Leseprobe zu "Kluge Pflanzen, m. DVD" von Volker Arzt
Dass Pflanzen weit unter den Tieren rangieren - diese Einschätzung ist tief in unserer Geistesgeschichte verwurzelt. Der griechische Philosoph Aristoteles, dessen Schriften über zwei Jahrtausende das Naturverständnis des Abendlandes prägten, billigte den Pflanzen zwar die Fähigkeit zu Ernährung und Vermehrung zu, aber er hielt sie, im Gegensatz zu Tieren, für unfähig, ihre Umwelt wahrzunehmen und auf sie zu reagieren. Das scheint - auf den ersten Blick - nicht unvernünftig, denn Pflanzen haben weder Nasen noch Ohren, sie zeigen keinen Gesichtsausdruck, sie geben keinen Laut von sich, und bei Gefahr bleibt ihnen nichts, als festgewurzelt auszuharren.
Aristoteles konnte nicht wissen, dass sie dennoch hochempfindlich auf ihre Umgebung reagieren. Auf Gerüche zum Beispiel: Im Gewächshaus der Pennstate University bekamen wir striktes Parfüm- und Rasierwasserverbot. Ohne es zu wissen, hatten wir uns in die Duftkommunikation der Versuchspflanzen eingeschaltet.
Die grünen Wesen reagieren auf alles, was für sie lebenswichtig ist: auf Wetterbedingungen, Bodenbeschaffenheit oder Nachbarpflanzen. Sie unterscheiden Farben, sie weichen Hindernissen aus oder nehmen Berührungen wahr, für die selbst unsere Fingerkuppen zu unsensibel sind. Zudem spüren sie, wenn sie angefressen oder verletzt werden, und antworten mit raffinierten Verteidigungsstrategien. Häufig identifizieren sie sogar die Art des Angreifers und richten ihre Verteidigung maßgeschneidert nach dessen Schwächen aus. Dabei gehen sie nicht nur als Einzelkämpfer vor, sondern kommunizieren mit anderen Pflanzen aus der Nachbarschaft. Und mit Tieren. Sogar mit Tieren unter der Erde! Die Fähigkeit, Tiere für sich einzuspannen, um die eigene Unbeweglichkeit wettzumachen, zieht sich wie eine geniale Grundidee durch die Geschichte der Pflanzen.
Fast täglich werden neue, intelligent anmutende Verhaltensweisen aus dem Reich der Pflanzen gemeldet - untermauert durch penible Messungen im Labor und im Freiland. Doch merkwürdigerweise steckt das aristotelische Bild von den passiven, stumpfen Pflanzen immer noch in unseren Köpfen. Aus Ignoranz, Voreingenommenheit oder geistiger Bequemlichkeit? Jedenfalls hätten sich unsere Streifzüge durch Wüsten, Wiesen und Forschungsinstitute gelohnt, wenn sie ein wenig den Blick für die verborgenen Fähigkeiten der Pflanzen öffnen könnten. Ich denke, es macht einen Unterschied, ob wir uns von blinden Wachstumsrobotern umgeben fühlen oder von sensiblen Lebewesen, die vor denselben Grundproblemen stehen wie wir. Auch Pflanzen kommen klein auf die Welt, müssen sich Nahrung suchen und erwachsen werden. Sie müssen sich gegen Konkurrenten durchsetzen und gegen Feinde wehren - allein oder mit Verbündeten. Sie müssen die richtigen Sexualpartner finden, um Nachwuchs zu zeugen, und sie müssen dafür sorgen, dass dieser Nachwuchs zwar behütet heranreift, sich aber irgendwann von der Mutter löst und hinauszieht in die weite Welt.
Zugegeben, das klingt nicht sehr botanisch. Wer es für unzulässig vermenschlichend hält, dem sei versichert, dass es mir nicht darum geht, Pflanzen, Tiere und Menschen in einen Topf zu werfen. Doch den großen "evolutionären Herausforderungen" wie Wachstum, Konkurrenz, Sexualität oder Vermehrung können sich Pflanzen ebenso wenig entziehen wie wir. Und häufig finden sie Lösungen, die uns verblüffend intelligent erscheinen. Mitunter sogar ausgebufft und hinterhältig. Davon handelt dieses Buch. Und von jüngsten Entdeckungen, die ahnen lassen, dass das Reich der Pflanzen noch ein Dickicht voller Geheimnisse und Überraschungen ist. Vielleicht zu dicht, um es jemals durchdringen zu können. Ian Baldwin, einer der führenden Pflanzenforscher, bringt es auf den Punkt: "Die Frage ist weniger, ob Pflanzen intelligent sind, als vielmehr, ob wir intelligent genug sind, sie zu verstehen."
Orientierung:
Die Schwerkraft weist den Weg Kluge Pflanzen bei Tisch "La Mirabelle" in der Bundesstraße gilt als Geheimtipp. Französische Küche zu passablen Preisen. Pierre Moissonnier empfängt seine Gäste persönlich. Die weiße, in Doppelreihe geknöpfte Jacke signalisiert den Küchenchef; die Jeans darunter stellen klar, dass es hier trotz Cuisine francaise bodenständig zugeht - ohne das Brimborium eines abgehobenen Nobelrestaurants.
Wir sind willkommen, werden trotz unserer nur seltenen Besuche wie Stammgäste begrüßt - und so fühlen wir uns auch. Jedes Mal nach einer Filmabnahme in Hamburg zieht es uns ins "Mirabelle". Eine Art Abschlussritual für unsere Tierdokumentationen. Fast zwei Jahre haben wir an einem Film über "Kluge Vögel" gearbeitet, haben über Drehbüchern gebrütet, uns an Höhenflügen berauscht, gegen Abstürze gekämpft. Jetzt braucht es ein deutliches Zeichen für das Ende der Produktion. Monsieur Moissonnier soll es richten.
Für Dieter Kaiser, Leiter der Tierfilmredaktion des WDR, ist ein gepflegtes Mahl mit seinen Filmemachern mehr als nur leiblicher Genuss. Es bildet den Abschluss eines gemeinsam durchstandenen Abenteuers (angesichts all der Zufälle und Überraschungen, die Tierfilme immer zum Wagnis machen). Und es bietet den Nährboden für zukünftige Projekte. Nach dem Film ist vor dem Film - so könnte das heimliche Motto unserer Zusammenkunft lauten. Mit den ersten Getränken und Vorspeisen dürfen denn auch Visionen und Wunschprojekte auf den Tisch - verschrobene, utopische, manchmal auch vernünftige. Nichts ist tabu. Fast nichts. Jeder weiß, oder hat es lernen müssen, wie ich, dass Dieter Kaiser keine unappetitlichen Themen duldet. Nicht beim Essen und schon gar nicht im "Mirabelle". Für ihn ist eine gediegene Mahlzeit auch ein ästhetisches Ereignis, zu dem eklige Bilder genauso wenig passen wie ein verschwitztes Hemd. Selbstverständlich hat er sich umgezogen für den Restaurantbesuch: weißes Hemd, kariertes Designersakko, unauffällig, aber von feiner Qualität, die man erst auf den zweiten Blick bemerkt.
Was mir als Wunschthema vorschwebe, fragt Dieter noch während der Vorspeise, wenn sich zufälligerweise die Gelegenheit ... "ihr wisst ja, ich habe kein Geld, der WDR ist arm ... aber erst mal Prost, mein Arzt hat mir gesagt, ich soll drei Liter täglich trinken ... Es folgt ein Toast auf die gemeinsame Arbeit. Ein wirklich guter Tropfen, den Monsieur Moissonnier da empfohlen hat.
Ich höre, wendet sich Dieter mir wieder zu, und plötzlich finde ich unser Essen nicht mehr so entspannt. Eine Situation von früher drängt sich überdeutlich auf. Damals hatte ich beim Abendessen ein Filmprojekt über Symbiose angeboten und als Beispiel die Arbeit unserer symbiontischen Darmbakterien angeführt. Dieter Kaiser hatte nur angewidert das Gesicht verzogen: Darmbakterien. Igitt! Zwei Worte, die meinen Vorschlag vom Tisch fegten. Das Symbiosethema war erledigt. Definitiv.
Um jetzt etwas Zeit zu gewinnen, nehme ich noch einen Schluck - lasse es so aussehen, als könne kein Themenvorschlag mit diesem köstlichen Wein konkurrieren. Ich höre immer noch, drängt Dieter flapsig aufmunternd.