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Produktbeschreibung

  • Produktdetails
  • Verlag: Der Hörverlag Gmbh
  • ISBN-13: 9783867175074
  • Artikeltyp: Hörbuch
  • Best.Nr.: 26385534

Trackliste

CD
1Juliet, Naked

Rezensionen

Süddeutsche Zeitung Audio-Rezension

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Besprechung von 07.11.2009
Das popkulturelle Biedermeier
Nick Hornby, „Mad Men” und der Bossa Nova: Warum sich Pop nach der Ordnung der frühen sechziger Jahre sehnt
Es gibt keinen Schriftsteller, zu dem das Etikett „Popliterat” besser passt als zu Nick Hornby. Was den 52-jährigen Briten von vielen seiner Zeitgenossen unterscheidet, ist die Tatsache, dass er den Pop nicht einfach als biografisches Element oder Genre-Requisit in seine Romane einbringt, sondern mit seinen Texten regelmäßig den Zustand des Pop auf den Punkt bringt, ohne sich gleich in die Metaphorik eines universalen Zeitgeistes zu versteigen, den der Pop gar nicht fassen könnte. Nein, er konzentriert sich auf jene Vertreter seiner eigenen und der angrenzenden Generationen, die im bildungsbürgerlichen Milieu den Pop als Sinn- und Identitätsstifter betrachten. So bleibt der Pop ein eigener Kosmos, der ähnlich enge Grenzen hat wie das Spießbürgertum, gegen das er einst angetreten war. Aber gerade weil Nick Hornby dieses Thema immer wieder als wertkonservativer Moralist angeht, der unter einem Happy End immer noch das Shakespearsche „Love conquers all” versteht, ist er bei seiner Suche nach dem Kern des Pop so treffsicher.
Das ist ihm auch mit seinem neuen Roman „Juliet, Naked” wieder gelungen (Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2009. 304 Seiten, 19,95 Euro). Die Geschichte ist schnell umrissen. Annie und Duncan sind eines jener unzähligen Pärchen, die sich im Bodensatz der akademischen Welt eine bescheidene, aber komfortable Existen eingerichtet haben. Seit 15 Jahren leben sie in einem heruntergekommenen Seebad an der englischen Küste. Außer der Unfähigkeit, aus ihrer leidenschafts- und kinderlosen Beziehung auszubrechen, verbindet sie ihr Interesse für Musik und Leben eines ominösen amerikanischen Singer-Songwriters namens Tucker Crowe, der 1986 nach einem Konzert spurlos verschwand.
Als eine abgespeckte Version von Crowes wichtigstem Album mit dem Titel „Juliet, Naked” erscheint, schreibt Annie einen Verriss für Duncans Fanwebseite, den dieser nur widerwillig ins Internet stellt. Doch der wahre Tucker Crowe findet sich in Annies Verriss viel besser verstanden als in Duncans Lobeshymne und beginnt, mit Annie per E-Mail zu flirten. Zur selben Zeit landet Duncan in den Armen und im Bett einer Lehramtskollegin. Es entspinnt sich ein transatlantisches Beziehungsgeflecht, das schließlich in der Einsicht mündet, dass nur ein intaktes Familienleben vor der Falle der lebenslänglichen Infantilisierung im Pop bewahren kann.
Das klingt zunächst einmal so bürgerlich, als sei „Juliet, Naked” in den späten fünfziger oder frühen sechziger Jahren geschrieben worden, als Popkultur noch alle möglichen zersetzenden Eigenschaften nachgesagt wurden. Mit Annie, Duncan und Tucker Crowe schließt Hornby auch direkter an die Figuren und Themen seines Debütromans „High Fidelity” an, als mit jedem anderen seiner Folgeromane. Und sicher hat er den Pop wieder an einigen wunden Punkten im Kern getroffen.
Ist der Pophistoriker Duncan mit seinem fanatischen Aufarbeiten eines obskuren, unvollendeten Lebenswerks dem Briefmarkensammler nicht so viel näher als dem Glamour des Pop? Steht Annies Verzweiflung über ihre verschwendeten Jahre mit Duncan nicht stellvertretend für die Leere, die sich hinter diesem Glamour verbirgt? Ist der vielfache Vater unehelicher Kinder Tucker Crowe nicht das Menetekel für Alterseinsamkeit als logischer Konsequenz allzu lässiger Bindungsunfähigkeit?
Mit Haarschleife und Kleidchen
Es sind jedoch nicht nur Hornbys Charaktere, in denen sich die Sehnsucht des Pop nach Bürgerlichkeit manifestiert. Es ist auch die Form. Hornbys Romane lesen sich so flüssig und charmant, dass sie regelmäßig einen Sog entwickeln, dem man sich nur schwer entziehen kann. Literaturkritikern ist dieser Sog oft etwas peinlich. Das Unbehagen ist berechtigt, denn Nick Hornby tut nichts anderes, als unter dem Deckmantel des hippen Pop den Trivialroman der Nachkriegszeit wiederzubeleben. Es ist kein Zufall, dass Hornbys Hauptfiguren in Filmen von dackeläugigen Heinz-Rühmann-Gestalten wie John Cusack, Hugh Grant oder Peter Sarsgaard gespielt werden.
War dieses Formenzitat des Liebes- und Familienromans bei Hornbys „High Fidelity” 1995 noch ein exotisches Spiel mit Retro-Genres, so ist er heute längst der Pionier einer Bewegung, die solche trojanischen Pferde bürgerlicher Unterhaltungsformen zuhauf im Kosmos des Pop platzieren. All die bejubelten Serien amerikanischer Kabelsender, die hierzulande so gerne auf DVD gesehen werden, „The Sopranos”, „Six Feet Under” oder „Mad Men”, sind Seifenopern mit Anspruch. Die ineinander verwobenen Handlungsstränge, in denen sich diese modernen Patchworkfamilien verstricken, funktionieren nach genau jenem Muster des charmanten Sogs, wie Hornbys Popromanzen.
Auch die Musik hat sich längst wieder in jene Zeit bürgerlichen Wohlgefühls zurückbewegt, als das Wirtschaftswunder schon in vollem Gange und die Umwälzungen der sechziger Jahre nicht mehr als ein gesellschaftliches Wetterleuchten waren. Was sind die elektronischen Klänge von Air, Röyksopp oder Kruder & Dorfmeister anderes als Easy Listening, das als Klangfläche eine ganz ähnliche moderne Behaglichkeit erzeugt, wie einst die Bachelor Pad Music von Martin Denny und Eumir Deodato?
Sind die Wiedergeburten des Chansons und des Bossa Novas bei Benjamin Biolay und Bebel Gilberto nicht die gleichen Annäherungen des Bildungsbürgertums an die Geborgenheitsgefühle des Schlagers wie ihre Vorläufer Charles Aznavour und Bebels Mutter Astrud? Unvergessen die Szene aus der Filmkomödie „Get yourself a College Girl”, in der Astrud Gilberto 1964 mit Haarschleife und Modellkleidchen neben Stan Getz in Strickjacke ihren Hit „Girl from Ipanema” singt und mit einem Augenaufschlag der zornigen Latin Music und dem subversiven Modern Jazz ihrer Tage jegliches Moment der Rebellion austreibt.
Doch es ist ja nicht nur die Sehnsucht nach Bürgerlichkeit, die in diesen Formen und Motiven steckt. Sicher mag die Midlife Crisis so manchem 40- oder 50-Jährigen den Spaß an der Plattensammlung vergällen, wenn er des poststudentischen Lebens in gemieteten Altbauwohnungen und freischaffenden Karriereschwankungen überdrüssig ist. Das allerdings ist nur das vordergründige Unwohlsein, hinter dem sich eine viel tiefgründigere Sehnsucht verbirgt. Denn die Ordnung der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre, die sich im moralischen Weltbild der Hornby-Romane genauso findet wie in den Company Men und ihren Suburban Wives aus der Serie „Mad Men” und dem Neo-Bossa von Bebel Gilberto, ist letztlich ein überschaubares Weltbild, gegen das man gezielt rebellieren kann.
Nach Paris durchbrennen
Es ist kein Zufall, dass „Juliet, Naked” im Subtext auch ein Manifest gegen das Internet ist, das Hornby als bodenlosen Abgrund beschreibt, der jede menschliche Regung, jeden klugen Gedanken, jede Form von Kreativität im Nichts eines unüberschaubaren Netzwerks aus Halbherzigkeiten verschwinden lässt. Es ist aber nicht die Ordnung als Sinnstifter, nach der sich diese Popkultur sehnt, sondern nach der Ordnung als ein klares Ziel für den Kampf. All jene Bedrohungen, die gerade die unsicheren Halbexistenzen der Generation Pop gefährden – die Wirtschaftskrise, die Überteuerung der Städte, die Aushöhlung der Kulturgeschäftsmodelle, die ominöse Globalisierung – sind jedoch kontur- und gesichtslose Systeme ohne klare Angriffspunkte. Gegen Chaos rebelliert man nicht.
Deswegen bezieht sich der Pop auch nicht auf die Bürgerlichkeit der frühen und mittleren fünfziger Jahre, in denen sich die Ordnung noch im Wohlstand festigte, sondern auf die frühen sechziger Jahre. Da kämpften die Sekretärinnen und Hausfrauen, die „Mad Men” porträtiert, für ihren eigenen Weg. Da meldete sich der Wille einer Generation, gegen eine Ordnung und ihre spießbürgerliche Enge aufzustehen. Ganz so, wie es die Einserschülerin Jenny in Hornbys erstem Drehbuch „An Education” tut. Die brennt Anfang der sechziger Jahre mit einem Verehrer nach Paris durch. Um zu feiern. So leicht war der Aufstand. So einfach das Leben. ANDRIAN KREYE
Bossa Nova 1964: Astrud Gilberto (Mitte) und Stan Getz (ganz links) zähmen die Subkulturen. Foto: Michael Ochs Archive
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Über Musik schreibt eben doch niemand besser, und "Juliet, Naked" ist gerade deshalb so gut, weil Nick Hornby gar nicht erst versucht, so zu tun, als wäre er auf der Höhe der Zeit. Natürlich weiß er von den Vorteilen der iPod-Welt, er schätzt die Schnelligkeit von Downloads und Musikblogs - doch das gute alte Nerdtum mit Sammelleidenschaft und Auskennergepose ist ihm einfach immer noch näher. Diese Zerrissenheit schreibt er auch den Figuren seines neuen Romans ein, um in den Grenzbereichen auf andere große Fragen zu stoßen. Da sind Duncan und Annie, die seit 15 Jahren in Gooleness, einem Kaff an der englischen Ostküste, ihren tristen Pärchenalltag leben. Leidenschaft kommt in Duncans Leben eigentlich nur vor, wenn es um seinen Lieblingsmusiker Tucker Crowe geht. Der Singer/Songwriter feierte in den 80ern mittelgroße Erfolge, beendete dann aber aus unbekannten Gründen seine Karriere und lebt seitdem völlig zurückgezogen in einer amerikanischen Kleinstadt. Als nach 15 Jahren völlig überraschend eine neue Crowe-CD mit bisher unveröffentlichten Demoversionen erscheint, kommt es zur großen Beziehungskrise: Während Duncan natürlich sofort seine Expertenmeinung im Netz veröffentlicht, ist es doch ein Text von Annie, durch den sich Crowe zum ersten Mal verstanden fühlt. Ist nach 15 Jahren Routine noch ein anderes Ankommen möglich? Wieviele Kompromisse kann Liebe aushalten? Wenn Annie und Tucker sich annähern, werden Themen verhandelt, bei denen selbst Musikbanausen genau hinhören (cs)…mehr
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(c) bunkverlag
Besprechung von 27.10.2009
Abschied vom Pop oder Wie ich verlernte, jung zu sein

Nick Hornby traf mit "High Fidelity" den Nerv einer planlosen Generation, deren einziger Fixstern die eigene Plattensammlung war. Der neue Roman des Briten ist ein Abgesang auf die Fan-Kultur.

Dem britischen Bestsellerautor Nick Hornby kommt das Verdienst zu, einen neuen Typus Romanhelden berühmt gemacht zu haben. Oder besser gesagt: einen neuen Typus des literarischen Anti-Helden. Das ist der eskapistische Pop-Fan. Dieser Held, der heute längst beispielhaft ist für eine ganze Nachkriegsgeneration männlicher Turnschuhträger, hat kein Interesse daran, die Welt zu verändern - und überhaupt ein Problem mit dem Erhabenen. Stattdessen hortet Hornbys Pop-Held lieber Hunderte von Songs, auf denen Leidenschaft, Liebeskummer und jene Schmerzen nur besungen werden, die er selbst nicht riskieren will. Wahrscheinlich ist er weniger ein Berufsjugendlicher, der nicht erwachsen werden will (wie die meisten Kritiker Hornbys Romane gedeutet haben), als ein Handlungsskeptiker, der für eine typisch postmoderne Lähmung steht: die Lähmung, sich nicht zu einer eigenen Biographie voller eventueller Fehler und Bitternisse durchringen zu können. So lassen sich alle Romane des humorvollen Moralisten Hornby auch als Trostschriften auf die heutige Konsumkultur lesen, die das Fan-Dasein so lange als sympathisches Refugium verteidigen, bis der Protagonist durch eine unverhoffte Schicksalswendung von seinem Spleen erlös wird.

Nach dem bewährten Schema läuft auch der neueste Hornby-Roman "Juliet, naked" ab. Auch hier steht ein Pop-Fan namens Duncan im Mittelpunkt, für den die Frage nach dem Musikgeschmack eine Glaubensfrage ist, die seine Welt tröstlich in Jünger und Ketzer unterteilt. Vor allem bei seinem Lieblingsheiligen, einem seit mehr als zwanzig Jahre verschollenen, amerikanischen Sänger namens Tucker Crowe, versteht der selbsternannte "Crowologe" Duncan, obschon Mitte vierzig, keinen Spaß. Seine Freizeit verbringt er am liebsten im Internet-Chat mit anderen Fans, um über neueste Gerüchte auszutauschen. Hat Tucker Crowe, dessen berühmtestes Album Juliet heißt, wirklich eine uneheliche Tochter mit einem ehemaligen New Yorker Model? Lebt er nun womöglich auf einer Farm in Pennsylvania? Und vor allem: Was genau geschah in der Nacht des 12. Juni 1986 auf einer Kneipentoilette in Minneapolis, die Tucker aufsuchte, bevor er seine Karriere an den Nagel hängte? Das sind die Fragen, über die sich Duncan den Kopf zerbricht, damit er nicht über andere, wichtigere Dinge nachdenken muss.

Nach den Erfolgen der ersten beiden Fan-Romane "Fever Pitch" und "High Fidelity" war Nick Hornby früh auf die Rolle des Pop-Predigers festgelegt, die er sodann mit mehr Ernsthaftigkeit zu unterfüttern suchte. Zumindest wurden seine Bücher immer moralischer. "About a boy" handelte von einem Taugenichts, der sich mit den Problemen alleinerziehender Mütter auseinandersetzen musste. In "How to be good" (2001) ging es darum, wie man in der zynischen Medienindustrie ein "guter Mensch" bleiben könne. Der Nachfolger "A long way down" (2005) schreckte gar vor der existentiellen Grundsatzfrage Selbstmord nicht zurück, und "Slam" (2008) schließlich erzählte von einem Teenager, der ungewollt Vater wird. So krisenhaft Hornbys Geschichten anmuteten, so strikt hielt der Autor auch hier an dem bewährt flapsigen, auf Pointen ausgerichteten Kumpel-Tonfall fest, der wirkliche Verzweiflung von vorneherein ausspart.

In "Juliet, naked" kehrt der Autor auf vertrautes, weniger unheilschwangeres Terrain zurück. Und doch wirkt "Juliet, naked" wie ein höhnischer, gelegentlich auch sentimentaler Abgesang auf den Pop-Fan, dessen Lebensuntüchtigkeit hier gründlich durch den Kakao gezogen wird. War der Plattenladenbesitzer Rob Flemming aus "High Fidelity" noch ein bindungsgehemmter, aber liebenswerter Spinner, ist der zehn Jahre ältere Dozent Duncan nur noch ein weltfremder Idiot. Das wird gleich in der ersten Szene deutlich, als er sich von seiner Freundin Annie auf jener schäbigen Toilette in Minneapolis fotografieren lässt, die für sein Idol Tucker einst das Ende der Laufbahn markierte.

Das Paar ist auf Crowe-Pilgertour quer durch Amerika unterwegs, und Annie wird klar, dass es so, "eingefroren in einer immerwährenden Postgraduiertenwelt", nicht weitergehen kann. Fast fünfzehn Jahre ist sie mit Duncan zusammen; so lange liegt bezeichnenderweise die Veröffentlichung von "High Fidelity" zurück. Und Annie fühlt sich gefangen in einer "Vernunftehe" des lauwarmen Nebeneinanders, dessen deprimierende Trostlosigkeit durch die Tristesse des gemeinsamen Wohnorts an der britische Küste noch verstärkt wird.

Jetzt, mit fast vierzig, wünscht sich die Kuratorin des örtlichen Heimatmuseums noch ein Kind. Aber mit dem verbohrten Duncan ist das nicht zu machen. Damit nimmt Annie jenen Gegenpart einer bürgerlichen Werteordnung ein, den man auch von Rob Flemmings Freundin Laura kennt. Und Hornby hat diesmal noch einen zweiten Gegenpart zu seinem Pop-Fan eingebaut, in Gestalt des Idols Tucker Crowe, der sich mit einem neuen Album namens "Juliet, naked" zurückmeldet. Dass der Rockstar ausgerechnet mit Annie und nicht mit seinem Fan Duncan in Mailkontakt tritt, führt zu einer Verwechslungs- und Liebeskomödie in Hollywood-Manier, die mit gängigen Pop-Mythen aufräumt.

Denn natürlich ist Tucker Crowe in Wahrheit ganz anders und längst nicht so heroisch, wie seine Fans glauben. Angefangen damit, dass der gealterte Musiker inzwischen aussieht wie ein "pensionierter Rechnungsprüfer", wirkt der Alkoholiker und Vater von fünf unehelichen Kindern eher gebrochen als glamourös. "Juliet, naked" ist ein routiniertes Pop-Abschiedsbuch, in dem Hornby den Starkult verulkt, der durch das Internet bizarre Ausmaße erreicht hat. Der Autor bleibt darin aber so sehr ein wertekonservativer Trostprediger, dass von Abschiedsschmerz oder aber böser Häme kaum etwas zu spüren ist. Alle drei Hauptfiguren hadern mit ihrem Leben, doch niemals sitzt der Kummer so tief, dass man darüber nicht noch einen versöhnlichen Gag machen könnte.

Wenn Tucker seine vaterlos aufgewachsene Tochter Lizzie nach Jahrzehnten wiedersieht, erschöpft sich deren Vaterhass in der spöttischen Bemerkung, der treulose Rockpapa solle am besten seinen eigenen Wikipedia-Eintrag verfassen, "damit deine Kinder irgendetwas über dich wissen". Annie steckt ihre verschwendete Zeit mit Duncan, die sie wohl zur lebenslang kinderlosen Frau machen wird, ebenfalls locker weg und überlegt nur witzelnd: "Auf wie viel (verpassten) Sex lief das überhaupt hinaus?" Und Duncan erkennt vor lauter Fanwissen weder den echten Tucker Crowe auf der Straße noch die wahre Liebe in Gestalt einer Uni-Kollegin. Die amüsanten, aber harmlosen Pointen lassen kaum je etwas beunruhigend in der Schwebe und übertönen oft jene echte Bitternis eines zerplatzten Lebenstraums, die einer Verlustgeschichte erst tragische Größe verleiht.

GISA FUNCK

Nick Hornby: "Juliet, naked". Roman. Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009. 304 S., geb., 19,95 [Euro].

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