Leseprobe zu "Alles hat seine Zeit" von Karl O. Knausgård
Aus IRGENDEINEM GRUND sind uns die Cherubim, jene fettleibigen und rotwangigen Putti, von denen die Gemälde der Spätrenaissance und des Barocks förmlich überschwemmt werden, als das Idealbild der Engel im Bewusstsein haften geblieben. Und völlig abwegig ist dies letztlich wohl nicht, da die Engel in dieser Epoche in mancher Hinsicht ihre Blütezeit erlebten. Gleichzeitig bildet diese den Wendepunkt in ihrer Geschichte. Damals erkannten es nur wenige, aber ihr Verfall hatte bereits eingesetzt, und für uns, die wir ihre Bilder im Lichte der Zeit betrachten können, die seither vergangen ist, sind die Anzeichen unübersehbar: Ihnen ist etwas Gieriges und Verhätscheltes zu eigen, das selbst die einschmeichelndste Pose nicht übertünchen kann, und vielleicht lässt sich gerade dies am schwersten verstehen - wie Unschuld und Reinheit, an deren Attributen sie doch unverbrüchlich festhielten, sich so leicht in ihr Gegenteil verkehren konnten. Doch genau das traf ein. Nun werden viele sagen, dass den Engeln nur recht geschah, weil sie nicht den Verstand hatten aufzuhören, sondern sich immer tiefer in die Welt hineinlocken ließen, der sie doch eigentlich dienen sollten, um schließlich in ihr gefangen zu sein. Mir persönlich scheint das grausame Schicksal, das sie ereilt hat, jedoch nicht wirklich im Verhältnis zu ihren Sünden zu stehen. Aber das ist natürlich meine ganz persönliche Meinung. Für die Engel spielt dies ohnehin keine Rolle mehr. Sie erinnern sich nicht länger, woher sie kommen oder wer sie einst waren, Begriffe wie Würde und feierlicher Ernst sind für sie inzwischen bedeutungslos geworden, ihr Denken ist allein darauf gerichtet, Nahrung aufzunehmen und sich fortzupflanzen.
Der Ursprung der Engel ist ungewiss. Um 400 n. Chr. behauptete Hieronymus, sie entstammten einer Zeit lange vor der Entstehung der Welt, und begründete dies mit ihrer auffälligen Abwesenheit in der Schöpfungsgeschichte, in der sie mit keinem Wort erwähnt werden, während Augustinus seinerseits den gegenteiligen Standpunkt vertrat, indem er Argumente dafür vorbrachte, dass die Engel in der Schöpfungsgeschichte erwähnt wurden, wenn auch nur indirekt, da sie in Gottes ersten Befehl, Es werde Licht!, mit einbegriffen waren und folglich am ersten Tag erschaffen wurden. Dieses Argument, das Thomas von Aquin aufgriff und verfeinerte, setzt allerdings voraus, dass das Verhältnis zwischen Engeln und Licht nicht nur, wie gemeinhin angenommen wurde, metaphorisch ist, sondern sich die beiden auf komplizierte Weise ineinander verstricken, zu etwas nahezu Identischem werden. Licht ist kein Engel, aber die Engel sind Licht. So schön der Gedanke auch ist und so viel er auch über die Natur der Engel aussagen mag, greift er dennoch zu kurz. Licht ist, wie sich der Bibel entnehmen lässt, nur eine von zahlreichen Erscheinungsformen der Engel, warum sollte also gerade sie als Bezeichnung herhalten, als diese vollendeten, von Gott bevorzugten Geschöpfe entstanden? Weil sie sich in ihrer Außerirdischkeit weder beschreiben noch verstehen lassen? Wenn das der Fall ist, erscheint es trotz allem seltsam, dass ihr Name unmittelbar darauf, in der Erzählung vom Garten Eden, ohne jede Scheu genannt wird und sie dort, es ist das erste Mal, dass die Engel in der Heiligen Schrift direkt erwähnt werden, so konkret und resolut präsent erscheinen, dass sie mit Schwertern ausgerüstet sind.
Ich glaube deshalb, Hieronymus hatte Recht mit seiner Argumentation: Die Engel werden in der Schöpfungsgeschichte nicht erwähnt, weil sie bereits existierten. Ob sie immer existiert haben, wie unter anderem Antinous Bellori behauptet, lässt sich unmöglich mit Gewissheit sagen. Überhaupt ist alles, was die Engel betrifft, in eine Art Nebel der Unklarheit gehüllt; wir wissen nicht, wann sie entstanden sind, wir wissen nicht, woher sie kommen, wir wissen nicht, welche Eigenschaften sie haben, wie sie denken oder was sie sehen, wenn sie uns sehen. Gleichzeitig werden sie in der gesamten Bibel mit einer Vertrautheit verfolgt, die ihre Gegenwart derart selbstverständlich erscheinen lässt, dass sie keiner näheren Erläuterung bedarf. Diese Ambivalenz ist nur natürlich, da das wichtigste Kennzeichen der Engel gerade darin besteht, dass sie zwei Welten angehören und die eine stets in die andere einbringen. An kaum einer anderen Stelle wird das so deutlich wie in der Erzählung vom Fall Sodom und Gomorrhas. Sie sind von einer Aura des Fremden umgeben (als Lot sie im Abendlicht vor dem Stadttor erblickt, läuft er ihnen entgegen und verneigt sich mit dem Angesicht zur Erde), wirken aber auch vertraut, denn unmittelbar darauf lädt er sie zu sich ein, backt ungesäuerte Kuchen und bereitet eine Mahlzeit vor, die sie verspeisen. Vermutlich ist es die eingangs erwähnte Vertrautheit, die es dem Verfasser nicht erforderlich erscheinen lässt, die Situation eingehender zu beschreiben. Da sitzen zwei Engel an einem Tisch in einer Küche in Sodom und speisen, zwei Engel, die von Gott entsandt wurden, um über das Schicksal der Stadt zu entscheiden, sie unter Umständen auszulöschen, und dann erfahren wir nichts darüber, wie die Stimmung ist, wie sie aussehen, was sie zueinander sagen. Nur diese lakonische Feststellung ... und er machte ihnen ein Mahl und buk ungesäuerte Kuchen, und sie aßen. Das ist alles. Aber die Engel müssen dort eine ganze Weile gesessen haben, zumindest die Zeit, die es braucht, um ungesäuerte Kuchen zu backen, und ihre Anwesenheit muss Lot nervös gemacht haben, da er als Einziger wusste, in welcher Angelegenheit sie unterwegs waren. Ich kann ihn vor mir sehen, wie er vor dem Ofen steht und darauf wartet, dass die Kuchen fertig sind, wie er ein ums andere Mal verstohlen zu den beiden Engeln hinüberschaut, die schweigend am Tisch sitzen, seine Verzweiflung, die sich jedesmal steigert, wenn ein neuer Laut von der Straße zu ihnen hereindringt, denn er weiß, wozu sie im Stande sind, die Einwohner der Stadt, die kurz zuvor von der Anwesenheit der Fremden erfahren haben und sich nun in der Dunkelheit vor dem Haus versammeln.