Kurze Lebensläufe der Idioten - Cavazzoni, Ermanno
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Ein fabelhaftes Fabelbuch aus Italien, voller Sprichwörter und Lebensweisheiten: das närrischste und heiterste Buch des emilianischen Erzählers.

Produktbeschreibung

Ein fabelhaftes Fabelbuch aus Italien, voller Sprichwörter und Lebensweisheiten: das närrischste und heiterste Buch des emilianischen Erzählers.
  • Produktdetails
  • Wagenbachs andere Taschenbücher (WAT) Nr.527
  • Verlag: Wagenbach
  • Best.Nr. des Verlages: 2527
  • Seitenzahl: 144
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 140 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 194mm x 121mm x 15mm
  • Gewicht: 170g
  • ISBN-13: 9783803125279
  • ISBN-10: 3803125278
  • Best.Nr.: 14189207

Autorenporträt

Ermanno Cavazzoni wurde 1947 in Reggio Emilia geboren. Er ist Dozent an der Universität von Bologna. Sein erster Roman, "Poema dei lunatici", lieferte die Vorlage zu dem Film "Die Stimme des Mondes" von Federico Fellini.

Rezensionen

Besprechung von 25.01.1995
Bibliothek der Folterknechte
Nachsitzen mit Ermanno Cavazzoni: "Mitternachtsabitur"

Bislang konnte das deutsche Publikum den poetischen Phantasmagorien dieses Autors lediglich auf der Kinoleinwand begegnen. Sein erster Roman "Il poema dei lunatici", 1987 im italienischen Original erschienen und inzwischen in mehr als ein Dutzend Sprachen - außer ins Deutsche - übersetzt, diente Federico Fellinis Film "Die Stimme des Mondes" als literarische Vorlage. Jetzt bemühen sich gleich zwei Verlage darum, Ermanno Cavazzoni diesseits der Alpen bekannt zu machen - und das ist zu begrüßen.

Ein Höllenfeuerwerk aus bizarren Bildern entfacht Cavazzoni in seinem 1991 erschienenen Roman, der wörtlich übersetzt "Die Versuchungen des Hieronymus" heißt, in der deutschen Ausgabe aber den etwas faden Titel "Mitternachtsabitur" verpaßt bekommen hat. Zu mitternächtlicher Stunde läßt der Autor diesen Hieronymus mit heftigem Zahnweh und dem Einfall aus dem Schlaf hochschrecken, daß er am nächsten Morgen seine Abiturprüfung zu wiederholen habe. Aber anstelle der Apotheke, die bisher im Erdgeschoß seines Hauses gewesen ist, findet er den schäbigen Eingang zu einer öffentlichen Bibliothek vor, in die ein Häuflein von barfüßigen Gestalten in Schlafanzügen gerade Einlaß begehrt.

Diese Wissensdurstigen, denen sich Hieronymus traumwandlerisch anschließt, erwartet hinter den Mauern eher eine havarierte Arche Noah, ein dubioses Nachtasyl oder dunkles Verlies als ein Bücherei. Allerlei Getier - von Maden über Ratten bis zu veritablen Zwerggiraffen - kreucht unter halbverfallenen Bücherregalen hervor. Und was den Besuchern, vornehmlich verschrobene Professoren und starkbehaarte Studienrätinnen, hier nächtens widerfährt, erinnert an die albtraumhaften Visionen eines Bosch oder Höllen-Breughel.

Da ein geordneter Bilbiotheksbetrieb in diesem Durcheinander nicht aufrechtzuerhalten wäre, vertreiben sich die Angestellten ihre Dienstzeit mit ausgesuchten Grausamkeiten. Mit der kindlichen Freude Debiler rücken sie den über ihre Bücher Gebeugten mit Zangen, Nadeln und brennenden Feuerzeugen zu Leibe. Endlos taumelt der Leser an der Seite des Protagonisten, der auf der erfolglosen Suche nach Lektüre für sein Prüfungsthema ist, durch infernalische Bilderwelten. Anleihen bei Eco verdankt der Roman einige seiner Motive. Von einem theoretischen Überbau kann bei Cavazzoni jedoch keine Rede sein.

Nach der eher schweren Kost, die die Lektüre von "Mitternachtsabitur" bereitet, wirken Cavazzonis "Kurze Lebensläufe der Idioten", im Original erst in diesem Jahr erschienen, geradezu wohltuend. Zwar werden auch hier reichlich Absonderlichkeiten serviert, diesmal aber in kleinen Portionen. Die Kurzprosa ermöglicht es Cavazzoni offensichtlich, seine überschäumende Phantasie zu bändigen.

Dem Monatsblatt eines Heiligenkalenders nachempfunden, schildert er in einundreißig Geschichten die Viten von komischen Käuzen. Mit den Heiligen vergangener Tage haben sie Visionen und übernatürliche Erscheinungen gemein, für die die Mitmenschen wenig Verständnis aufbringen. Doch diese Gesichte erweisen sich als fatale Heimsuchungen, die rasch zu Zwangsneurosen und psychotischen Wahnvorstellungen anwachsen. Wie im Fall eines Marxisten, der an der Theorie brütet, daß die Heiligen Drei Könige in Raketen auf die Erde kamen. Ein anderer will nach dem Karneval 1956 seine Pappnase partout nicht mehr absetzen, bis sie ihm schließlich abblättert.

Auch die Einzelschicksale ganz normaler Dorftrottel, unfreiwilliger Pyromanen, geistig überforderter Autofahrer, emsiger Erfinder und mathematischer Genies kommen zur Sprache. Am jeweils siebten Tag wird über skurrile Selbstmordversuche berichtet, die oft ein unerwartetes Ende nehmen: "Ein Geflügelhändler, der wegen der Steuern verzweifelt und fest entschlossen war, Schluß zu machen, legte sich am neunten Juni auf die Eisenbahnschienen und blieb vier Stunden liegen. Schließlich kam der Zug und entgleiste beim Bremsen. Im Zug war ein Herzkranker, der dabei einen Kollaps bekam und starb."

Ihren Witz und ästhetischen Reiz beziehen diese Geschichten vor allem aus der lakonischen Sprache, in der selbst das Abstruseste protokollartig vermeldet wird. Mancher deutsche Leser wird sich bei der Lektüre an "Lieblose Legenden" Wolfgang Hildesheimers oder Geschichten Peter Bichsels erinnert fühlen. Wem überdies die meist letal endenden bösen Späße der Monty-Python-Truppe Vergnügen bereiten, der wird bei Cavazzoni auf seine Kosten kommen. THOMAS DIECKS

Ermanno Cavazzoni: "Mitternachtsabitur". Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Marianne Schneider. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1994. 224 S., geb., 36,- DM.

Ermanno Cavazzoni: "Kurze Lebensläufe der Idioten". Kalendergeschichten. Aus dem Italienischen übersetzt von Marianne Schneider. Wagenbach Verlag, Berlin 1994. 126 S., br., 24,80 DM.

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