Leseprobe zu "Deutschland Schwarz Weiss" von Noah Sow
Es ist schwieriger, ein Vorurteil zu zerstören als ein Atom.
ALBERT EINSTEIN
Die Dinge, die ich in diesem Buch vermittle, sind keine Behauptungen, die ich neu aufstelle. Sie sind theoretisch Teil des Allgemeinwissens. Doch in Deutschland passiert gerade etwas sehr Interessantes: Der Zugang zu einem bestimmten Gebiet des Allgemeinwissens wird von der Mehrheit "aktiv" nicht genutzt. Das verwundert: Die Deutschen wollen doch auch sonst immer alles ganz genau wissen. Warum nur über dieses eine Thema so wenig?
Die Antwort ist ganz einfach: Weil es Angst macht. Weil das Informiertwerden "ganz sachlich", losgelöst vom eigenen Leben, bei diesem Thema nicht möglich ist. Lohnen tut es sich natürlich trotzdem. Denn der Stand der Aufklärung über die Gesichter des Rassismus und die Rolle, die die Mehrheitsgesellschaft dabei spielt, ist in Deutschland noch sehr, sehr niedrig. Weiße Deutsche haben aber durch die Beschäftigung mit dem Thema die Chance, künftig viele Zusammenhänge (inklusive der Selbstdefinition) in einem neuen Licht zu sehen. Höchste Zeit wäre es allemal: Deutschland ist rückständig, was den Umgang mit Rassismus betrifft.
Dies ist geschichtlich erklärbar, wichtiger aber: Es ist zu ändern. Und sollte zur Vermeidung größerer Blamagen und Verletzungen in nächster Zukunft auf die Reihe bekommen werden.
In diesem Buch werden Sie eigenen Vorstellungen begegnen, die Sie bisher wahrscheinlich nie hinterfragt haben, sowie alten "Wahrheiten". Und Sie werden vor langer Zeit gelernte "Gewissheiten" überprüfen müssen. Dafür benötigen Sie vor allem - wie man auf Englisch so schön sagt - "the courage to be rational": den Mut, rational zu bleiben. Das wird anstrengend sein, es bedeutet Arbeit. Denn Rassismus zu bekämpfen heißt zunächst einmal, ihn zu verstehen. Dieser Prozess wird für weiße Deutsche nicht schmerzfrei vonstatten gehen können. Das vorliegende Buch ist ein Angebot für mehr Fairness und Normalität und gegen Gewalt. Denn jede Form von Rassismus ist Gewalt.
Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass Sie ein guter Mensch sind. Wenn ich denken würde, dass Sie doof und böse seien, würde ich mir nicht die Mühe machen, ein Buch zu schreiben, in dem ich versuche, Ihnen verschiedene Dinge zu erklären. Daran können Sie sich erinnern, wenn Sie sich im Lauf der Lektüre ab und zu mal ärgern. Gleichzeitig werden Sie auf den folgenden Seiten aber hin und wieder auch ganz schön hart angefasst werden. Nehmen Sie's als Erfahrung.
Vorspann: Meine eigene Herkunft
Ich stamme ursprünglich aus einem Land, dessen Zivilisationsgrad vor noch nicht allzu langer Zeit von vielen Staaten der westlichen Welt belächelt und interessiert, aber von oben herab zur Kenntnis genommen wurde. Kein Wunder: Ganz in der Nähe gab es beispielsweise noch Stämme, die die Schädel ihrer verstorbenen Kinder bemalten (!) und sammelten.
Meine Großmutter, eine Eingeborene, hatte sechzehn Geschwister. Das Wasser kam selbstverständlich aus dem Dorfbrunnen statt wie heute aus dem Wasserhahn. Wenn es einmal regnete, wurde das Wasser eifrig gesammelt. Elektrizität hatte damals im Dorf kaum jemand. Auch heute noch kämpfen wir mit den in unserer Gegend üblichen Problemen: korrupte Politiker, ethnische Konflikte (was vielleicht kein Wunder ist, denn die Grenzen meines Landes waren noch nie länger als zwei Generationen dieselben), hohe Verschuldung und so weiter. In den letzten paar Jahrzehnten hat mein Land aber einen enormen Schritt nach vorne gemacht. Inzwischen ist es politisch recht stabil, und es kann heute auf einiges stolz sein: Bei der Einteilung des Landes durch Gebietszuteilungen an einzelne ethnische Untergruppen, die vor etwa zwei Generationen stattfand, war einige Willkür im Spiel. Die Grenzen der fast teilsouveränen Stammesgebiete spiegelten nicht wirklich die genaue Besiedelung durch die jeweiligen Völker wider. Zudem variierten die Gebiete stark in ihrer Größe. Trotzdem kam es nicht zum Bürgerkrieg.
Seit über sechzig Jahren war das Land in keinen ethnischen Krieg mehr verwickelt. Kleinere "Scharmützel" unter einzelnen ethnischen Gruppierungen werden bisher gut unter Kontrolle gehalten.
Aus den vielen Dialekten, die im Land gesprochen werden, und von denen einige jeweils nur für Eingeborene desselben Gebietes verständlich sind (darunter auch reine Lautsprachen), wurde in einem friedlichen Prozess einer der Dialekte als Amtssprache ausgewählt. Ursprünglich wurde er zwar nur von einem relativ kleinen Stamm gesprochen, doch er setzte sich widerstandslos durch. Jeder im Land versteht nun zumindest rudimentär die offizielle Amtssprache (das können nicht alle Länder von sich behaupten)!
Seit ungefähr zehn Jahren gibt es bei uns flächendeckend Festnetz-Telefonanschlüsse. Das war noch bis weit in die neunziger Jahre hinein kaum vorstellbar. Eine Episode der Militärdiktatur, in die einzelne Stammesgebiete zeitweise zurückfielen, konnte unblutig (!) beendet werden.
Die größte Herausforderung, die die Zivilisierung (die zugegebenermaßen durch äußere Kräfte erwirkt wurde) mit sich brachte, war für uns wohl der Umgang mit der Demokratie. Diesen meistern wir heute vorbildlich. Obgleich wir quasi "zu unserem Glück gezwungen" wurden, konnten wir eine spektakulär positive wirtschaftliche und sozialpolitische Tendenz verzeichnen, die nicht zuletzt auf jahrelange umfangreiche Lieferung von Hilfsgütern, staatsbildende Entwicklungshilfe und auch militärische Präsenz fortschrittlicher, zumeist westlicher Staaten zurückzuführen ist. Die neuen Landesgrenzen, die wie bei
vielen afrikanischen Ländern nicht durch unseren Staat selbst, sondern durch die Regierungen anderer Länder gezogen worden sind, wurden durch die Regierung unseres Landes im Jahr 1990 sogar offiziell anerkannt.
Dieses Land heißt natürlich - Deutschland. Meine Oma, die Eingeborene, stammt aus Bayern. Nebenan, in Tirol, bemalte man Schädel und stellte sie ins Regal. In den neuen Bundesländern hatten noch 1994 viele Haushalte keinen Festnetz-Anschluss. Über die verschiedenen Zivilisierungsgrade meines Volkes weiß ich bestens Bescheid.
Kapitel eins
Der helle Wahn. Ein erstes Aufräumen mit unerfreulichen rassistischen Gewohnheiten
"Rassismus" gibt es, wenn man deutschen Medien Glauben schenken mag, immer nur anderswo: in Südafrika, in den USA, in Frankreich. In Deutschland gibt es keinen "Rassismus", unter anderem, weil Deutsche ja alle weiß sind. Schön praktisch. Aber gelogen.
Wissen Sie, was ich zu ungefähr achtzig Prozent als Erwiderung höre, wenn ich deutschen Rassismus erwähne? Genau: "Aber in England (wahlweise: Frankreich, USA) ist es doch viel schlimmer."
Ja, wir sind nicht die Einzigen mit einem Rassismusproblem.
Nein, es ist keine Lösung, darauf zu verweisen, dass anderswo angeblich alles viel schlimmer sei, und zu hoffen, dass damit das Thema für Deutschland vom Tisch ist. Wenn ich jemandem den Arm gebrochen habe, kann ich die Konsequenzen auch nicht durch die Tatsache abwenden, dass mein Cousin jemandem ein Bein gebrochen hat.
Ja, wir müssen hinsehen.