Im Netz der Pflegemafia - Fussek, Claus; Schober, Gottlob

Im Netz der Pflegemafia

Wie mit menschenunwürdiger Pflege Geschäfte gemacht werden

Claus Fussek Gottlob Schober 

Broschiertes Buch
 
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Im Netz der Pflegemafia

"Ein sehr wichtiges, längst überfälliges Buch. Es kommt gerade noch rechtzeitig." Dieter Hildebrandt

"Claus Fussek und Gottlob Schober zeichnen detailreich und umfassend ein Schreckensbild von deutschen Pflegeheimen. Überzeugend belegen sie: Solange mit Hilfsbedürftigen Geld verdient wird, können sich die Zustände nicht bessern." taz

"Für jeden, der einen Pflegefall in der Familie hat, ist 'Im Netz der Pflegemafia' eine Pflichtlektüre!" Rheinischer Merkur

Ein alarmierender Report, der in unserer alternden Gesellschaft jeden angeht
Die Pflegebranche in Deutschland boomt. Der Markt wächst rasant. Doch um welchen Preis? Claus Fussek und Gottlob Schober decken gravierende Missstände in der Altenpflege auf. Sie bringen Insider zum Reden und analysieren die finanziellen Interessen der verschiedenen Akteure. Mafiöse Strukturen eines Systems werden sichtbar, in dem man um des Profits willen eklatante Menschenrechtsverletzungen in Kauf nimmt. Eine erschreckende, längst fällige und umfassende Bestandsaufnahme der deutschen Pflegelandschaft.
Enthüllt die menschenunwürdigen Strukturen unseres maroden Pflegesystems.


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 443 S. m. 15 Karikat. v. Thomas Plassmann.
  • Seitenzahl: 448
  • Goldmann Taschenbücher Bd.15559
  • Deutsch
  • Abmessung: 182mm x 125mm x 33mm
  • Gewicht: 377g
  • ISBN-13: 9783442155590
  • ISBN-10: 3442155592
  • Best.Nr.: 25574405

Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Eine "wütende Streitschrift" erblickt Nina von Hardenberg in Claus Fusseks und Gottlob Schobers Bericht über das deutsche Pflegesystem. Durch seine unverhüllte Schilderung der Missstände und der menschenunwürdigen Behandlung alter Menschen hat sie das Buch ziemlich mitgenommen, aber zugleich auch wachgerüttelt. Die Autoren führen für sie anhand zahlreicher Beispiele vor Augen, wie das Pflegesystem selbst die schlechte Pflege von Altenheimbewohnern bedingt, wie Pflegeverbände, Heimbetreiber und Pharmaindustrie davon profitieren. So verdiene etwa ein Heim umso mehr an einem Bewohner, je pflegebedürftiger er ist, also fehle der finanziellen Anreiz, ihn so zu pflegen, dass er nach einer Krankheit wieder das Bett verlassen kann. Hardenberg attestiert den Autoren, "tief in den Dschungel des Pflegesystems" einzudringen. Besonders beeindruckend findet sie die Passagen, in denen die Autoren Betroffene zu Wort kommen lassen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 04.03.2008

Im Dschungel
Die unerträgliche Realität des deutschen Pflegesystems
Unmenschlichkeit zeigt sich oft
in Nebensätzen: „Toilettengänge sind bei uns zeitlich nicht machbar”, schreibt eine Pflegerin in einem anonymen Beschwerdebrief. „Wenn die alten Menschen schreien, interessiert es niemanden. Wir sagen ihnen: ,Machen Sie einfach in die Hose.‘” Die Beschreibung klingt fast unwirklich. Kommt es tatsächlich vor, dass eine Schwester, die angetreten ist, zu helfen, Menschen ein so elementares Bedürfnis einfach verweigert? Es kommt vor, und zwar in unzähligen Heimen überall in Deutschland. Das ist nur eine der bitteren Wahrheiten, die Claus Fussek und Gottlob Schober den Lesern in ihrem Buch „Im Netz der Pflegemafia” zumuten. Es ist eine wütende Streitschrift, die die Missstände schonungslos darstellt und somit oft nur schwer erträglich ist. Doch sie spiegelt eine noch viel unerträglichere Wirklichkeit, die in diesem Land schon viel zu lange hingenommen wird.
Wer sich mit der Pflegebranche beschäftigt, weiß um die Probleme: Jeder zehnte Altenheimbewohner hierzulande wird so schlecht gepflegt, dass er gesundheitliche Schäden davonträgt, …

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"Die Gesellschaft will das wahre Ausmaß der Pflegekatastrophe in Deutschland nicht zur Kenntnis nehmen!" Claus Fussek

"Mit schlechter Pflege werden in Deutschland Milliarden verdient." Gottlob Schober
Claus Fussek ist Gründungsmitglied der "Vereinigung Integrationsförderung e.V." Seit über 25 Jahren beschäftigt er sich mit den Missständen in der Altenpflege. Er ist Autor (zus. mit Sven Loerzer) von "Alt und abgeschoben" (2005).Gottlob Schober arbeitete als Redakteur und Reporter u. a. für das Fernsehmagazin "Frontal", seit 2001 für das ARD-Politmagazin "Report Mainz". Seit vielen Jahren recherchiert und publiziert er zum Thema Altenpflege.

Leseprobe zu "Im Netz der Pflegemafia"

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Leseprobe zu "Im Netz der Pflegemafia"

Vorwort 7

Erster Teil

Dauerbrenner Pflegenotstand
1. Daheim oder im Heim?
2. Artgerechte Pflege - artgerechte Haltung: Ein Besuch im Pflegeheim für alte Tiere
3. Das Horrorkabinett: Erfahrungen im Heimalltag . . .
4. Festgebunden, ruhig gestellt: Das Elend alter Menschen im Heim
5. Die Heimleiter
6. Die Kontrolleure
7. Pflegenotstand im Krankenhaus

Zweiter Teil

Die Pflegelobby
8. Die Geburtsstunde der Pflegeversicherung
9. Wer ist die Pflegelobby?
10. Das "Kinderberücksichtigungsgesetz" oder: Was 2004 eine Pflegereform hätte werden sollen . . . .
11. Lobbyarbeit im Namen Gottes
12. "Prävention vor Rehabilitation vor Pflege"
13. Pflegeversicherung pervers: Warum demenziell erkrankte Menschen einen neuen Pflegebegriff brauchen

14. Warum dürfen die Prüfberichte des Medizinischen Dienstes nicht veröffentlicht werden?

Dritter Teil

Die Profiteure der Pflegeversicherung

15. Sinnlose Noteinsätze: Wie Ärzte pflegebedürftige Menschen unnötig ins Krankenhaus schicken
16. Die Zukunft: Leben in tristen Alten-Ghettos?
17. Wie bei Kassen und alten Menschen abkassiert wird

Vierter Teil

Das Versagen der Justiz

18. Ein Arzt verzweifelt am System
19. Der Fall Gertrud Frank

Fünfter Teil

Auswege aus der Pflegemisere?

20. Vision Pflegeroboter
21. Die Pflegestammtische
22. Es geht auch anders

Ein realsatirisches Fazit von Dieter Hildebrandt

Zehn zusammenfassende Thesen/Forderungen

Vorwort

Jeder Mensch hat seine unverlierbare Würde, die ihm von Gott verliehen ist. In diesem Geist wird die Bewohnerin/der Bewohner betreut. Ihr/ihm wird im Rahmen dieses Vertrages die bestmögliche Hilfe für ein weitgehend selbstbestimmtes Leben gewährt.

Präambel des Heimvertrags eines kirchlichen Trägers

In keinem anderen Bereich unserer Gesellschaft ist der Kontrast zwischen dem, was Träger zu leisten vorgeben, und dem, was tatsächlich für hilfsbedürftige Menschen getan wird, größer als in der Altenpflege. In den letzten Jahren wurden unerträgliche Zustände in Heimen und in der ambulanten Pflege aufgedeckt. Artikel 1 unseres Grundgesetzes ist hier, wenn man die Realität betrachtet, quasi außer Kraft gesetzt. Die Würde der alten Menschen ist "antastbar", müsste es eigentlich heißen. "Pflegeerleichternde Maßnahmen" wie Fesselungen, Psychopharmaka-Missbrauch und Ähnliches sind leider an der Tagesordnung.

Hilf- und wehrlose Menschen werden häufig so behandelt, dass sie zwangsläufig in eine höhere Pflegestufe eingruppiert werden müssen. Dahinvegetierende Pflegebedürftige bringen nach der Logik der Pflegeversicherung mehr Geld als Menschen, deren noch bestehende Fähigkeiten ständig gefördert werden. Die Folgen sind vielfach Erniedrigung, Gewalt und Vernachlässigung. Die meisten Pflegerinnen und Pfleger sind auch aufgrund restriktiver Arbeitsvorschriften überfordert. Sie fühlen sich ausgebeutet, können sich mit ihrem Beruf kaum noch identifizieren. Dass für persönliche Zuwendung im System keine Minute vorgesehen ist, demotiviert sie.

Natürlich geht es auch anders. Wir haben Pflegeheime kennengelernt, denen wir unsere Eltern anvertrauen würden. Wir sind Pflegekräften begegnet, die mit leuchtenden Augen erzählten, dass sie Pflegebedürftige wieder von der Magensonde wegbekommen haben. Die alten Menschen essen und trinken jetzt wieder selbst und haben damit eine höhere Lebensqualität. Doch leider sind das Ausnahmen.

Dass in einem der reichsten Länder der Welt das Argument der finanziellen Engpässe immer wieder als Rechtfertigung für einen kaum merklichen Fortschritt und damit für menschenunwürdige Pflege herhalten muss, halten wir für einen Skandal.

"Unter den gegebenen Bedingungen leisten wir eine optimale Pflege" ist einer der Lieblingssätze vieler Heimträger. Nur ein radikaler Systemwechsel vermag diese Zustände zu ändern. Wir brauchen eine Abkehr von passivierender Pflege. Sie ist teuer und zerstört die Eigenständigkeit alter Menschen. Das ist unstrittig! Alle Probleme sind wissenschaftlich ausreichend aufgearbeitet - alle Ergebnisse liegen auf dem Tisch. In der deutschen Pflegelandschaft gibt es kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem.
- Warum sind gerade alte und pflegebedürftige Menschen derart entwürdigenden und lebensbedrohenden Bedingungen ausgesetzt?
- Warum lösen Skandalberichte in der Öffentlichkeit nur hilflose Empörung aus (im Gegensatz zu sonstigen Reaktionen auf Missstände oder Vergehen, bei denen in aller Regel sofort Gesetzesverschärfungen gefordert werden)?
- Warum bitten unsere Informanten um Wahrung ihrer Anonymität, wenn sie nachweislich nur die Wahrheit wiedergeben?
- Warum droht engagierten und couragierten Pflegekräften der Verlust ihres Arbeitsplatzes, wenn sie sich zur öffentlichen Kritik an ihrer entwürdigenden Berufspraxis entschließen?
- Warum stellen Staatsanwälte Ermittlungsverfahren, in denen es um alte Menschen geht, häufig schnell wieder ein? Handelt es sich hier um einen rechtsfreien Raum?
- Warum steht eine hohe Rendite über menschenwürdiger Pflege? Wer verdient an Pflegefonds?
- Warum werden die Auswirkungen dubioser Immobiliengeschäfte auf die Pflegequalität fast nicht untersucht?
- Warum kostet auch schlechte Pflege im Heim zwischen 2500 und 3500 Euro?

Diese Fragen wollen wir auf den folgenden Seiten beantworten. Kaum jemand interessiert sich für das Preis-Leistungs-Verhältnis. Eine ehrliche Kostentransparenz ist offensichtlich politisch nicht durchsetzbar! Auch eine Reform der Pflegeversicherung wird daran wenig ändern.

Wir, die Autoren dieses Buches, kennen uns seit sechs Jahren. Vom Beginn unserer Zusammenarbeit haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, die Situation pflegebedürftiger Menschen zu verbessern, und führen in den folgenden Kapiteln die Ergebnisse unserer jahrelangen Arbeit, ergänzt durch viele neue Recherchen, zusammen.

Wir möchten erreichen, dass pflegebedürftige Menschen jeden Tag zu essen und zu trinken bekommen, und zwar in dem Tempo, in dem sie kauen und schlucken können. In etlichen Pflegeheimen ist dies aus zeitlichen Gründen nicht mehr möglich. Bewohner werden dort mit "pflegeerleichternden und pflegevermeidenden" Magensonden versorgt. Damit sind nicht die medizinisch notwendigen Hilfsmittel gemeint, sondern die zahlreichen Sonden, die inzwischen in den Krankenhäusern "auf Druck vieler Pflegeheime" eingesetzt werden. Die auf solche Weise "Versorgten" dürfen nichts mehr essen, nichts mehr kauen, nichts mehr schlucken, nichts mehr schmecken! Diese Vorstellung ist für die meisten Pflegeheimbewohner ein Albtraum und auch ein Grund, warum sie dann erklären: "So möchte ich nicht mehr leben!"

Inzwischen hat auch der Medizinische Dienst der Kranken- und Pflegekassen festgestellt, "dass in einer Vielzahl von Pflegeheimen die Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr nicht mehr sichergestellt werden kann". Das heißt im Klartext: Pflegebedürftige Menschen hungern und verhungern beziehungsweise trocknen in Pflegeheimen aus.

Wir sprechen hier nicht vom Elend der Flüchtlinge in der sudanesischen Provinz Darfur, sondern von Pflegeheimen in Deutschland. Wir sind fassungslos, dass alte Menschen teilweise wochenlang nicht aus dem Bett kommen. Sie liegen den ganzen Tag herum und starren die weiße Wand an. Niemand spricht mit ihnen, sie warten auf den Tod, isoliert und endgelagert! Das ist unmenschlich und grausam!

Beim Besuch der Altenpflegemesse 2007 in Nürnberg konnten wir uns ein Bild davon machen, zu welch einem Wirtschaftsfaktor sich die Altenpflege in letzter Zeit entwickelt hat. So sind inzwischen Windeln erhältlich, die ein Fassungsvermögen von unglaublichen 3,8 Litern haben. Wir fragen uns, wer sich das ausgedacht hat. Wie lange müssen Menschen in solchen Windeln liegen, damit sich dieses Produkt für potenzielle Käufer rechnet? Es ist ein Anreiz für Heimträger und deren Pflegekräfte, Menschen nicht mehr zur Toilette zu führen! Wie lange würde ein fröhlich Zechender in einem Zelt des Münchener Oktoberfestes nach dem Genuss von vier Maß Bier diese unwürdige Situation aushalten?

Sprechen wir jetzt einmal nicht von "Würde", von den "entsetzlichen Schmerzen" - betrachten wir den Pflegeskandal nur unter "volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten"!

Die Behandlung eines großen Dekubitalgeschwürs in einem Krankenhaus kostet etwa 25 000 bis 30 000 Euro. Zehntausende offene Druckwunden müsste es nicht geben, wenn man heute nach den medizinisch-pflegerischen Erkenntnissen - den "Expertenstandards" - vorgehen würde. Das heißt, wir leisten uns den Irrsinn, volkswirtschaftlich hunderte Millionen zu verschwenden und gleichzeitig vielfach menschenunwürdig zu pflegen. Wer soll das verstehen?

Uns ist in den vergangenen Jahren der "Pflegediskussion" eines vollkommen klar geworden: Solange an den Folgen der schlechten Pflege viel Geld verdient werden kann, wird sich am Grundsatz nichts ändern. Selbst die Krankenkassen scheinen kein großes Interesse daran zu haben. Warum stellen sie den Verantwortlichen kaum Regressforderungen für teure "Pflegefehler"?

Die Pflegekassen haben sich zusammen mit der Bundesregierung und den Heimträgern inzwischen offensichtlich "arrangiert": Man möchte "die alten Menschen nicht weiter verunsichern" und eine "Skandalisierung" verhindern. In der Vergangenheit haben sich nach Pflegeskandalen immer wiederkehrende Argumentationsschemata entwickelt.

Ein Beispiel: Mehrere alte Menschen leiden in einem Pflegeheim unter Dekubitalgeschwüren, und sie bekommen zu wenig zu essen und zu trinken. Zunächst wird der Träger, von Journalisten darauf angesprochen, darauf verweisen, dass personenbezogene Daten nicht weitergegeben werden können. Manchmal lassen sich Journalisten auf diese Weise abwimmeln. Ist die Beleglage aber erdrückend, so wird der Heimträger einen "bedauerlichen Einzelfall" einräumen und in diesem Zusammenhang auch auf ein "zertifiziertes Qualitätssicherungssystem", das "den Qualitätssicherungsprozess" überwache, hinweisen. Damit möchten die Betreiber den Journalisten zu verstehen geben, dass man auf individuelle Fehler entsprechend zu reagieren in der Lage sei. Die nächste Eskalationsstufe: Den Medien, die über die sogenannten "Einzelfälle" berichten, wird im Nachgang eines solchen Berichts "Skandalisierung" und "Panikmache" vorgeworfen.

Daraufhin schaltet sich häufig die Politik ein. Sie verharmlost und mahnt, dass ein "ganzer Berufsstand durch bedauerliche Einzelfälle und ein paar schwarze Schafe" unter "Generalverdacht gestellt" werde. Man dürfe nicht "pauschal kriminalisieren und diffamieren". Und: Nicht alle Heime seien schlecht!

So sagte zum Beispiel die Bundesgesundheitsministerin im September 2007 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "Die überwiegende Mehrheit der Pflegeeinrichtungen und -dienste leistet eine hervorragende und aufopferungsvolle Arbeit an den pflegebedürftigen Menschen!" Fünf Jahre zuvor hatte eben diese Ulla Schmidt der Opposition vorgeworfen, ihr seien "die erschreckenden Missstände in Pflegeheimen" offensichtlich völlig gleichgültig. Wie kann es zu so grundverschiedenen Einschätzungen kommen? Haben sich die Rahmenbedingungen in den letzten Jahren deutlich verbessert? Nein! Dieser Zitatvergleich bestätigt, dass Politiker in die Richtung argumentieren, aus der gerade der Wind weht.

Hält der öffentliche Unmut über die Pflegemisere länger an, so folgen möglicherweise Anfragen von Abgeordneten, oder man bildet Arbeitsgruppen und veranstaltet Anhörungen wie beim "Runden Tisch Pflege". Damit wird wenigstens der Anschein erweckt, als wäre man aktiv geworden. In diesen Gremien treffen sich dann die Vertreter der Kassen, Wissenschaftler, Experten, Vertreter der Pflegeverbände. 'Man kennt sich, man duzt sich, man diskutiert, und am Ende kommen nur unverbindliche Erklärungen, Empfehlungen und Verlautbarungen heraus, die man dem Volk auch noch als Erfolg verkauft.

Vage Formulierungen wie etwa das Wort "mittelfristig" verdeutlichen, dass man zunächst einmal nichts ändern will. Es steht zum Beispiel im Koalitionsvertrag von Union und SPD aus dem Jahr 2005 bezüglich des sogenannten Pflegebegriffs. Der liegt zwar mittlerweile aus Bayern schon fertig ausformuliert und evaluiert vor und soll beispielsweise demenziell erkrankte Menschen in der Pflegeversicherung besser berücksichtigen - dennoch sieht es die Bundesregierung als notwendig an, unter anderem "die finanziellen Konsequenzen" umfassend zu klären. Das Ergebnis wird erst im November 2008 erwartet, also nach Inkrafttreten der Pflegereform. Umgekehrt hätte das Ganze Sinn gemacht.

Und so gab es zuerst ein "rundes Tischchen", ein Eckpunktepapierchen, ein Gesetzesentwürfchen, und bald wird auch noch ein Gesetzchen verabschiedet. Über all dem steht das ungeschriebene Gesetz: Die Pflege darf nicht mehr kosten! Pardon, liebe Politiker - für solche Mauscheleien haben alte Menschen kein Verständnis mehr.

Erster Teil

Dauerbrenner Pflegenotstand

1 Daheim oder im Heim?

In häuslicher Obhut: Pflege mit der Stoppuhr

Die Ökumenische Sozialstation in Ludwigshafen. Es ist 6.45 Uhr am Morgen - Arbeitsbeginn für Schwester Christel. Die einundsechzigjährige Altenpflegerin ist zwar noch etwas verschlafen, aber das lässt sie sich nicht anmerken. "Guten Morgen!", ruft sie laut in die Runde. Vielen jüngeren Kolleginnen gilt Schwester Christel als Vorbild, denn in ihrem Alter schafft fast niemand mehr den anstrengenden Job. Seit 15 Jahren ist sie Akkordarbeiterin in Sachen ambulanter Pflege. Ein Taschencomputer gibt ihr das Arbeitspensum vor. Allein heute muss sie 25 alte Menschen versorgen - unter permanentem Zeitdruck. Schon am frühen Morgen ist ihr klar, dass auch heute für persönliche Zuwendungen und nette Worte kaum Zeit sein wird. "Für eine Insulinspritze habe ich drei oder vier Minuten. Für >Hilfe zur Ausscheidung< sieben Minuten", sagt sie etwas frustriert. Dabei überlegt sie sich, wie es wäre, wenn sie selbst einmal pflegebedürftig würde und ihre "ganzen Dinge in sieben Minuten erledigt haben" müsste.

Ihren Arbeitgeber gibt es seit rund 30 Jahren. Die Zentrale liegt in Fußnähe zum Hauptbahnhof. Früher waren hier vor allem Ordensschwestern beschäftigt. Aber in den 1960er- und 1970er-Jahren war abzusehen, dass der Bedarf an Pflegepersonal durch die Orden bei Weitem nicht mehr abgedeckt werden konnte. Aus diesem Grund waren in Rheinland-Pfalz die Sozialstationen gegründet worden. Die Kirchengemeinden und Krankenvereine hatten sich zu eingetragenen Vereinen zusammengeschlossen, den "Ökumenischen Sozialstationen e. V.", und die Ordensschwestern bekamen Verstärkung durch weltliche Krankenschwestern. Die Tatsache, dass es in der Pfalz keine Diakonie- oder Caritas-Stationen gibt, beruht auf der - in Deutschland einmaligen - Besonderheit, dass die Gebiete der evangelischen Landeskirche in der Pfalz und der Diözese Speyer deckungsgleich sind und der damalige rheinland-pfälzische Sozialminister Heiner Geißler auf große, leistungsstarke Stationen Wert legte. Zusammen mit den Kirchenverantwortlichen gelang es so, sozial engagierte Einrichtungen zu gründen, die seit Jahren als gelebte Ökumene Vorbildcharakter haben.

Kurz nach 7 Uhr sitzt Schwester Christel in ihrem Kleinwagen und startet zu ihrer "Insulin-Rallye". Zuckerkranke brauchen möglichst früh eine Spritze, um den Tag zu überstehen. Schon der Weg zu ihrem ersten Patienten dauert zu lange. Schwester Christel steckt im Berufsverkehr fest. Verspätet kommt sie bei dem Diabetiker Adolf J. an. Sie soll ihm Insulin spritzen. Dafür hat sie gerade mal drei Minuten Zeit. Mehr zahlt die Kasse nicht. Adolf Js. Ehefrau aber bittet die Altenpflegerin auch noch in einer anderen Sache um Hilfe. Die Beine ihres Gatten sind über Nacht dick angeschwollen. Schwester Christel kümmert sich um ihn, obwohl sie das nicht vergütet bekommt. Das ist zwar menschlich, dafür aber ist sie schon nach ihrem ersten Patienten im Zeitverzug.

Jetzt ist Tempo gefordert. Schwester Christel fährt zu ihrer nächsten Patientin im Ludwigshafener Stadtteil Hemshof, einem sozialen Brennpunkt. Hier ist die Pflegerin zu Hause, hier ist sie aufgewachsen, hier betreut sie heute Pflegebedürftige. Sie wird schon ungeduldig erwartet. Frau O. sitzt in der Küche. "Welchen Finger wollen Sie heute Morgen? Sie haben die freie Auswahl", fragt Schwester Christel die alte Frau. Frau O. ist fast blind und wie viele andere alte Menschen nicht in der Lage, ihr Insulin selbst zu spritzen. Schwester Christel sticht in den Finger und tupft einen Blutstropfen ab. Die Überprüfung des Blutzuckerstandes mittels der BZ-Kontrolle ergibt ein zufriedenstellendes Resultat. 129, das ist ein guter Wert. Der Haken dabei: Die Kasse zahlt Schwester Christel zwar das Spritzen von Insulin, verweigert jedoch das Geld für die notwendige Blutzuckermessung. Eine absurde Situation. "Was bei ihr das Problem ist: Die BZ-Kontrolle wird immer abgelehnt bei ihr, generell. Jedes Mal ist das ein Zirkus, bis wir das genehmigt haben. Jetzt im Moment ist es auch wieder abgelehnt. Sie hat Einspruch erhoben, weil ich ja kein Insulin spritzen kann, wenn ich keinen Wert habe", schimpft die Altenpflegerin. Auch die völlig zugestellte Wohnung von Frau O. macht ihr große Sorgen. Überall lagern Zeitungen und Gerümpel. Der Zugang zum Wohnzimmer ist kaum möglich. Obwohl sie es wieder nicht abrechnen kann, kann Schwester Christel über bestimmte Notlagen nicht hinwegsehen. Sie packt an, wo sie meint helfen zu müssen: "Wir haben die Sozialarbeiterin eingeschaltet!", sagt sie. Wenn es in der Wohnung brennen würde, hätte Frau O. nämlich keine Chance. Schwester Christel findet den Zustand der Unterkunft menschenunwürdig: "Sie war immer gepflegt und ordentlich, und jetzt kann sie halt nicht mehr. Es geht nicht mehr."

Der Zeitdruck bei der Insulin-Rallye wird immer größer. Ihren nächsten Termin hat Schwester Christel bei einem schier hoffnungslosen Fall, Frau K. Wieder überprüft sie den Blutzuckerwert, obwohl sie für diese Tätigkeit keinen Cent bekommt. Diesmal ist die Altenpflegerin geschockt. Mit diesem hohen Blutzuckerwert balanciert Frau K. zwischen Leben und Tod. 448 ist lebensgefährlich. Schwester Christel muss die Insulindosis drastisch erhöhen - aber: "Das geht nicht. Sie haben jetzt 74 Einheiten Insulin gekriegt. Das ist Mord. Das hält keiner aus", sagt sie. "Ich muss jetzt halt was essen", entgegnet Frau K. Die alte Dame ist insulinresistent, war deshalb auch bereits im Krankenhaus. Sie wurde auch schon unter Aufsicht gestellt, weil man vermutete, sie esse unkontrolliert. "Und dann ist sie immer auf eigene Faust nach Hause. Ich kann das nicht verantworten. Ich bin auch kein Arzt", sagt Schwester Christel verzweifelt. Sie verständigt den Mediziner. Dennoch wird Frau K. wenige Tage später sterben.

Ihre nächste Patientin ist Anna K. Die sechsundachtzigjährige Frau leidet seit acht Jahren an Diabetes und leichter Demenz. Außerdem hatte sie einen Schlaganfall. Für ihre Pflege sind zehn Minuten vorgesehen. Als Schwester Christel an der Haustür klingelt, öffnet niemand. Zehn Minuten, ihre komplette geplante Zeit, ist sie gezwungen zu warten. Jetzt will sie den Rettungsdienst und die Feuerwehr rufen, um in die Wohnung zu gelangen. Sie vermutet, dass Frau K. etwas zugestoßen ist. Als sie schon ihr Handy in der Hand hält, öffnet zufällig eine Nachbarin die Tür, die auch einen Schlüssel für Frau K.s Wohnung hat. Beim Betreten des Schlafzimmers ist Schwester Christel erleichtert. Die alte Dame döst seelenruhig, das Klingeln hat sie heute einfach nicht gehört.

17

Helmut G. wartet schon auf Schwester Christel. Zu ihm kommt sie wieder einmal später als geplant. Eigentlich wäre er ein Fall fürs Pflegeheim. Er hat mehrere Bypässe, einen Herzschrittmacher und leidet an schwerer Altersdemenz. Vor Kurzem hat er sich wieder einmal verirrt. Die Polizei fand ihn völlig orientierungslos auf dem Mannheimer Maimarktgelände. Nur weil ihn Schwester Christel über das normale Maß hinaus pflegt, kann er daheimbleiben. Über seine Pflegerin sagt er: "Ja, die ist super. Wenn die nicht wäre, wäre ich schon längst gestorben." Für Herrn G. zahlt die Pflegekasse unter anderem die sogenannte "kleine Körperpflege". Binnen zwanzig Minuten soll ihn Schwester Christel waschen und ankleiden. Für das Wechseln der Kompressionsstrümpfe hat sie noch einmal drei Minuten Zeit, desgleichen für die Verabreichung seiner Medikamente. Der alte Mann will das so. "Ich geh nicht ins Heim, im Leben nicht. Hier bin ich groß geworden, und da sterbe ich auch", sagt er bestimmt. Eine Träne kullert aus dem rechten Auge. "Und was haben wir gesagt? Sterben tun wir jetzt noch nicht. Ihnen geht es doch gut!", tröstet ihn Schwester Christel.

Danach hat sie Mittagspause. Schon jetzt ist sie völlig erschöpft und trinkt eine Flasche Apfelsaftschorle in einem Zug aus: "Fix und alle bin ich. Und in dem Auto sind mindestens 50 Grad. Es ist anstrengender als sonst, wegen der Hitze. Ich bin halb verdurstet. Gehen Sie mal den ganzen Tag Treppen hoch, Treppen runter. Ja, das reicht."

Wenige Minuten später ist sie wieder unterwegs - zu einer Patientin, die auf keinen Fall ihre Wohnung aufgeben möchte. Frau H. hat ihr einen Schlüssel überlassen. Jedes Mal, wenn die Schwester die Tür öffnet, erhöht sich ihr Puls. Um diese Patientin macht sie sich besonders große Sorgen. "Ist etwas passiert?", fragt sie heute. Frau H. liegt noch im Bett und sagt nichts. Schwester Christel ist erleichtert, als sie auf der Nachtkonsole zwei leere Piccolo-Fläschchen findet: Ihre Patientin kommt nach dem Konsum von Alkohol etwas schwerer in die Gänge als sonst. Frau H. ist zwar alt und zierlich, aber dennoch selbstbewusst und energisch. Sie weiß ganz genau, was sie will.

Bevor Schwester Christel die Verantwortung für Frau H. übernahm, lebte die alte Dame völlig allein und verwahrlost. Schritt für Schritt organisierte sie ihr ein menschenwürdiges Leben. Frau H. musste trotz ihrer Not erst mühsam lernen, Hilfe anzunehmen - zum Beispiel beim Essen. Früher hat Schwester Christel für ihre Patientin Lebensmittel eingekauft. Der Cousine von Frau H. wurde diese Dienstleistung aber irgendwann zu teuer, woraufhin diese "Verwandte" die Aufgabe übernahm, für ausreichend Lebensmittel im Haushalt der alten Frau zu sorgen. Als die Altenpflegerin aber an diesem Morgen den Kühlschrank inspiziert, ist bis auf etwas Öl und Milch fast nichts da. Das sei immerhin "fett- und eiweißreich", kommentiert Schwester Christel sarkastisch: "Da verhungern ja die Mäuse", macht sie ihrem Zorn gegenüber Frau H. Luft. Denn die alte Dame ist unterernährt. "Ich ruf jetzt Ihre Cousine an und sag, dass nichts zu essen da ist", sagt die Altenpflegerin bestimmt. "Nein, bitte nicht!", fleht Frau H. Offensichtlich möchte sie es nicht zu einer Auseinandersetzung mit ihrer Angehörigen kommen lassen. Schwester Christel wird immer wütender: "Sie verhungern mir. Ich muss Ihnen doch etwas zum Essen machen können. Wir brauchen Bananen, wir brauchen ein paar Trauben, ein paar Erdbeeren, ein bisschen Wurst. Sie haben keine warme Mahlzeit - nur Ihren Kaffee und trockenes Brot! Irgendwann stecken sie mich ins Gefängnis, weil ich da zuschaue. Ja, und da sagen sie: Die Schwester Christel hat nicht aufgepasst bei der Frau H. Und dann?" - "Dann würde ich schon mein Veto einlegen", entgegnet Frau H. lakonisch. Die beiden Frauen verstehen sich. Gerne würde Schwester Christel sich mehr Zeit für Frau H. nehmen.

Auch Herr S. ist ein belastender Pflegefall für Schwester Christel. Der alte Mann wurde trotz einer riesigen offenen Wunde am Rücken aus dem Krankenhaus entlassen. Die Mediziner nennen dies ein Druckgeschwür, im Fachjargon "Dekubitus". Das Geschwür ist mehr als einen Zentimeter tief und größer als ein Tennisball. Es riecht nach verfaultem Fleisch. Ein Dekubitus entsteht meistens durch Vernachlässigung und Nichtbefolgung der anerkannten Pflegestandards. Mit viel Einfühlungsvermögen versucht Schwester Christel, Herrn S.s Schmerzen so erträglich wie möglich zu machen. Die Ehefrau ist sich sicher, dass die Wunde im Krankenhaus entstanden ist. Ihr größter Wunsch: "Dass er bald stirbt, dass er es bald hinter sich hat. Denn es ist zu arg." Tag und Nacht hat Herr S. Schmerzen. Aber er soll nicht mehr ins Krankenhaus, weil er nicht mehr dorthin will. Frau S. vertraut auf die sorgsame Pflege von Schwester Christel. Regelmäßig wechselt sie seine Verbände. Er soll zu Hause sterben.

Es ist Samstagmittag. Schwester Christel hat Wochenendschicht. Ihrem "Sorgenkind" Frau H. bereitet sie heute eine ganz besondere Überraschung in Form von Frikadellen und Spargelgemüse. Sie hat zu Hause etwas mehr gekocht und versucht, mit dieser Hausmannskost den Appetit ihrer unterernährten Patientin anzuregen. Eine persönliche Geste, die die Kasse natürlich nicht bezahlt. Auf dem Herd ihrer Patientin wärmt sie die Mahlzeit auf. "Essen ist fertig. Vier-Sterne-Hotel. Drei Euro fuffzig, die meisten geben fünf Euro", scherzt sie, als sie Frau H. den Teller hinstellt und einen guten Appetit wünscht. Die Patientin bedankt sich artig. Für sie ist es ein Festmahl. Trotz des guten Essens - die alte Dame muss gefüttert werden. Jeder kleine Happen ist für die Schwester schon ein Erfolgserlebnis. Frau H. war zwar noch nie eine großer Esserin gewesen, dennoch befürchtet Schwester Christel, dass sie regelrecht verhungern könnte: "Nur einmal am Tag bekommt sie eine Mahlzeit zubereitet. Manchmal ist es Beutelsuppe mit Wurst, davon isst sie eine halbe Tasse. Im Grunde ist sie unterernährt."

Doch nur selten kann sich die Pflegerin so viel Zeit für ihre Patientin nehmen. Frau H. will aber auf gar keinen Fall ins Pflegeheim. "Ich war mal ein paar Tage in Schifferstadt", erzählt sie. In dieser Einrichtung aber habe ihr die ganze Atmosphäre nicht gefallen. Man habe darauf geachtet, wie sie esse und ob sie korrekt gekleidet sei. Und "das wollte ich nicht".

Zwischen zwei Terminen trifft Schwester Christel zufällig Frau S. Ihr Mann ist inzwischen verstorben. Die Pflegerin hört zu, spendet Trost. Frau S. ist ganz in Schwarz gekleidet. 48 Jahre lang war sie mit ihrem Mann verheiratet. Jetzt fehle er ihr. Aber sie verspürt auch Erleichterung, dass er jetzt endlich von seinem Leiden erlöst ist. Schwester Christel rät ihr, regelmäßig spazieren zu gehen und viel zu essen. "Wir wissen alle, wir werden geboren, um zu sterben", sagt die Altenpflegerin. Sie sei aber sehr froh, dass er in seinen letzten Lebenstagen noch eine Schmerztherapie bekommen habe - Sicherheit, Geborgenheit und Respekt. "Pflege ist Beziehung. Ich gehe ja in das Intimste des Menschen, in ihre Wohnung. Und ich muss mich dann auch angemessen verhalten. Ich muss dann auch schauen, dass ich mit den Leuten klarkomme, dass es läuft. Aber ich kann nicht mit jedem Patienten sterben und das mit nach Hause nehmen. Da dreh ich irgendwann am Rad", versucht sich Schwester Christel abzuschotten.

Solche Belastungen und Notlagen kann die Altenpflegerin einmal im Monat in der Teamsitzung mit der Pflegeleitung und ihren Kolleginnen zur Sprache bringen.

Heute geht es um die schlechte Zahlungsmoral der Kassen. Sie versuchen immer wieder, notwendige Leistungen auf die Sozialstationen abzuwälzen - zulasten von Pflegerinnen wie Schwester Christel. "Ich muss dann sagen: Es tut mir leid, ich habe keine Zeit. Sage das einmal einem einsamen alten Menschen zu Hause - ich habe keine Zeit. Die warten doch auf uns!" Und ihre Chefin Sabine Pfirrmann pflichtet ihr bei: "Die Pflegestunde für Pflegefachkräfte ist auf keinen Fall kostendeckend. Und nur weil ihr so schnell und so gut arbeitet, sind wir irgendwie so weit, dass es noch einigermaßen geht. Aber selbst das wird in Zukunft nicht mehr ausreichen." Ein Kreislauf, der immer mehr Pflegedienste in die Pleite treibt.

Als Schwester Christel am nächsten Tag wieder bei Frau H. ist, hat die alte Dame seltenen Besuch. Spontan und ohne Anmeldung ist ihr Hausarzt gekommen. Ab und zu misst er ihren Blutdruck. "Ist überhaupt noch ein bisschen Fleisch dran?", fragt ihn die abgemagerte Frau. Der Arzt erspart sich die Antwort. Dass Schwester Christel morgens für 20 Minuten vorbeischaue und abends sieben Minuten "Hilfestellung bei der Ausscheidung" gebe, darüber kann er nur den Kopf schütteln. "Das ist einfach viel zu wenig", sagt er. Die Zeit reiche nicht aus für eine optimale Versorgung. Auf die Frage, ob Frau H. angesichts dieser Einschätzung nicht doch lieber ins Heim möchte, antwortet sie: "Nein. Ich will daheim sterben." Einige Wochen später wird es so weit sein. Die alte Dame wird friedlich einschlafen - zu Hause.

Kurz vor 14 Uhr endet Schwester Christels Schicht, über die auch die ARD in der Reportage "Essen. Waschen. Ruhe geben." berichtete. Sie ist abgekämpft und durchgeschwitzt, plagt sich mit Selbstvorwürfen. Weil sie zu lange gebraucht habe, arbeite sie nicht wirtschaftlich. "Ich fahre meine Sozialstation in die Miesen", befürchtet sie.

Fazit: Menschlichkeit in der Pflege wird von den Kassen nicht bezahlt. Alte Menschen aber brauchen Zuwendung. Doch im jetzigen System bleibt dafür keine Zeit.

Auf der Demenzstation: Pflege in einem guten Heim

Nicole Groß arbeitet im Franziska-Schervier-Altenheim in der Frankfurter Innenstadt. Auch der Arbeitstag dieser Altenpflegerin beginnt sehr früh, nämlich um 6.30 Uhr. Ein erster Rundgang. Sie schaut, wer im Heim schon wach ist. Leise und bedächtig öffnet sie die erste Zimmertür: "Frau H. schläft noch", flüstert sie. Aufwecken will Schwester Nicole niemanden im Heim. Das gehört zum Konzept. Bewohner können selbst entscheiden, ob sie etwas früher oder später frühstücken möchten. Hier achtet man auf Individualität und Professionalität der Pflege und Betreuung. Auf ihrer Station im dritten Stock leben 25 unter Demenz leidende alte Menschen.Auf dem Gang trifft sie Frau J., eine Frühaufsteherin. Auch die Siebenundsiebzigjährige ist schwer an Demenz erkrankt. Sie weiß nicht mehr, was sie tut, ist völlig verwirrt und so unselbstständig wie ein kleines Kind - typische Symptome der Demenzerkrankung, der Volkskrankheit Nummer eins. Frau J. fordert besonders viel Aufmerksamkeit und Zuneigung von Nicole Groß. Dass auch sie permanent unter Zeitdruck steht, darf sie die Bewohnerin nicht spüren lassen. Geduld ist eine wichtige Tugend für eine Pflegerin, die sich mit dementen Menschen beschäftigt: "Würden wir aber die Betreuungsarbeit, dieses Immer-wieder-Antworten auf sich wiederholende Fragen, dieses Sicherheit-Geben, diese Begleitung - würden wir diese Betreuungsarbeit weglassen, dann hätten wir ganz schnell vielleicht bettlägrige Pflegefälle", erzählt Nicole Groß. Ziel der Frankfurter Einrichtung ist es, Menschen "aus den Betten" zu pflegen und nicht "in die Betten". Ohne Betreuungsarbeit ginge es den Bewohnern seelisch und psychisch erheblich schlechter, ist die Altenpflegerin überzeugt. Viele alte Menschen würden sich vermutlich in ihrem Zimmer vergraben, weil sie nicht mehr aufstehen möchten. Als wir von Frau J. wissen wollen, wie es ihr geht, antwortet sie bereitwillig: "Mir geht es gut."

Kundenbewertungen zu "Im Netz der Pflegemafia"

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Bewertung von FRITZ aus Darmstadt am 23.05.2012   ausgezeichnet
Die Demenzpflege in Deutschland ist seit dem zwangsweisen Ende der staatlichen Euthanasietherapie 1945 bis heute "de jure" seitens der verantwortlichen Pflegeinstanzen weiter einhellig provokativ erbarmungslos "bestens in Ordnung". Aber auf der anderen Seite der immer weiter klaffenden Schere ist "de facto" die aktuelle Demenzpflege besonders vor dem Hintergrund von Milliardenüberschüssen der Pflege- und Krankenkassen eine Schande für Deutchland und eine unbeschreibliche Folter für betroffene demenzkranke Mitmenschen mitten unter uns und täglich neu mit steigender Tendenz. Meine persönlichen Demenzpflegeerfahrungen mit meiner alzheimererkrankten Ehefrau bis zu ihrem "rätselhaften" Erstickungstod nach zwei Jahren stationär im Heim sind im Buch von Fussek/Schober lückenlos objektiv beschrieben und gültig belegt. Trotzdem bleibt die Poltik und Öffentlichkeit unerträglich gleichgültig unintessiert. Eine Schande für Deutschland als Staat und Bürgerschaft!

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Bewertung von M. Frank aus Kandel am 06.03.2008   ausgezeichnet
Ein weiteres Beispiel dafür, dass alte Menschen in Pflegeheimen schutzlos gestellt werden und die Justiz häufig nicht auf der Seite der Schutzbefohlenen steht, sondern denen Recht gibt, die es verstehen das Recht für ihre Interessen schamlos zu missbrauchen.

Fassungslos macht vor allem die die Dreistheit der Pflegeheime. Verstöße gegen Recht und Ordnung scheinen an der Tagesordnung zu sein.

Alte, siechende Menschen werden dadurch schutzlos gestellt. Leben wird irgendwann nicht mehr rettenswert. Der Mensch besitzt keinen sozialen Nutzen oder Wert mehr.

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Bewertung von Pflegeexperte am 04.03.2008   schlecht
Die Politik wollte den Wettbewerb in der Altenpflege. Und zwar zum volkswirtschaftlich niedrigsten Preis. Sich über das Ergebnis heuchlerisch zu echauffieren, ist zynisch. Dieses Buch geht an der Realität vorbei und befriedigt lediglich voyeuristische Instinkte.

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9 von 19 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
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Bewertung von Betroffener aus Ettlingen am 06.01.2008   ausgezeichnet
Die Missstände in der gesamten Pflegelandschaft sind mehr als skandalös. Da kommt dieses Buche genau richtig. Denn: Ignoranz ist menschlich.... Handeln erst recht!

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