Produktbeschreibung zu Die Jahre der Vernichtung 1939-1945
David Moffie wurde am 18. September 1942 an der Universität
Amsterdam zum Doktor der Medizin promoviert. Auf einem anläßlich
dieses Ereignisses aufgenommenen Photo stehen Professor C. U.
Ariens Kappers, Moffies Doktorvater, und Professor H. T. Deelman
zur Rechten des frischgebackenen Doktors, der Assistent D. Granaat
zu seiner Linken. Ein weiteres Mitglied des Lehrkörpers, das von
hinten zu sehen ist, möglicherweise der Dekan der medizinischen
Fakultät, steht ihnen gegenüber auf der anderen Seite eines großen
Schreibtisches. Im Hintergrund sind - etwas unscharf - die
Gesichter einiger der Menschen zu erkennen, die sich in dem kleinen
Saal drängen - zweifellos Familienmitglieder und Freunde. Die
Angehörigen des Lehrkörpers sind in ihre akademischen Festgewänder
gekleidet, während Moffie und Assistent Granaat einen Smoking und
einen weißen Schlips tragen. Am linken Revers seiner Smokingjacke
trägt Moffie einen handtellergroßen Stern mit dem Aufdruck «Jood»:
Moffie war der letzte jüdische Student an der Universität Amsterdam
in der Zeit der deutschen Besatzung.
Dem akademischen Ritual entsprechend fielen gewiß die üblichen
Worte des Lobes und der Dankbarkeit. Von anderen Kommentaren wissen
wir nichts. Kurz darauf wurde Moffie nach Auschwitz-Birkenau
deportiert. Ebenso wie zwanzig Prozent der niederländischen Juden
hat er überlebt; der größte Teil der bei dieser Zeremonie
anwesenden Juden ist umgekommen.
Das Bild wirft einige Fragen auf. Wie war es beispielsweise
möglich, daß die Zeremonie am 18. September 1942 stattfand,
obgleich jüdische Studenten mit Wirkung vom 18. September aus den
niederländischen Universitäten ausgeschlossen worden waren? Die
Herausgeber des Bandes Photography and the Holocaust fanden die
Antwort: Der letzte Tag des akademischen Jahres 1941/42 war
Freitag, der 18. September 1942; das Wintersemester 1942/43 begann
am Montag, dem 21. September 1942. Die dreitägige Zwischenzeit
ermöglichte Moffies Promotion, obwohl der Ausschluß jüdischer
Studenten bereits obligatorisch geworden war.
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs erreicht auch die Geschichte
des Holocaust im Jahr 1939 eine neue Dimension. Sie kann nicht mehr
auf deutsche Politik, Entscheidungen und Maßnahmen begrenzt werden,
sondern muß die Reaktionen (manchmal auch Initiativen) der sie
umgebenden Welt und die Haltung ihrer Opfer miteinbeziehen. Das ist
schon deshalb unausweichlich, weil das, was wir „Holocaust“ nennen,
einen Vorgang bezeichnet, dessen Totalität gerade in der Konvergenz
all dieser Elemente besteht. Überall im besetzten Europa hing die
Ausführung deutscher Maßnahmen von der Gefügigkeit der politischen
Institutionen, der Unterstützung durch lokale Ordnungskräfte, der
Passivität oder Mitwirkung der Bevölkerung und vor allem ihrer
politischen und geistlichen Eliten ab. Sie war auch abhängig von
der Bereitschaft der Opfer, den Weisungen Folge zu leisten, oft in
der Hoffnung, diese abzumildern oder doch Zeit zu gewinnen und
irgendwie dem deutschen Schraubstock zu entkommen. Eine
Gesamtgeschichte des Holocaust muß alle diese Ebenen in den Blick
nehmen und integrieren.
„Die Jahre der Vernichtung“ erzählt mit großer historiographischer
Meisterschaft die Geschichte der Ermordung der europäischen Juden
vom Beginn des Zweiten Weltkriegs bis zum Ende des Dritten Reiches.
Doch das Streben nach wissenschaftlicher „Objektivität“, nach
Erklärung und Analyse kann in einer Geschichte des Holocaust allein
nicht genügen. Mit einem überwältigenden Chor von Stimmen –
Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, Erinnerungen – bewahrt Saul
Friedländer seine Darstellung vor der Gefahr der „domestizierten“
Erinnerung an ein Geschehen, das ohne Beispiel ist. Es ist gerade
diese besondere Qualität seiner Geschichtsschreibung, die das Buch
aus der Literatur heraushebt und ihm einen einzigartigen Rang
zuweist. Mit „Die Jahre der Vernichtung“ liegt Saul Friedländers
großes Werk über die Ermordung der europäischen Juden nun
vollständig vor.
Produktinformation
- Das Dritte Reich und die Juden
- Bd.2
- Verlag: Beck
- 2006
- 2. Auflage
- Ausstattung/Bilder: 2006. 869 S.
- Seitenzahl: 864
- Deutsch
- Abmessung: 228mm x 154mm x 53mm
- Gewicht: 1205g
- ISBN-13: 9783406549663
- ISBN-10: 3406549667
- Best.Nr.: 20849720
 | Besprechung von 04.10.2006 |
Die Stimmen der OpferSaul Friedländers historiographisches Denkmal für die ermordeten Juden Europas / Von Klaus-Dietmar HenkeDie menschheitsgeschichtliche Wucht des entschlossensten und systematischsten aller Völkermorde, der Sturz Millionen getöteter Juden aus der Arglosigkeit in die Ausweglosigkeit, die heimtückische Unerbittlichkeit der deutschen Vernichtungsmission - gewöhnlich führen uns die Möglichkeiten der Kunst näher an den Kern dieses Geschehens als geschichtswissenschaftliche Abhandlungen. Saul Friedländers Gesamtdarstellung des Holocaust bestätigt diese Erfahrung nicht. Denn in kompositorischer Könnerschaft verbindet er die nüchterne Autopsie der Mordmaschinerie, die sich durch Europa frißt, mit der sensiblen Vergegenwärtigung des Lebens und Sterbens der Menschen, die von ihr erfaßt werden. Entstanden ist so ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung von der Eindringlichkeit und Richtigkeit eines Kunstwerks.
Der Totalität der Schoa kann für Friedländer nur eine "integrative und integrierte Geschichte" gerecht werden. Mit anderen Worten: Es reicht nicht aus, sich auf das deutsche Vorgehen zu beschränken. Genauso …
Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension
Schon Saul Friedländers Vorgängerbuch "Die Jahre der Verfolgung" über die Zeit bis 1939 wurde von den Kollegen nahezu einmütig als die beste Darstellung dieses Gegenstands gepriesen, bemerkt Ulrich Herbert zu Beginn. Der vorliegende Folgeband scheint diese ehrwürdige Tradition fortzusetzen. "Meisterhaft" insgesamt, "souverän und präzise" in der Beschreibung, analytisch einwandfrei, sicher im Urteil, stilistisch beeindruckend. Umfassender kann ein Lob nicht sein. Herbert schreitet die mannigfachen Stationen des Bandes ab, erlangt einen Gesamteindruck von der Ermordung der europäischen Juden zwischen 1939 und 1945 und erkennt schließlich Hitlers Antisemitismus als Zentrum von dessen Politik. Über allem aber bleibt der Eindruck der Stimmen aus den Aufzeichnungen der Opfer für den Rezensenten der stärkste. Nur für die wirtschaftliche Seite interessiert sich Herbert offenbar mehr als der Historikerkollege Friedlländer.
© Perlentaucher Medien GmbH
 | Besprechung von 29.09.2006 |
Die Stimmen der Opfer
Sauls Friedländers meisterhafte Gesamtdarstellung des Holocaust
zeigt: Die Vernichtung war geplant und gewollt
Vor acht Jahren, im Frühjahr 1998, legte Saul Friedländer,
Professor für Geschichte in Tel Aviv und Los Angeles, den ersten
Band seiner Untersuchung über „Das Dritte Reich und die Juden” vor.
Er hatte den Titel „Die Jahre der Verfolgung” und reichte bis 1939.
In der Beurteilung waren sich nahezu weltweit alle Rezensenten
einig und lobten das Buch als das beste über diesen Gegenstand;
„eine gewaltige, in ruhigem Ton gehaltene Synopsis, frei vom
Determinismus einer beweispflichtigen These”, wie Götz Aly
formulierte.
Nun liegt der zweite Band vor, der die Ermordung der europäischen
Juden zwischen 1939 und 1945 behandelt – ein Geschehen das von
Deutschland ausgehend an tausenden von Orten in mehr als 20
europäischen Ländern vollzogen wurde. Friedländer gelingt eine
kunstvolle Verbindung der unterschiedlichen Perspektiven der
Beteiligten, der zahlreichen Orte und verschiedenen Zeitphasen,
zusammengehalten durch einen klaren analytischen Zugriff und eine
ebenso ruhige wie eindringliche Erzählweise. Vor allem aber …
Saul Friedländer, 1932 geboren, überlebte das Dritte Reich unter falschem Namen in Frankreich. Er ist Professor für Geschichte an den Universitäten von Tel Aviv und von Kalifornien, Los Angeles und gehört zu den großen Kennern der Geschichte der NS-Zeit und der Judenverfolgung. Er erhielt 2007 den "Friedenspreis des deutschen Buchhandels" und 2008 den "Pulitzer-Preis".
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