern, dessen "als ob" auf einer Andersartigkeit insistiert, deren Erstaunlichkeit wir vergessen haben. Durch Adornos Essay spukt der mittelalterliche Mönch, der seinem Ordensbruder versprochen hat, ihm nach dem Tode zu erscheinen und ihm zu sagen, wie es drüben sei. Er stirbt, hält sein Versprechen und sagt: "Totaliter aliter." Gänzlich anders.

Das Andere, das jeder Vergleich bei Proust so erstaunlich eröffnet, ist textgenetisch gewiss oft der Sphäre mittelalterlicher Frömmigkeit verbunden. Ob es aber nicht lediglich kraft des Zaubers der Tradition und durch den bei aller sardonischen Gesellschaftsskepsis tiefen Respekt vor dem Hergebrachten bei Proust so gerne eine religiöse Form annimmt, ist eine schwierige, vielleicht unmöglich ganz zu entscheidende Frage. Wie soll man etwa Prousts Brief an Jacques Rivière vom Februar 1914 interpretieren, in dem er seinen Roman als "dogmatisches Werk" im Dienste der "WAHRHEIT" bezeichnet? Die Leser von Proust und Anita Albus werden sich über solche Fragen lange unterhalten können.

Was bedeutet es, wenn der Autor beim Nahen des Todes dem frommen Francis Jammes schreibt, er möge zum heiligen Joseph beten, dass er ihm das Sterben leichtmache? Ist dies Evidenz eigener tiefer Frömmigkeit, ist es ein weiteres Zeugnis von Prousts großer, liebevoller Freundeshöflichkeit, ist es eine demütige Metapher? Angesichts des Todes eines Menschen sollte alles klar werden, aber wird es das? Die Letzte Ölung hat Proust offenbar nicht erhalten. Aber er hatte gebeten - am Ende vergaß das Céleste allerdings -, dass man ihm auf dem Totenbett einen Rosenkranz in die Hände legen sollte. Doch war es wiederum ein ganz bestimmter Rosenkranz, ein Erinnerungsobjekt, gesättigt mit Freundschaft, ein Geschenk der sarkastischen Lucie Faure. Was bedeutete ihm dieser Gegenstand? Was bedeuten die vom Erzähler so geliebten Kirchen in der "Recherche"? Wenn der Kirchturm von Saint-Hilaire als zartester Strich am Horizont sichtbar wird, ist es, als habe ein Fingernagel ihn an den Himmel geritzt, weil er der Landschaft, "diesem Bild aus nichts als Natur ein kleines Zeichen der Kunst einbeschreiben wollte, diese einzige Andeutung des Menschlichen . . .".

Dass unter den Baumaterialien dieser aus mannigfachen Spolien zusammengefügten Romankathedrale so viele Bruchstücke aus Linné und dem Physiologus, aus Fabres Insektenporträts und der scholastischen Spekulation sind, das hat niemand bisher so präzise erkannt und mit solch beiläufiger Gelehrsamkeit erzählt. Die Rezension kann den heiteren und tiefernsten Reichtum des Buches nur andeuten. Es ist gesättigt mit der Glut seiner naturkundlichen Verliebtheit; wenn ich das Titelbild - aus einem Kodex des fünfzehnten Jahrhunderts: die erste Illumination aus René von Anjous "Buch der Liebe" - richtig interpretiere, steht es ganz im Zeichen des Pagen, der den Amor begleitet, welcher dem schlafenden und träumenden René, der sich auf eine Ritterfahrt aufmachen wird, das Herz aus der Brust nimmt. Der Page heißt "ardent désir", glühendes Begehren. Wonach? Nach den Freuden des vielfachen Schriftsinns, nach dem Punkt, wo Sinnlichkeit und Reflexion zusammenkommen. Nach dem Ganzen und den Einzelheiten und dem Ganzen durch die Einzelheiten. Die Einzelheiten werden hier wie mit angehaltenem Atem studiert. Der Leser gerät willig auf mysteriöse Nebenwege zielbewusster Suche. Er wird nach dieser Lektüre Proust nie mehr lesen wie zuvor.

Anita Albus: "Im Licht der Finsternis". Über Proust.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 223 S., geb., 38,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Dieses Buch wird niemand, der es besitzt, wieder aus den Händen geben, ruft Gerhard Neumann beglückt von Anita Albus' schön gestaltetem Buch über Proust ("bewährte Rechtschreibung, edles Papier"). Deutlich wird allerdings in dieser etwas hermetischen Kritik, dass auch das besprochene Buch etwas für Kenner ist. Die Autorin und Malerin Albus nähert sich darin dem Proustschen Kolossalwerk der Recherche, indem sie Licht auf paradigmatische Szenen werfe: den Tod des Dichters Bergotte vor Vermeers "Ansicht von Delft", das Onanieren im Fliederzimmer. Neumann sieht hier den Gedanken vom Romanwerk als Kathedrale wunderbar aufgegriffen, in das Albus wie durch Kirchenfenster hindurchblicke. Mit "großer Gewissenhaftigkeit", meint Neumann, lege Albus die kunsthistorischen und biologischen Muster frei, die von Jean-Henri Fabres Insektenkunde bis zu Gaston Bonniers Botanik das Romanwerk durchziehen, und könne schließlich auch darlegen, wie sich Prousts schöpferische Selbstbefruchtung aus der "Sexualität von Medusenqualle und Orchidee" erkläre.

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