Die Studentenbewegung und ihre Folgen - Marcuse, Herbert
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Die Nachla¿exte, die in "Die Studentenbewegung und ihre Folgen" erstmals auf deutsch ver¿ffentlicht werden, zeigen, wie eng der Kontakt Marcuses zu den revoltierenden Studenten in den USA und Europa war. Mit einflu¿eichen Akteuren der Bewegung wie Rudi Dutschke und Angela Davis verband Marcuse eine lange Freundschaft. Kaum eines der gro¿n politischen Ereignisse w¿end der 60er und 70er Jahre wurde von ihm nicht kommentiert und analysiert. Die Themen des vierten Bandes der Nachla¿usgabe reichen von der Cuba-Krise ¿ber den Vietnam-Krieg und den H¿hepunkt der Revolte bis hin zur Reflexion auf die…mehr

Produktbeschreibung
Die Nachla¿exte, die in "Die Studentenbewegung und ihre Folgen" erstmals auf deutsch ver¿ffentlicht werden, zeigen, wie eng der Kontakt Marcuses zu den revoltierenden Studenten in den USA und Europa war. Mit einflu¿eichen Akteuren der Bewegung wie Rudi Dutschke und Angela Davis verband Marcuse eine lange Freundschaft. Kaum eines der gro¿n politischen Ereignisse w¿end der 60er und 70er Jahre wurde von ihm nicht kommentiert und analysiert. Die Themen des vierten Bandes der Nachla¿usgabe reichen von der Cuba-Krise ¿ber den Vietnam-Krieg und den H¿hepunkt der Revolte bis hin zur Reflexion auf die Fehler der Studentenbewegung und die M¿glichkeiten von Protest in einer unsolidarischen Gesellschaft. Kaum bekannt war bisher, da¿Marcuse sich zum Israel-Pal¿ina-Konflikt mehrmals ge¿ert hat. Die Texte zu diesem brisanten Thema sind in diesem Band ebenso erstmals versammelt wie die zahlreichen Stellungnahmen zu Angela Davis und der Briefwechsel mit Rudi Dutschke. Inhalt: 1. Kuba 2. Vietnam 3. 1968 und die Studentenbewegung 4. Israel 5. Angela Davies 6. Briefwechsel mit Rudi Dutschke
  • Produktdetails
  • Verlag: Klampen, Dietrich zu
  • Seitenzahl: 252
  • 2004
  • Ausstattung/Bilder: 253 Seiten - 215 x 140 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 216mm x 149mm x 27mm
  • Gewicht: 437g
  • ISBN-13: 9783924245863
  • ISBN-10: 392424586X
  • Best.Nr.: 08255928
Autorenporträt
Herbert Marcuse, geboren am 19.Juli 1898 in Berlin, wird nach dem Militärdienst im 1. Weltkrieg für kurze Zeit Mitglied eines Soldatenrates in Berlin. Ab 1919 studiert er Literaturwissenschaft und Philosophie in Freiburg/Breisgau (u.a. bei Husserl und Heidegger). 1932 wird er Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung und emigriert 1934 nach New York, wo er am Institute of Social Research tätig ist und Mitbegründer der Kritischen Theorie der Gesellschaft wird. Während des 2. Weltkriegs arbeitet Marcuse für den amerikanischen Geheimdienst, um die Kriegsanstrengungen der Aliierten gegen Nazideutschland zu unterstützen. Nach dem Ende des Krieges kehrt er nicht, wie Horkheimer und Adorno, nach Europa zurück, sondern lehrt an verschiedenen renommierten Universitäten der USA: An der Harvard University, der Brandeis University, der Princeton University, der University of California. Hier verfaßt er seine großen Werke "Triebstruktur und Gesellschaft", "Vernunft und Revolution", "Der eindimensionale Mensch", die zu den grundlegenden Texten für die Studentenbewegung der sechziger und siebziger Jahre werden. Am 29. Juli 1979 stirbt Herbert Marcuse während eines Deutschlandaufenthalts in Starnberg.
Rezensionen
Besprechung von 28.06.2004
Traktat von der Friedlichkeit der Wölfe
Reformstau in Tibet endlich beseitigt: Wie Herbert Marcuse den Studenten die Weltlage erklärte

Der vierte Band der nachgelassenen Schriften von Herbert Marcuse, auch diesmal wieder von Peter-Erwin Jansen ansprechend ediert, enthält Reden und Schriften der sechziger und frühen siebziger Jahre. Er zeigt die Altersblüte des Revolutionsphilosophen im Kreis der jüngeren Militanten; sympathisierende wie kritische Briefe an Angela Davis, seine Schülerin, sind ebenso aufgenommen wie der Briefwechsel mit Rudi Dutschke.

Schon in den ersten Nachkriegsjahren findet man unter den Großen der "Kritischen Theorie" jene Weggabelung angedeutet, die später den einen zum gefeierten Großvater der Studentenrevolte machen sollte, die anderen zu wohlwollenden, dann entsetzten Beobachtern. 1948 trat zwischen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno einerseits, die mit amerikanischer Hilfe das "Institut für Sozialforschung" in Frankfurt wieder aufbauen wollten, und Herbert Marcuse, der am Ziel der Revolution auch jetzt noch festhielt, ein Widerspruch auf, den man zunächst auf sich beruhen ließ, bis er zwanzig Jahre später in der Praxis aufbrach. Marcuses Diagnose lautete 1948, die Welt sei in ein "sowjetisches" und ein "neofaschistisches" Lager gespalten, und in dieser Situation sollte es, so glaubte er, für die "Kritische Theorie" keine Frage sein, wo ihre wahren Freunde zu finden wären.

Die Theorie, so schrieb er an Horkheimer - und gemeint war dabei die neomarxistische Theorie des Instituts, an deren Formulierung er in den dreißiger Jahren maßgeblichen Anteil genommen hatte -, die Theorie also "verbündet sich mit keiner anti-kommunistischen Gruppe oder Konstellation. Die kommunistischen Parteien sind und bleiben die einzige anti-faschistische Macht. Ihre Denunziation muß eine rein theoretische sein. Sie weiß, daß die Verwirklichung der Theorie nur durch die kommunistischen Parteien möglich ist und der Hilfe der Sowjetunion bedarf. Dies Bewußtsein muß in jedem ihrer Begriffe enthalten sein. Mehr noch: in jedem ihrer Begriffe muß die Denunziation des Neo-Faschismus und der Sozialdemokratie die der kommunistischen Parteien überwiegen." Soweit das Ziel und die Strategie, wie sie Marcuse Ende der vierziger Jahre formulierte.

Für die "theoretische Denunziation" der Sowjetunion fand sich bald eine Form. Es war die Studie zur "Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus", an der Marcuse seit Anfang der fünfziger Jahre arbeitete. Sie erschien 1957. Auch wer sich durch das ungemein doktrinäre Werk mit einiger Geduld hindurcharbeitet, erkennt seine Absicht nicht sofort. Marcuse hatte Rußland niemals besucht, er sprach kein Russisch und war auf englische Übersetzungen der ideologischen Grundsatzartikel angewiesen. Bald kommt man aber bei der Lektüre darauf, daß gerade hier die Pointe liegt: Untersucht wird ein Staat als ideologisches Gebilde. Was Marcuse glaubte erschließen zu können, waren zwei Dinge: Erstens sei die auswärtige Politik der Sowjetunion wesentlich defensiv angelegt, und zweitens sei, wenn ein großer Krieg sich vermeiden lasse, eine langsame Liberalisierung zu erwarten. Eine friedliche Macht sah er, die in Zukunft noch friedlicher sein würde.

Wenn dem aber so war, dann konnten die internationalen Spannungen und die regionalen Kriege und Interventionen der sechziger Jahre nur einen anderen Verursacher haben: den Kapitalismus der Vereinigten Staaten. Dies war nun die Botschaft, die Marcuse in den sechziger Jahren landauf, landab in den Universitäten verkündete. In der Epoche des Diskurses mußten die sieben Geißlein mit besserem theoretischen Rüstzeug von den friedlichen Absichten des Wolfs überzeugt werden, und da war es nützlich, auf eine Abhandlung zurückgreifen zu können, die bewies, daß man die Raubgier der Wölfe überschätzt habe.

Hinzu kam das bewährte Kreidefressen. Nicht selten gab sich Marcuse in seinen Reden zunächst als Liberaler: "Ich will nicht in Frage stellen, ob die Vereinigten Staaten das Recht haben, in der westlichen Hemisphäre gegen den Kommunismus zu kämpfen", erklärte er 1961 auf einer Kuba-Prostestversammlung an der Brandeis University. Der Kommunismus, so schrieb er ein anderes Mal, nehme "in der heutigen Welt viele Formen an; sie müssen mit dem Ziel einer freien Gesellschaft nicht allesamt unvereinbar sein". Im Mai 1966 behauptete er in Frankfurt, wohin ihn der SDS eingeladen hatte, in Vietnam gehe es keineswegs um eine Bekämpfung des Kommunismus, der Kommunismus sei vielmehr in der Defensive: "Solche Defensivpolitik ist besonders in der Sowjetunion deutlich." Und dort, wo er tatsächlich aggressiv und erobernd vorgegangen sei, etwa bei der Besetzung Tibets durch die Volksrepublik China, habe ein längst überfälliges Reformwerk begonnen: "Es ist eine Tatsache, daß Tibet eines der rückständigsten, barbarischsten und repressivsten Länder der Erde war und daß dort heute nach den von den Chinesen eingeführten Reformen die Verhältnisse besser sind, als sie unter der sogenannten tibetanischen Unabhängigkeit waren."

Erst mit dem Pariser Mai 1968 stellte sich Marcuse auf die Seite der linksradikalen Revolte auch gegen die kommunistische Partei, die er für eine verbürgerlichte Kraft hielt. Was er heraufziehen sah, war eine, wie er sagte, "Assimilierung" der sowjetischen und der amerikanischen Gesellschaft. Man glaubt, ein sehr fernes, um so ergreifenderes Echo aus der Jugend des Philosophen zu hören, die er in seinen "Gedanken über Judentum und Israel" beschreibt, die man gleichfalls in den Band aufgenommen hat: "Wir waren eine typische assimilierte deutschjüdische Mittelschichtfamilie. Bei meinen Großeltern gab es einen Sederabend (ein Passahmahl), sie waren aber alle assimiliert." Bürgerliche Assimilation - das war, wie für so viele seiner Generationsgefährten, das Schicksal, gegen das Herbert Marcuse hatte aufbegehren wollen.

LORENZ JÄGER

Herbert Marcuse: "Die Studentenbewegung und ihre Folgen". Nachgelassene Schriften Band 4. Hrsg. und mit einem Vorwort von Peter-Erwin Jansen. Einleitung von Wolfgang Kraushaar. Aus dem Amerikanischen von Thomas Laugstien. 253 S., Abb, geb. Zu Klampen Verlag, Springe 2004, 19,- [Euro].

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Besprechung von 29.07.2004
Zeit des Zeugen
Heute vor 25 Jahren starb Herbert Marcuse
Es gibt Denker, deren Nachleben beginnt, wenn keiner mehr mit ihnen rechnet. Herbert Marcuse gehört zu ihnen. Da ist erstens Marcuse, der Philosoph, der Marx-Leser und Schüler Heideggers. Diesen Marcuse der großen Werke ruft der Verlag zu Klampen dieser Tage in Erinnerung, wenn er Marcuses früher bei Suhrkamp erschienene Schriften in einer Neuausgabe veröffentlicht. Tut man Marcuse unrecht, wenn man sagt, dass diese Werke zumindest von Fachphilosophen kaum noch gelesen werden? Zum anderen gibt es Marcuse, die Ikone der Neuen Linken, der geistige Vater der Studentenproteste. Den Nachgeborenen mutet diese romantische Sicht zwangsläufig antiquiert an. Jede Zeit hat ihre eigenen Kämpfe und Debatten.
Peter-Erwin Jansen ist ein Band bisher teilweise unveröffentlichter Texte aus dem Nachlass zu verdanken, dieses Mal zur Studentenbewegung. Marcuse erscheint in diesen Texten zwar mitunter als der „Guru”, den seine engsten Anhänger und schärfsten Gegner in ihm sahen. Der Vietnam-Krieg ist ebenso sein Thema wie Angela Davis, seine „beste Studentin”, die vom FBI verhaftet wurde. Der politische Marcuse ist hier in seinem Element. Über die Hintertür tritt jedoch der dritte, der historische Marcuse hinzu, der Zeitzeuge, der im Strudel der Ereignisse fortgerissen wird, der Beobachter und Mitwirkende des Geschehens. Dieser Marcuse ist erst seit 1998 wirklich ins Bewusstsein gerückt, mit der Herausgabe der nachgelassenen Schriften.
Marcuse hat eines der spannendsten Leben des 20. Jahrhunderts gelebt. Das kann man sagen ungeachtet politischer oder philosophischer Vorlieben. Im Juli 1898 geboren, Soldat im Ersten Weltkrieg, Arbeiter- und Soldatenrat nach dem Krieg, Studium in der Weimarer Zeit, Heidegger-Schüler, Zusammenarbeit mit dem Kreis des Instituts für Sozialforschung, Flucht und Emigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland - Stationen eines Lebensromans. Doch das Leben machte da nicht halt. Im Zweiten Weltkrieg wurde Marcuse erneut Soldat, auch wenn er am Schreibtisch saß und keine Uniform trug. Er stellte sich zur Verfügung dem Kampf gegen dieses Deutschland, das ihn und seine Familie vertrieben hatte.
„Angesichts der faschistischen Barbarei weiß jeder, was Freiheit bedeutet”, schrieb er damals, und in der amerikanischen Demokratie des New Deal sah er bei aller Kritik das zu verteidigende Ideal. Im Dezember 1942 trat Marcuse in die Dienste amerikanischer Regierungsstellen. Zunächst im Office of War Information und ab März 1943 im Office of Strategic Services (OSS), dem ersten zentralen Nachrichtendienst in der Geschichte der USA, leistete Marcuse seinen Beitrag im Kampf gegen den Nationalsozialismus. An der Seite seines Freundes Franz Neumann, der damals in den USA eine Berühmtheit war, trug Marcuse zur Nachkriegsplanung für Deutschland bei. Kurz vor Kriegsende war er dann unter Neumanns Leitung an der Vorbereitung der Nürnberger Prozesse beteiligt.
Kenner der Mordmaschine
Wie die Dokumente dieser Zeit belegen, wusste Marcuse, was die Stunde damals geschlagen hatte. Nicht seine persönliche Vision einer Revolution, sondern die Niederringung des Feindes und der Wiederaufbau einer deutschen Demokratie waren das, was ihn beschäftigte - vor allem, aber nicht nur aus professionellen Gründen. Marcuse, der Amerikaner und Außenpolitiker, der mit den sozialdemokratischen Sympathien seiner amerikanischen Kollegen einig ging und die Vorzüge der liberalem Demokratie zu schätzen lernte, wird sichtbar. Am erschütterndsten und beeindruckendsten sind jedoch die Zeugnisse, die Marcuse als einen Zeitgenossen und Zeugen des Holocaust erkennen lassen.
Anders als die Legende will, nahm Marcuse deutlich wahr, was Juden in Deutschland und Europa angetan wurde. Er war Marxist und Linksintellektueller, aber er war auch ein Jude, der aus Deutschland fliehen musste. Seinen Eltern glückte erst im letzten Augenblick, im März 1939 die Flucht nach England. Andere Verwandte kamen in Theresienstadt ums Leben. Im OSS war Marcuse anfänglich nicht mit den Nachrichten über den Mord an den Juden befasst, doch wer die Papiere liest, die unter anderem Marcuse, Neumann und Otto Kirchheimer im Vorfeld der Nürnberger Prozesse schrieben, kann keinen Zweifel haben, dass man die nationalsozialistische Mordmaschinerie bis ins Detail kannte. Zwar blieb es oft bei einem funktionalistischen Interpretationsrahmen, wenn etwa vermutet wird, die Vernichtungspolitik habe zum Ziel, die deutsche Bevölkerung einzuschüchtern oder die Verbündeten untrennbar zusammenzuschweißen, doch die ungeheure Dimension der Verbrechen wurde ihnen langsam bewusst. Manche Debatte, etwa die über den „Führerbefehl” zum Völkermord, ist hier vorweggenommen. Auf der grundsätzlichen Problemanalyse dieser Tage baut noch die heutige Forschung auf.
Wie ging der private Marcuse mit den Nachrichten vom Judenmord um? „Man registrierte wohl mit Schrecken und Abscheu den Massenmord an den Juden, aber dass die vielen Aktionen Teil eines Gesamtvorhabens mit dem Ziel der totalen Ausrottung der Juden sein könnten, lag jenseits des Erfahrungshorizonts westlicher Gesellschaften”, so eine aktuelle Darstellung der zeitgenössischen Wahrnehmung in den USA. Das gilt auch für Marcuse. Je nach dem Kontext, in dem er sich bewegte, deutete er die Nachrichten; einmal dokumentierte er nüchtern die Einzelaktionen, ein andermal nahm er Zuflucht zu funktionalistischen Erklärungen - ein Versuch, das Unbegreifliche verständlich zu machen.
In manchen Augenblicken jedoch gelangte er zu Einsichten, die bis heute Bestand haben. 1943 legte er Horkheimer in einem Brief dar, wo die Theorie des Instituts versagt hatte. Vier Ebenen der Vernichtungspolitik analysierte er: eine Eigendynamik des Vernichtungsprozesses, das irrational-antizivilisatorische und antichristliche Grundmotiv, zugleich die christlich-judenfeindlichen Wurzeln, zuletzt die Bedeutung für den Zusammenhalt der durchweg antisemitischen Verbündeten. Kurze Zeit später fand Marcuse zu einer frühen Formulierung dessen, was später als die Singularität des Holocaust bezeichnet wurde. An Heidegger schrieb er 1948 die bekannten Worte, dass der Nationalsozialismus die „Liquidierung des abendländischen Daseins” gewesen sei. Er ließ Heideggers Relativierungsversuche nicht zu und bestand darauf, dass der millionenfache Mord an den Juden „bloß weil sie Juden waren” nicht mit den Vertreibungen am Kriegsende gleichgestellt werden durfte. Der „Zivilisationsbruch” Auschwitz - Marcuse, der Zeitgenosse des Judenmords, kam bereits zu diesem Schluss.
Es war auch Marcuse, der 1942 bereits und 1945 noch einmal vorsichtig darüber nachdachte, ob Kunst überhaupt noch dem Leid der Opfer der Vernichtungspolitik gerecht werden könne. „Kunst kann nicht länger die Realität beschreiben, denn die Realität hat den Bereich, der ästhetisch adäquat dargestellt werden könnte, überschritten. Der Schrecken und das Leid sind größer als die Kraft künstlerischer Imagination”, schrieb Marcuse damals, und auch: „Kunst kann den faschistischen Terror nicht darstellen”. Kein Gedicht nach Auschwitz? Marcuse fühlte schon früher ähnlich.
Erst nach und nach wird deutlich, wie intensiv sich Marcuse, der Zeitgenosse und Zeuge des Geschehens, mit dem Holocaust beschäftigt hat. Aber iIntellektuelle Konzepte und politische Überzeugungen halfen nur wenig angesichts des Judenmords, und darum stellte er sich dem Geschehenen direkt, manchmal ohne den tröstlichen Schutz rationaler Erklärungen. Noch im hohen Alter ließ ihn die Hölle, die ihn und seine Familie beinahe verschlungen hatte, nicht los. Kurz vor seinem Tod in Starnberg heute vor 25 Jahren legte er noch eine „Holocaust-Mappe” an, in der er Zeitungsausschnitte über die gleichnamige Fernsehserie und über Prozesse gegen die Täter sammelte. Es ist an der Zeit, diesen Marcuse zu entdecken.
TIM B. MÜLLER
HERBERT MARCUSE: Schriften in 9 Bänden. Zu Klampen Verlag, Springe 2004. Zusammen 3015 Seiten, 98 Euro.
HERBERT MARCUSE: Nachgelassene Schriften, Band 4: Die Studentenbewegung und ihre Folgen, hrsg. von Peter-Erwin Jansen. Zu Klampen Verlag, Springe 2004. 253 Seiten, 24 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Gottfried Oy hat den vierten Band der nachgelassenen Schriften Herbert Marcuses mit besonderem Augenmerk auf die Aktualität der Texte gelesen. Er stellt in seiner eingehenden Besprechung des Bandes fest, dass es ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des "Mitbegründers der Neuen Linken" ziemlich ruhig um Marcuse geworden ist. Wenn der Rezensent auch einräumt, dass sich Marcuses Erwartungen von "revolutionären Umwälzungen", die er während der Studentenrevolte prognostiziert hat, heute ziemlich "antiquiert" ausnehmen, findet er seine "Analyse der Umbrüche in den Produktionsverhältnissen" immer noch außerordentlich treffend. Die ebenfalls in dem Buch enthaltenen Texte zur Kubakrise und zum Vietnamkrieg bringen nach Ansicht Oys nichts wirklich Neues zu Tage, Marcuses kaum bekannte Aufsätze zur Situation in Israel dagegen lobt der Rezensent als "überraschend konkret". Des weiteren erwähnt er noch ein Kapitel über Angela Davis und Rudi Dutschke, die eng mit Marcuse befreundet waren. Abschließend betont Oy, dass der Band einmal mehr deutlich macht, dass es auch in der "Theoriedebatte" zu Unrecht "still" um Marcuse geworden ist, wie nicht zuletzt dessen "hochaktuelle Analyse zur Intellektualisierung und Immaterialität der Arbeit" demonstriere. Nach Meinung des Rezensenten wäre es schließlich ein Gewinn für die heute politische Ämter bekleidenden Alt-68er, sich die "Stoßrichtung" von Marcuses "Kritik am Wohlfahrtsstaat" ins Gedächtnis zu rufen, wenn es um die Reformierung des Sozialstaats heute geht.

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