Leseprobe zu "Das vollständige Kamasutra" von Mallanaga Vatsyayana
"Wie man sich einer Frau nähert und mit welchen Mitteln man sie erobert (S.124)
Die alten Autoren sind der Meinung, dass die jungen Mädchen sich weniger leicht durch eine Botin verführen lassen als durch eigenes Bemühen das Mannes, dass aber im Gegenteil die verheirateten Frauen viel eher durch Zwischenträgerinnen als durch den Mann selbst zu gewinnen sind. Vatsyayana meint dagegen, dass der Mann stets, wo es nur immer möglich wäre, selbst handeln sollte und dass er nur dann, wenn sein eigenes Eingreifen noch ganz unmöglich wäre, seine Zuflucht zu einer Botin nehmen sollte.
Dass man sagt, die kühnen und unternehmenden Frauen ließen sich lieber durch den Mann erobern, während die furchtsamen besser durch eine Botin willfährig gemacht würden, ist nur Rederei. Handelt ein Mann selbst, dann muss er zuerst die persönliche Bekanntschaft der geliebten Frau machen. Das wird auf folgende Weise ins Werk gesetzt:
Er richtet es so ein, dass er bei passender oder bei einer besonders herbeigeführten Gelegenheit von der Frau gesehen wird. Die Gelegenheit ergibt sich von selbst, wenn sich einer von beiden in das Haus des anderen begibt. Künstlich herbeigeführt ist eine Gelegenheit, wenn sie sich bei einem Freunde treffen, oder bei einem Angehörigen derselben Kaste, bei einem hohen Beamten oder bei einem Arzt, bei Hochzeiten, bei Festmählern, bei Leichenbegängnissen und Gartenfesten.
Wo und wie sie sich aber auch treffen, der Mann muss Sorge tragen, die Frau so anzuschauen, dass sie schon aus seinem Blick den Zustand seiner Seele, seine Gemütsverfassung erkennen kann. Er wird sein Taschentuch hervorziehen, er wird mit seinen Nägeln ein Geräusch machen, er wird seine Schmuckstücke zusammenklingen lassen, oder er wird an seiner Unterlippe nagen oder andere Zeichen dieser Art machen. Beachtet sie ihn, wird er zu seinen Freunden von ihr und anderen Frauen sprechen, und er wird sich dabei von einer vorteilhaften Seite zeigen, wird sich auch als ein Freund eines fröhlichen Lebens bekennen.
Wenn er neben einer Bekannten sitzt, soll er gähnen, soll sich strecken, als ob er sehr müde wäre, er soll die Augenbrauen runzeln und sehr langsam sprechen und gleichgültig und zerstreut zuhören. Er kann mit einem Kinde oder einer anderen Person auch ein Gespräch anfangen, das sich zum Schein um eine dritte Person dreht, in Wahrheit aber die Frau zum Gegenstande hat, die er liebt. So kann sie sein Herz kennen lernen, wenn er sich auch den Anschein gibt, sich mehr mit den anderen als mit ihr selbst zu beschäftigen.
Mit den Nägeln oder mit einem Stocke wird er in den Erdboden Zeichen eingraben, die sich an sie wenden. Er kann in ihrer Gegenwart ein Kind umarmen und küssen, er kann diesem Kinde mit seiner Zunge eine Mischung von Betelnuss und Betelblättern ins Mäulchen schieben, er kann ihm mit einer Gebärde der Zärtlichkeit das Kinn streicheln und drücken. Er wird das alles zu geeigneter Zeit am rechten Platze tun. Der Mann liebkost ein Kind, das auf den Knien der geliebten Frau sitzt und gibt ihm irgendein Spielzeug, das er ihm gleich wieder wegnimmt.
Er kann auch mit der Frau ein Gespräch über das Kind beginnen, so dass er sich langsam, Schritt für Schritt, vertraulicher mit der Frau stellt. Er soll sich auch Mühe geben, sich ihren Eltern angenehm zu machen...."