Leseprobe zu "Die Kunst, gelassen zu bleiben" von Louis Lewitan
Zum Thema Stress gibt es viele Bücher. Haben nicht vor mir zahlreiche Experten die besten Methoden und Techniken zur Stress-Bewältigung umfassend dargestellt? Ist uns nicht längst bekannt, wie wir uns am vernünftigsten verhalten sollten? Dass zu viel Stress krank macht, zu wenig aber auch, wissen wir doch längst. So wie wir wissen, dass wir frühmorgens mit einem Lächeln aufstehen, tagsüber stets positiv denken, zwischendurch bewusst ein- und ausatmen sollten, und dass zu viel Bier und Fernsehen vor dem Schlafengehen ungesund sind.
Dennoch bin ich überzeugt, dass die Argumente für dieses Buch auf der Hand liegen: Denn abgesehen davon, dass der Mensch, solange er lebt, immer gestresst ist, sind die Anforderungen an unsere Stressresistenz in Zeiten wie diesen besonders hoch. Die globalen Herausforderungen der Menschheit rufen jenseits alltäglicher Belastungen massive Ängste hervor. Kein Wunder, dass die Zahl derer, die an negativem Stress erkranken, wächst. Dementsprechend groß ist der Bedarf an wirksamen Strategien zur Erlangung der Gelassenheit. Deshalb wurde für dieses Buch eine völlig neue Herangehensweise gewählt: Erstmals gaben 32 stresserprobte Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten Bereichen ausführlich zu Stress und Gelassenheit Auskunft. Ihre offenen Antworten zum Umgang mit großen und kleinen Krisen bringen uns, so meine ich, weiter als viele gut gemeinte Ratgeber, weil die Einsichten und Empfehlungen aus gelebter Erfahrung gewonnen wurden.
Wie wir Gelassenheit erlangen - eine uralte Frage Das vorliegende Buch versteht sich als Beitrag zu dem wissenschaftlich wenig erschlossenen Thema der Gelassenheit. Selbst auf dem Gebiet der klinischen Psychologie findet Gelassenheit bisher erstaunlich geringe Beachtung. Es scheint Wissenschaftlern leichter zu fallen, zu definieren, was krank und abnorm ist, als festzustellen, was gesund ist und glücklich macht. Dabei ist das Streben nach Gelassenheit ein bereits zwei Jahrtausende altes Anliegen. Dies belegen die Schriften bedeutender antiker Philosophen wie Seneca und Marc Aurel ebenso wie die Weltreligionen. Sie alle gehen der Frage nach, was Gelassenheit bedeutet, wie sie durch Befolgung von Geboten und Verboten erlangt werden kann und in welchem Zusammenhang sie mit Weisheit und Gerechtigkeit steht.
Eustress und Distress Der Mensch ist außerhalb der Dimensionen von Zeit, Raum und Energie nicht vorstellbar. Er befindet sich zeitlebens in einer fragilen Balance zwischen Anspannung und Entspannung. Dieser unstetige Aktivierungszustand lässt sich mit dem Begriff Stress umschreiben. Ist diese Spannung positiver Natur, nennt man sie Eustress oder positiven Stress. Diese vitale Energie stimmt zuversichtlich, motiviert, mobilisiert die Abwehrkräfte und spornt zu Höchstleistungen an.
Fühlt sich der Mensch hingegen erschöpft, überfordert und pessimistisch, wird dieser Spannungszustand als Distress oder negativer Stress bezeichnet. Diese negative Energie lässt die Kräfte und die Zuversicht schwinden, greift die Gesundheit an und beschleunigt den Alterungsprozess. Distress tritt dann ein, wenn die Anzahl, die Dauer und Intensität der Belastungen größer sind als die zur Verfügung stehenden Bewältigungsmöglichkeiten. Das Meistern der Stressoren, also der Belastungsquellen, hängt wiederum von vielen Faktoren ab, wie beispielsweise Persönlichkeitsstruktur, Erfahrung, Wissen, Können, körperliche Verfassung. Tatsache ist, dass der Mensch immer zwischen den beiden Polen Eustress und Distress hin- und herpendelt. Aus diesem Stress-Zyklus gibt es kein Entrinnen Vor der Krise ist nach der Krise - Stress goes global Global gesehen eilt die Menschheit von einer Wirtschafts- und Finanzkrise zur nächsten und die Spannungsherde verändern letztlich nur ihre Standorte: gestern Irland und Jugoslawien, heute Afghanistan und Iran. In Deutschland verschärft sich die Krise des Sozialstaats, die soziale Ungleichheit wächst und die Chancengleichheit sinkt, wodurch sich die Zukunftsperspektiven für viele zunehmend verengen.
Der Mensch scheint nie abschalten zu können. In den Aufschwungsphasen will er die Chancen ergreifen und darf sich verausgaben, in den Abschwungsphasen muss er sich zur Wahrung der Existenz verausgaben. Der Mensch, sagte der Kabarettist Gerhard Polt in unserem Gespräch, "wird funktionalisiert. Es gibt keine Pause im Sinne des Nichtstuns, sondern selbst die Muße muss dazu dienen, die Arbeitskraft wiederherzustellen." In diesem Sinne erfasst der global fortschreitende Technologie- und Strukturwandel alle Lebensbereiche. Der homo oeconomicus steht im Nano-Turbo-Zeitalter zunehmend unter Druck, gleichzeitig für viele jederzeit erreichbar sein zu müssen und soll zudem die stetig steigenden Anforderungen immer schneller und kostengünstiger abarbeiten. Weil die Welt immer rastloser, komplexer und unverständlicher wird, erzeugen die daraus resultierenden Belastungen und Unsicherheiten Ängste, und Angst stresst. Zugleich müssen wir wie eh und je mit den Banalitäten des Alltags fertigwerden, sprich das Bankkonto ausgleichen, den Abfall runtertragen, den leeren Kühlschrank füllen oder die vollen Windeln unserer Kinder wechseln. Mit anderen Worten, der Mensch ist fortwährend gestresst. Aus einer aktuellen Befragung des Forsa-Instituts und der Techniker Krankenkasse geht hervor, dass mehr als 80 Prozent der Befragten über Stress klagen, jeder Dritte unter Dauerstress steht und mehr als die Hälfte das Gefühl hat, ihr Leben sei in den letzten Jahren immer stressiger geworden.
Der Mensch kann sich zum Positiven weiterentwickeln Doch es gibt Hoffnung, auch im Hinblick auf das Streben nach mehr Gelassenheit. Ich gehe aufgrund meiner jahrelangen Tätigkeit als psychologischer Psychotherapeut, Coach und Berater davon aus, dass Individuen kraft ihrer Selbstwahrnehmung und -reflexion, innerhalb der von der Natur gesetzten Grenzen, auf ihr eigenes Denken, Fühlen und Verhalten intentional positiv einwirken können. Dieser Annahme zufolge ist es möglich, sich zu vervollkommnen.
Meine Klienten haben mir immer wieder bewiesen, dass sie imstande sind, ihre negativen Denk- und Verhaltensweisen zu verlernen und sie durch wirksame Strategien und Methoden in positive Einstellungen und Handlungen umzuwandeln. Ergo: Der Mensch ist der Schöpfer jener Grundlagen, die sein Leben lebenswert machen.
Wen und was will das Buch erreichen?
Aus einer übergeordneten Perspektive möchte das Buch eine Debatte zum Thema Gelassenheit anstoßen. Auf der gesellschaftlichen und unternehmerischen Ebene soll das Buch Politiker, Investoren und Manager ermuntern, sich hinsichtlich ihrer Vorbildfunktion ehrlich zu durchleuchten und der Frage nachzugehen, wie souverän sie auf die aktuellen Belastungen und Herausforderungen tatsächlich reagieren. Sind sie imstande, Übersicht und Ruhe zu bewahren, um die komplexen Probleme zu analysieren und tragfähige, manchmal auch für die Allgemeinheit unbequeme Lösungen zu erarbeiten? Nur wer inmitten von Aktionismus und Pessimismus seine Gelassenheit und Integrität glaubhaft bewahren kann, trägt zur dauerhaften Krisenbewältigung bei.
Leseprobe zu "Die Kunst, gelassen zu bleiben" von Louis Lewitan
Zum Thema Stress gibt es viele Bücher. Haben nicht vor mir zahlreiche Experten die besten Methoden und Techniken zur Stress-Bewältigung umfassend dargestellt? Ist uns nicht längst bekannt, wie wir uns am vernünftigsten verhalten sollten? Dass zu viel Stress krank macht, zu wenig aber auch, wissen wir doch längst. So wie wir wissen, dass wir frühmorgens mit einem Lächeln aufstehen, tagsüber stets positiv denken, zwischendurch bewusst ein- und ausatmen sollten, und dass zu viel Bier und Fernsehen vor dem Schlafengehen ungesund sind.
Dennoch bin ich überzeugt, dass die Argumente für dieses Buch auf der Hand liegen: Denn abgesehen davon, dass der Mensch, solange er lebt, immer gestresst ist, sind die Anforderungen an unsere Stressresistenz in Zeiten wie diesen besonders hoch. Die globalen Herausforderungen der Menschheit rufen jenseits alltäglicher Belastungen massive Ängste hervor. Kein Wunder, dass die Zahl derer, die an negativem Stress erkranken, wächst. Dementsprechend groß ist der Bedarf an wirksamen Strategien zur Erlangung der Gelassenheit. Deshalb wurde für dieses Buch eine völlig neue Herangehensweise gewählt: Erstmals gaben 32 stresserprobte Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten Bereichen ausführlich zu Stress und Gelassenheit Auskunft. Ihre offenen Antworten zum Umgang mit großen und kleinen Krisen bringen uns, so meine ich, weiter als viele gut gemeinte Ratgeber, weil die Einsichten und Empfehlungen aus gelebter Erfahrung gewonnen wurden.
Wie wir Gelassenheit erlangen - eine uralte Frage Das vorliegende Buch versteht sich als Beitrag zu dem wissenschaftlich wenig erschlossenen Thema der Gelassenheit. Selbst auf dem Gebiet der klinischen Psychologie findet Gelassenheit bisher erstaunlich geringe Beachtung. Es scheint Wissenschaftlern leichter zu fallen, zu definieren, was krank und abnorm ist, als festzustellen, was gesund ist und glücklich macht. Dabei ist das Streben nach Gelassenheit ein bereits zwei Jahrtausende altes Anliegen. Dies belegen die Schriften bedeutender antiker Philosophen wie Seneca und Marc Aurel ebenso wie die Weltreligionen. Sie alle gehen der Frage nach, was Gelassenheit bedeutet, wie sie durch Befolgung von Geboten und Verboten erlangt werden kann und in welchem Zusammenhang sie mit Weisheit und Gerechtigkeit steht.
Eustress und Distress Der Mensch ist außerhalb der Dimensionen von Zeit, Raum und Energie nicht vorstellbar. Er befindet sich zeitlebens in einer fragilen Balance zwischen Anspannung und Entspannung. Dieser unstetige Aktivierungszustand lässt sich mit dem Begriff Stress umschreiben. Ist diese Spannung positiver Natur, nennt man sie Eustress oder positiven Stress. Diese vitale Energie stimmt zuversichtlich, motiviert, mobilisiert die Abwehrkräfte und spornt zu Höchstleistungen an.
Fühlt sich der Mensch hingegen erschöpft, überfordert und pessimistisch, wird dieser Spannungszustand als Distress oder negativer Stress bezeichnet. Diese negative Energie lässt die Kräfte und die Zuversicht schwinden, greift die Gesundheit an und beschleunigt den Alterungsprozess. Distress tritt dann ein, wenn die Anzahl, die Dauer und Intensität der Belastungen größer sind als die zur Verfügung stehenden Bewältigungsmöglichkeiten. Das Meistern der Stressoren, also der Belastungsquellen, hängt wiederum von vielen Faktoren ab, wie beispielsweise Persönlichkeitsstruktur, Erfahrung, Wissen, Können, körperliche Verfassung. Tatsache ist, dass der Mensch immer zwischen den beiden Polen Eustress und Distress hin- und herpendelt. Aus diesem Stress-Zyklus gibt es kein Entrinnen Vor der Krise ist nach der Krise - Stress goes global Global gesehen eilt die Menschheit von einer Wirtschafts- und Finanzkrise zur nächsten und die Spannungsherde verändern letztlich nur ihre Standorte: gestern Irland und Jugoslawien, heute Afghanistan und Iran. In Deutschland verschärft sich die Krise des Sozialstaats, die soziale Ungleichheit wächst und die Chancengleichheit sinkt, wodurch sich die Zukunftsperspektiven für viele zunehmend verengen.
Der Mensch scheint nie abschalten zu können. In den Aufschwungsphasen will er die Chancen ergreifen und darf sich verausgaben, in den Abschwungsphasen muss er sich zur Wahrung der Existenz verausgaben. Der Mensch, sagte der Kabarettist Gerhard Polt in unserem Gespräch, "wird funktionalisiert. Es gibt keine Pause im Sinne des Nichtstuns, sondern selbst die Muße muss dazu dienen, die Arbeitskraft wiederherzustellen." In diesem Sinne erfasst der global fortschreitende Technologie- und Strukturwandel alle Lebensbereiche. Der homo oeconomicus steht im Nano-Turbo-Zeitalter zunehmend unter Druck, gleichzeitig für viele jederzeit erreichbar sein zu müssen und soll zudem die stetig steigenden Anforderungen immer schneller und kostengünstiger abarbeiten. Weil die Welt immer rastloser, komplexer und unverständlicher wird, erzeugen die daraus resultierenden Belastungen und Unsicherheiten Ängste, und Angst stresst. Zugleich müssen wir wie eh und je mit den Banalitäten des Alltags fertigwerden, sprich das Bankkonto ausgleichen, den Abfall runtertragen, den leeren Kühlschrank füllen oder die vollen Windeln unserer Kinder wechseln. Mit anderen Worten, der Mensch ist fortwährend gestresst. Aus einer aktuellen Befragung des Forsa-Instituts und der Techniker Krankenkasse geht hervor, dass mehr als 80 Prozent der Befragten über Stress klagen, jeder Dritte unter Dauerstress steht und mehr als die Hälfte das Gefühl hat, ihr Leben sei in den letzten Jahren immer stressiger geworden.
Der Mensch kann sich zum Positiven weiterentwickeln Doch es gibt Hoffnung, auch im Hinblick auf das Streben nach mehr Gelassenheit. Ich gehe aufgrund meiner jahrelangen Tätigkeit als psychologischer Psychotherapeut, Coach und Berater davon aus, dass Individuen kraft ihrer Selbstwahrnehmung und -reflexion, innerhalb der von der Natur gesetzten Grenzen, auf ihr eigenes Denken, Fühlen und Verhalten intentional positiv einwirken können. Dieser Annahme zufolge ist es möglich, sich zu vervollkommnen.
Meine Klienten haben mir immer wieder bewiesen, dass sie imstande sind, ihre negativen Denk- und Verhaltensweisen zu verlernen und sie durch wirksame Strategien und Methoden in positive Einstellungen und Handlungen umzuwandeln. Ergo: Der Mensch ist der Schöpfer jener Grundlagen, die sein Leben lebenswert machen.
Wen und was will das Buch erreichen?
Aus einer übergeordneten Perspektive möchte das Buch eine Debatte zum Thema Gelassenheit anstoßen. Auf der gesellschaftlichen und unternehmerischen Ebene soll das Buch Politiker, Investoren und Manager ermuntern, sich hinsichtlich ihrer Vorbildfunktion ehrlich zu durchleuchten und der Frage nachzugehen, wie souverän sie auf die aktuellen Belastungen und Herausforderungen tatsächlich reagieren. Sind sie imstande, Übersicht und Ruhe zu bewahren, um die komplexen Probleme zu analysieren und tragfähige, manchmal auch für die Allgemeinheit unbequeme Lösungen zu erarbeiten? Nur wer inmitten von Aktionismus und Pessimismus seine Gelassenheit und Integrität glaubhaft bewahren kann, trägt zur dauerhaften Krisenbewältigung bei.