Meine Frau will einen Garten - Matzig, Gerhard

Gerhard Matzig 

Meine Frau will einen Garten

Vom Abenteuer, ein Haus zu bauen

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Meine Frau will einen Garten

"Wie ich hierher geraten konnte? In dieses wunderschöne Haus am Stadtrand, umgeben von einer wunderschönen Frau und großen Zäunen, von Gartenzwergen und Bayernfahnen, dazu angehalten, den Rasen zwar nicht zwischen 12 und 14 Uhr, dafür aber grundsätzlich am Samstag zu mähen? Wie all das geschehen konnte? Gute Frage, wirklich, das ist eine sehr gute Frage." Gerhard Matzig erzählt die turbulente Geschichte von einer Familie, die auszog, ein Haus zu bauen: Er erzählt von Pleiten, Pannen, Katastrophen - und warum am Ende doch noch alles gut wird!



Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 2012
  • Ausstattung/Bilder: 2012. 254 S. 187 mm
  • Seitenzahl: 256
  • Goldmann Taschenbücher Bd.15630
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 127mm x 22mm
  • Gewicht: 235g
  • ISBN-13: 9783442156306
  • ISBN-10: 3442156300
  • Best.Nr.: 33336088
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 08.03.2010

Das kleine Schwarze
Von SZ-Autoren: Gerhard Matzig baut ein Haus
Seit bald zwanzig Jahren bereist Gerhard Matzig im Auftrag dieser Zeitung die Welt der schönen Häuser. Als Architekturkritiker besah er sich manch fußballturniertaugliches Wohnzimmer und Badewannen mit eingebautem Meerblick. Er besuchte spektakuläre Ikonen moderner Baukunst: die weiß strahlende Villa Savoye von Corbusier, die aussieht, als sei das Leben eine einzige glamouröse Party – oder Haus Fallingwater von Frank Lloyd Wright, das um einen Wasserfall herum gebaut wurde.
Leider vergaß Matzig stets, danach zu fragen, was solche Traumhäuser kosten. Über Baupreise informierte er sich erst, als sich seine Frau und seine drei Kinder Haus und Garten in der teuersten Stadt Deutschlands wünschten: in München. Für ihn war das ein gewaltiger Schock. Überraschend war auch, dass es Bauvorschriften und Behörden gibt; dass Nachbarn die Farbe Schwarz nicht mögen; dass ein Wohnzimmer schmaler sein kann als ein Familienauto lang ist – und dass die Design-Handwaschbecken schön anzusehen, aber zum Händewaschen ungeeignet sind. Einmal im Leben: Hausbau ist ein Abenteuer und kann sogar ein Drama …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Dieter Bartetzko hat die Beleuchtung der Frage, warum sich der Mensch immer wieder für den Traum vom Eigenheim im Grünen abrackert und dafür jede Menge Unglück in Kauf nimmt, durch Gerhard Matzig mit großem Vergnügen und, wie es scheint, wiederholtem einverstandenem Nicken gelesen. Die "Wonne" bei der Lektüre liegt laut Rezensent nicht zuletzt darin, dass der Autor - als Architekturkritiker und Ehemann intimer Kenner der Materie - sich seinem Sujet mit Ironie und lakonischer Abgeklärtheit nähert. Bartetzko zeigt sich von den stilistischen Eigenheiten des Buches sehr angetan, dessen Genauigkeit und Ton ihn positiv an die Satiren von Simon Borowiak erinnern.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 16.05.2010

Mann mit Haus

Viele träumen von einem Haus im Grünen. Gerhard Matzig baute sich eins und schrieb ein Buch, das von den Abgründen des gebauten Glücks handelt

Große gesellschaftliche Umbrüche manifestieren sich immer in Dingen und Formen. In der Mode. In Autos. Und vor allem in der Architektur, bei den Antworten, die Architekten, Bauherren, die Gesellschaft auf die Frage geben, wie wir miteinander leben wollen.

Wenn man durch Wohnzeitschriften der alten Bundesrepublik blättert, könnten die Formen, die "Glück" dort annimmt, nicht unterschiedlicher sein: 1954 wohnt das junge Paar am Stadtrand in einem Spitzdachhaus, die Frau steht am neuen Herd und bereitet einen deftigen Braten für die Familie, der Vater, mit dicker Brille und Wohlstandsbauch ausgestattet, poliert im Vorgarten den üppigen Chrom am Opel Rekord. Zehn Jahre später gilt das Spitzdachhaus ebenso wie der mit Stolz davor geparkte Wagen fast schon als Gipfel der Spießigkeit - das junge Paar trinkt nun lieber gemeinsam Martini unterm Flachdach: 1964 lebt man immer noch im Vorort, jetzt aber in einem schicken Bungalow.

Danach entwächst die Generation, die mit …

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"Matzig gelingt eine Ethnografie moderner Lebensformen und eine schonungslose Darstellung männlichen Denkens, weshalb gerade Leserinnen hier ihre helle Freude haben dürften."

Das kleine Schwarze

Von SZ-Autoren: Gerhard Matzig baut ein Haus

Seit bald zwanzig Jahren bereist Gerhard Matzig im Auftrag dieser Zeitung die Welt der schönen Häuser. Als Architekturkritiker besah er sich manch fußballturniertaugliches Wohnzimmer und Badewannen mit eingebautem Meerblick. Er besuchte spektakuläre Ikonen moderner Baukunst: die weiß strahlende Villa Savoye von Corbusier, die aussieht, als sei das Leben eine einzige glamouröse Party – oder Haus Fallingwater von Frank Lloyd Wright, das um einen Wasserfall herum gebaut wurde.

Leider vergaß Matzig stets, danach zu fragen, was solche Traumhäuser kosten. Über Baupreise informierte er sich erst, als sich seine Frau und seine drei Kinder Haus und Garten in der teuersten Stadt Deutschlands wünschten: in München. Für ihn war das ein gewaltiger Schock. Überraschend war auch, dass es Bauvorschriften und Behörden gibt; dass Nachbarn die Farbe Schwarz nicht mögen; dass ein Wohnzimmer schmaler sein kann als ein Familienauto lang ist – und dass die Design-Handwaschbecken schön anzusehen, aber zum Händewaschen ungeeignet sind. Einmal im Leben: Hausbau ist ein Abenteuer und kann sogar ein Drama sein. Mitunter ist es aber auch sehr heiter und beglückend. SZ

GERHARD MATZIG: Meine Frau will einen Garten. Vom Abenteuer, ein Haus am Stadtrand zu bauen. Verlag Goldmann, München 2010. 256 S., 17,95 Euro.

SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de

Gerhard Matzig, geboren 1963, hat Politische Wissenschaften und Architektur in Passau und München studiert. Nach einer Tätigkeit als freier Autor wurde er 1997 Redakteur im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung”, seit 2002 ist er Leitender Redakteur. Für seine journalistische Tätigkeit in den Bereichen Architektur und Design wurde er mit renommierten Preisen ausgezeichnet. Gerhard Matzig ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in München.

Leseprobe zu "Meine Frau will einen Garten" von Gerhard Matzig

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Leseprobe zu "Meine Frau will einen Garten" von Gerhard Matzig

Wie es kam, dass die Erde nach Feierabend stillstand? Und wie ich hierher geraten konnte? In dieses wunderschöne Haus am Stadtrand, umgeben von einer wunderschönen Frau und großen Zäunen, von Gartenzwergen und Bayernfahnen, dazu angehalten, den Rasen zwar nicht zwischen 12 und 14 Uhr, dafür aber grundsätzlich am Samstag zu mähen? Wie all das geschehen konnte? Gute Frage, wirklich, das ist eine sehr gute Frage.

1. Kapitel, in welchem eine Familie vorgestellt wird, die sich morgens um halb sieben anhört wie ein sinkender Flugzeugträger. Eine schlimme Krankheit wird beim übermüdeten männlichen Familienvorstand vermutet, aber dann doch nicht bestätigt. Wenn man jedoch gesund ist, denkt seine Frau, kann man dann nicht auch ein Haus bauen?

Das Bett knarzt. Pia grummelt im Schlaf. Deshalb verharre ich mitten in der Bewegung, was meine Bauchmuskeln genau eine halbe Sekunde mitmachen. Dann sacke ich ächzend zurück ins Kissen. Pia grummelt jetzt nicht mehr im Schlaf, sondern im Ärger. Sie dreht den Kopf zu mir rüber und sagt: "Fünf. Es ist fünf Uhr. Fünf Uhr früh. Kannst du schon wieder nicht schlafen?" Sie macht das kleine Licht an ihrer Seite an und setzt sich auf. Meine Frau schaut mich jetzt zugleich zärtlich, sorgenvoll und supersauer an. So einen Blick hat nur Pia drauf. Sie hat grüne Augen. "Schlaf weiter, Pia", sage ich.

"Würde ich ja gerne", antwortet sie, "aber da liegt ein Mann neben mir, der immer zwischen drei und sechs aufwacht und sich über mich beugt, um nachzuschauen, wie spät es ist. Das hört sich nach anstrengenden Sit-ups an, weil du dabei meistens röchelst, weshalb ich aufwache. Immer zwischen drei und sechs."

"'tschuldigung."

"Schon gut. Warum nimmst du den Wecker nicht auf deine Seite?"

"Ich will keinen Wecker. Der Wecker tickt. Und beim Ticken hört man, wie die Zeit vergeht. Mein Leben vertickt. Ich bin 45 Jahre alt, und der Wecker sagt dazu: tick, tick, tick. Und du willst, dass wir alle in ein Haus an den Stadtrand ziehen, und der Wecker sagt dazu tick, tick, tick ..."

"Blödsinn. Du tickst ja nicht richtig, Liebling. Komm, schlaf weiter. Mach dir keine Sorgen. Wir finden eh nie ein Haus." Sie gähnt und kuschelt sich seufzend wieder in ihr Kissen.

"Ich kann nicht schlafen."

"Hmmm. Warum nicht?"

"Weil du einen Garten willst. Und so, wie du ein Haus für uns suchst, wirst du auch eines finden. Meine Tage hier in dieser Wohnung sind gezählt. Tick, tick, tick."

Pia hört das nicht mehr, sie ist schon wieder eingeschlafen. Vermutlich träumt sie vom Garten. Ihr Traum ist mein Alptraum. Seit Monaten kann ich nicht mehr richtig schlafen und wache immer viel zu früh auf. Garten, Haus, Vorort, S-Bahn, ein Leben in Verschuldung und an der Peripherie. Und am Samstag immer zum Gartencenter. Tick, tick, tick. Der Wecker klingt hämisch. Und auch ein bisschen wie eine Bombe. Als wollte mir der Wecker sagen, dass mein Leben, so wie ich es kenne, bald vorbei sein wird. Da soll man schlafen können.

Draußen vor dem Schlafzimmerfenster weiß der aufziehende Münchner Herbstmorgen nicht genau, ob er sich noch wie ein frisch gebügelter Spätsommertag oder schon wie ein knittriger Frühwintertag anfühlen soll. Ich bin, in der Mitte meines Lebens angekommen, ebenso müde wie schlaflos.

Auf Pias Seite stapeln sich seit Monaten Zeitschriften rund um den Nachttisch, die Traumhäuser präsentieren. Perfekte Häuser mit perfekten Menschen darin. Pia lässt mir Zeit, aber sie hört auch nicht auf, Hausbesichtigungstermine zu vereinbaren. Oder gleich vom Hausbau zu sprechen. Vom "großen Abenteuer", wie sie sagt. So habe ich mir Termine beim Küchenplaner und Entscheidungen über Fliesenmuster auch immer vorgestellt: als das große Abenteuer meines Lebens. Fehlt nur noch, dass wir eine Musterhausausstellung besuchen. So weit kommt's noch, denke ich und wälze mich wieder herum. Die Laune ist nicht so besonders. Die Ehe zurzeit auch nicht.

Ich würde gern weiterschlafen. Oder aufstehen. Die Unentschlossenheit macht wach und müde zugleich. Ein Dilemma. Ist das Problem eines Mitte-des-Lebens-Lebens nicht vielleicht einfach diese Mitte? Ich bin deshalb zurzeit für jedes Extrem zu haben. Knittriger Wintertag, denke ich, genau, ich bin jetzt einfach mal für Wintertag. Man muss die Ränder suchen in der Mitte des Lebens. Aber nicht unbedingt die Ränder der Stadt. Pia will ein Haus mit Garten am Stadtrand. Ich nicht.

Einen Winterwolkentag wünsche ich mir. Winterwolkentag hört sich nach Bettdecke an. Bettdecke heißt Schlaf, und an Schlaf wäre mir gelegen. Noch eine Stunde, höchstens anderthalb, dann stehen unsere Kinder Julia, Anton und Max auf, erst eins, dann zwei, dann drei - und dann auch meine Frau. Es wird noch nicht halb sieben sein, und schon wird mein Leben sein, als spiele es sich auf dem Deck eines Flugzeugträgers ab, der in Kriegshandlungen verwickelt und soeben von einem Torpedo gerammt wurde.

Erst brüllt der Kapitän: "Schadensmeldung! Ich brauche einen vollständigen Schadensbericht!" Dann brüllt der Erste Offizier: "Maschinenausfall. Wassereinbruch achtern. Wir schalten um auf Notstrom. Schlagseite. Vierzehn Grad. Wir sinken." Dann wieder der Kapitän: "Okay Leute, raus, alle raus hier." Und mitten im Getümmel höre ich Anton heulen. Er heult, weil ihm sein Bruder eine wichtige Indiana-Jones-Figur aus dem Lego-Sortiment entwendet hat. Dann brüllt Max, weil Anton ihn dafür geschubst hat. Dann brüllt Julia, weil sie als Älteste findet, dass sich ihre jüngeren Brüder nicht so aufführen sollen. Sie spielt gerne die Ersatzmama und entwickelt wegen ihrer Brüder frühe Merkmale eines spätsozialistischen Blockwarts. Dann brüllt Pia. Sie findet, dass sich ihre Tochter nicht als Ersatzmama und schon gar nicht wie ein Ersatzblockwart aufführen soll.

Dann brülle ich. Weil ich finde, dass sich meine Familie nicht so aufführen soll. Und dann auch einfach so. Einfach, weil ich nicht weiß, ob ich ein Haus bauen soll. Und weil ich müde bin.

Schlaf wäre gut. Und dazu eine dicke Decke, die man über alles wie Pulverschnee breiten könnte: über die Gedanken zu Immobilienkrediten, über Baukostensteigerungsnachrichten und Gartencenterprospekte, über neue Schulen für die Kinder und über eine Zukunft im Vorort. Und dann schlafen, einfach nur schlafen. Nur dass ich nicht schlafen kann.

Leseprobe zu "Meine Frau will einen Garten" von Gerhard Matzig

Wie es kam, dass die Erde nach Feierabend stillstand? Und wie ich hierher geraten konnte? In dieses wunderschöne Haus am Stadtrand, umgeben von einer wunderschönen Frau und großen Zäunen, von Gartenzwergen und Bayernfahnen, dazu angehalten, den Rasen zwar nicht zwischen 12 und 14 Uhr, dafür aber grundsätzlich am Samstag zu mähen? Wie all das geschehen konnte? Gute Frage, wirklich, das ist eine sehr gute Frage.

1. Kapitel, in welchem eine Familie vorgestellt wird, die sich morgens um halb sieben anhört wie ein sinkender Flugzeugträger. Eine schlimme Krankheit wird beim übermüdeten männlichen Familienvorstand vermutet, aber dann doch nicht bestätigt. Wenn man jedoch gesund ist, denkt seine Frau, kann man dann nicht auch ein Haus bauen?

Das Bett knarzt. Pia grummelt im Schlaf. Deshalb verharre ich mitten in der Bewegung, was meine Bauchmuskeln genau eine halbe Sekunde mitmachen. Dann sacke ich ächzend zurück ins Kissen. Pia grummelt jetzt nicht mehr im Schlaf, sondern im Ärger. Sie dreht den Kopf zu mir rüber und sagt: "Fünf. Es ist fünf Uhr. Fünf Uhr früh. Kannst du schon wieder nicht schlafen?" Sie macht das kleine Licht an ihrer Seite an und setzt sich auf. Meine Frau schaut mich jetzt zugleich zärtlich, sorgenvoll und supersauer an. So einen Blick hat nur Pia drauf. Sie hat grüne Augen. "Schlaf weiter, Pia", sage ich.

"Würde ich ja gerne", antwortet sie, "aber da liegt ein Mann neben mir, der immer zwischen drei und sechs aufwacht und sich über mich beugt, um nachzuschauen, wie spät es ist. Das hört sich nach anstrengenden Sit-ups an, weil du dabei meistens röchelst, weshalb ich aufwache. Immer zwischen drei und sechs."

"'tschuldigung."

"Schon gut. Warum nimmst du den Wecker nicht auf deine Seite?"

"Ich will keinen Wecker. Der Wecker tickt. Und beim Ticken hört man, wie die Zeit vergeht. Mein Leben vertickt. Ich bin 45 Jahre alt, und der Wecker sagt dazu: tick, tick, tick. Und du willst, dass wir alle in ein Haus an den Stadtrand ziehen, und der Wecker sagt dazu tick, tick, tick ..."

"Blödsinn. Du tickst ja nicht richtig, Liebling. Komm, schlaf weiter. Mach dir keine Sorgen. Wir finden eh nie ein Haus." Sie gähnt und kuschelt sich seufzend wieder in ihr Kissen.

"Ich kann nicht schlafen."

"Hmmm. Warum nicht?"

"Weil du einen Garten willst. Und so, wie du ein Haus für uns suchst, wirst du auch eines finden. Meine Tage hier in dieser Wohnung sind gezählt. Tick, tick, tick."

Pia hört das nicht mehr, sie ist schon wieder eingeschlafen. Vermutlich träumt sie vom Garten. Ihr Traum ist mein Alptraum. Seit Monaten kann ich nicht mehr richtig schlafen und wache immer viel zu früh auf. Garten, Haus, Vorort, S-Bahn, ein Leben in Verschuldung und an der Peripherie. Und am Samstag immer zum Gartencenter. Tick, tick, tick. Der Wecker klingt hämisch. Und auch ein bisschen wie eine Bombe. Als wollte mir der Wecker sagen, dass mein Leben, so wie ich es kenne, bald vorbei sein wird. Da soll man schlafen können.

Draußen vor dem Schlafzimmerfenster weiß der aufziehende Münchner Herbstmorgen nicht genau, ob er sich noch wie ein frisch gebügelter Spätsommertag oder schon wie ein knittriger Frühwintertag anfühlen soll. Ich bin, in der Mitte meines Lebens angekommen, ebenso müde wie schlaflos.

Auf Pias Seite stapeln sich seit Monaten Zeitschriften rund um den Nachttisch, die Traumhäuser präsentieren. Perfekte Häuser mit perfekten Menschen darin. Pia lässt mir Zeit, aber sie hört auch nicht auf, Hausbesichtigungstermine zu vereinbaren. Oder gleich vom Hausbau zu sprechen. Vom "großen Abenteuer", wie sie sagt. So habe ich mir Termine beim Küchenplaner und Entscheidungen über Fliesenmuster auch immer vorgestellt: als das große Abenteuer meines Lebens. Fehlt nur noch, dass wir eine Musterhausausstellung besuchen. So weit kommt's noch, denke ich und wälze mich wieder herum. Die Laune ist nicht so besonders. Die Ehe zurzeit auch nicht.

Ich würde gern weiterschlafen. Oder aufstehen. Die Unentschlossenheit macht wach und müde zugleich. Ein Dilemma. Ist das Problem eines Mitte-des-Lebens-Lebens nicht vielleicht einfach diese Mitte? Ich bin deshalb zurzeit für jedes Extrem zu haben. Knittriger Wintertag, denke ich, genau, ich bin jetzt einfach mal für Wintertag. Man muss die Ränder suchen in der Mitte des Lebens. Aber nicht unbedingt die Ränder der Stadt. Pia will ein Haus mit Garten am Stadtrand. Ich nicht.

Einen Winterwolkentag wünsche ich mir. Winterwolkentag hört sich nach Bettdecke an. Bettdecke heißt Schlaf, und an Schlaf wäre mir gelegen. Noch eine Stunde, höchstens anderthalb, dann stehen unsere Kinder Julia, Anton und Max auf, erst eins, dann zwei, dann drei - und dann auch meine Frau. Es wird noch nicht halb sieben sein, und schon wird mein Leben sein, als spiele es sich auf dem Deck eines Flugzeugträgers ab, der in Kriegshandlungen verwickelt und soeben von einem Torpedo gerammt wurde.

Erst brüllt der Kapitän: "Schadensmeldung! Ich brauche einen vollständigen Schadensbericht!" Dann brüllt der Erste Offizier: "Maschinenausfall. Wassereinbruch achtern. Wir schalten um auf Notstrom. Schlagseite. Vierzehn Grad. Wir sinken." Dann wieder der Kapitän: "Okay Leute, raus, alle raus hier." Und mitten im Getümmel höre ich Anton heulen. Er heult, weil ihm sein Bruder eine wichtige Indiana-Jones-Figur aus dem Lego-Sortiment entwendet hat. Dann brüllt Max, weil Anton ihn dafür geschubst hat. Dann brüllt Julia, weil sie als Älteste findet, dass sich ihre jüngeren Brüder nicht so aufführen sollen. Sie spielt gerne die Ersatzmama und entwickelt wegen ihrer Brüder frühe Merkmale eines spätsozialistischen Blockwarts. Dann brüllt Pia. Sie findet, dass sich ihre Tochter nicht als Ersatzmama und schon gar nicht wie ein Ersatzblockwart aufführen soll.

Dann brülle ich. Weil ich finde, dass sich meine Familie nicht so aufführen soll. Und dann auch einfach so. Einfach, weil ich nicht weiß, ob ich ein Haus bauen soll. Und weil ich müde bin.

Schlaf wäre gut. Und dazu eine dicke Decke, die man über alles wie Pulverschnee breiten könnte: über die Gedanken zu Immobilienkrediten, über Baukostensteigerungsnachrichten und Gartencenterprospekte, über neue Schulen für die Kinder und über eine Zukunft im Vorort. Und dann schlafen, einfach nur schlafen. Nur dass ich nicht schlafen kann.

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