Ich will verstehen, was du wirklich brauchst - Gaschler, Frank; Gaschler, Gundi

Ich will verstehen, was du wirklich brauchst

Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern. Das Projekt Giraffentraum. Mit einem Vorwort von Marshall B. Rosenberg

Frank Gaschler Gundi Gaschler 

 
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Ich will verstehen, was du wirklich brauchst

Sagen, was mich stört, ohne dabei Vorwürfe zu machen. Offen zuhören, auch wenn der andere laut wird: Mit Einfühlung und Empathie gelingt es, sich auch in schwierigen Situationen aufrichtig auszudrücken und gleichzeitig dem Gegenüber respektvoll zu begegnen.
- Eine der erfolgreichsten Kommunikationsformen der letzten Jahre
- Konfliktlösung, bei der alle gewinnen
- Ein Ratgeber für Eltern, ErzieherInnen, Lehrkräfte


Produktinformation

  • Verlag: Kösel
  • 2007
  • 7. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 141 S.
  • Seitenzahl: 144
  • Deutsch
  • Abmessung: 239mm x 167mm x 15mm
  • Gewicht: 365g
  • ISBN-13: 9783466307562
  • ISBN-10: 3466307562
  • Best.Nr.: 22807585
"Dieses Buch vermittelt, wie die Prinzipien der gewaltfreien Kommunikation mit Kindern funktionieren. Das Autorenteam tut dies auf eine informative, persönliche und mutmachende Weise." Benjamin
Frank Gaschler, geb. 1967, ist zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation (CNVC), Mediator und Sozialpädagoge. Er ist aktiv im Verein Netzwerk Gewaltfreie Kommunikation in München e.V. Langjährige Erfahrung im Bereich der Eltern-Kind-Arbeit und an Schulen. Seit 2001 leitet er gemeinsam mit seiner Frau Gundi Gaschler den Kurs Starke Eltern Starke Kinder des Deutschen Kinderschutzbundes. Seit 2004 leiten beide Kurse für Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg u.a. für Eltern, Erzieherinnen und LehrerInnen. Mit dem von Frank Gaschler entwickelten Projekt Giraffentraum werden wichtige Basiskompetenzen und Förderschwerpunkte der Bildungs- und Erziehungspläne der Bundesländer vermittelt.

Leseprobe zu "Ich will verstehen, was du wirklich brauchst"

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Vorwort von Marshall B. Rosenberg

Ich ging 21 Jahre lang zur Schule bzw. zur Universität und ich kann mich nicht erinnern, dass mich jemals jemand gefragt hätte, wie ich mich fühle oder was ich brauche. Stattdessen lehrten sie mich Dinge wie "richtig" und "falsch", "gut" und "schlecht", um in ein System zu passen, das Menschen anhand dieser Standards bewertet.

Ich empfehle das Projekt "Giraffentraum" ErzieherInnen, Lehrkräften, Eltern und Kindern als einen Weg, um uns gegenseitig zu helfen, das eine zu tun, was wir alle am liebsten tun:

das Leben der Menschen zu bereichern!

Vorwort von Isolde Teschner

Wenn wir unseren Kindern vorleben, wie sie für sich sorgen, ohne andere zu verletzen, lernen sie alles, was sie zum Leben brauchen.

Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch das Konzept "Giraffentraum", das Frank und Gundi Gaschler entwickelt haben. Das heißt, wenn Kinder von klein auf in einem Umfeld aufwachsen, das auf den Prinzipien der Gewaltfreien Kommunikation aufbaut, dann wäre das ein großer Schritt zu mehr Mitgefühl, Gemeinsamkeit und Frieden auf der Welt.

Im Leben mit Kindern stehen wir immer wieder vor neuen Fragen und Herausforderungen. Auch wenn wir wissen, dass es keine Patentrezepte gibt, so brauchen wir dennoch etwas, an dem wir uns orientieren können.

Wie dieses Buch aufzeigt, liegt diese Orientierung in der inneren Verbindung zu den Kindern, die uns anvertraut sind. Wenn wir gegenwärtig und einfühlend in Kontakt mit ihnen sind, erwächst ihnen durch diese Beziehung die Kraft, in dieser Welt anzukommen und ihren eigenen Weg darin zu finden.

Das Konzept "Giraffentraum" kann Erzieherinnen und Eltern dabei unterstützen, mit Kindern eine harmonische Beziehung aufzubauen und sie auf dem Weg ins Leben einfühlsam zu begleiten.

Isolde Teschner

Zertifizierungstrainerin für Gewaltfreie Kommunikation

Einführung

"Ich muss gar nix - ich kann mich entscheiden! Und außerdem bin ich ein Mensch!"

Unsere Tochter Elia erwiderte diese zwei Sätze mit dreieinhalb Jahren ihrer Erzieherin im Kindergarten, nachdem diese sagte: "Du musst jetzt aufräumen." Was folgte, waren lange Elterngespräche mit den Erzieherinnen und für uns eine intensive Auseinandersetzung mit der Frage, wie "gewaltfrei" wir unsere Kinder erziehen wollen.

Meine Frau Gundi und ich beschäftigten uns schon seit einiger Zeit intensiv mit dem Thema Erziehung - nicht nur, weil wir Eltern sind, sondern auch, weil wir Elternkurse ("Starke Eltern - Starke Kinder") geben. In den Kursen und auch zu Hause begegneten uns dabei immer wieder die Fragen, wie wir Grenzen setzen, wie wir Konsequenzen aufzeigen und auch selbst durchhalten können und vor allem die Frage: "Wie viel Orientierung braucht das Kind?". Der Grundtenor der meisten Erziehungsseminare und Elternratgeber, die wir - vor allem Gundi - damals lasen, war: "Gib deinem Kind Orientierung, damit es sich später für das Richtige entscheiden kann." Das klang einfach und auch gut vermittelbar. In der Realität war es allerdings nicht so simpel. Das Orientierunggeben war nicht ganz so leicht, weil Marie (unsere ältere Tochter) und Elia es nicht immer annahmen. Dass die Kinder sich "später" richtig entscheiden, war etwas unbefriedigend, wenn "jetzt" das Zimmer unaufgeräumt war, und auf die Frage, was das "Richtige" sei, habe ich ja für mein eigenes Leben noch keine endgültige Antwort gefunden.

Im Zuge ihrer Tätigkeit als Elternkursleiterin stieß Gundi eines Tages auf Marshall Rosenbergs Buch Gewaltfreie Kommunikation und krempelte damit so einiges in unserer Familie um. In Windeseile verbreitete sie die Idee, es gäbe so etwas wie richtig und falsch nicht, niemand sei für die Gefühle anderer verantwortlich und man bräuchte sich nicht zu entschuldigen, noch dazu, weil es so etwas wie Schuld nicht gäbe. Außerdem: "Man muss gar nix!"

Mein Weltbild drohte einzustürzen! Ich hatte ja schon so einiges mitgemacht: Habe Ich-Botschaften gesendet, Familienkonferenzen abgehalten, positive Formulierungen gefunden und Doppelbotschaften vermieden. Aber jetzt das? Wenn es weder richtig noch falsch gibt, wo bleibt dann die Orientierung? Wenn jeder für seine Gefühle selbst verantwortlich ist, wo bleibt dann das Miteinander, und wenn es keine Schuld gibt, dann kann ja jede tun, was sie will. Was ich hingegen annehmen konnte, war, dass ich nichts muss - schon gar nicht das Buch über Gewaltfreie Kommunikation selbst lesen! Mein Bedürfnis nach Autonomie war damals sehr ausgeprägt. Trotz aller Gegenwehr blieb mir die Veränderung jedoch nicht verborgen. Im Gegensatz zu mir sogen die Kinder den Paradigmenwechsel in unserer Familie mit jeder Pore auf. Nicht, dass Gundis Erziehung plötzlich erfolgreicher wurde - die Kinderzimmer wurden durch den Einsatz der Gewaltfreien Kommunikation auch nicht selbstverständlicher aufgeräumt als durch meinen Belohnungs-, Bestrafungs- und Orientierungsansatz. Was sich veränderte, war vor allem die Beziehung untereinander. Sie erschien mir zunehmend entspannter und vertrauter. Die Lautstärke, mit der Auseinandersetzungen geführt wurden, nahm deutlich ab. Wutausbrüche, Tränen und Gewalt zwischen den Kindern kamen seltener vor, wenn Gundi sich um die Kinder kümmerte, als wenn ich das tat. Und dabei wirkte sie auf mich sogar noch wesentlich ausgeglichener und zufriedener. Bei den Kindern nahm ich auch wahr, dass sie an Stellen, an denen wir normalerweise in den üblichen Nein-doch-Spielchen endeten, eine Art Neugier entwickelten. Die gipfelte in einer Autofahrt, bei der ich Elia anmotzte, weil sie mit ihrer Brezel auf den Boden gebröselt hatte, und Marie mich fragte: "Papa, worum geht's dir eigentlich?"

Langsam wurde ich neugierig und erkannte, dass die Gewaltfreie Kommunikation ein nützliches Mittel für die Kindererziehung ist. Allerdings ging Gundi weiter und fragte auch mich nach meinen Gefühlen und Bedürfnissen. Öl ins Feuer! Wollte sie mich jetzt auch erziehen oder vielleicht sogar therapieren? Hatte sie jetzt für unser altes Spielchen "Wer kommuniziert besser" ein neues Mittel - eine Geheimwaffe - entdeckt, mit der sie mich manipulieren und davon überzeugen wollte, dass sie Recht hatte? Ich war ziemlich wütend. Einerseits, weil ich unsicher wurde, indem ich merkte, dass sie mich verstand, obwohl ich doch ganz andere Worte gesagt hatte, und andererseits, weil ich ohnmächtig war in der Idee, dass sich das Gleichgewicht zwischen uns verschieben könnte. Insgesamt hatte ich höllische Angst davor, sie könnte mit der Gewaltfreien Kommunikation unsere Beziehung kaputt machen. Es folgte eine Phase hochemotionaler, kontroverser Diskussion.

Die Wende kam, als mir Gundi erklärte, worin ihre Absicht lag. Für sie sei die Gewaltfreie Kommunikation das beste ihr im Moment zur Verfügung stehende Mittel, um uns miteinander in Kontakt zu bringen, um uns gegenseitig zu verstehen und um unsere Beziehung und Partnerschaft zu stärken. Ihre Intention läge darin, etwas für unsere Beziehung zu tun, nicht dagegen. Ihr Lernen und Wachsen mit mir zu teilen, war eine Einladung, den Weg gemeinsam zu gehen.

Ich beschloss daraufhin, das GfK-Buch zu lesen - erst einmal heimlich. Was mich ansprach, waren Marshalls Geschichten - der Humor und die Leichtigkeit und gleichzeitig die Tiefgründigkeit und Wärme, mit der er erzählt. Ich wollte mehr wissen, besuchte ein Einführungsseminar und Übungsgruppen. Wir integrierten die GfK in unsere Elternkurse und entschlossen uns, gemeinsam an einer GfK-Trainerausbildung teilzunehmen.

In diesem Zeitraum bekamen wir eine Anfrage von einer Elternbeirätin aus Elias Kindergarten, ob wir ein Gewaltpräventionsprogramm kennen oder durchführen können. Ihr Wunsch war, die Kinder stark zu machen für den kommenden Lebensabschnitt. Sie fühlte sich ohnmächtig angesichts der Instanz Schule und war besorgt um ihren Sohn. Um ihn vor schmerzlichen Erfahrungen zu schützen, wollte sie ihm etwas als Unterstützung und Kraftquelle mitgeben. Da wir gerade nach Wegen suchten, um unseren neuen und reichen Erfahrungsschatz nicht nur in Elternkursen, sondern auch gezielt an die Kinder weiterzugeben, entstand die Idee, das Projekt "Giraffentraum" zu entwickeln - mit dem Ziel, die Kinder zu stärken.

"Als ich den 'Giraffentraum' las, war ich tief berührt, weil er mich an das erinnert hat, warum ich irgendwann einmal die Ausbildung zur Erzieherin gemacht habe: Ich wollte Kinder so sehen, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollten."

SABINE, Erzieherin

Im Lauf der Konzeption zeigte sich anhand der neuen Bildungspläne, dass es in vielen Kindergärten einen Bedarf gibt nach empathischem Umgang, lebensdienlicher Kommunikation, Leichtigkeit und Aufrichtigkeit.

Im April 2005 stellten Gundi und ich mit Hilfe von Sara Hartmann und Barbara Friedlein das Konzept Giraffentraum fertig und führten es in Kindergärten in Karlsfeld und Dürmentingen durch. Die Offenheit, das Engagement und die Begeisterung, mit der die Erzieherinnen über ihre Erfahrungen mit den Kindern, den Eltern und innerhalb der Teams berichteten, und all die Erkenntnisse und Veränderungen, die unsere Arbeit dort bewirkt hat, beflügelten uns, weiterzumachen und Projekte in vielen anderen Kindergärten durchzuführen. Diese Ergebnisse finden sich wieder in der Diplomarbeit "Gewaltfreie Kommunikation im Kindergarten - Eine empirische Untersuchung zur Umsetzung des Konzeptes 'Giraffentraum' an fünf Kindergärten" von Anne Jaschke (TU Dresden, 2007). Die im Rahmen dieser Untersuchung befragten Erzieherinnen benannten unterschiedliche, jedoch nur positive Auswirkungen auf die Kinder und die gesamte Einrichtung. (Einige ihrer Aussagen finden Sie im Buch zitiert.) Anne Jaschke kommt zu folgendem Schluss: "Es gibt zahlreiche Überschneidungen zwischen den untersuchten Bildungszielen der Bildungspläne von Sachsen und Bayern und den Intentionen des Projektes Giraffentraum. Viele Lernziele der Bildungspläne in den Bereichen Konfliktlösekompetenzen, soziale Kompetenzen und kommunikative Kompetenzen können mit dem Projekt Giraffentraum erreicht werden. Damit stellt es ein geeignetes Handwerkszeug dar, um die Empfehlungen der Bildungspläne in die Praxis umzusetzen." Gemeinsam mit anderen Trainerinnen und Trainern arbeiten wir daran, dass die Gewaltfreie Kommunikation immer mehr Kindergärten, Kindertagesstätten, Schulen und Familien erreicht, dass sie in die Erzieherinnen- und Lehrerinnenausbildung integriert wird und dass Eltern in Seminaren Unterstützung und Anregungen bekommen.

Was Sie in diesem Buch finden

In dem vorliegenden Buch wollen wir darstellen, wie die Beziehungen innerhalb von Familien und Kindergärten auf einer wertschätzenden und lebendigen Basis stehen können. Danach beschreiben wir die Gewaltfreie Kommunikation als eine Möglichkeit, dies zu erreichen (zweites Kapitel), und zeigen, wie in dieser Haltung mit Kindern im Kindergartenalter kommuniziert werden kann (drittes Kapitel). Im vierten Kapitel stellen wir das Konzept "Giraffentraum" als Beispiel vor, wie Gewaltfreie Kommunikation in Kindergärten eingeführt werden kann, und verdeutlichen Bezüge zu den Anforderungen der aktuellen Bildungs- und Erziehungspläne. Im Anschluss finden Sie kurze Beschreibungen weiterer Projekte und Kontaktmöglichkeiten zu zertifizierten Trainerinnen und Trainern im deutschsprachigen Raum.

Dieses Buch ist an vielen Stellen in der Ich-Form geschrieben, da der Prozess der Umwandlung von Erlebtem, Reflektiertem und Erlerntem in Geschriebenes hauptsächlich von mir (Frank) vollzogen wurde. Dennoch ist es mir sehr wichtig, dass wir gemeinsam, Gundi und Frank, als Autoren dieses Buches erscheinen. Ich sehe die weitaus aufwändigere und wichtigere Arbeit darin, gemeinsam diese Schritte gegangen zu sein und weiterhin zu gehen. Die zu Papier gebrachten Sätze sind nur das Ergebnis unseres Austausches, der vielen Gespräche, der gemeinsamen Prozesse und unseres Lebens in der Familie. Ich möchte Gundi damit meine Dankbarkeit dafür ausdrücken, dass sie die Gewaltfreie Kommunikation in unser Leben gebracht hat, meine Wertschätzung dafür, dass sie, trotz all meines Gegenwinds, drangeblieben ist, und zeigen, dass ihr Beitrag für dieses Buch für mich mindestens gleichwertig zu meinem ist.

Zudem schildert das Buch unsere Erfahrungen in der eigenen Familie und will unsere Dankbarkeit gegenüber der Gewaltfreien Kommunikation und damit Marshall Rosenberg ausdrücken. Wir beschreiben darin unsere Sichtweise der Gewaltfreien Kommunikation, wie wir sie heute haben. Die Gewaltfreie Kommunikation stellt sich für uns nicht als ein starres Modell dar, sondern als eine sehr solide Basis, auf der Leben und Beziehungen von Herz zu Herz gelingen können. Gleichzeitig ist sie auch flexibel und bereit zu wachsen.

Mit diesem Buch möchten wir einen Beitrag zur Stärkung der Basis und zu weiterem Wachstum leisten.

Wie soll die Beziehung zu meinem Kind sein?

Am Beginn unserer Elternkurse bitten wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Bild zu malen mit dem Thema: "Wie soll die Beziehung zu meinem Kind sein?" Wir sehen auf den Gemälden dann Sonnen, Regenbögen, bunte Farben und Formen, Kreise, Herzen und vieles mehr. Aus den Erklärungen wird deutlich, was den Eltern wirklich wichtig ist: Die Beziehung soll geprägt sein von Liebe, Nähe, Verständnis, Wärme, Vertrauen, gegenseitiger Wertschätzung, Freiheit, Gemeinschaft, Spaß, Respekt, Verbindung ...

Im Alltag gerät dies leider oft in den Hintergrund. Wichtiger scheint es, Kinder dazu zu erziehen, zu tun, was wir wollen oder was wir denken, was richtig ist. Wenn die Kinder vom Kleinkind- ins Kindergartenalter kommen, werden sich viele Eltern ihrer Erziehungsaufgaben bewusst und verwenden sehr viel Energie auf das Einüben bestimmter Verhaltensweisen: "regelmäßig die Zähne putzen", "Schuhe richtig herum anziehen", "sauber mit der Gabel essen", "anständig am Tisch sitzen", "die Mama nicht beim Telefonieren stören" usw. Dahinter steht oft der Wunsch, einen Beitrag zu leisten, damit es das Kind leichter hat im Umgang mit anderen und gesund bleibt. Sie wollen es schützen vor Spott, ihm Orientierung und Struktur geben und selbst Sicherheit und Ruhe bekommen. Und das alles als Ausdruck der Liebe und Sorge um das Wohl des Kindes und des eigenen Wohlergehens.

Und was macht das Kind? Warum sagt es nicht: "Danke Mama, dass du mir anstatt Süßigkeiten lieber Obst und Gemüse gibst! Ich kann sehen, dass dir meine Gesundheit am Herzen liegt"? Warum wird es stattdessen wütend und bekommt einen Trotzanfall? Vielleicht weil es die Absicht der Eltern einfach nicht verstanden hat und denkt: "Die wollen ja nur über mich bestimmen." Vielleicht aber auch, weil es selbst gerne verstanden werden würde und jetzt hilflos, ohnmächtig und frustriert ist, weil ihm die Möglichkeiten fehlen, sich verständlich zu machen. Kann sein, dass es

gerne selbst entscheiden möchte, weil es schon sooo groß ist und seine Autonomie gerne ausleben möchte. Kann auch sein, dass es einfach nur gefragt werden möchte und miteinbezogen in Entscheidungsprozesse. Vielleicht schmeckt ihm Gemüse auch schlichtweg nicht.

Als Marie fünf Jahre alt war, kam sie eines Tages aus dem Kindergarten und sagte, sie wolle nicht mehr leben. Wer Marie kennt, weiß, dass sie eine Ernsthaftigkeit ausstrahlt, die einen nicht dazu verleitet, dies als kindlichen Scherz aufzufassen. Obwohl ich im ersten Moment vom Schock wie gelähmt war und sofort alle möglichen Filme in meinem Kopf abliefen, schaffte ich es, ihr zuzuhören: Was steckt dahinter? Es war ein langes Gespräch, in dem sie mir unter vielen Tränen erzählte, ihre Erzieherin habe jetzt ein anderes "Lieblingskind". Nicht mehr leben zu wollen waren die stärksten Worte, die sie damals kannte, um auf ihren Schmerz aufmerksam zu machen. Sie war einfach unendlich traurig darüber und gleichzeitig jetzt so froh zu hören, dass ich sie verstehen konnte.

Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren haben nur selten die sprachlichen Fähigkeiten, sich klar auszudrücken im Sinne von: "Ich möchte mir in diesem Moment fünf Gummibärchen gönnen, da es mir augenblicklich weniger um Nahrungsaufnahme, sondern vielmehr um Genuss und Entspannung geht. Dabei möchte ich selbst entscheiden, welchen Weg ich dazu wähle." Schade - es wäre so viel einfacher, darauf "beziehungsdienlich" zu reagieren.Die Realität sieht aber meist anders aus: Wenn Kinder ihre Wut darüber, "abhängig zu sein", ihren Frust darüber, "sich nicht verständlich machen zu können" und ihre Enttäuschung "nicht verstanden zu werden", ausdrücken, wählen sie häufig Verhaltensweisen, die die Eltern als "bocken", "trotzen", "provozieren" oder "zicken" bewerten. Dafür bekommen sie alles Mögliche - jedoch nur selten das, was sie brauchen: Verständnis.
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