Herr Lehmann - Regener, Sven

Sven Regener 

Herr Lehmann

Ausgezeichnet mit dem Corine - Internationaler Buchpreis, Kategorie Rolf Heyne Buchpreis 2002. Ein Roman

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Herr Lehmann

Es sah so aus, als ob der Sommer vorbei war. Ihm sollte es recht sein. Er mochte den Sommer nicht besonders, er hatte so etwas Forderndes. Im Sommer hatte Herr Lehmann immer das Gefühl, er müsste aus dem schönen Wetter etwas machen, etwas mit Freunden unternehmen oder so, Grillen, Ausflüge machen, an Badeseen fahren... - alles Aktivitäten, auf die Herr Lehmann keinen grossen Wert legte. Der Rest des Jahres war einfacher.

Mit präzisem Blick für die tragische Komik des Lebens stolpert Herr Lehmann durchs Leben. Durch jahrelange, ausgefuchste Ausweichmanöver und heroische Trägheit hat der arglistfreie, bis ins Mark ambitionslose Bierzapfer erfolgreich Ansprüche von Eltern, Vermietern, Nachbarn und Frauen ausgesessen. Nun, wir schreiben das Jahr 1989, lebt er weitgehend störungsfrei in seiner Eineinhalbzimmerwohnung in Kreuzberg, wenn er nicht in die nächste Kneipe geht.
Doch plötzlich bricht eine unvorhergesehene Störung nach der anderen in seinen heißgeliebten Alltagstrott. Herr Lehmann muß nicht nur sein Revier gegen einen wurstförmigen Hund verteidigen, der ihn am Überqueren des Lausitzer Platzes hindert, er wird auch vom Besuch seiner Eltern aus der Provinz bedroht, trifft in der Markthalle auf eine Frau, der es gelingt, ihn zu einem Besuch des Prinzenbads zu verführen und in emotionale Verwirrung zu stürzen. Zu allem Überfluß wird er zudem durch widrige Umstände gezwungen, eine Reise an den Kurfürst endamm anzutreten und den Versuch einer Grenzüberschreitung gen Osten vorzunehmen.


Produktinformation

  • Verlag: Eichborn
  • 2001
  • Ausstattung/Bilder: 2001. 297 S.
  • Seitenzahl: 297
  • Deutsch
  • Abmessung: 222mm x 131mm x 35mm
  • Gewicht: 439g
  • ISBN-13: 9783821807058
  • ISBN-10: 3821807059
  • Best.Nr.: 09842596
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 11.08.2001

Verwirrt, träge und verliebt
Leerstelle Revolution: Sven Regener verpaßt die Wende an Kreuzberger Tresen · Von Tilman Spreckelsen

Läuft die Zeit schneller ab, wenn man betrunken ist? Oder nimmt man die Umwelt verzögert wahr, so daß die Zeit langsamer verfließt? Die beiden, die sich über diese Frage unvermittelt in die Haare kriegen, haben sich kurz vorher kennengelernt, sind Ende Zwanzig und arbeiten für den gleichen Gastronom: die schöne Katrin als Köchin in der einen, Frank Lehmann, den alle nur "Herr Lehmann" nennen, hinter dem Tresen der anderen Kneipe. Sonst sind die beiden so verschieden, daß sie geradezu prädestiniert zu einem Liebespaar sind, das sich im September findet und im November wieder verliert. Katrin tut sich schließlich mit "Kristall-Rainer", einem unauffälligen Kneipengast, zusammen, während Frank sich erstmal ausschlafen möchte und fortwährend daran gehindert wird - Kreuzberg im Herbst 1989.

In seinem Debütroman zeichnet Sven Regener, Jahrgang 1961 und Sänger der Band "Element of Crime", die Welt nach, wie sie sich schemenhaft im Bewußtsein seines Helden niederschlägt. Dort manifestiert sie sich am …

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kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Nach überschwenglichem Lob aus der ersten Riege des deutschen Feuilletons, lag es natürlich nahe, "Herr Lehmann" auch als Lesung zu präsentieren. Sven Regener, mikrophonbewährt als Frontmann der Berliner Kultband Element Of Crime, intoniert seinen Debütroman selbst. Allerdings, Aufmerksamkeit und Konzentration sind im besonderen Maße Bedingung, um den Geschichten seines Helden folgen zu können. Was Herr Lehmann in der Wendezeit in Berlin erlebt, das trägt Regener fast gehetzt schnell vor, lässt sich und dem Zuhörer keine Pausen, auch seine oftmals abgehackte Betonung ist gewöhnungsbedürftig. Und was im Buch irgendwann zum Stilmittel wird, das stete "dachte Herr Lehmann", das erreicht in der akustischen Präsentation den Rand des Nervigen. So verliert zwangsläufig das Buch als Hörbuch hier viel von seiner Wirkung, was eine gelegentlich technisch nicht saubere Aufnahme, leichte "Versprecher" sind geblieben, noch unterstützt. Inhaltlich können Buch und die vom Autor leicht bearbeitete Leseversion hingegen durchaus überzeugen: Das Wiedererkennen von Situationen, die Beobachtung von Alltäglichem, prägnant beschrieben, dies verschafft eine gewisse Verbundenheit zu Herrn Lehmann, egal, was für ein Kauz er auch sein mag. (rs)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 17.08.2001

Aber dann, aber dann: Kreuzberger Hosenträger sind lang
Der Einzug des guten Onkels in die neueste deutsche Literatur: Sven Regener kehrt bei Herrn Lehmann, dem Zapfer, ein und spendiert ihm einen Roman und zwanzig Biere
Es soll vor der Wende ein Tal der Ahnungslosen gegeben haben. Es lag im Südosten der Deutschen Demokratischen Republik, irgendwo hinter Dresden, und wurde so genannt, weil keine Antenne mehr ausreichte, um ein Fernseh- oder Rundfunkgerät mit Sendungen aus dem Westen zu versorgen. Dass es auch im Westen ein solches Tal ohne Nachrichten, ohne Veränderung, eine solche Welt der ewigen Wiederholung des Gleichen gegeben haben soll, war bislang nicht bekannt. Sven Regener, gerade noch Sänger und Texter der Popgruppe Element of Crime will dieses Tal nun entdeckt haben: im äußersten Osten West-Berlins, in SO 36, im tiefen Kreuzberg. Dort ist „Herr Lehmann” in den achtziger Jahren zu Hause gewesen, als Zapfer in einer Kneipe namens „Einfall”, und vielleicht zieht er dort noch heute seine mehr oder minder schwankenden Kreise.
Der Untertitel weist das Buch (Eichborn Berlin, Berlin 2001) als „einen Roman” aus, und der unbestimmte Artikel ist …

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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Flauschiges Buch, das, vermeldet unser Rezensent. Seltsames Epitheton, meinen wir. Was Gerrit Bartels indessen meint, ist ein Unspektakuläres, das uns ganz sanft mitnimmt, bis wir, huch, schon auf der letzten Seite angekommen sind. "So weit, so unspektakulär." Oder so "wohnlich" eben. Das Flauschig-Behagliche des Buches hat für Bartels vor allem damit zu tun, dass es Kreuzberg als Handlungsort und den "sympathischen und gezielt planlosen Herrn Lehmann, der keiner Fliege was zu Leide tun kann", als Helden hat. Kann sich der Kreuzberger mitunter hübsch spiegeln. Weniger gefällt Bartels da schon das effekthascherische Hinschreiben auf den 9. November 1989. Wirkungspotential, findet er, hätte das Buch auch ohne das genug gehabt. Und aufs Literarische Quartett, das just darauf ansprang, hätte es sowieso verzichten können.

© Perlentaucher Medien GmbH
Sven Regener wurde 1961 in Bremen geboren. 1985 gründete er die Band "Element of Crime", die mit deutschsprachigen Alben wie "Damals hinterm Mond" und "Weißes Papier" eine große Popularität erlangte. Sven Regener ist Sänger und Texter der Gruppe. 2011 erhielt er den Ehrenpreis der Deutschen Schallplattenkritik.

Leseprobe zu "Herr Lehmann"

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Leseprobe zu "Herr Lehmann" von Sven Regener

Der Nachthimmel, der ganz frei von Wolken war, wies in der Ferne, über Ostberlin, schon einen hellen Schimmer auf, als Frank Lehmann, den sie neuerdings nur noch Herr Lehmann nannten, weil sich herumgesprochen hatte, daß er bald dreißig Jahre alt werden würde, quer über den Lausitzer Platz nach Hause ging. Er war müde und abgestumpft, er kam von der Arbeit im Einfall, einer Kneipe in der Wiener Straße, und es war spät geworden.

Das war kein guter Abend, dachte Herr Lehmann, als er von der westlichen Seite her den Lausitzer Platz betrat, mit Erwin zu arbeiten macht keinen Spaß, dachte er, Erwin ist ein Idiot, alle Kneipenbesitzer sind Idioten, dachte Herr Lehmann, als er an der großen, den ganzen Platz beherrschenden Kirche vorbeikam. Ich hätte die Schnäpse nicht trinken sollen, dachte Herr Lehmann, Erwin hin, Erwin her, ich hätte sie nicht trinken sollen, dachte er, als sich sein Blick zerstreut in den Maschen der hohen Umzäunung des Bolzplatzes verfing. Er ging nicht schnell, die Beine waren ihm schwer von der Arbeit und vom Alkohol. Das mit dem Schnaps war Quatsch, dachte Herr Lehmann, Tequila und Fernet, morgen früh wird es mir schlecht gehen, dachte er, Arbeiten und Schnapstrinken verträgt sich nicht, alles, was über Bier hinausgeht, ist falsch, dachte er, und gerade ein Typ wie Erwin sollte seine Angestellten nicht noch zum Schnapstrinken überreden, dachte Herr Lehmann. Er kommt sich noch großzügig dabei vor, wenn er die Leute zum Schnapstrinken überredet, dachte Herr Lehmann, dabei tut er das bloß, um selbst einen Vorwand zum Saufen zu haben, aber andererseits, dachte er, ist es auch nicht richtig, die Verantwortung auf Erwin abzuwälzen, am Ende ist man immer selber schuld, wenn man Schnaps trinkt.

Der Mensch ist ein Wesen mit freiem Willen, dachte Herr Lehmann, als er sich der anderen Seite des Lausitzer Platzes näherte, jeder muß selber wissen, was er tut und was nicht, und nur weil Erwin ein Depp ist und einen zum Schnapstrinken überredet, heißt das noch lange nicht, daß Erwin schuld ist, dachte er, aber er dachte auch mit Genugtuung an die Flasche Whisky, die er heimlich hatte mitgehen lassen und die in der großen Innentasche seines langen, für einen Septembertag im Grunde viel zu warmen Mantels steckte. Er selbst hatte zwar keine Verwendung für Whisky, denn er trank ja im Prinzip schon lange keinen Schnaps mehr, aber Erwin mußte immer mal wieder bestraft werden, und Herr Lehmann konnte die Flasche zur Not seinem besten Freund Karl schenken.

Dann sah er den Hund. Herr Lehmann, wie sie ihn neuerdings nannten, obwohl die, die das taten, auch nicht viel jünger waren, obwohl tatsächlich einige von ihnen, sein bester Freund Karl und auch Erwin zum Beispiel, sogar älter waren als er, kannte sich mit Hunderassen nicht aus, aber er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, daß man so ein Tier mit Absicht züchtete. Der Hund hatte einen großen Kopf mit einer mächtigen, sabbernden Schnauze und zwei großen, lappigen Ohren, die links und rechts davon herunterhingen wie zwei welke Salatblätter. Sein Rumpf war fett, und sein Rücken so breit, daß man darauf eine Flasche Whisky hätte abstellen können, seine Beine waren dagegen unverhältnismäßig dünn, sie ragten aus dem Körper heraus wie abgebrochene Bleistifte. Herr Lehmann, der es nicht übermäßig witzig fand, daß man ihn jetzt so nannte, hatte noch nie ein so häßliches Tier gesehen. Er erschrak und blieb stehen. Er traute Hunden nicht. Und der Hund knurrte ihn an.

Jetzt bloß nichts falsch machen, dachte Herr Lehmann, der andererseits aber auch keinen Sinn darin sah, sich wegen einer albernen Anrede groß aufzuregen, immer fest in die Augen schauen, das schüchtert sie ein, dachte er und konzentrierte seinen Blick auf die beiden schwarzen, blanken Löcher im Schädel seines Gegenübers. Der Hund zog im Rhythmus seines Knurrens die Lefzen hoch und runter und starrte zurück. Sie hatten etwa drei Schritte Abstand voneinander, der Hund bewegte sich nicht, und Herr Lehmann bewegte sich auch nicht. Nicht wegsehen, dachte Herr Lehmann, nichts anmerken lassen, einfach vorbeigehen, dachte er und machte einen Schritt zur Seite. Der Hund knurrte noch lauter, es war ein bösartiges, nervtötendes Geräusch. Bloß nichts anmerken lassen, das Tier spürt die Angst und nutzt sie aus, dachte Herr Lehmann, noch ein kleiner Schritt zur Seite, dachte er, nicht aus den Augen lassen, noch ein kleiner Schritt, und dann noch einer, so, und dann gleich geradeaus, dachte Herr Lehmann. Aber dann ging der Hund einfach auch ein Stück zur Seite, und sie standen sich wieder gegenüber.

Kundenbewertungen zu "Herr Lehmann" von "Sven Regener"

1 Kundenbewertung (Durchschnitt 5 von 5 Sterne bei 1 Bewertungen ***** ausgezeichnet)
***** ausgezeichnet
 
(1)
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Bewertung von clamü am 14.04.2002 ***** ausgezeichnet
Ein Buch, dass einen begeistert!!!
Sven Regener hat hier sein Bestes gegeben, ein Leben zu beschreiben, welches nicht normaler sein kann. Es ist eben ein ganz normaler Alltag, ohne großartige Handlung, aber darum gerade spannend und komisch zu- gleich.

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