 | Besprechung von 01.10.2011 |
Eine Abiturientin rechnet abViviane Cismak ist in Darmstadt aufgewachsen und zur Schule gegangen. Parallel zum Abitur hat sie ein Buch geschrieben. Es ist ein zorniger Bericht über unfähige Lehrer, falsche Toleranz und missratene Reformen. Man kann die Wut nachvollziehen.
Von Matthias Trautsch
FRANKFURT. Von Schülern erfährt man selten, was sie über das Bildungswesen denken, zumindest nicht aus Büchern. Das ist schade, denn so diskutieren Pädagogen, Eltern und Politiker meist unter sich. Eine, die sich nach "13 Jahren Willkür, Demotivation und Ungerechtigkeit"entschlossen hat, ihrem Ärger Luft zu machen, ist Viviane Cismak.
Die Neunzehnjährige ist in Darmstadt aufgewachsen, hat dort zwei Grundschulen und ein altsprachliches Gymnasium besucht und ist nach der elften Klasse auf ein Berliner Gymnasium gewechselt. Inzwischen hat sie ihr Abitur mit einem Notenschnitt von 1,8 gemacht und nebenbei ein Buch geschrieben. Es heißt "Schulfrust" - und der Titel macht klar, in welcher Haltung es verfasst ist.
Sie sei "verdammt wütend", schreibt die Abiturientin im Vorwort. Nach der Lektüre der folgenden 200 Seiten kann man diesen …
Eine Abiturientin rechnet ab
Viviane Cismak ist in Darmstadt aufgewachsen und zur Schule gegangen. Parallel zum Abitur hat sie ein Buch geschrieben. Es ist ein zorniger Bericht über unfähige Lehrer, falsche Toleranz und missratene Reformen. Man kann die Wut nachvollziehen.
Von Matthias Trautsch
FRANKFURT. Von Schülern erfährt man selten, was sie über das Bildungswesen denken, zumindest nicht aus Büchern. Das ist schade, denn so diskutieren Pädagogen, Eltern und Politiker meist unter sich. Eine, die sich nach "13 Jahren Willkür, Demotivation und Ungerechtigkeit"entschlossen hat, ihrem Ärger Luft zu machen, ist Viviane Cismak.
Die Neunzehnjährige ist in Darmstadt aufgewachsen, hat dort zwei Grundschulen und ein altsprachliches Gymnasium besucht und ist nach der elften Klasse auf ein Berliner Gymnasium gewechselt. Inzwischen hat sie ihr Abitur mit einem Notenschnitt von 1,8 gemacht und nebenbei ein Buch geschrieben. Es heißt "Schulfrust" - und der Titel macht klar, in welcher Haltung es verfasst ist.
Sie sei "verdammt wütend", schreibt die Abiturientin im Vorwort. Nach der Lektüre der folgenden 200 Seiten kann man diesen Gemütszustand nachempfinden. Die zehn Kapitel sind zehn Punkte einer Anklage, jeweils belegt mit Beispielen aus Cismaks Schullaufbahn. Lesern, die seit den siebziger Jahren eine deutsche Bildungsstätte besucht haben, dürfte manches bekannt vorkommen. Etwa die Gedankenlosigkeit in einem Gymnasium, das sich "Schule ohne Rassismus" nennt, auf dem vor lauter Toleranz aber Chauvinismus und Antisemitismus geduldet werden.
Bei der Einschulung sei noch alles in Ordnung gewesen, erinnert sich die Autorin. "Ich freute mich auf den Unterricht, war glücklich, endlich etwas lernen zu dürfen, wollte rechnen, schreiben, lesen." Doch das änderte sich in der Darmstädter Grundschule, die wie die anderen Bildungsstätten unbenannt bleibt. Die beliebte Klassenlehrerin musste gehen, weil ihr Vertrag auslief, statt ihrer übernahm die Rektorin die Klasse. Die Schulleiterin hatte freilich Wichtigeres im Sinn, als sich um Schüler zu kümmern. "Wenn sie zehn Minuten nach Unterrichtsbeginn noch immer nicht aufgetaucht war, gingen wir ins Lehrerzimmer und fanden sie dort meistens beim gemütlichen Frühstücken vor."
Der Musiklehrer auf dem Gymnasium hatte dann noch nicht einmal Interesse für die Namen seiner Schüler. "Ein ganz harter Hund, ein Überbleibsel aus alten Zeiten", erinnert sich Cismak. Gesungen wurde nicht, stattdessen paukten die Sechstklässler Dreiklänge und Kadenzen. Die Pädagogen schneiden in "Schulfrust" schlecht ab, und doch ist die Kritik differenzierter als die des Kanzlers Schröder, der sich über "faule Säcke" mokierte. Das liegt nicht so sehr daran, dass bei Cismak auch Lehrer vorkommen, die an die Schüler und an sich selbst Ansprüche stellen. Es liegt daran, dass die Neunzehnjährige nicht nur ihre Erfahrungen beklagt, sondern das System reflektiert, das solche Missstände zulässt.
Ein Baustein des Systems ist das Beamtentum. Hat ein Pädagoge diesen Status erreicht, ist er so gut wie unangreifbar. Ein Frankfurter Schulleiter klagte jüngst in vertraulicher Runde darüber. Schon ewig unterrichte an seiner Schule ein Lehrer, der dafür völlig ungeeignet sei. Unternehmen könne man gegen ihn nichts, die Kunst bestehe darin, seine Stunden möglichst gerecht über alle Klassen zu verteilen - damit kein Schüler allzu sehr leide.
Ähnliche Pädagogen hat die Autorin kennengelernt - und zieht daraus einen traurigen Schluss: "Man kann sich nicht darauf verlassen, dass Lehrern das Wohl der Kinder wirklich am Herzen liegt." Den Schülern rät sie, sich zusammenzutun und Entgleisungen schriftlich festzuhalten. Außerdem sollten Lehrer ihrer Meinung nach bei groben Verstößen kündbar sein.
Jedes Kapitel endet mit solch einem Rat an die Schüler und einem Appell, "was sich ändern muss". So viel bildungspolitische Verve mag bei einer Neunzehnjährigen verwundern, doch die angehende Jura-Studentin äußert sich auch im Gespräch kenntnisreich und engagiert. Zu ihren Forderungen gehört, die Schulen von undurchdachten Neuerungen zu verschonen. Sie meint zum Beispiel die hessische "Unterrichtsgarantie Plus", bei der pädagogische Laien Vertretungen übernahmen. Das habe sie in der neunten Klasse miterlebt, erzählt Cismak. Drei Monate lang habe eine Frau, die sich als Chemikerin vorstellte, Mathe unterrichtet - mit Hilfe von Spickzetteln, ohne die sie auch elementare Fragen nicht habe beantworten können. Die übrigen Lehrer hätten sie machen lassen und sich über den Beweis gefreut, dass es ohne ordentliche Staatsexamina eben nicht gehe.
Die Folgen der überstürzten G-8-Reform hat die Autorin bei ihrem kleinen Bruder miterlebt. Die Gymnasialzeit wurde verkürzt, ohne den Lehrplan auszudünnen oder die Schulbücher darauf anzupassen. Ihr damals zwölfjähriger Bruder, zuvor ein begeisterter Schwimmer, habe den Sport aufgegeben, um das Pensum auf dem Gymnasium zu schaffen. Nach Unterrichtsende am späten Nachmittag sei er mit Kopfschmerzen nach Hause gekommen. An Hobbys sei dann nicht mehr zu denken gewesen, er habe sich stattdessen mit Kopfschmerzen ins Bett gelegt.
Schulfrust von Viviane Cismak ist bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen und kostet 9,95 Euro.
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Viviane Cismak wurde 1991 in Darmstadt geboren, wo sie bis zur elften Klasse ein altsprachliches Gymnasium besuchte. 2010 zog sie nach Berlin, um das Abitur an einer Kreuzberger Schule zu absolvieren und selbstständiger zu werden. In ihren 13 Schuljahren hat sie nach eigener Aussage vor allem eines gelernt: wie man sich durchboxt.
Leseprobe zu "Schulfrust" von Viviane Cismak
"Verantwortlich für das Chaos war ein neues Konzept der Landesregierung: 'Unterrichtsgarantie Plus', das sichern sollte, dass die erste bis sechste Stunde auf jeden Fall stattfanden. Ein Geschenk an berufstätige Eltern, die sich nun keine Gedanken mehr machen mussten, wie sie reagieren sollten, wenn der Lehrer ihrer Kinder mal wieder krank war. Der Unterrichtsausfall hatte bis zur Einführung des neuen Systems immerhin bis zu zehn Prozent der gesamten Schulzeit betragen.
Um das Phänomen zu bekämpfen, sollte sich jede Schule nun Vertretungskräfte suchen. Das konnten Studenten, Chemiker oder Hausfrauen sein, die sich zutrauten, eine Klasse zu beaufsichtigen, und Lust darauf hatten, sich 15 Euro die Stunde dazuzuverdienen. Um die Aushilfslehrer auszustatten und vorzubereiten, sollte ein Materialpool zur Verfügung stehen, in dem Arbeitsblätter und andere Hilfsmittel für die entsprechenden Stunden zu finden waren. So weit die Theorie."
Viviane Cismak
Leseprobe zu "Schulfrust" von Viviane Cismak
"Verantwortlich für das Chaos war ein neues Konzept der Landesregierung: 'Unterrichtsgarantie Plus', das sichern sollte, dass die erste bis sechste Stunde auf jeden Fall stattfanden. Ein Geschenk an berufstätige Eltern, die sich nun keine Gedanken mehr machen mussten, wie sie reagieren sollten, wenn der Lehrer ihrer Kinder mal wieder krank war. Der Unterrichtsausfall hatte bis zur Einführung des neuen Systems immerhin bis zu zehn Prozent der gesamten Schulzeit betragen.
Um das Phänomen zu bekämpfen, sollte sich jede Schule nun Vertretungskräfte suchen. Das konnten Studenten, Chemiker oder Hausfrauen sein, die sich zutrauten, eine Klasse zu beaufsichtigen, und Lust darauf hatten, sich 15 Euro die Stunde dazuzuverdienen. Um die Aushilfslehrer auszustatten und vorzubereiten, sollte ein Materialpool zur Verfügung stehen, in dem Arbeitsblätter und andere Hilfsmittel für die entsprechenden Stunden zu finden waren. So weit die Theorie."
Viviane Cismak