Der Tag als ich lernte die Spinnen zu zähmen - Richter, Jutta

Jutta Richter 

Der Tag als ich lernte die Spinnen zu zähmen

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2001 und dem Luchs des Jahres 2000

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Produktbeschreibung zu Der Tag als ich lernte die Spinnen zu zähmen

Eine Geschichte über Freundschaft und darüber, wie schwer er ist, einen Freund zu verteidigen und zu ihm zu halten.

Einen Freund wie Rainer zu haben ist gut und schlecht. Denn einerseits hört er zu und lacht nicht, wenn man von seinen Ängsten erzählt. Er fürchtet sich vor nichts und macht einem selbst Mut. Auf der anderen Seite mag ihn keiner leiden, die Erwachsenen nicht und auch nicht die anderen Kinder. Sie können und wollen die Freundschaft mit Rainer nicht verstehen, und erzwingen eine Entscheidung. Aber wozu ist ein Freund denn gut, wenn ihn niemand leiden mag? Jutta Richter erzählt sensibel und ausdrucksstark von Ausgrenzung, Einsamkeit und Mut.


Produktinformation


  • Verlag: Dtv
  • 2011
  • 9. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 92 S.
  • Seitenzahl: 92
  • dtv Taschenbücher Bd.62119
  • Altersempfehlung: ab 10 Jahren
  • Deutsch
  • Abmessung: 194mm x 124mm x 12mm
  • Gewicht: 121g
  • ISBN-13: 9783423621199
  • ISBN-10: 3423621192
  • Best.Nr.: 10886576
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 18.10.2000

Die Sehnsucht, dazu zu gehören
Über die Grausamkeiten einer ganz normalen Kindheit
Dies ist eine Geschichte über das Schämen. Über die Sehnsucht, dazu zu gehören, und den Verrat an denen, die leider draußen bleiben müssen. Es ist eine Geschichte über eine ganz normale Kindheit, mit ihren Unsicherheiten und Grausamkeiten. Eine Geschichte, in der die Hauptfigur nicht unbedingt nur positiv wegkommt – und man sich trotzdem gut in sie hinein versetzen kann.
„Wir waren vier. Hansi Pfeifer, Martina Thiemann, Michael Franke und ich. ” Vier Freunde, denen die Straße gehört, die zusammen auf die Züge warten, die am nahen Bahndamm vorbeirauschen, oder Steine auf die Lastwagen werfen, die vom Bauhof kommen. Alles in Ordnung, soweit. Bis Rainer in die Straße zieht, das vernachlässigte ehemalige Heimkind, der „Furchendackel”, der Spielverderber und krumme Hund: „Immer anschleichen. Immer rumschnüffeln. Immer mitspielen wollen. ” Doch dann vertreibt ausgerechnet Rainer die größte Kellerkatze der Welt, er bringt der Ich-Erzählerin bei, wie man grässliche Spinnen zähmt, er zeigt ihr die Ratten im Gruselhaus, und in ihrem „Hasenherz” wächst …

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Eine schmerzhafte Lektüre scheint dieses Buch für Jörg Schindler gewesen zu sein, das in der Geschichte von zwei ungleichen Freunden bittere Einsichten in Mitläufertum und Kleinstadtheuchelei vermittelt. Denn weder "Happy End" noch "Schönfärberei" habe sich die Autorin geleistet, was sicher nicht besonders "aufmunternd" sei, dafür aber bedrückend deutlich mache, wie man wider besseren Wissens zum Mitläufer wird, so der Rezensent beeindruckt. Er ist begeistert von der knappen Erzählweise der Autorin, die "kein Wort zuviel verliert" und die mit wenigen Andeutungen ein derart "klaustrophobisches Kleinstadtmilieu" zu zeichnen imstande sei.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Jutta Richters Büchlein ist ein Juwel." Brigitte, 18.10.2000 "Atmosphärisch dicht, sprachlich rund geschliffen. ... Kein Zweifel, dass Jutta Richter zu Recht zu den großen deutschen Jugendbuchautorinnen gezählt wird: Ihre Fähigkeit, ohne große Naivität ganz aus der Perspektive eines Kindes zu schreiben und bei aller Direkt- und Derbheit eine Poesie der Sprache zu erzeugen, ist bewundernswert." Antje Weber, Süddeutsche Zeitung, 18.10.2000
Jutta Richter, geboren 1955, studierte Theologie und Germanistik und lebt als freie Autorin im Münster-land. Für ihr Buch Der Tag, als ich lernte, die Spinnen zu zähmen (2000) erhielt sie den Deutschen Jugendliteraturpreis 2001.

Leseprobe zu "Der Tag als ich lernte die Spinnen zu zähmen"

Es wäre alles für immer so geblieben, wenn nicht Rainer in unser Haus gezogen wäre.
Rainer war etwas älter als ich und mit doofen Weibern hatte er eigentlich nichts am Hut. Ich hatte Glück, dass ich noch nicht zu den doofen Weibern gehörte. Die waren mindestens ein Jahr älter, kamen immer zu zweit und kicherten.
"Na, Meechen", sagte Rainer, als ich mit dem Kartoffeltopf durchs Treppenhaus schlich. "Haste Angst?"
Ich schluckte, und Rainer fragte: "Wovor?"
Und da erzählte ich ihm von der Kellerkatze. Er hörte zu und grinste nicht. Er schüttelte nicht mal den Kopf. Er hörte einfach nur zu und nickte dann, so, als ob da, wo er herkam, die Kellerkatzen sogar in den Küchen wohnten.
"Willste sehen?", fragte ich.
"Na klar", sagte Rainer. Er zog den Spielzeugcolt mit den Knallblättchen aus dem Hosenbund und ging ein bisschen breitbeinig wie der Sheriff im Western. Das sah etwas bescheuert aus. Aber mir war nur wichtig, er ging vor.
Ich hatte das Gefühl, er könnte mich vor der Kellerkatze beschützen. Und ich wusste, sie saß da und wartete auf uns.
Wir öffneten leise die schwere Eisentür und schlichen mit angehaltenem Atem die Treppenstufen hinunter. Ich blieb dicht hinter Rainer, so dicht, dass ich ihn riechen konnte.
Er roch nach Lehm und Wiese und nach Knallplättchen. Ein bisschen sauer und ein bisschen süß, und ich konnte ihm vertrauen.
"Beweg dich nicht!", flüsterte er. "Da sitzt sie!"
Er zeigte mit dem Spielzeugcolt in Richtung Bettgestell.
"Wahnsinn! So eine große hab ich noch nie gesehen! Das ist die größte Kellerkatze der Welt!"
"Und jetzt?", fragte ich.
Rainer zeigte auf das Kellerfenster.
"Schleich dich da rüber und mach es auf", flüsterte er. "Aber lass die Katze nicht aus den Augen!"
Mein Herz tat einen Sprung, fast hätte ich mich nicht getraut, aber dann sah ich ihn an und wollte kein Angsthase sein. Ich schlich vorsichtig auf das Fenster zu und schob langsam den Riegel nach unten. Die Kellerkatze war höchstens einen Meter von mir entfernt.
"Wenn ich losballere, musst du schreien!", zischte Rainer mir zu. "So laut du kannst!"
Ich hörte, wie er mit einem Klick den Colt entsicherte.
"Jetzt!"
Und dann knallte es und ich schrie und ich schrie und es knallte.
Und die Kellerkatze jaulte auf und floh mit
hoch aufgerecktem Schwanz Richtung Kellerfenster.
Sie prallte gegen das Gitter, rutschte ab, nahm einen neuen Anlauf und verschwand dann fauchend im Hinterhof.
"Na, bitte!", sagte Rainer und grinste. "Haste noch Angst, Meechen?"
"Wovor?", grinste ich zurück.
"Eben", sagte Rainer. Und ab da waren wir Freunde.

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