Leseprobe zu "Kinder einfühlend ins Leben begleiten"
Eine bestimmte Qualität von Beziehung Neben dem Nichtstun und der Anwendung von Zwangsmaßnahmen gibt es noch eine weitere Möglichkeit zu handeln. Wenn wir diesen Weg einschlagen wollen, müssen wir uns über einen subtilen aber wichtigen Unterschied hinsichtlich unseres Zieles klar werden: Ist es unser Ziel, dass wir einen Menschen dahin bringen, dass er oder sie tut, was wir möchten - wofür ich nicht eintrete - oder sind wir uns stattdessen klar darüber, dass es unser Ziel ist, die Qualität der Verbindung zu erreichen, bei der die Bedürfnisse aller zufrieden gestellt werden? Wenn wir den Unterschied zwischen diesen beiden Zielen sehen, so zeigt meine Erfahrung - egal ob wir mit Kindern oder Erwachsenen kommunizieren -, dass Konflikte, die ansonsten unlösbar erschienen, plötzlich erstaunlich leicht gelöst werden können. Dazu müssen wir ganz bewusst die Vorstellung aufgeben, dass wir eine Person dahin bekommen, dass sie tut, was wir von ihr möchten. Stattdessen versuchen wir eine Verbindung aufzubauen, die von gegenseitiger Achtsamkeit und Respekt geprägt ist. Wir wollen eine Qualität der Beziehung erreichen, wo beide Seiten denken, dass die gegenseitigen Bedürfnisse wichtig sind. Beide Seiten sind sich bewusst darüber, dass die Bedürfnisse und das Wohlergehen beider Personen miteinander verknüpft sind. Diese Art der Kommunikation trägt dazu bei, eine Qualität von Verbindung zu erreichen, die notwendig ist, damit die Bedürfnisse aller erfüllt werden können. Sie unterscheidet sich ziemlich grundlegend von einer Kommunikation, bei der wir Zwang als ein Mittel einsetzen, um Konflikte mit Kindern zu lösen. Das fordert von uns eine Umkehr: Weg von der Beurteilung unserer Kinder auf der Grundlage moralistischer Vorstellungen wie richtig oder falsch, gut oder schlecht hin zu einer Sprache, die auf Bedürfnissen basiert. Wir müssen die Fähigkeit erlangen, Kindern zu sagen, ob das, was sie machen, mit unseren Bedürfnissen harmoniert oder ob es ihnen entgegensteht. In jedem Fall aber sagen wir es ihnen auf eine Art, die weder Schuld- noch Schamgefühle auf ihrer Seite auslöst. Das könnte z.B. eine Aussage sein wie: "Ich bekomme Angst, wenn ich sehe, wie du deinen Bruder schlägst, weil es mir ein Bedürfnis ist, dass sich in unserer Familie alle sicher fühlen können." Oder vielleicht erfordert es auch, das wir uns von folgenden Aussagen abwenden: "Du bist zu faul, um dein Zimmer aufzuräumen" und sie umwandeln in: "Ich bin frustriert, wenn ich sehe, dass das Bett nicht gemacht ist, weil es mir wirklich ein Bedürfnis ist, das ich unterstützt werde, das Haus in Ordnung zu halten." Diese Veränderung unserer Sprache - weg davon, dass wir das Verhalten unserer Kinder in Kategorien von richtig und falsch, gut und schlecht einteilen, hin zu einer Sprache, die auf Bedürfnissen basiert -, ist für diejenigen von uns nicht einfach, die von Lehrern, Lehrerinnen und Eltern dazu erzogen wurden, in moralischen Urteilen zu denken. Außerdem erfordert diese neue Sprache, dass wir unseren Kindern gegenüber präsent sind und dass wir ihnen einfühlsam zuhören, wenn sie in Not sind. Das ist nicht leicht, wenn wir als Eltern dazu erzogen wurden, unmittelbar Ratschläge zu erteilen oder zu versuchen, eine schnelle Lösung für jede Situation zu finden.