Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen - Gogol, Nikolai Wassiljewitsch

Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen

Nikolai Wassiljewitsch Gogol 

Aus d. Russ. v. Alexander Eliasberg
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Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen

'Seit Gogol ist die russische Literatur komisch', attestierte einst Thomas Mann dem Meister des absurden und doch so tiefsinnigen Humors. Hier sind zwei Paradebeispiele für Gogols einzigartige Erzählkunst vereint: In den 'Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen' gleitet der Titularrat Poprischtschin immer weiter hinab in eine grotesk verzerrte Welt des Irrsinns, bis sie schließlich vollkommen von ihm Besitz ergreift. Der Newski-Prospekt, Petersburgs Prachtboulevard, ist in der gleichnamigen Erzählung Schauplatz einer kurzen Begegnung zweier Herren, die schmerzlich erfahren müssen, dass die Kluft zwischen mondänem Schein und ernüchternder Realität unüberbrückbar ist.


Produktinformation

  • Verlag: Anaconda
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 78 S.
  • Seitenzahl: 78
  • Kleine Klassiker
  • Deutsch
  • Abmessung: 195mm x 130mm x 13mm
  • Gewicht: 150g
  • ISBN-13: 9783866472365
  • ISBN-10: 3866472366
  • Best.Nr.: 23350140
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 01.04.2009

Bin ich auch nicht betrunken?
Ikonographie des Irrenhauses: Gogols "Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen", neu übersetzt von Peter Urban, spielen auf Goya an

Komik, die tragisch wirkt, fehlt bei Nikolai Gogol fast nie. Thomas Mann nannte den heute vor zweihundert Jahren Geborenen "komisch aus Realismus, aus Leid und Mitleid, aus tiefster Menschlichkeit, aus satirischer Verzweiflung". Nicht nur Tschitschikows Idee, russischen Gutsbesitzern Karteileichen abzuhandeln, weil die verstorbenen Leibeigenen noch auf staatlichen Steuerlisten stehen und so weiter hohe Einkünfte versprechen, zeugt von schalkhafter Gerissenheit. Gogol verdankte den grotesken Einfall zu den "Toten Seelen" zwar seinem Freund Puschkin, im tragisch-komischen Sujet hatte er sich da aber bereits bewährt. Unter den Erzählungen, die 1835 zu Beginn des Romanprojekts gerade vorlagen, glänzen besonders "Die Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen".

Axenti Iwanowitsch Poprischtschin ist ein kleines Würstchen im St. Petersburger Ministerium - zweiundvierzig Jahre alt, keine Schönheit, etwas einfältig und den ganzen Tag mit dem Anspitzen von Schreibfedern beschäftigt. Er scheint ein Mann …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Pünktlich zum zweihundertsten Geburtstag Nikolai Gogols bespricht Alexander Kosenina eine Neuübersetzung der "Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen", die der Rezensent als eine der herausragenden Erzählungen des russischen Schriftstellers schätzt. Darin kann der Leser mitverfolgen, wie sich ein kleiner Beamter in St. Petersburg vollkommen aussichtslos in die Tochter des Direktors seines Ministeriums verliebt und am Ende dem Wahn erliegt, legitimer Thronfolger des spanischen Königs zu sein, fasst der Rezensent zusammen. Wenn der arme Beamte schließlich ins Irrenhaus gebracht wird, fühlt er sich unweigerlich an Goyas Gemälde "Casa de locos" erinnert, dessen "hochpolitische" Dimension er auch auf Gogols Erzählung angewendet wissen will. Kosenina erwähnt zwar die Vorzüge der neuen Übersetzung durch Peter Urban nicht eigens, er lobt aber sein "ausgezeichnetes Nachwort und Kommentar", auch wenn das Goya'sche Gemälde darin nicht erwähnt wird, wie Kosenina feststellen muss.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 16.11.2004

Hörbuch
Ein Wahnsinn
Ueli Jäggis allumfassende Gogol-Interpretation
Da ist diese Stimme, verhalten, leicht nervös, hin und wieder kurz aufflackernd. Und da ist dieses seltsame Geräusch im Hintergrund, unauffällig, aber penetrant. Ein rätselhaftes Klicken und Klacken. Wird es lauter? Nein, nur kann man die Ohren nicht mehr davon lösen. Klock. Klock. Klock. Zum Wahnsinnigwerden.
Die Stimme spricht weiter. Es ist die Stimme eines Tischvorstehers. Er sitzt in irgendeiner russischen Amtsstube, giftet sich mit dem Abteilungsleiter an und schneidet dem Direktor die Schreibfedern. Der Direktor hat eine Tochter, jung, zart, engelsgleich, ein Wesen aus einer anderen Welt, unerreichbar für den Tischvorsteher. Ihr Hündchen aber, ihr Hündchen spricht zu ihm.
Von da an geht es ziemlich schnell, von da an rutscht der Tischvorsteher unweigerlich in einen Zustand, den man gemeinhin als wahnsinnig bezeichnet. Auch wenn manche seiner „Aufzeichnungen”, seiner tagebuchartigen Notizen, eher irgendwo zwischen Don Quijote und Dada anzusiedeln sind: „Ich entdeckte, dass Spanien und China dasselbe Land sind und man sie nur aus Unkenntnis für verschiedene hält.” …

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Hörbuch

Ein Wahnsinn

Ueli Jäggis allumfassende Gogol-Interpretation

Da ist diese Stimme, verhalten, leicht nervös, hin und wieder kurz aufflackernd. Und da ist dieses seltsame Geräusch im Hintergrund, unauffällig, aber penetrant. Ein rätselhaftes Klicken und Klacken. Wird es lauter? Nein, nur kann man die Ohren nicht mehr davon lösen. Klock. Klock. Klock. Zum Wahnsinnigwerden.

Die Stimme spricht weiter. Es ist die Stimme eines Tischvorstehers. Er sitzt in irgendeiner russischen Amtsstube, giftet sich mit dem Abteilungsleiter an und schneidet dem Direktor die Schreibfedern. Der Direktor hat eine Tochter, jung, zart, engelsgleich, ein Wesen aus einer anderen Welt, unerreichbar für den Tischvorsteher. Ihr Hündchen aber, ihr Hündchen spricht zu ihm.

Von da an geht es ziemlich schnell, von da an rutscht der Tischvorsteher unweigerlich in einen Zustand, den man gemeinhin als wahnsinnig bezeichnet. Auch wenn manche seiner „Aufzeichnungen”, seiner tagebuchartigen Notizen, eher irgendwo zwischen Don Quijote und Dada anzusiedeln sind: „Ich entdeckte, dass Spanien und China dasselbe Land sind und man sie nur aus Unkenntnis für verschiedene hält.” Seine Stimme wird jetzt auffälliger, erst bebt sie, dann springen wie Pfropfen die ‚P’s von den Worten, schließlich, faucht, heult und brüllt der Patient.

Kaum ist der Tischvorsteher nämlich der Idee verfallen, sich für Ferdinand VIII. zu halten, wird er schon der Segnungen der russischen Psychiatrie des 19. Jahrhunderts teilhaftig. Stockschläge sind da das Mindeste, den Wahnsinnigen ihren Wahnsinn auszutreiben

Und es gibt noch eine andere Heilmethode, eine, die gemeinhin wohl nur mit den Folterkammern des Mittelalters in Verbindung gebracht wird: Man lässt kaltes Wasser auf den Kopf des Delinquenten tropfen. Klock. Klock. Klock. Ist es also der Plan, die Wahnsinnigen in den Wahnsinn zu treiben? In der Hoffnung, dass zweimal Minus Plus ergäbe? Ein Wahnsinn. Es lässt an den Verstandeskräften der Autoritäten zweifeln, viel mehr als die Fantasien des Tischvorstehers an der Kraft seines Verstandes. Ganz im Gegenteil. Glück scheint allein da auf, wo er sich ungestraft in seinen Fantasien ergehen kann. Der Wahnsinn ist beim Tischvorsteher eine utopische Traumwelt. Die Welt der Amtsstuben und die hierarchisierte Gesellschaft mit ihren vielen Tabus, sie dagegen scheinen eine Ausgeburt kranker Gehirne.

Was in Nikolai Gogols „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen” mindestens angelegt ist, wird in der Sprechtheater-Version von Anna-Sophie Mahler und Ueli Jäggi von Anfang an mit bedacht. Hier klopft der Wahnsinn an die Tür, an den Kopf eines jeden. Und Ueli Jäggi, der im letzten Jahr schon einen Kollegen und Zeitgenossen des Tischvorstehers, Herman Melvilles Schreiber Bartleby, so überzeugend gab, besticht nun auch als Gogols trauriger Held. Jäggis stimmlicher Aktionsradius reicht von der piepsigen Pudelstimme bis zum Furcht einflößenden, krähend-keuchendem Lachen. Sein Vortrag ist zuweilen vorsichtig tastend, zuweilen stürmisch bewegt. Doch gerät er nie aus dem Gleichgewicht. Die Welt, wie sie auf fester Bahn durch den Kosmos taumelt, in fünfzig Minuten.

TOBIAS LEHMKUHL

NIKOLAI GOGOL: Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen. Sprecher: Ueli Jäggi, Regie: Anna-Sophie Mahler. sprechtheater, Zürich 2004, 1 CD, 50 Minuten, 16,80 Euro.

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Nikolai Wassiljewitsch Gogol wurde am 1. April 1809 in Welikije Sorotschinzy (Poltawa), Ukraine, geboren. Der Sohn eines ukrainischen Gutsbesitzers siedelte 1828 nach St. Petersburg über und versuchte sich als Beamter und Lehrer. Mit seinen ersten volkstümlichen Erzählungen erwarb sich Gogol 1831/32 große Anerkennung. 1848 unternahm Gogol eine Pilgerreise nach Jerusalem. Vier Jahre später starb er in Moskau.
Aus dem Inhalt:
Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen
Der Newski Prospekt
Die Nase
Der Mantel
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