Mit "Mercedes-Dance", seinem zweiten Soloalbum, sprach
Jan Delay vor drei Jahren ganz neue Hörerschichten an. Mehr als
200.000 verkaufte Einheiten sprechen in dieser Hinsicht für sich.
Seine Vorlieben für den dynamischen Funk-Sound der 70er Jahre und
für schräge Wortspiele im Titel lebt er mit "Wir Kinder vom
Bahnhof Soul" (Vertigo/Universal) nun noch konsequenter aus.
Jan Phillip Eißfeld alias Jan Delay hat in den vergangenen zehn
Jahren immer wieder neue Herausforderungen angenommen. War sein
Solodebüt, "Searching For The Jan Soul Rebels" (2001),
noch geprägt von der Liebe zu Reggae und Dancehall, so veränderte
sich fünf Jahre später bei "Mercedes-Dance" der
stilistische Bezugsrahmen deutlich in Richtung Funk. Einen ähnlich
großen Sprung wie damals zwischen den ersten beiden Longplayern
gibt es nun allerdings nicht zu vermelden. Jan Delay taucht auf
"Wir Kinder vom Bahnhof Soul" mit seiner Band Disco No 1
noch tiefer ins Funkuniversum ein und frönt ungeniert seiner
Vorliebe für Chic und Johnny Guitar Watson, was er mit jeder Menge
anschmiegsamer Melodien garniert. Der kommerzielle Erfolg des
letzten Albums und vor allem fleißiges Touren haben Jan Delay ein
finanzielles Polster verschafft, mit dem er zwei Jahre ohne jede
Einnahmen durchhalten kann, sagt er. "Ich habe mir eine
Fangemeinde erspielt, bei der ich mir sicher sein kann, dass sie
Bock auf die geilen Konzerte hat, auch wenn alles andere
floppt", erklärt der Meister. "Natürlich weiß man auch da
nie mit absoluter Sicherheit, ob sich am Ende die riesigen
Investitionen lohnen werden, die wir zum Beispiel in unser neues
Liveprogramm gesteckt haben, um das nächste Level zu
erreichen." Doch solche Bedenken halten Delay nicht davon ab,
als Künstler weiterhin so unabhängig wie möglich zu agieren. Auch
das neue Werk, das in enger Zusammenarbeit mit Produzent Kaspar
"Tropf" Wiens (Dynamite Deluxe) entstand, hat Delay
völlig unabhängig produziert. "Wie das letzte Album haben wir
auch diese Produktion an Universal lizenziert. Der
Bandübernahmevertrag ist quasi die Mutter des Urvertrauens von
subkulturellen HipHop-Künstlern in die Majorplattenindustrie. Diese
Vertragsform war der Grund dafür, warum wir in den 90er Jahren
dachten, so kann man eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe jetzt mal
angehen." Trotz seiner Soloaktivitäten kann sich Jan Delay
auch für ein neues Album der Beginner erwärmen, mit denen er einst
zuerst für Aufsehen sorgte. "Das wird aber sicher noch
mindestens zwei Jahre dauern. Ich bin schon sehr gespannt darauf,
denn mit den Beginnern kann die Reise überall hingehen. Es wird, so
schätze ich jedenfalls, sehr clubbig und tanzbar ausfallen."
Auch wenn sich Delay kaum vorstellen kann, dass er in Zukunft
wieder zum klassischen HipHop zurückkehrt, prägt die Grundhaltung
dieser Szene bis heute seine Soloarbeit, obwohl man die
HipHop-Einflüsse auf "Wir Kinder vom Bahnhof Soul" oft
kaum noch bemerkt. Länger als ein Jahr feilte er zusammen mit Disko
No 1 an den zwölf neuen Songs, bis jedes Detail passte.
"Diesmal war meine Band viel stärker in die Komposition der
einzelnen Stücke mit einbezogen als bei der letzten Platte. Ich
habe diesmal das Album gemacht, das ich eigentlich schon vor drei
Jahren aufnehmen wollte. Und das funktioniert nur mit einer
richtigen Band." Alle Beteiligten gingen davon aus, dass die
neue Methode den Produktionsprozess erheblich beschleunigen würde.
"Am Ende hat es dann aber doch sehr viel länger gedauert als
bei ,Mercedes-Dance'." Norbert Schiegl
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