Leseprobe zu "Frühstück im Bett" von Susan E. Phillips
Nun war das wilde Mädchen aus Parrish, Mississippi, in die Stadt zurückgekehrt, die es einst hinter sich gelassen hatte. Sugar Beth Carey schaute von der regennassen Windschutzscheibe zu dem grässlichen Hund, der neben ihr auf dem Beifahrersitz lag.
"Was du denkst, weiß ich nur zu gut, Gordon. Also sag's. Hochmut kommt vor dem Fall. Nicht wahr?" Sie lachte bitter. "Zum Teufel mit dir - es ist nur ..." Erbost blinzelte sie durch einen brennenden Tränenschleier. "Ach, zum Teufel mit dir!"
Gordon hob den Kopf und starrte sie höhnisch an. Natürlich hielt er sie für Abschaum.
"Da irrst du dich." Um sich vor der Kälte im späten Februar zu schützen, schaltete sie die Heizung ihres alten Volvos ein. "Diese Stadt wurde von Griffin und Diddie Carey regiert, und ich war ihre Prinzessin - das Mädchen, das die Welt in Brand stecken würde."
In ihrer Fantasie ertönte heiseres Basset-Gelächter.
So wie die Häuserreihe mit den Wellblechdächern, an der sie gerade vorbeigefahren war, wirkte auch Sugar Beth etwas mitgenommen. Das schulterlange blonde Haar glänzte nicht mehr so hell wie früher, die winzigen goldenen Herzen an den Ohrläppchen hatten aufgehört, fröhlich zu tanzen. Den Schmollmund drängte es nicht mehr zu einem koketten Lächeln. Und die Baby-Doll-Wangen hatten ihre Unschuld drei Ehemännern geopfert.
Die erstaunlich klaren blauen Augen wurden immer noch von dichten Wimpern umrahmt. Aber in den Augenwinkeln zeigten sich zu viele zarte Krähenfüße. Vor fünfzehn Jahren war sie das bestgekleidete Mädchen von Parrish gewesen. Jetzt klaffte ein Loch in der Sohle eines ihrer halbhohen Stiletto-Stiefel. Und das hautenge grellrote Strickkleid mit dem züchtigen Rollkragen und dem weniger sittsamen Rocksaum stammte nicht aus einer luxuriösen Boutique, sondern aus einem Discount-Laden.
In den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts war Parrish als Baumwollstadt im nordöstlichen Mississippi zum Leben erwacht. Später entkam es den Fackeln der Union Army, der Besatzungsmacht, dank der listenreichen weiblichen Bevölkerung, die den Jungs in Blau mit hartnäckigem Charme und unerschütterlicher Südstaatengastfreundschaft begegnete. Und so hatte es keiner übers Herz gebracht, das erste Streichholz zu entzünden. Sugar Beth war ein direkter Abkömmling jener Frauen. Aber an solchen Tagen fiel es ihr schwer, sich daran zu erinnern.
Während sie sich der Shorty Smith Road näherte, beschleunigte sie die Scheibenwischer und betrachtete das einstöckige Haus, das am Ende der Straße stand - an diesem Sonntagnachmittag menschenleer. Aufgrund der ökonomischen Erpressung ihres Vaters repräsentierte die Parrish High School eines der wenigen erfolgreichen Experimente des Tiefen Südens mit der Rassenintegration in der Schulbildung. Vor vielen Jahren hatte sie das Kommando in diesen Korridoren geführt. Sie allein entschied, wer am besten Tisch in der Cafeteria sitzen durfte, welche Jungs sich für Dates eigneten und ob eine imitierte Gucci-Tasche okay wäre, wenn der Daddy nicht Griffin Carey hieß und man sich keine echte leisten konnte. Blond und göttlich, beherrschte sie den schulischen Alltag unangefochten. Nicht immer war sie eine gütige Diktatorin. Aber ihre Macht wurde nur selten in Frage gestellt, nicht einmal von den Lehrern. Ein Mädchen versuchte es und scheiterte kläglich. Arme Winnie Davis ... Was hatte eine ungeschickte, unsichere dumme Kuh schon gegen Sugar Beth Careys Macht ausrichten können?
Als sie durch den Nieselregen zur High School hinüberschaute, begann die alte Musik in ihrem Kopf zu vibrieren: INXS, Miami Sound Machine, Prince. Wenn in jenen Tagen Elton Johns "Candle in the Wind" erklungen war, hatte er Marilyn besungen.
1988. Das letzte Jahr, in dem ihr die Welt gehört hatte.
Gordon furzte.
"O Gott, ich hasse dich, du elender Hund."
Wie Gordons verächtliche Miene verriet, war ihm das völlig egal. Im Grunde genommen ihr selbst auch.
Sie inspizierte die Benzinuhr. Inzwischen fuhr sie auf Reserve. Aber sie wollte kein Geld für einen vollen Tank verschwenden, solange sie nicht dazu gezwungen wurde. Wenn man praktisch dachte - wer brauchte schon Benzin, wenn er das Ende der Straße erreicht hatte?
Jetzt bog sie um die Ecke und sah das leere Grundstück, wo früher Ryans Haus gestanden hatte. Ryan Galantine, der Ken der Barbie alias Sugar Beth, der populärste Junge und das populärste Mädchen. Luv U 4-Ever, diese tolle Band ... Im ersten Semester an der Ole Miss hatte sie sein Herz gebrochen und ihn mit Darren Tharp betrogen, dem Star-Athleten, der ihr erster Ehemann geworden war.
Sie erinnerte sich an Winnie Davis' Blicke in Ryans Richtung. Wann immer sie geglaubt hatte, niemand würde es merken ... Als hätte eine unbeholfene Außenseiterin jemals Chancen bei einem Supertyp wie Ryan Galantine! Hinter ihrem Rücken hatte sich Sugar Beths Clique, die Gorgonien, vor Lachen fast in die Hosen gemacht. Bei diesen Gedanken fühlte sie sich noch deprimierter.
Auf der Fahrt zum Zentrum sah sie, dass Parrish von seinem neuen Ruhm als Schauplatz des Bestsellers "Letzte Station auf der Fahrt ins Nirgendwo" profitierte. Offenbar lockte das neue Touristenbüro zahlreiche Reisende an, und die Stadt hatte sich herausgeputzt. Der Gehsteig vor der presbyterianischen Kirche zeigte keine Hitzebuckel mehr, und die hässlichen Straßenlampen, mit denen sie aufgewachsen war, hatte man durch hübsche Laternenpfosten im Stil der Jahrhundertwende ersetzt. Entlang der Tyler Street leuchtete ein neuer Anstrich an den Vorkriegshäusern und den viktorianischen und klassizistischen Gebäuden, und auf Miss Eulie Bakers italienischer Monstrosität schimmerte eine kecke kupferne Wetterfahne. In der Gasse hinter diesem Haus hatten Sugar Beth und Ryan erste erotische Erfahrungen gesammelt.
Sie bog auf den Broadway, die vier Häuserblocks lange Hauptstraße. Nun blieb die Uhr am Gericht nicht mehr um zehn nach zehn stehen, der Brunnen im Park hatte seinen Schmutz abgeschüttelt. An der Bank und einem halben Dutzend anderer Geschäftsgebäude prangten kastanienbraun und grün gestreifte Markisen. Nirgends wehte die Konföderationsflagge. An der Valley lenkte sie ihren Volvo nach links und fuhr zum alten, einen Block entfernten Bahnhof. Bis zu den frühen achtziger Jahren war die Mississippi Central hier einmal pro Tag vorbeigefahren. Im Gegensatz zu den meisten Bauten in der Stadtmitte bedurfte der Bahnhof einer gründlichen Renovierung und Reinigung.
So wie Sugar Beth.
Noch länger ließ es sich nicht hinauszögern, und so fuhr sie zur Mockingbird Lane, zum Haus namens Frenchman's Bride. Obwohl es nicht zu den historischen Bauwerken von Parrish zählte, war es das schönste, mit einer Säulenhalle, breiten Veranden und imposanten Erkerfenstern. Eine gelungene Kombination aus Plantagen- und Queen-Anne-Architektur, stand das Haus auf einer Anhöhe, umgeben von Magnolien, Judasbäumen, Azaleen und Hartriegel. Hier war Sugar Beth aufgewachsen.
Wie die historischen Häuser in der Tyler Street wurde auch dieses sorgsam instand gehalten. An den Fensterläden glänzte neue schwarze Farbe, durch das Oberlicht über der Eingangstür drang das sanfte Funkeln des Lüsters, der in der Halle brannte. Schon seit Jahren hatte Sugar Beth auf Neuigkeiten aus der Stadt gehört, abgesehen von den lückenhaften, gönnerhaft erwähnten Informationen in den Briefen ihrer Tante Tallulah. Deshalb wusste sie nicht, wer das Haus gekauft hatte. Und das war gut so. In ihrem Leben gab es genug Leute, die sie nicht mochte, und ihr eigener Name stand ganz oben auf der Liste.
Nur drei Häuser säumten die Mockingbird Lane. Am ersten, einer romantischen Villa im französischen Kolonialstil, war sie bereits vorbeigefahren. Wer darin wohnte, wusste sie. Dann passierte sie Frenchman's Bride und steuerte ihr Ziel an, das dritte Haus, das ihrer Tante Tallulah.
Gordon richtete sich auf. Wenn sie den Hund auch widerlich fand - ihr verstorbener Ehemann Emmett hatte ihn geliebt, und so fühlte sie sich verpflichtet, das Biest zu behalten, solange sie keinen neuen Besitzer fand. Den hatte sie bisher vergeblich gesucht. Es war schwierig, einen Basset mit ausgeprägter Persönlichkeitsstörung zu verkaufen.
Mittlerweile regnete es stärker. Hätte sie sich hier nicht ausgekannt, wäre sie an der überwucherten Zufahrt hinter der hohen Hecke vorbeigefahren, die das Anwesen an der Ostseite abgrenzte. Längst war der Kies weggeschwemmt worden, und die abgenutzten Stoßdämpfer des Volvos protestierten krachend gegen das holprige Terrain.
Das Kutschenhaus sah schäbiger aus denn je. Doch die bemoosten, weiß getünchten Ziegelmauern, die beiden Giebel und das Spitzdach strahlten nach wie vor einen gewissen Märchenbuch-Charme aus. Zur selben Zeit wie Frenchman's Bride errichtet, hatte der Bau niemals einem Kutschenhaus geglichen. Aber Sugar Beths Großmutter hatte das Wort "Garage" zu vulgär gefunden.
Ende der fünfziger Jahre war das kleine Gemäuer in ein Domizil für Tante Tallulah umgewandelt worden. Darin hatte sie den Rest ihrer Tage verbracht. Nun gehörte das Haus zum Erbe, das sie ihrer Nichte vermacht hatte. Eine reine Verzweiflungstat, denn sie hatte das Mädchen stets getadelt ... Ich weiß, du willst nicht eitel und selbstsüchtig sein, Sugar Beth, möge der Allmächtige deine Seele segnen. Sicher wirst du dich eines Tages bessern. Die Tante war der Meinung gewesen, sie könnte ihre Nichte nach Belieben beleidigen, solange sie ihr dabei himmlischen Segen wünschte.
Sugar Beth beugte sich über den Beifahrersitz und öffnete die Tür. "Lauf einfach weg, okay?"
Dem Hund missfiel es, sich die Pfoten nass zu machen. Wie sein Blick bekundete, erwartete er, ins Haus getragen zu werden.
"Klar, genau das werde ich tun."
Drohend fletschte er die Zähne. Sie ergriff ihre Handtasche, den Rest des billigsten Hundefutters, das sie aufgespürt hatte, und eine Sechserpackung Cola. Den Kofferraum würde sie erst ausräumen, wenn es zu regnen aufhörte. Als sie ausstieg, rutschte der Minirock zu den Schenkeln hinauf, und dann stelzte sie auf ihren langen schlanken Beinen davon.
Wenn Gordon wollte, konnte er sich sehr schnell bewegen, und so polterte er noch vor ihr die drei Stufen zur kleinen Veranda hinauf. Neben der Tür nahm die grüngoldene Holzplakette, die Tante Tallulahs Faktotum vor vierzig Jahren festgenagelt hatte, unverändert einen Ehrenplatz ein. Im Sommer 1954 hat der große amerikanische Expressionist Lincoln Ash hier gemalt.
Zum Dank hatte er Tallulah ein wertvolles Kunstwerk geschenkt, das jetzt ihrer Nichte Sugar Beth Carey Tharp Zagurski Hooper gehörte. Dieses Gemälde musste sie möglichst schnell finden.
Sie suchte einen der Schlüssel hervor, die ihr der Anwalt der Tante geschickt hatte, sperrte die Tür auf und betrat das Haus.
Sofort wehten ihr alle Gerüche aus Tallulahs Welt entgegen: die Ben Gay Society, Schimmel, Hühnersalat und Missbilligung. Gordon sah sich kurz um, vergaß seine Abneigung gegen nasse Pfoten und floh ins Freie zurück.
Seufzend stellte Sugar Beth ihr Gepäck ab und musterte den heimeligen Horror im Wohnzimmer. Sheraton-Sessel, Tische mit zerkratzten Klauenfüßen, ein Queen-Anne-Schreibtisch, ein Kleiderständer aus geschweiftem Holz, voller Spinnweben. Auf dem Mahagoni-Sideboard stand eine Seth-Thomas-Uhr neben zwei hässlichen Porzellanmöpsen und einer Silberkassette mit einer fleckigen Plakette, die Tallulahs langjährige treue Tätigkeit für die "Töchter der Konföderation" würdigte.
In diesem Raum gab es kein organisiertes Dekorationssystem. Der fadenscheinige Orientteppich konkurrierte mit verblichenen geblümten Chintzsofas. Unter mehreren Häkelkissen lugte die Polsterung eines Lehnstuhls hervor, mit korallenroter und orangegelber Flammenstickerei. Ein Sofa war mit abgewetztem grünem Leder bezogen, vergilbte Spitzengardinen verdunkelten die Fenster. Trotzdem hatten die Farben und Muster, von Alter und Abnutzung gedämpft, eine gewisse müde Harmonie erreicht.
Sugar Beth ging zum Sideboard und wischte Spinnweben beiseite, um die Silberkassette zu öffnen. Darin lagen zwölf Besteckgarnituren aus Gorham's Chantilly Sterling. Seit sie denken konnte, hatte ihre Tante die Teelöffel jeden Mittwoch für die Canasta-Runde hervorgeholt. Nun fragte sie sich, wie viel ihr das Tafelsilber einbringen würde.
Nicht genug. Also brauchte sie das Gemälde. Sie musste pinkeln, und sie war hungrig. Aber sie konnte es nicht erwarten, das Studio zu durchsuchen. Da es unverdrossen regnete, ergriff sie Tallulahs alten beigen Pullover, der neben der Tür lag, und drapierte ihn um ihre Schultern. Auf dem Fliesenweg, der ums Haus herum zur Garage führte, drang Wasser durch die dünnen Sohlen ihrer Stiefel. Die alten Torflügel hingen schief in den Angeln, und Sugar Beth zog sie mühsam auseinander, nachdem sie das Vorhängeschloss mit einem der Schlüssel geöffnet hatte.
Dahinter sah es genauso aus wie eh und je. Als das Kutschenhaus zu einem Domizil für eine alte Jungfer umgebaut worden war, hatte Tallulah den Handwerkern verboten, Lincoln Ashs ehemaliges Studio zu verändern. Stattdessen hatte sie sich mit einem kleineren Wohnzimmer und einer winzigen Küche begnügt und das Atelier wie einen Schrein gehütet. In den hölzernen Regalen standen immer noch die verkrusteten Töpfe, in die Ash vor fünfzig Jahren seine Pinsel getaucht hatte, um Farbe auf seine Meisterwerke zu schleudern. Weil die beiden Fenster nur wenig Licht einließen, hatte er hinter dem geöffneten Garagentor gearbeitet und seine Leinwände auf den Boden gelegt. Vor einigen Jahren hatte Tallulah eine schützende Plastikdecke über den Teppich mit den Farbspritzern gebreitet. Jetzt waren die Farben unter Schmutz und Staub und toten Insekten kaum zu sehen. Neben einer Werkbank voller Pinsel, Messer und Spachteln - willkürlich verstreut, als hätte Ash seine künstlerische Tätigkeit kurz unterbrochen, um eine Zigarette zu rauchen - lehnte eine Leiter an der Wand, ebenfalls mit Farbe befleckt, in einer Plastikhülle. Natürlich erwartete Sugar Beth nicht, die mürrische Tante hätte das kostbare Gemälde für ihre Nichte direkt bei der Tür deponiert. Aber es wäre nett gewesen. Sie unterdrückte einen Seufzer und beschloss, die Suche auf den nächsten Morgen zu verschieben.
Gordon folgte ihr ins Haus zurück. Als sie eine Stehlampe mit Fransen anknipste, wuchs die Verzweiflung, die sie seit Wochen plagte. Vor fünfzehn Jahren hatte sie Parrish verlassen, eine arrogante, rachsüchtige dumme Kuh - unfähig, sich ein Universum vorzustellen, das sich nicht um sie drehte. Bedauerlicherweise hatte das Universum unbändig gelacht.
Bedrückt ging sie zu einem Fenster und zog den staubigen Vorhang beiseite. Hinter der Hecke sah sie die Schornsteine von Frenchman's Bride emporragen. So hatte schon das Heim des ersten Siedlers an dieser Stelle geheißen. Sehr viel später hatte ihre Großmutter das Haus entworfen. Vom Großvater war es gebaut, vom Vater modernisiert und von Diddie mit Liebe überschüttet worden. Eines Tages wird Frenchman's Bride dir gehören, Sugar Baby.
In alten Zeiten hätte ihr die Ungerechtigkeit des Schicksals Tränen entlockt. Jetzt ließ sie den Vorhang fallen und wandte sich von der deprimierenden Aussicht ab, um ihren unsympathischen Hund zu füttern.
Colin Byrne stand am Fenster des Herrschaftsschlafzimmers im ersten Stock von Frenchman's Bride. In der düsteren Eleganz seiner äußeren Erscheinung schien er einer längst vergangenen Epoche zu entstammen, vielleicht dem englischen Regency oder einer ähnlichen, von Monokeln, Schnupftabakdosen und vornehmen Salons geprägten Ära. Unter seinen tief liegenden jadegrünen Augen überschatteten hohe, vorstehende Wangenknochen kommaförmige Furchen, die zu dünnen Lippen führten. Nur ganz selten verzog sich sein Mund zu einem Lächeln. Er besaß das lange, schmale Gesicht eines Dandys, das beinahe schwächlich aussah. Zumindest hätte es so gewirkt, ohne die große, knochige, aristokratische, unglaublich hässliche Nase, die perfekt zu den übrigen Zügen passte.
Sein Smokingjackett aus violettem Samt trug er so lässig wie ein anderer Mann ein Sweatshirt. Dieses Outfit ergänzten eine schwarzseidene Pyjamahose und Pantoffel mit scharlachroten chinesischen Symbolen an den Zehenspitzen. Die maßgeschneiderte Kleidung umhüllte einen hoch gewachsenen, breitschultrigen Körper. Doch die großen Arbeiterhände mit den dicken Fingern erweckten den Eindruck, dass nichts an Colin Byrne dem äußeren Schein entsprach.
Während er durch das Fenster die Lichter beobachtete, die im Kutschenhaus aufflammten, presste er die verkniffenen Lippen noch fester zusammen. Also stimmten die Gerüchte - Sugar Beth Carey war zurückgekehrt.
Vor fünfzehn Jahren, mit zweiundzwanzig, hatte er sie zuletzt gesehen, ein selbstgefälliger Junge, ein exotischer Ausländer, in einem Südstaatennest gelandet, um seinen ersten Roman zu schreiben und - ach ja - in seiner Freizeit als Lehrer zu arbeiten. Irgendwie befriedigte es ihn, dass sein Groll schon so lange gärte. Wie exzellenter französischer Wein nahm das Gefühl zunehmend komplexere Aspekte an und entwickelte subtile Nuancen, die eine schnelle Lösung des Problems niemals zugelassen hätte.
Erwartungsvoll zog er die Mundwinkel hoch. Vor fünfzehn Jahren war er machtlos gegen Sugar Beth gewesen. Das hatte sich inzwischen geändert.