Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung - Castel, Robert / Dörre, Klaus (Hrsg.)
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Robert Castel / Klaus Dörre (Hrsg.) 

Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung

Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts

Hrsg. v. Robert Castel u. Klaus Dörre
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Produktbeschreibung zu Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung

Die soziale Frage ist in die politische Öffentlichkeit zurückgekehrt. Begriffe wie Prekarität, Ausgrenzung und Exklusion sind in aller Munde. Was aber wird genau mit diesen Begriffen bezeichnet? Lassen sich die sozialen Spaltungen, die meist von der Arbeitswelt ausgehen, damit angemessen analysieren? International bekannte Autoren wie unter anderen Robert Castel, Serge Paugam und Loïc Wacquant betrachten mit den »Aussteigern«, »Prekariern « und »Ausgegrenzten« unterschiedliche Gruppen und deren soziale Lage. Der Band stellt Anschlüsse an die internationale Debatte um die neue soziale Frage her und verdeutlicht, dass Prekarisierung in den einzelnen europäischen Ländern höchst Unterschiedliches bedeuten kann.

Produktinformation


  • Verlag: Campus Verlag
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 424 S.
  • Seitenzahl: 424
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm x 142mm x 28mm
  • Gewicht: 535g
  • ISBN-13: 9783593387321
  • ISBN-10: 3593387328
  • Best.Nr.: 23864423
01.09.2010, KZfSS Eine beeindruckende Sammlung von Befunden zu diversen Facetten der Prekarisierungsforschung.
Robert Castel ist einer der einflussreichsten Soziologen Frankreichs mit hohem internationalen Renommee. In den 1960er Jahren arbeitete er mit Pierre Bourdieu und orientierte sich an der Schule Michel Foucaults. Er ist Forschungsdirektor der École des hautes études en sciences sociales und Mitgründer von Grass - Group d analyse du social et de la sociabilité.

Leseprobe zu "Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung"

Die Wiederkehr der sozialen Unsicherheit

Robert Castel

Die Wiederkehr der sozialen Unsicherheit ist ein Hauptmerkmal gesellschaftlicher Entwicklung, an dem seit rund dreißig Jahren die Länder Westeuropas kranken, Deutschland ebenso wie Frankreich. Von einer "Wiederkehr" zu sprechen bedeutet, im Vergleich zu einem vorhergehenden Zustand eine Verschlechterung zu diagnostizieren. Bis Mitte der 1970er Jahre profitierten die Lohnabhängigen der genannten Länder tatsächlich von dem, was ich an anderer Stelle als "den sozialen Kompromiss des Industriekapitalismus" bezeichnet habe, von einem Kompromiss also, der sich in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet hatte. Er gewährleistete einen gewissen Ausgleich zwischen Marktinteressen einesteils, das heißt den Erwartungen der Unternehmen in Hinblick auf Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit, und den Interessen der Welt der Arbeitenden anderenteils, was den Schutz und die Absicherung der großen Mehrheit der Arbeitnehmer anbelangt. Durchgesetzt wurde, mit anderen Worten, eine allgemeine soziale Absicherung, das so genannte soziale Netz, das die Mehrheit der Bevölkerung in den genannten Ländern vor den wichtigsten gesellschaftlichen Risiken schützte. Das ist der Zusammenhang, vor dessen Hintergrund nun die Wiederkehr der sozialen Unsicherheit zu beurteilen ist.

Nachfolgend sollen in aller Kürze die wesentlichen Elemente des genannten Zusammenhangs in Erinnerung gerufen werden, um dann zu fragen, was in den vergangenen dreißig Jahren passiert ist. Welche neue Dynamik hat uns da erfasst, die sich als eine der Verunsicherung, der Prekarisierung zeigt, die früher vorhandene Strukturen in ihr Gegenteil verkehrt und bewirkt, dass Menschen heute in wachsender Zahl von neuem auf sich selbst gestellt sind, dazu verdammt, "von der Hand in den Mund zu leben", wie es ehedem hieß, und einer ungewissen Zukunft entgegenzusehen?

Was den Gang des erwähnten Transformationsprozesses in seinen allgemeinen Zügen angeht, besteht in der sozialwissenschaftlichen Debatte relative Einigkeit. Prekarisierungsprozesse durchziehen unsere Gesellschaften auf breiter Front und destabilisieren die sozialen Sicherungssysteme, die sich im Verlauf der Entwicklung des industriellen Kapitalismus herausgebildet hatten. Schwieriger hingegen sind die Folgen dieser Transformationen für die Sozialstruktur abzuschätzen. Welche Individuen und Gruppen sind besonders betroffen? Bilden sie eine neue gesellschaftliche Klasse, und wenn ja, welche Stellung kommt einer solchen Klasse in der Gesellschaft insgesamt zu? Lässt sich von einem neuen Proletariat oder Subproletariat sprechen, das sich aus den Opfern der augenblicklichen Veränderungen zusammensetzen würde? Das scheint zumindest teilweise der tiefere Sinn der bedeutsamen Debatte zu sein, die in Deutschland um den Ausdruck "neue Unterschicht" stattfand und noch immer stattfindet. Ich bin unglücklicherweise nicht ausreichend vertraut mit den deutschen Verhältnissen, um in dieser Kontroverse direkt Stellung beziehen zu können. Ich kann allerdings versuchen, etwas über die Art und Weise zu sagen, in der die Frage in Frankreich formuliert wird, wo die Terminologie ein wenig anders ist oder anders eingesetzt wird. Man spricht dort vom Ausschluss, von der Prekarität und der Pauperisierung der Arbeitenden, doch sind das Ausdrücke, die auf die gleichen Probleme zielen - und dabei die gleichen Schwierigkeiten mit sich bringen. Denn darum ist es mir vor allem zu tun: die Komplexität der Fragestellung hervorzuheben, ohne zu behaupten, fertige Antworten zu haben. Tatsächlich scheint es mir gegenwärtig das Beste, die Bedeutung der Probleme hervorzuheben, die durch die Verschlechterung der sozialen Lage in Frankreich und in Deutschland aufgeworfen werden und die Herausforderungen für die Gesellschaft zu klären. Im günstigsten Fall wird es darum gehen, einer meiner Meinung nach weiterhin offenen Debatte über die Auswirkungen der anhaltenden sozioökonomischen Veränderungen ein paar Aspekte hinzuzufügen.

Leseprobe zu "Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung"

Die »Prekarier« – Verstetigung unsicherer Beschäftigungs- und Lebensformen (S. 169-172)

Zur Einführung

Michael Behr

Prekarisierung und Prekarität sind soziale Prozesse, bei denen Wirkkräfte aus unterschiedlichen Sphären des Gesellschaftlichen und des Ökonomischen ineinandergreifen: Rahmen setzende Politik, betriebliche Strategien, soziale Lagen und deren Erwartungshorizonte sowie differenzierte subjektive Reaktionsweisen. Diese Erkenntnis lenkt den Blick auf die makro- und mikropolitische Gestaltbarkeit von Prekarisierungsprozessen sowie die Chancen von Entprekarisierungsstrategien. Die folgenden Beiträge diskutieren verschiedene Dimensionen, Typen und Bewältigungsmuster von Menschen in prekären Lebenslagen und Beschäftigungskonstellationen.

Die Autoren loten neue Ungleichheiten aus, fragen nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt in unsicheren Zeiten und entdecken überraschende »Überlebensstrategien« unter Bedingungen schwindender Sicherheiten. Es werden gleichsam Wege in der Gefahr beschrieben, Stabilität unter Bedingungen der Instabilität identifiziert und schließlich Kompetenzen analysiert, die weit weniger damit zu tun haben, aus der prekären Existenz herauszufinden, als diese in neuartiger Weise zu interpretieren und zu leben.

Serge Paugam wirft in seinem Beitrag die Frage auf, inwiefern die Veränderungen der Arbeitswelt die Integrationsleistung moderner Gesellschaften verändern. Dabei stellt er auf zwei Dimensionen von Arbeitsbedingungen und Beschäftigungsverhältnis ab: Intensivierung der Arbeit und Unsicherheit der Beschäftigung. Erweiterte Entscheidungsspielräume bei gleichzeitig belastender Intensivierung der Arbeit und das Wachstum prekärer Erwerbsformen kennzeichnen das Arbeitserleben nicht nur der französischen Arbeitnehmer seit den 1990er Jahren. Statt vorschnell das Ende des Normalarbeitsverhältnisses auszurufen, analysiert Paugam den Prozess als einen der Segmentierung der Arbeitsmärkte und unterscheidet vier Integrations- respektive Desintegrationstypen, die im europäischen Ländervergleich sehr unterschiedlich verteilt sind. Offensichtlich werden die Wirkungen sich europaweit ändernder Arbeits- und Beschäftigungsverhältnisse auf die Beschäftigten durch die unterschiedlichen Sozialsysteme und Beschäftigungskulturen stark modifiziert, und gerade die Beispiele aus den skandinavischen Ländern zeigen, dass Prekarität kein Schicksal sein muss.

Berthold Vogel knüpft dort an Paugam an, wo er die Veränderungen der Arbeits- und Lebenslage derer in den Blick nimmt, die sich aktiv am Erwerbsleben beteiligen (wollen), dabei aber mit den veränderten Realitäten der Arbeitswelt konfrontiert sind. Er arbeitet den Ort der Prekarität als Zwischenzone uneindeutiger Erwerbsverläufe, unsicherer sozialer Perspektiven und rascher biografischer Veränderungen heraus. Anders als es die Diskussionen um die »neue Unterschicht« nahelegen, zeichnen sich die prekären Subjekte keineswegs ausschließlich durch Resignation und Apathie aus. Vielmehr entwickelt sich in dieser Zwischenzone der Sozialcharakter des »Grenzgängers«. Dessen Lebenslage zeichnet sich dadurch aus, unter schwierigeren Bedingungen und mit hoher Aktivität gleichsam »im Geschäft« bleiben zu wollen. In der Zwischenschicht der Grenzgänger ist die Angst vor dem Abstieg ebenso präsent wie die Hoffnung auf Stabilität und Aufstieg. So führen die aktuellen Veränderungen der Arbeitswelt keineswegs zu einer Vereinheitlichung oder zur Formierung klarer Spaltungslinien, sondern eher zur Vervielfältigung und Verflüssigung von Arbeitswirklichkeiten, Biografien, Statusformen und Erwerbspositionen.

Hildegard Maria Nickel nimmt in ihrem Beitrag eine geschlechtersoziologische Perspektive ein. Sie fragt nach den Möglichkeiten der (Geschlechter-)Solidarität in einer Gesellschaft, in der die »Arbeitsbeziehungen vornehmlich Einzelkämpfertum« erfordern. Flexibilisierung, Pluralisierung und Entgrenzung ändern danach »das Geschlecht von Erwerbsarbeit«. Neue Formen der »flexiblen Mischarbeit« kollidieren mit dem fordistischen Regulationsmodus, der das männliche Ernährermodell – und damit die Hierarchie der Geschlechter – voraussetzte. Wird der Bedeutungsverlust des existenzsichernden und sozial abgesicherten Normalarbeitsverhältnisses ein neues Geschlechterarrangement ermöglichen? Dagegen spricht (zunächst), dass Frauen in prekären Beschäftigungsverhältnissen überrepräsentiert und sozial verwundbarer sind als Männer.

Leseprobe zu "Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung"

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Inhaltsangabe

- Vorwort
Robert Castel/Klaus Dörre 9

- Einleitung
Robert Castel/Klaus Dörre 11

- Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts - Theoriefolien, Begriffe, Zeitdiagnosen

Die Wiederkehr der sozialen Unsicherheit
Robert Castel 21

Prekarität im Finanzmarkt-Kapitalismus
Klaus Dörre 35

Die soziale Frage neu gestellt - Gesellschaftsanalysen
der Prekarisierungs- und Geschlechterforschung
Brigitte Aulenbacher 65

- Die "Überzähligen" - Ausschluss aus dem Erwerbssystem, räumliche und soziale Ausgrenzung

Zur Einführung
Peter Bescherer 81

Die Wiederkehr des Verdrängten - Unruhen, "Rasse" und
soziale Spaltung in drei fortgeschrittenen Gesellschaften
Loïc Wacquant 85

Räumliche Segregation und innerstädtisches Getto
Hartmut Häussermann/Martin Kronauer 113

Warum Erwerbsausschluss kein Zustand ist
Peter Bartelheimer 131

Eigensinnige "Kunden" - Wie Hartz IV wirkt ... und wie nicht
Peter Bescherer/Silke Röbenack/Karen Schierhorn 145

Die Überzähligen - Teil der Arbeitsgesellschaft
Ariadne Sondermann/Wolfgang Ludwig-Mayerhofer/Olaf Behrend 157

- Die "Prekarier" - Verstetigung unsicherer Beschäftigungs- und Lebensformen

Zur Einführung
Michael Behr 171

Die Herausforderung der organischen Solidarität
durch die Prekarisierung von Arbeit und Beschäftigung
Serge Paugam 175

Das Prekariat - eine neue soziale Lage?
Berthold Vogel 197

Die "Prekarier" - eine soziologische Kategorie?
Anmerkungen aus einer geschlechtersoziologischen Perspektive
Hildegard Maria Nickel 209

Entsicherte Verhältnisse -
veränderte Dynamiken sozialer Ein- und Entbindung
Susanne Völker 219

Verstetigung prekärer Lebensformen -
ein Fall aus der Kinder- und Jugendhilfe
Karl Friedrich Bohler 229

Prekarisierung - jenseits von Stand und Klasse?
Klaus Kraemer 241

- Die "Absteiger" - Verunsicherung im Zentrum der Gesellschaft

Zur Einführung
Ingo Singe 255

"Neue Mitte": Das Ende der Planwirtschaft
Stephan Lessenich 259

"Abstiegssorgen der Mitte" - Flexibilität benötigt Sicherheiten
Olaf Struck 269

Unsicherheit und kreative Arbeit -
Stellungskämpfe von Soloselbständigen in der Kulturwirtschaft
Alexandra Manske 283

Prekarisierung von Lernverhältnissen
Ines Langemeyer 297

Prekarität und verunsicherte Gesellschaftsmitte -
Konsequenzen für die Ungleichheitstheorie
Nicole Burzan 307

- Die (Un-)Solidarischen - Partizipation und Selbstorganisation der Unorganisierbaren

Zur Einführung
Michael Hofmann 319

Politische Verarbeitungsformen gefühlter sozialer Unsicherheit:
"Attraktion Rechtspopulismus"
Jörg Flecker/Manfred Krenn 323

Solidarisierung im Feld der Kulturberufe?
Christiane Schnell 333

Gewinne der Selbstorganisierung? Das Beispiel Frauenbewegung
Iris Nowak 345

Gewerkschaften und Prekarität - neue Wege des Organizing
Catharina Schmalstieg/Hae-Lin Choi 357

Von der Anomie zur Organisierung: Die Pariser Banlieue
Mario Candeias 369

Schlussbemerkung
Robert Castel/Klaus Dörre 381

- Literatur 387
- Autorinnen und Autoren 421

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