Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension
Der erbitterten Kritik, die Udo Di Fabios Buch "Die Kultur der Freiheit" auf sich gezogen hat, kaum dass es auf den Markt ist, mag sich Rezensent Matthias Arning nicht anschließen. Er gibt sich eher moderat, auch wenn er nicht umhinkommt, das provokative Potenzial anzusprechen, welches das Buch des Verfassungsrichters in sich birgt - schließlich geht es um nichts geringeres als eine Rekonstruktion "deutscher Nationalkultur als Kultur der Freiheit" (Di Fabio). So plädiere Di Fabio an Gedanken Paul Noltes und Paul Kirchhoffs anknüpfend für einen Aufbruch in einer neue bürgerliche Epoche, in der Freiheit, Verantwortungsbewusstsein und vor allem Kinderliebe wieder gelten. Dass Di Fabio das Grundsätzliche liebt und "mächtig auf den Putz" haut, verhehlt Arning nicht. Er räumt ein, dass Di Fabios Ausführungen, insbesondere zum Nationalsozialismus, die auch Arning "völlig überzogen" erscheinen, gelegentlich irritieren können. Auch findet er Di Fabios Werben für eine kinderfreundlichere Gesellschaft ziemlich penetrant. Nichtsdestoweniger zollt er ihm seinen Respekt für den Mut, eine kämpferische Streitschrift vorgelegt zu haben, "die diese freudlose Republik ein bisschen erschüttert".
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 | Besprechung von 12.09.2005 |
Udo Di Fabios KindermanifestJe näher der Wahltag rückt, desto fiebriger auch die Debatte ums Kind. Sie hat groteske Züge angenommen: Kaum sagt jemand etwas zugunsten einer bestimmten Lebensweise (Hausfrauenehe, Karriereehe, Homoehe, gar keine Ehe), schon gibt es einen Aufschrei von irgend jemandem, der sich durch dieses Plädoyer in seiner eigenen, ganz anderen Lebensweise zurückgesetzt fühlt. So ist eine Situation der kommunikativen Blockade entstanden: Man kann kaum noch für oder gegen das Kind argumentieren, weil das Thema derart persönlich genommen wird, daß ein scharf geschnittenes Plädoyer in die eine oder die andere Richtung sogleich als Affront aufgefaßt wird. Man hat diesen Hysterie-Zirkel zuletzt bei entsprechenden Interventionen von Doris Schröder-Köpf, Alice Schwarzer und natürlich Paul Kirchhof erlebt, der mit seinem Satz "Zu einem erfüllten Leben gehören normalerweise Kinder" schrille Reaktionen hervorrief.
Jetzt, da der Endspurt des Wahlkampfs zunehmend als Wahlschlacht um Paul Kirchhof wahrgenommen wird, sei - was die Familienidee angeht - an Kirchhofs Verbündeten im Geiste erinnert: Nein, nicht an Guido Westerwelle, der …
'(...) Unserem Land (...) verordnet Di Fabio ein Programm des 'reflexiven' Pétainismus: Arbeit, Familie, Vaterland, alles unter dem Schutz des lieben Gottes. So würde Di Fabio es natürlich nicht sagen, aber es sei hier so deutlich formuliert um des Streits willen, den er sich wünscht und der seinen Angaben nach unter der Tyrannei von Antidiskriminierungsbeauftragten und Nichtregierungsorganisationen ebenso vom Aussterben bedroht ist wie eigentlich fast alles. (...) Mit der Kultur der Freiheit sind die Ordnungen gemeinschaftlichen Lebens gemeint, die dem Individuum seine Wahlmöglichkeiten erst eröffnen: Familie, Kirche, Volk. (...) Zu beherzigen ist Di Fabios Mahnung, wir sollten als Tatsache zur Kenntnis nehmen, daß es Gründe gibt, die 'westliche' Kultur grenzenloser Freizügigkeit geringzuachten. (...)'
Patrick Bahners, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.7.2005, zur 1. Auflage
'(...) Es ist die Handschrift eines 'leidenschaftlichen Konservativen', wie der parteilose, auf Vorschlag der Union gewählte Richter bisweilen genannt wurde. Wobei die Schublade 'konservativ' zu klein ist für den umfassend gebildeten Mann (...). In seinem (...) Buch 'Kultur der Freiheit' rückt der Vater von vier Kindern zwar konservative Werte wie Familie, Nation und Religion in den Mittelpunkt. Doch eigentlich versteht er sich als Erneuerer einer durch überzogenen Individualismus und Hedonismus geschwächten westlichen Kultur. (...)'
Wolfgang Janisch, in: Kölner Stadt-Anzeiger, 22.7.2005, zur 1. Auflage
'(...) Marksteine einer neuen konservativen Agenda. (...) Di Fabio, Juraprofessor in Bonn und Richter am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, gehört zu den besten Intellektuellen, die das Land derzeit vorzeigen kann. (...) Di Fabios Diagnose: Gesellschaften überaltern, verlieren Antriebskraft und Vitalität. Deutschland verlässt sich immer mehr auf sozialtechnische Regulierung (...). Die Gleichheitslogik der Umverteilung hat die damit verbundenen Freiheitsverluste in Kauf genommen. Überbordende Steuer- und Abgabensysteme nehmen das Recht moralischer Überlegenheit automatisch für sich in Anspruch (...). Damit ist eines klar: Es geht um mehr als um 'Vorfahrt für die Arbeit'. Staatsverschuldung und überlastete Sozialversicherungssysteme deuten darauf hin, daß eine Sozialpolitik, welche die Leistungsbereitschaft der Menschen und die Attraktivität des Standorts mindert, aus der Abwärtsspirale nicht herausführt. (...) Was der Jurist gegen seine eigene Diagnose der schleichenden Dekadenz anzubieten hat, ist nichts weniger als das konservative Programm einer neuen Freiheitslehre. Dazu sind zuallererst Werte gefordert: die Suche nach Liebe und Intimität; die Geborgenheit einer Familie; (...) das Verliebtsein in den Erfolg; die Entschiedenheit, etwas zu leisten (...). 'Gleichheit der Freien ist Rechtsgleichheit und nicht Verteilungs- oder Ergebnisgerechtigkeit', sagt Di Fabio. Das heißt auch: Gleichheit sichert den Raum in dem sich die natürlichen Ungleichheiten unterschiedlicher Begabungen auf dem Markt im Wettbewerb entfalten. (...) Die großartige Idee des Sozialstaats, meint Di Fabio, hat ihre Ursprünge nicht in der Gleichheit, sondern in der christlichen Nächstenliebe, also in der Solidarität und Subsidiarität. Damit ist das Prinzip der Umverteilung in einer Kultur der Freiheit nur so weit gerechtfertigt, als es für eine Gemeinschaft notwendig ist, um die Mindeststandards menschenwürdiger Existenz zu gewährleisten. Dieser Gedanke müsste der Union, die sich christlich und nicht wohlfahrtsstaatlich-egalitaristisch begründet, eigentlich besonders willkommen sein. (...)'
Rainer Hank, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.7.2005, zur 1. Auflage
 | Besprechung von 16.07.2005 |
Furor und Gesetz
Udo Di Fabios Erneuerung des Bürgertums aus altem Geist
Im Theater des 19. Jahrhunderts, also bei Grillparzer, Hebbel und
Richard Wagner, treten Furor und Gesetz gegeneinander an. In den
stärksten Szenen agiert die ungezügelte Leidenschaft gegen die
Disziplin; die Empörung versucht, die Ordnung aus den Angeln zu
heben. Auf das Reglement der geordneten Szenen antworten Eskalation
und Exaltation. In Drama und Theater ist der Furor immer weiblich
besetzt; männliche Würdenträger treffen also auf rasende Frauen. In
Karlsruhe, in der Residenz des Rechts, ist das anders.
Verfassungsrichter Udo Di Fabio spielt beide Rollen selbst - die
des Würdenträgers und die des Furors: Im Gerichtssaal des
Bundesverfassungsgerichts ist er der Vertreter von Gesetz und
Recht. In seinem soeben im C.H.Beck-Verlag erscheinenden Buch gibt
er den Furor, der sich an der Rechtsprechung seines eigenen
Gerichtes reibt, der zurück will in die angeblich goldene Welt der
fünfziger Jahre, in die Welt, in der es noch keinen ausgebauten
Sozialstaat gab. Di Fabios Furor gegen „sozialtechnische
Regulierung” und einen „sozialtechnokratischen Politikstil”
durchzieht das ganze …
Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio, geb. 1954, ist seit 1999 Richter des Bundesverfassungsgerichts. Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. im Grundgesetz-Kommentar von Maunz/ Dürig, Beiträge in der F.A.Z.