Leseprobe zu "Die Melonen des Monsieur Dumas" von Peter Mayle
Aix-en-Provence, 27. März 1787
Der Versuch, die Provence in einem einzigen Band unterzubringen, gehört zu den Unterfangen, die von vornherein zum Scheitern verurteilt sind. Sie bietet zu viel Geschichte, zu viel Erzählstoff, um ihr auf wenigen Seiten gerecht zu werden. Tausende Jahre menschlicher Besiedlung, die ihre Spuren in der Provence hinterlassen haben; Kirchen und Schlösser, Städte und Dörfer, die eine eigene Enzyklopädie verdienen; ein ganzes Heer von Residenten, die berühmt oder berüchtigt waren, unter anderem der römische Dichter Petrarca, der hellsichtige Nostradamus, der Raubritter Raymond de Turenne und der anrüchige Marquis de Sade; Maler, Dichter und Schriftsteller satt: Vincent van Gogh, Paul Cézanne, Frédéric Mistral, Marcel Pagnol, Alphonse Daudet und Jean Giono; Legenden und Mythen, Berge und Weingärten, Trüffel und Melonen, Heilige und Ungeheuer. Wo soll man anfangen? Was nimmt man auf? Was lässt man weg? Die sprichwörtliche Qual der Wahl bereitet Kopfzerbrechen.
Vor dieses Problem sahen sich viele Autoren gestellt, und für einige bestand die Lösung kurzerhand darin, sich zu spezialisieren. Sie beschränkten sich auf einen bestimmten Themenkreis - Kirchenarchitektur, der Einfluss der Römer, die kulturelle Bedeutung der Bouillabaisse, irgendeine der zahllosen Facetten der Provence, die sie unter die Lupe nahmen - und herauskamen einige lehrreiche, umfassende Werke. Bewundernswert, aber es war nicht meine Absicht, mich in die Chronik dieser Spezialwerke einzufügen. Was vermutlich eine weise Entscheidung war, da ich nicht zum Gelehrten tauge.
Deshalb beschloss ich, einen anderen Weg zu gehen und ein autobiografisch gefärbtes Puzzle aus persönlichen Interessen und Neigungen, persönlichen Entdeckungen, Erlebnissen, Schwächen und Marotten zusammenzustellen. Das klingt nach Chaos, aber ich kann guten Gewissens versichern, dass ich mich zumindest an bestimmte Regeln und Normen gehalten habe.
Die sattsam bekannten Landmarken, Bauwerke und Monumente habe ich auf meiner Route nach Möglichkeit gemieden. Pont du Gard, das römische Amphitheater in Arles, die Abtei von Sénanque, das Palais des Papes in Avignon und etliche weitere historische Wunderwerke, seit langem ausgiebig bestaunt und ausführlich beschrieben, überlasse ich anderen. Aus dem gleichen Grund habe ich mir erlaubt, weite Strecken der traumhaften Landschaft zu vernachlässigen, wie die Camargue oder eines der herrlichsten Fleckchen Erde an der provenzalischen Küste, die zerklüfteten Felsenbuchten der Calanques östlich von Marseille.
Die Themenwahl stützte sich auf einen Eignungstest mit drei einfachen Fragen. Fand ich das Thema interessant? Amüsant? Informativ? Die Sammeltechnik, die mir gestattete, wie eine Biene von einer Blüte zur anderen zu flattern, hatte den großen Vorteil eines All-Inclusive-Programms. Jeder x-beliebige Baustein konnte sich für die Aufnahme qualifizieren, solange er meine Neugierde weckte. Und damit bot sich mir wenigstens eine Rechtfertigung für das kunterbunte Sammelsurium von Themen, die so wenig Bezug zueinander haben wie ein Tapenade-Rezept und ein Vormittag in Gesellschaft eines Henkers.
Im Zuge meiner Recherche wurde ich oft an die provenzalische Vorliebe für Anekdoten, verbrämte Erzählungen und schier unglaubliche Geschichten erinnert. Ich will nicht beschönigen, dass ich einige Informationen weitergegeben habe, die auf Hörensagen beruhen, ungeachtet ihres Wahrscheinlichkeitsgrades. Aber daran sind wir ja gewöhnt, denn wir leben in einer Zeit, in der die Wahrheit routinemäßig so zurechtgebogen wird, wie man sie gerade braucht, damit sie ins politische Konzept passt. Ich gestehe, ich habe die Grenzen hieb- und stichfester Fakten bisweilen überschritten, jedoch aus einem guten Grund: um dem geschätzten Leser ein Lächeln zu entlocken.
In diesem Sinne habe ich auch darauf verzichtet, einige Informationen, die mir von Experten zugetragen wurden, allzu genau unter die Lupe zu nehmen, und in der Provence wimmelt es von Experten. Es ist nicht schwierig, an sie heranzukommen, und sie geizen weder mit ihrer Zeit noch mit ihren Ratschlägen und Ansichten. Schwierig wird es nur, sobald man zwei Experten ein und dieselbe Frage stellt. Wann sollten die Oliven geerntet werden? Wie verhindert man, dass Skorpione ins Haus gelangen? Wirkt sich die Klimaerwärmung in der Provence aus? Ist der Pastis ein Allheilmittel? Unweigerlich erhält man höchst widersprüchliche Antworten, eine jede im Brustton der Überzeugung geäußert. Ich gebe zu, dass ich oft geneigt bin, die unwahrscheinlichste zu glauben.
Unter diesen Experten verdient einer, dessen Name auch auf den folgenden Seiten mehrmals erscheint, besondere Erwähnung. Es handelt sich um Monsieur Farigoule, seines Zeichens emeritierter Professor. Aus dem Mainstream des akademischen Lebens ausgeklinkt, hat er sich als barmherziger Samariter der Bildung unwissender Ausländer angenommen; ich darf mich rühmen, sein Lieblingsschüler zu sein. Vermutlich bin ich auch sein einziger Schüler. Der Unterricht findet im Café vor Ort statt, und der Lehrplan gestaltet sich bemerkenswert weitläufig, da Monsieur Farigoule ein Experte auf vielen Feldern ist. Unter anderem habe ich Kostproben seiner Kenntnisse über Hornissennester, Napoleons Liebesleben, die Verwendung von Eselsmist als Dünger, die lyrische Komponente des Mistral, die essenziellen Charakterunterschiede zwischen Franzosen und Angelsachsen sowie über das Papsttum in Avignon erhalten. Er ist nie um eine Antwort verlegen, meistens ungemein streitlustig und immer felsenfest von seiner Meinung überzeugt. Ich stehe tief in der Schuld dieses Inspirators und Mentors, den ich an dieser Stelle mit dem größten Vergnügen würdigen möchte.
Die Grenzen der Geographie