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"wir befinden uns tief in der Zukunft der Märchen / wir sind die Enkel unserer eigenen Vorstellungskraft." Gedichte sind kunstvolle Ohrwürmer: Angelehnt an die Grimmâschen Märchen, wurzeln sie fest in einer Gegenwart, die sie mit dem Echolot ihrer Verse erfasst. Wie die Fledermaus in einem ihrer Gedichte, die aus dem Laborfenster flog, nachdem man ihr beide Augen ausstach. Mit dem Klangorgan ihrer ganz eigenen Sprache erfasst Ulrike Almut Sandig präzise die Untiefen zeitgeschichtlicher Unheimlichkeit und zeichnet den utopischen Gegenentwurf eines Heimatlandes, in dem der Mensch kein "Vieh ohnâ…mehr

Produktbeschreibung
"wir befinden uns tief in der Zukunft der Märchen / wir sind die Enkel unserer eigenen Vorstellungskraft." Gedichte sind kunstvolle Ohrwürmer: Angelehnt an die Grimmâschen Märchen, wurzeln sie fest in einer Gegenwart, die sie mit dem Echolot ihrer Verse erfasst. Wie die Fledermaus in einem ihrer Gedichte, die aus dem Laborfenster flog, nachdem man ihr beide Augen ausstach. Mit dem Klangorgan ihrer ganz eigenen Sprache erfasst Ulrike Almut Sandig präzise die Untiefen zeitgeschichtlicher Unheimlichkeit und zeichnet den utopischen Gegenentwurf eines Heimatlandes, in dem der Mensch kein "Vieh ohnâ Seele und Fell"t sagen kann: "ich bin"mut Sandigs neuen Gedichtband gilt: "Diese Gedichte überzeugen durch Sprachwitz, Selbstironie und Humor, philosophische Phantasie und ein emphatisches dichterisches Selbstverständnis."ankfurter Allgemeine Zeitung)
  • Produktdetails
  • Verlag: Schöffling
  • Seitenzahl: 96
  • 2016
  • Ausstattung/Bilder: 2016. 96 S. 244 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 246mm x 161mm x 15mm
  • Gewicht: 296g
  • ISBN-13: 9783895611896
  • ISBN-10: 3895611891
  • Best.Nr.: 44960559
Autorenporträt
Ulrike Almut Sanidg, 1979 in Großenhain geboren, wuchs in einem Pfarrhaushalt in Sachsen auf. Ihre Gedichte wurden vielfach verfilmt und ausgezeichnet, unter anderem mit dem Leonce-und-Lena-Preis 2009. Für ihre Sprechkonzerte und Hörstücke arbeitet sie eng mit Musikerinnen und Komponisten zusammen. Neben drei Gedichtbänden erschienen bisher zwei Hörbücher, die Erzählungen FLAMINGOS (2010) und BUCH GEGEN DAS VERSCHWINDEN (2015) sowie zahlreiche Hörspiele. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.
Rezensionen
Besprechung von 15.10.2016
Lass uns auch so etwas bauen

Feld voller Ölsaat: Ulrike Almut Sandig legt einen Gedichtband mit langem Namen und kurzen gehaltvollen Texten vor.

Von Florian Balke

Wenn die Natur nicht spurt, bleibt immer noch die Kunst. Ulrike Almut Sandig versammelt in ihrem neuen Gedichtband Wissenschaftler und eine Bildungsministerin zur Beobachtung des Venustransits. Als die kleine Planetenscheibe ausbleibt und sich nicht wie erwartet vor die Sonne schiebt, sind Astronomen und Astrophysiker ratlos. Erschienen ist aber auch eine andere Gruppe von Sterndeutern mit ganz eigenem Verhältnis zum Räderwerk der Planetenbahnen. Sie weiß sofort, wie sie mit dem Umsturz der Naturgesetze umzugehen hat. Er wird zum Kunstwerk: "Nur die tätowierten Freunde der Sterne / lachten sich krank und schnitten einander / langsam dunkle, runde Motive in ihre Gesichter."

Was am Himmel geschieht, wird auf Erden widergespiegelt, nachvollzogen von unterschiedlichen Temperamenten, umgesetzt in Taten, manche am menschlichen Leib, der im Kleinen das Große zeigt. So weit, so altbekannt. Sandigs spielerische Verse aber greifen das Alte auf, um ihm einen neuen Spin zu geben, eine andere Umdrehungsgeschwindigkeit zu verleihen, einen veränderten Drall. Die Natur verhält sich plötzlich einen Moment lang so kapriziös und unvorhersehbar wie sonst nur die Kunst. Und das Bild, das sich die im Angesicht der Katastrophe scheinbar so widerstandsfähigen Künstler in den Leib stechen, zeigt nicht das, was ist, sondern das, was fehlt - sie sind Himmelsleser von der traurigen Gestalt.

Gelingen, Scheitern - der mehrdeutige Umgang mit den Weltbausteinen ihrer Gedichte ist für Sandig bezeichnend. Schon der opulent angelegte Titel des neuen Bandes deutet es an: "Ich bin ein Feld voller Raps, verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt". Gleich zu Beginn des Buches haben Natur, Kunst und Sprache ihren dicht ineinander verschachtelten gemeinsamen Auftritt. Das Ich, das von sich spricht, inszeniert sich nicht nur als natürlicher Bestandteil der Landschaft, sondern auch als kultivierte, demnächst fruchtbringende Fläche, als Kunstwerk, Zuflucht, Ort der Sammlung und rettende Tat.

Aber die Mehrdeutigkeit geht noch weiter. Denn wer ist überhaupt dieses Ich? Die Autorin, deren Name über dem Titel des Buches prangt? Das Rapsfeld, das gerade die Gesprächsführung übernommen zu haben scheint? Oder das Buch, dessen Umschlagpapier die Worte trägt? Alles ist möglich und muss mitgedacht werden, gerade bei einer Dichterin wie der 1979 im sächsischen Großenhain geborenen Sandig, die ihre Verse nicht nur aufschreibt, sondern ebenso gerne spricht, unterstützt von Musik und Klangeffekten. Wenn die Formen, in denen etwas existiert, sich vervielfältigen und die Grenzen zwischen dem fixierten Schriftsinn und der leicht dahingesprochenen Behauptung zu fließen beginnen, ist es angebracht, auf der Hut sein.

Das gilt speziell für einen Band, der den Leser, das scheue Reh, nicht im Raps in Sicherheit bringt, sondern in einen dunklen Wald entlässt, erfüllt von Vögeln, Schneefall, Nacht und Isolation, voller Anspielungen auf Entdeckerfahrten ins Unwirtliche und die grausamen Märchen der Brüder Grimm, die Sandig als die Abenteuerfahrt durch das Vorbewusste und Verdrängte begreift, die sie sind. Im Epilog hockt eine Entdeckerin in kalter Polarnacht, allein, in einem Zelt "für mich und niemanden / sonst", zuvor wird der Vogel aus dem Märchen vom Machandelboom angerufen: "Seit ich dich entdeckt hab / wächst mir in der Dunkelheit meines eigenen Körpers / Wacholder." Bitter und dunkel auch die Zeit, in der die Gedichte entstehen: "Ein jeder betrachtet die kommentierte Version / seines Nächsten", heißt es da. Wenig später geht es um das, was unsere Smartphones nicht zeigen - die schwankenden kleinen Boote der Schlepper in der Ägäis: "Während wir ruhn, treibt jemand direkt auf uns zu."

Die Rettung liegt im Hinsehen und Staunen, der Tätigkeit, die den Menschen schon bei Aristoteles und Platon vom lediglich Hingenommenen zum selbständig Durchdachten führen sollte. Sandig verwendet das Wort, als sie den Menschen erwähnt, das Tier, das spricht. Von diesem Staunen ist ihr sprechendes Buch erfüllt, vom genauen Blick, aber auch von der Freude am Neuzusammensetzen der wahrgenommenen Welt. "Lass uns auch sowas bauen", heißt es auf halber Strecke. Bauen, das tut auch dieses Buch, das auszog, das Fürchten zu lernen und das Staunen nicht zu vergessen. Das ist noch immer eine sehr gute Haltung zur Welt.

Ulrike Almut Sandig: "Ich bin ein Feld voller Raps, verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt". Gedichte.

Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2016.

96 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Florian Balke erinnnern Ulrike Almut Sandigs Gedichte daran, dass Staunen und Neuzusammensetzen zwei Tugenden sind. Der genaue Blick, mit dem die Autorin das Vorbewusste und Verdrängte erkundet, Märchen, Vögel, Schneefall, Nacht, Planetenbahnen, scheint Balke bemerkenswert. Wenn Sandig dem Alten neuen Spin gibt, einen anderen Drall oder eine andere Geschwindigkeit, kommt er ins Grübeln. Zumal das Ich von dieser Bewegung nicht ausgenommen ist, wie der Rezensent feststellt.

© Perlentaucher Medien GmbH
Rezensent Florian Balke erinnnern Ulrike Almut Sandigs Gedichte daran, dass Staunen und Neuzusammensetzen zwei Tugenden sind. Der genaue Blick, mit dem die Autorin das Vorbewusste und Verdrängte erkundet, Märchen, Vögel, Schneefall, Nacht, Planetenbahnen, scheint Balke bemerkenswert. Wenn Sandig dem Alten neuen Spin gibt, einen anderen Drall oder eine andere Geschwindigkeit, kommt er ins Grübeln. Zumal das Ich von dieser Bewegung nicht ausgenommen ist, wie der Rezensent feststellt.

© Perlentaucher Medien GmbH