Das möge Gott verhüten - Lenzen, Majella

Das möge Gott verhüten

Warum ich keine Nonne mehr sein kann

Majella Lenzen 

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Das möge Gott verhüten

Fesselnd, erschütternd, bewegend! Eine ehemalige katholische Ordensschwester bricht ein Tabu - und ihr Schweigen ...'Die Wahrheit bedarf eines mutigen Menschen, der sie ausspricht!' Majella Lenzen ist so ein Mensch. 33 Jahre lang war sie als Nonne Maria Lauda im Dienst der katholischen Kirche in Afrika tätig, hat ein Krankenhaus aufgebaut mitten im Busch. Doch als sie Kondome zum Schutz vor Aids befürwortet und sich an ihrer Verteilung in einem Rotlichtviertel beteiligt, muss sie den Orden verlassen. Ihr Buch erzählt die Lebensgeschichte einer couragierten Frau, die das Schweigen bricht und offen über das Leben in der katholischen Ordensgemeinschaft, über starre Rituale und Machtstrukturen in der katholischen Kirche spricht.

Über die Katholische Kirche wird viel geredet und noch mehr spekuliert, denn nur selten können wir hinter die Mauern des Vatikans oder der Klöster schauen. Informationen aus erster Hand gibt nun Majella Lenzen, sie bricht das Schweigen und berichtet von ihren Erfahrungen als Schwester Maria Lauda.
33 Jahre war sie im Dienst der Kirche in Afrika tätig. In Tansania baut die gelernte Krankenschwester ein Krankenhaus auf. Cholera, Malaria, Kaiserschnitte gehören zu ihrem Alltag. Als Provinzoberin in Simbabwe versucht sie die Ordensregeln zu erneuern und gerät in Konflikt mit der Kirche. Sie wird in eine von HIV stark betroffene Krisenregion versetzt, wo sie die kirchliche Aidsarbeit koordiniert. Als sie Kondome ins Rotlichtviertel von Morogoro transportiert, provoziert sie den finalen Skandal. Sie wird von ihrem Bischof in ein sozial prekäres Leben entlassen und von ihren Gelübden entbunden. Majella Lenzen erzählt mit Humor, Ironie und Demut von den abenteuerlichen Episoden ihres Lebens als Missionarin. Sie wankt nicht in ihrem Glauben, trotz der Ungerechtigkeit, die sie erlitten hat, sondern hofft auf eine bessere, eine aufrichtigere Kirche.


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 285 S. meist farb. Fototaf. 183 mm
  • Seitenzahl: 285
  • Goldmann Taschenbücher Bd.15642
  • Deutsch
  • Abmessung: 187mm x 125mm x 25mm
  • Gewicht: 295g
  • ISBN-13: 9783442156429
  • ISBN-10: 3442156424
  • Best.Nr.: 29508376
Majella Lenzen legte 1959 das Gelübde im Orden der Missionsschwestern vom Kostbaren Blut ab und hieß fortan Schwester Maria Lauda. Nach jahrzehntelanger Missionarsarbeit in Afrika kommt es zum Konflikt mit der Kirche und sie wird zum Austritt gezwungen.

Leseprobe zu "Das möge Gott verhüten" von Majella Lenzen

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Wir haben einen neuen Papst", tönt es aus dem Fernseher.

Und wenig später sehe ich Josef Kardinal Ratzinger, der sich als Papst Benedikt XVI. den begeisterten Menschen auf dem Petersplatz zeigt. Als er Präfekt der Glaubenskongregation in Rom war, hat er leider zugelassen, dass durch das Verbot von Kondomen meine Aids-Arbeit in Ostafrika zu einem jähen Ende kam - was schließlich zum Austritt aus meinem Orden führte. Jetzt bekleidet er das höchste kirchliche Amt. Ich bin sprachlos und kämpfe mit den Tränen. Als ich den Papst dann aber in Ruhe anschaue und in seiner menschlichen Gebrechlichkeit da stehen sehe, empfinde ich Mitgefühl. Auch er kann sich nur im Rahmen des Systems Kirche bewegen, unter dem Mandat der "Frohen Botschaft", wie das Evangelium zeitgemäß genannt wird.

Am selben Abend ging ich zu einer Aufführung des Russischen Balletts, Peter Tschaikowskys Dornröschen stand auf dem Spielplan. Die Musik war etwas laut für das kleine Stadttheater in Düren, wo ich jetzt lebe. Aber die Geschichte trug mich über das Erstaunen, ja, Erschrecken des Tages hinaus, in längst vergangene Zeiten. Oder waren sie noch gar nicht so lange vergangen, wie ich glaubte?

Die Uraufführung von Dornröschen hatte 1890 in Sankt Petersburg stattgefunden. Und Tschaikowsky selbst hielt dieses Ballett für sein bestes Werk. Die Grazie und Anmut der Tanzenden, ihre perfekte Körperdisziplin und die träumerische Musik waren auch an diesem Abend ein Genuss. Ein Geschenk des Himmels, würde ich am liebsten sagen, und ein Hinweis darauf, dass es sich lohnt zu leben.

Während die Freude über diesen Kunstgenuss auch jetzt noch - beim Aufschreiben des Erlebnisses - nachschwingt, wird ein früheres wach, das mich schnell ernüchtert. Denn vor gut einem Jahrzehnt hatte ich eine andere Erfahrung mit Tschaikowsky gemacht, und zwar in einem unserer Klöster in Ostafrika. Meinen Mitschwestern machte ich damals den Vorschlag, gemeinsam ein Video des Balletts Schwanensee anzuschauen - ich hatte es bei einer befreundeten Ärztin ausgeliehen. Die Einführung zu der Inszenierung war in einem verständlichen Englisch, sodass wir alle wussten, worum es beim "Tanz der vier kleinen Schwäne" ging. Das Gehörte begeisterte mich, und ich freute mich, den nun kommenden Genuss mit den anderen zu teilen.

Doch es kam nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Meine Mitschwestern merkten nichts von der schönen Musik und der ausdrucksstarken Darbietung. Nein, überhaupt nicht. Sie reagierten nur auf die vermeintlich obszöne Kleidung, auf die "unanständigen" Posen. Von Kunst keine Rede. Und da ich als Überbringerin des Videos der Auslöser für ihren Unmut war, wurde ich auch als Teil dieses Bösen gesehen, das ich den Mitschwestern zugemutet hatte. Sie protestierten derart vehement, dass ich schließlich kopfschüttelnd die Vorführung abbrach und den Videorekorder ausschaltete.

Es handelt sich hier nicht um irgendeine Anekdote. Es geht auch nicht darum, dass die damalige Schwesternkommunität wohl nie zuvor in einem Ballett war. Nein, dieses Erlebnis war für mich deshalb so schmerzhaft, weil ich spürte, dass es keine Chance gab, über diese Aufführung, über die Märchenmotive, über die unglücklich verzauberte Prinzessin zu diskutieren. Für die Schwestern existierte nur die eine Wahrnehmung, das Gut-und-Böse-Prinzip, so wie es in der Ordensregel festgelegt worden war und wie es, leicht verständlich, als Gradmesser für alles angelegt werden konnte. Ein Dialog war unmöglich, weil wir nicht angeleitet wurden, in gegenseitigem Austausch voneinander zu lernen. Und das betraf nicht nur diese Situation, ich erlebte dies bei vielen Gelegenheiten. In unserem Orden verhinderten Gebote und Kontrollen eine eigenständige, freie Meinungsfindung. Im Bemühen um das ideale Ordensleben spielten wir alle unsere vorgegebene Rolle. Das hieß: Das System Orden ließ keine Individualität zu. Man kann das auch Indoktrination nennen. Und wer wie ich gegen dieses System rebellierte, musste mit kirchlichem Mobbing rechnen. Was ich dann auch erleben musste - mit schweren gesundheitlichen Folgen.

Der bekannte Psychologe Michael Lukas Moeller sagte einmal: "Die Wahrheit beginnt zu zweit." Und Thomas Merton, einer der großen Mystiker der Neuzeit, drückte es so aus: "Keiner ist eine Insel." Eine Gemeinschaft, die keinen Dialog praktiziert und sich dem gemeinsamen Wachsen verschließt, behindert ihren eigenen Reifungsprozess. Wovor haben wir Angst, dass wir uns diesem Prinzip der Wahrheitsfindung so verweigern, dass wir sogar Unwahrheiten hinnehmen?

Mittlerweile bin ich von der Bindung an die Ordensregel befreit, besser gesagt: Ich bin 1995 befreit worden. Freiwillig war mein Austritt aus meinem Orden nicht, ich bin dazu gedrängt worden, weil zu vieles in meinem Leben passierte, für das ich keine ehrlichen Antworten erhielt, weil zu vieles in meinem Leben über meinen Kopf hinweg beschlossen wurde. Aber nichts kann mich von einer weiteren Suche nach Wahrheit entbinden, der Suche nach einer besseren, aufrichtigeren Kirche. Vierzig Jahre lang war ich Mitglied in einer Gemeinschaft, in der mir die Schwestern nahestanden, die einen offeneren Umgang mit den Ordensregeln leben wollten. Dreiunddreißig Jahre war ich als Schwester Maria Lauda im Dienst der Kirche in Afrika tätig. Dreiunddreißig Jahre lang habe ich Menschen geholfen, insbesondere Kranken, damit sie ein Leben in Würde führen konnten. Die Menschen litten unter Cholera, Malaria, HIV, Aids - ihr Unglück hat mich mutig werden lassen. Bis es zum finalen Skandal kam: Ich wurde als "Kondom-Nonne" stigmatisiert, weil ich mich - gegen die Gebote der Kirche - für Verhütungsmittel einsetzte, als eine Möglichkeit, der Immunschwäche Aids präventiv entgegenzuwirken. Für mich war das eine Notwendigkeit, denn ich habe das Elend in den Hütten der verwaisten Kinder in Ostafrika erlebt, habe die entsetzlich abgemagerten Körper der gezeichneten Frauen gesehen, ihre entkräfteten Hände gehalten und in ihre sorgenvollen, tief liegenden Augen geschaut. Doch trotz all meiner Kritik an der katholischen Kirche und den Konflikten mit ihr: Nicht ein Jahr möchte ich von meiner Zeit als Ordensschwester missen. Dazu habe ich auch zu viel Glück in den Augen der Menschen gesehen, denen ich helfen konnte. Und das allein war auch der Grund, warum ich Missionarin werden wollte - nicht, um andere Menschen zum Glauben zu bekehren oder mich mit den Kirchenfunktionären auseinanderzusetzen. Aber was wusste ich als junges Mädchen schon von der Geschichte der Missionsarbeit? Eigentlich nichts, außer, dass eine Tante von mir diese Tätigkeit in Afrika ausübte, mein Vater selbst gern Missionar geworden wäre.

Wenn ich im Austausch mit anderen Menschen von meinem Leben erzähle, stoße ich auf die unterschiedlichsten Reaktionen. "Das System Kirche ist wirklich kaum zu verstehen", meinen viele. Oder schlicht: "Sie haben aber Mut!"

Wiederholt wurde ich ermutigt, alles aufzuschreiben. "Maisha ni safari ndefu - das Leben ist eine lange Reise", heißt es auf Swahili. Meine Lebensreise führte mich dreiunddreißig Jahre lang nach Afrika, auf diesen wunderbaren und doch so unbekannten Kontinent. Diese Jahre sind ein Teil von mir. In dieser Zeit konnte ich mich zu dem Menschen entwickeln, der ich jetzt bin. Dafür bin ich sehr dankbar. Gleichzeitig drängte es mich, auch das festzuhalten, was ich für Unrecht halte, was mich zutiefst demütigte, die Erfahrung, dass wir Schwestern als Einzelne uns dem System unterordnen müssen und im Grunde wie in einem Gefängnis leben. Vielleicht regen meine Zeilen zum Dialog oder wenigstens zum Nachdenken an.

Ich lernte im Kloster, perfekt zu funktionieren, und musste, als ich von meinen Gelübden entbunden wurde, feststellen, dass meine bisherige Lebensweise in der sogenannten säkularen Welt nicht mehr griff. Mit dieser Erfahrung wurde ich nicht nur von der Kirche alleingelassen, sondern ich war, wie jede Nonne, die austritt, stigmatisiert, ähnlich den HIV/Aids-Patienten, die ich in den letzten Jahren meiner Schwesternzeit betreuen durfte.

"Die Wahrheit bedarf eines mutigen Menschen, der sie ausspricht!" Diese Worte werden den unterschiedlichsten Vorbildern in den Mund gelegt, etwa Mahatma Gandhi, Sigmund Freud oder Albert Einstein. Jeder Einzelne von ihnen hat auf seine Art Zeugnis für die Wahrheit abgelegt. Sie waren Propheten ihrer Zeit. Und wir? Können wir nicht alle Propheten unserer Zeit sein?

Warum kann die Kirche nicht eine solche Rolle übernehmen? Statt Neues zu wagen, wird es reflexhaft verurteilt. Als das Kirchenoberhaupt im März 2009 zu seiner ersten Afrikareise seit seiner Wahl aufbrach, verbot er weiterhin kategorisch den Gebrauch von Kondomen, obwohl seit den achtziger Jahren mehr als fünfundzwanzig Millionen Menschen auf diesem Kontinent an Aids gestorben sind. Seine Worte auf dem Weg nach Kamerun: "Man kann das Aids-Problem nicht durch die Verteilung von Kondomen regeln. Ihre Benutzung verschlimmert vielmehr das Problem." Die Lösung liege in einem "spirituellen und menschlichen Erwachen" und der "Freundschaft für die Leidenden". Was für ein Hohn. In meinem Orden habe ich genau das gelebt, als "Mama Twiga" oder "Schwester Giraffe".

Flug über den Wolken

Im April 1955 nahm die Lufthansa, zum ersten Mal nach dem Krieg, ihre Flüge wieder auf, und schon bald war der Luftverkehr die gängige Verbindung zwischen den Kontinenten. Der Seeweg dauerte bedeutend länger und war zudem teurer. Auch wenn ich das bedauerte - ich hätte mich gern langsam dem afrikanischen Kontinent genähert -, so gehörte ich zu denjenigen, die sich am 8. Dezember 1959 auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol versammelten. Eine Maschine war extra für uns Missionare bereitgestellt worden. Deshalb wimmelte es in der Abflughalle nur so von Ordensleuten. Es war ein denkwürdiger Tag, und wir wurden mit viel Begleitung verabschiedet, denn alle wollten an diesem großen Ereignis teilhaben. Der äußere Trubel half, die innere Aufregung zu überspielen. Damals waren noch drei Tage nötig, um von Amsterdam nach Tabora in Tanganjika zu gelangen, meinem Ziel.

Der erste Stopp war in Rom, wo damals Papst Johannes XXIII. residierte; dass er die Kirche durch Reformen beleben wollte, ahnte noch niemand. In einer Audienz wurden wir gemeinsam nochmals kirchlich ausgesandt, also mit dem Segen der Kirche in die Mission geschickt. Danach folgte eine weitere Zwischenlandung - direkt in der Wüste - zum Auftanken, wie es hieß. Eine Baracke mit einer Girlande aus vertrockneten Orangen blieb mir in Erinnerung, dazu der heiße, trockene Wüstensand und ein wunderbar funkelnder Sternenhimmel, der mein Herz höherschlagen ließ und leicht aufkeimendes Heimweh besänftigte. Immerhin hatte ich noch nie eine so weite Reise unternommen. Ich wusste nicht, wann ich meine Eltern wiedersehen würde. Zehn Jahre würden es sicher sein, so wurde uns gesagt.

Als wir in Entebbe landeten, der damaligen Hauptstadt Ugandas (heute Kampala), ging die Sonne bereits wieder unter, und der Schlafsaal bei den Karmeliterinnen bot eine willkommene Bleibe für die Nacht im Unbekannten. Der Zementboden war kalt, jedes Geräusch hallte durch den Saal. Wir mussten uns mit Kerzenlicht behelfen, die einzelnen Betten waren notdürftig durch Laken voneinander abgegrenzt. Moskitos schwirrten überall herum. Doch auch das Zirpen der Grillen war zu hören und das Gequake der Frösche aus dem nahen Ufergras. Im Innenhof konnte ich wieder zu einem sternenübersäten Himmel aufblicken, der sich in atemberaubender Leuchtkraft über mir ausspannte. Der Anblick war überwältigend. Genauso faszinierend wie zuvor der schwerelose Flug über den Wolken. Angst? Nein, die ließ ich nicht zu. Jetzt konnte ich in diesem Neuanfang mein Gottvertrauen auf die Probe stellen. Seit dem siebten Lebensjahr und dem Tag der Ersten Heiligen Kommunion glaubte ich, dem inneren Drang meiner Berufung folgen zu müssen. Wie meine Patentante im fernen Afrika wollte ich ein ähnliches Abenteuer wagen, wollte erfüllen, was sich mein Vater immer erträumt hatte, aber aus familiären Gründen nicht realisieren konnte. Und so war ich mit fünfzehn als Aspirantin im Missionsinternat Neuenbeken in der Nähe von Paderborn aufgenommen worden. Jetzt war ich einundzwanzig - und hatte ostafrikanischen Boden betreten.

Achttausend Kilometer Entfernung lagen zwischen der Heimat und dieser neuen Welt, die ich nur flüchtig kannte, etwa durch die Berichte und Briefe meiner Tante. War es nun die Erfüllung meines eigenen, persönlichen Traumes? Folgte ich nicht nur dem Wunsch meiner Tante und meines Vaters? War ich wirklich Missionarin geworden, um anderen Menschen zu helfen? Und zwar hier, in Afrika, wo der schneebedeckte Kilimandscharo, der höchste Berg Afrikas, mit 5895 Metern aus der Tropenlandschaft herausragte?

Im November 1938 kam ich in Aachen zur Welt. Meine Eltern, Erika und Ludwig Lenzen, gaben mir den Namen Majella, der oft als ungewöhnlich angesehen wurde. Das lag daran, dass ich eine Ordensfrau als Taufpatin hatte. Sie hieß Majellina, was ihr nicht sonderlich gefiel, und sie wünschte sich für mich die kürzere Form: Majella, nach dem heiligen Bruder Gerhard Majella.

Als meine Mutter guter Hoffnung war, pflanzte mein Vater zwei kleine Apfelbäume in unserem Garten, die unterschiedliche Sorten tragen sollten, aber für ihn auch mit einer jeweiligen Bedeutung versehen waren: Boskop stand für einen Jungen und Goldrenette für ein Mädchen. Er pflegte beide hingebungsvoll, ohne eines vorzuziehen, als erwarte er ein Zeichen, aber keines der Bäumchen verriet, welches Geschlecht das erste Kind haben würde. Als ich dann auf die Welt kam, war es eine Überraschung - und ich wurde genauso freudig empfangen, als sei ich ein Junge.

Manchmal dachte ich später, dass die fürsorgliche Pflege beider Bäumchen doch eine Auswirkung auf mein weiteres Leben haben sollte, denn ich zeigte keine besonderen Vorlieben, die mich als Mädchen ausgezeichnet hätten. Im Gegenteil: Ich kletterte gern auf Bäume und spielte nicht schlecht Fußball. Dass im selben November die "Reichskristallnacht" - und schon bald ein sinnloser Weltkrieg - viele Menschen das Leben kostete und uns bis ins Mark erschütterte, gehört auch zum Beginn meines Lebens. Ich lernte früh, schwer zu Verstehendes erst einmal zu akzeptieren.

Als ich drei war, kam mein Bruder Lothar zur Welt. Mit seinen hellblauen Augen und dem blonden Lockenkopf gewann er die Herzen der Menschen. Die Eltern waren stolz auf uns beide und hofften, dass wir gemeinsam die Grausamkeit des Krieges heil überstehen würden.

Mein Vater war der Jüngste von sechzehn Kindern. Sein Vater starb, als er erst sieben Jahre alt war. Die Mutter klammerte sich an ihn, als sei er ein Ersatz ihres so früh verstorbenen Mannes. Sie bat ihn später, als mein Vater bereits eine Klosterschule besuchte, weil er gern Missionar werden wollte, seinen Lebenswunsch hintanzustellen, um im elterlichen Betrieb - eine Bäckerei und Konditorei - zu arbeiten und so die Familie vor dem Ruin zu bewahren. Es war die Zeit der großen Wirtschaftskrise, Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre. Seine Mitarbeit im Familienbetrieb setzte er sogar fort, als er bereits als Redakteur beim Politischen Tageblatt in Aachen arbeitete. Deutsch und Literatur waren schon früh das bevorzugte Interessengebiet meines Vaters. Bereits im Konvikt, im Klosterstift, schrieb er Dramen, nun konnte er als Journalist sein Talent verwirklichen. Als Volontär hatte er über Sportereignisse zu berichten. Er schrieb anschaulich, spannend und traf den Ton der "Zuschauer". Sie liebten diese Lebendigkeit, und die Zeitung erfuhr durch ihn eine gewaltige Auflagensteigerung. Das sicherte ihm den Arbeitsplatz, und später konnte er das Feuilletonressort übernehmen.

1945 rollten die russischen Panzer über die Elbe. In mondheller Nacht stolperten wir über einen Kornacker.

Ich war fast sieben, und wir lebten damals im Erzgebirge, weil mein Vater als bekennender und parteiloser Katholik bei einem politischen Blatt, noch dazu in leitender Stellung, in Gefahr war. Es war für ihn nicht mehr möglich, in Aachen zu bleiben, und so war er in der Endphase des Krieges mit uns in ein kleines Erzgebirgsdorf gezogen, wo uns der heimische Pfarrer eine Unterkunft besorgte. Mein Vater arbeitete in Chemnitz, um bei der dortigen, politisch weniger bedeutungsvollen Zeitung unverfängliche Artikel zu schreiben - etwa Geschichten über Tiere und Landschaften. An freien Wochenenden kam er uns besuchen, wenn möglich.

Am Ende des Krieges kamen die Russen, und die Sicherheit, in der wir uns bislang gewähnt hatten, war vorbei. Zu Tausenden wurden deutsche Gefangene über einen Feldweg abtransportiert. Ihr dumpfes Singen sowie die Peitschenhiebe der Russen, die die deutschen Soldaten vorwärtstrieben, und die schrillen Pfiffe prägten sich mir tief ein. Aus diesem Grund hatte mein Vater beschlossen, in den amerikanischen Sektor zu fliehen, der nicht weit entfernt war. Es war geplant, dass er uns bei Nacht über die Sektorengrenze führen sollte. Meine Mutter hielt uns Kinder fest an der Hand, während mein Vater seine Schreibmaschine und etwas Wäsche trug. Aber wir wurden entdeckt und mit vorgehaltenen Karabinern untersucht. Mein Vater konnte nur stümperhaft Russisch, weshalb er die Soldaten nicht von seiner Arbeit als Journalist überzeugen konnte. Im Gegenteil, er wurde sogar für einen orthodoxen Priester gehalten, der mit seiner Familie fliehen wollte. Das vergoldete Kruzifix, das er immer bei sich trug, schien das zu belegen. Man schickte uns also in den Wald zurück, aus dem wir gerade gekommen waren. Wir glaubten uns dem Freischuss ausgeliefert. Aber wir erreichten das schützende Dunkel der Bäume, ohne dass uns etwas passierte. Wir lebten!

Die ganze Nacht wanderten wir weiter, immer auf der Suche nach der Grenze zwischen russischem und amerikanischem Besatzungsgebiet, immer darauf bedacht, die elektrisch geladenen Warnleitungen zu umgehen. Der dreijährige Lothar wimmerte vor Müdigkeit auf Vaters Schultern, während ich wiederholt stolperte und vor Erschöpfung erbrechen musste. "Angst dürfen wir nicht aufkommen lassen", sagte mein Vater wieder und wieder, "sonst schaffen wir es nicht."

Beim ersten Morgengrauen versuchten wir erneut den Durchbruch. Vater versteckte uns hinter Sträuchern und ging mutig auf die vermeintlichen Wachen zu, die sich beim Nähertreten als dunkle Wacholderbäume entpuppten. Deshalb antworteten sie auch nicht auf seine vorsichtigen Fragen. Aber Arbeiter, die auf ihren Fahrrädern näher kamen, zeigten den sicheren Weg über die Straße. Auf der anderen Seite hatten wir die Grenze bereits überschritten - und waren frei.

In dem nächstgelegenen Ort suchten wir das Pfarrhaus auf, das als Sammelstelle für einen Transport in die Lüneburger Heide diente. Als Flüchtlinge und Ausgebombte - unsere Wohnung in Aachen war zerstört - wurden wir nach Tagen in einem Dorf mit acht Bauernhöfen in der Nähe von Lüneburg einquartiert. Der kleine Ort lag idyllisch zwischen weiten Feldern, einem klaren Bach und bewaldeten Hängen. Ein Paradies für Kinder. Dennoch gab es auch hier Hürden zu nehmen, denn wir galten als Fremde, noch dazu als Katholiken (das Dorf war evangelisch), und wurden nur widerwillig aufgenommen.

Anfangs brachte man uns in einem Raum unter, in dem schon andere Flüchtlinge gelebt hatten, die an Typhus erkrankt waren. Dass nur Vater sich ansteckte, war erstaunlich. Denn wir besaßen damals nur eine einzige Waschschüssel für uns alle. Er kam ins Krankenhaus, aber es blieb für ihn nicht nur bei diesem einen Aufenthalt. Die Typhusbazillen setzten sich in der Gallenblase fest und sorgten für Entzündungen und Koliken. In der Folge musste er mehrmals operiert werden.

Somit waren die Jahre in der Heide auch eine harte Prüfung. Wenn wir Kinder zum Spielen gingen, mussten wir in Rufweite bleiben, damit die Eltern immer mit unserer Unterstützung rechnen konnten. Zum Beispiel half ich meiner Mutter bei Einläufen, wenn sie es selbst nicht schaffte, oder kochte für meinen Vater wässrigen Brei und dünnen Kamillentee. Durch unseren "Bereitschaftsdienst" wurden Lothar und ich zu Außenseitern, weil die anderen Kinder nicht begreifen konnten, dass es uns nicht erlaubt war, mit ihnen durch die Wiesen und Wälder zu toben.

Die Volksschule besuchten wir in Kolkhagen - wegen meines Alters wurde ich sofort in die zweite Klasse eingestuft -, später gingen wir beide auf das Gymnasium in Lüneburg. Ich erinnere mich noch, dass mein Klassenlehrer in der Volksschule oft heftige Schläge austeilte und uns ängstigte; geprügelte Schüler flohen sogar durchs Fenster. Als Vater gesünder wurde, übernahm er den Religionsunterricht an der Volksschule und führte mildere Methoden ein. Aber der Religionsunterricht machte nur eine Stunde im wöchentlichen Schulalltag aus, und so hieß es in meinen Zeugnissen aus dieser Zeit, dass ich mich nicht genug am Unterricht beteilige. War ich so verängstigt, dass ich mich nur meldete, wenn ich meiner Sache sicher war? Bestimmt.

Für die Erziehung von uns Kindern hatte mein Vater feste Regeln aufgestellt, etwa, dass wir bei Tisch oft nur "ein Kolloquium mit gutem Deutsch" führen durften, eine schnoddrige Sprache war tabu. Sonst hieß es "Stillschweigen", wie im Kloster. Das kannte Vater ja. Dieses Redeverbot führte manchmal dazu, dass Lothar und ich so laut lachten, bis uns die Tränen kamen. Dann war an ein Stillschweigen nicht mehr zu denken. Gott sei Dank war Mutter immer auf unserer Seite. Sie erlaubte auch, dass wir uns unter dem Tisch eine Art Zeltlager bauten und an kalten Regentagen dort spielen durften. Aber wir mussten immer leise sein, um Vater nicht zu stören. Diese ständige Rücksichtnahme wurde mir zur zweiten Natur - sie führte auch dazu, dass ich während meines Klosterlebens erst sehr spät kritisch wurde. War er nicht krank, schrieb er. Das gleichmäßig klappernde Geräusch seiner Schreibmaschine habe ich so verinnerlicht, dass ich in späteren Jahren, in Afrika, auch in der Nacht noch wichtige Reporte tippen wollte. Verständlicherweise waren die Mitschwestern nicht erbaut von der Störung.

Eine weitere Regel betraf die Pünktlichkeit. Vater drohte mit Strafen bei Nichteinhaltung einer verabredeten Uhrzeit, wenngleich erst nach zweimaliger Warnung. Ich schaffte es trotzdem, ihn so herauszufordern, dass ich noch mit zehn Jahren eine heftige Tracht Prügel bekam. Vor Schreck darüber gab meine Blase nach, und ich stand auf einmal in einer Lache. Ich fühlte mich gekränkt und unverstanden, denn die Zeiteinteilung meiner Eltern war rigoros. Aber feige war ich nicht. Im Gegenteil. Zum Beispiel stellte ich mich einer Gruppe von Jungen, die meinen Bruder verdreschen wollten. Ich verprügelte deren Anführer so gründlich, dass sich alle verzogen. Und auch bei den vielen schweren Gewittern in der Heide blieb ich erstaunlich ruhig. Meine Angst besiegte ich mit Stoßgebeten.

Zu den vielfachen Erinnerungen meiner Jugend gehören die langen Gespräche im Familienkreis, bei denen Vater uns ein lebendiges Bild von Gott ausmalte. Dabei glühten seine Augen vor Eifer, er wurde in diesen Momenten gewissermaßen zum Missionar, der seine innere Überzeugung von der Liebe Gottes an seine Zuhörer weitergeben wollte. Aber bei diesen Erzählungen ging es nicht nur um Gott. So berichtete er uns zum Beispiel von einer abenteuerlichen Reise als Korrespondent, die ihn auf einem Fischkutter nach Lappland brachte. Da sich diese Möglichkeit unerwartet bot, hatte er kaum mehr als Unterwäsche im Gepäck. Aber es blieb noch Zeit, einen wunderbaren Strauß Sonnenblumen in einem Floristengeschäft für meine Mutter zu bestellen, als Symbol seiner Liebe. Mit leicht geröteten Wangen konnte er auch von seinem Flug mit der berühmten deutschen Pilotin Hanna Reitsch sprechen. Sie, über die er einen Artikel verfassen sollte, hatte 1931 den Weltrekord im Dauer-Segelflug für Frauen errungen. Sie fand es toll, dass mein Vater sich zu ihr in die Maschine setzte - und ich träumte zeitlebens vom Fliegen. Ob auch das vererbt wurde?

Wir haben einen neuen Papst", tönt es aus dem Fernseher.

Und wenig später sehe ich Josef Kardinal Ratzinger, der sich als Papst Benedikt XVI. den begeisterten Menschen auf dem Petersplatz zeigt. Als er Präfekt der Glaubenskongregation in Rom war, hat er leider zugelassen, dass durch das Verbot von Kondomen meine Aids-Arbeit in Ostafrika zu einem jähen Ende kam - was schließlich zum Austritt aus meinem Orden führte. Jetzt bekleidet er das höchste kirchliche Amt. Ich bin sprachlos und kämpfe mit den Tränen. Als ich den Papst dann aber in Ruhe anschaue und in seiner menschlichen Gebrechlichkeit da stehen sehe, empfinde ich Mitgefühl. Auch er kann sich nur im Rahmen des Systems Kirche bewegen, unter dem Mandat der "Frohen Botschaft", wie das Evangelium zeitgemäß genannt wird.

Am selben Abend ging ich zu einer Aufführung des Russischen Balletts, Peter Tschaikowskys Dornröschen stand auf dem Spielplan. Die Musik war etwas laut für das kleine Stadttheater in Düren, wo ich jetzt lebe. Aber die Geschichte trug mich über das Erstaunen, ja, Erschrecken des Tages hinaus, in längst vergangene Zeiten. Oder waren sie noch gar nicht so lange vergangen, wie ich glaubte?

Die Uraufführung von Dornröschen hatte 1890 in Sankt Petersburg stattgefunden. Und Tschaikowsky selbst hielt dieses Ballett für sein bestes Werk. Die Grazie und Anmut der Tanzenden, ihre perfekte Körperdisziplin und die träumerische Musik waren auch an diesem Abend ein Genuss. Ein Geschenk des Himmels, würde ich am liebsten sagen, und ein Hinweis darauf, dass es sich lohnt zu leben.

Während die Freude über diesen Kunstgenuss auch jetzt noch - beim Aufschreiben des Erlebnisses - nachschwingt, wird ein früheres wach, das mich schnell ernüchtert. Denn vor gut einem Jahrzehnt hatte ich eine andere Erfahrung mit Tschaikowsky gemacht, und zwar in einem unserer Klöster in Ostafrika. Meinen Mitschwestern machte ich damals den Vorschlag, gemeinsam ein Video des Balletts Schwanensee anzuschauen - ich hatte es bei einer befreundeten Ärztin ausgeliehen. Die Einführung zu der Inszenierung war in einem verständlichen Englisch, sodass wir alle wussten, worum es beim "Tanz der vier kleinen Schwäne" ging. Das Gehörte begeisterte mich, und ich freute mich, den nun kommenden Genuss mit den anderen zu teilen.

Doch es kam nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Meine Mitschwestern merkten nichts von der schönen Musik und der ausdrucksstarken Darbietung. Nein, überhaupt nicht. Sie reagierten nur auf die vermeintlich obszöne Kleidung, auf die "unanständigen" Posen. Von Kunst keine Rede. Und da ich als Überbringerin des Videos der Auslöser für ihren Unmut war, wurde ich auch als Teil dieses Bösen gesehen, das ich den Mitschwestern zugemutet hatte. Sie protestierten derart vehement, dass ich schließlich kopfschüttelnd die Vorführung abbrach und den Videorekorder ausschaltete.

Es handelt sich hier nicht um irgendeine Anekdote. Es geht auch nicht darum, dass die damalige Schwesternkommunität wohl nie zuvor in einem Ballett war. Nein, dieses Erlebnis war für mich deshalb so schmerzhaft, weil ich spürte, dass es keine Chance gab, über diese Aufführung, über die Märchenmotive, über die unglücklich verzauberte Prinzessin zu diskutieren. Für die Schwestern existierte nur die eine Wahrnehmung, das Gut-und-Böse-Prinzip, so wie es in der Ordensregel festgelegt worden war und wie es, leicht verständlich, als Gradmesser für alles angelegt werden konnte. Ein Dialog war unmöglich, weil wir nicht angeleitet wurden, in gegenseitigem Austausch voneinander zu lernen. Und das betraf nicht nur diese Situation, ich erlebte dies bei vielen Gelegenheiten. In unserem Orden verhinderten Gebote und Kontrollen eine eigenständige, freie Meinungsfindung. Im Bemühen um das ideale Ordensleben spielten wir alle unsere vorgegebene Rolle. Das hieß: Das System Orden ließ keine Individualität zu. Man kann das auch Indoktrination nennen. Und wer wie ich gegen dieses System rebellierte, musste mit kirchlichem Mobbing rechnen. Was ich dann auch erleben musste - mit schweren gesundheitlichen Folgen.

Der bekannte Psychologe Michael Lukas Moeller sagte einmal: "Die Wahrheit beginnt zu zweit." Und Thomas Merton, einer der großen Mystiker der Neuzeit, drückte es so aus: "Keiner ist eine Insel." Eine Gemeinschaft, die keinen Dialog praktiziert und sich dem gemeinsamen Wachsen verschließt, behindert ihren eigenen Reifungsprozess. Wovor haben wir Angst, dass wir uns diesem Prinzip der Wahrheitsfindung so verweigern, dass wir sogar Unwahrheiten hinnehmen?

Mittlerweile bin ich von der Bindung an die Ordensregel befreit, besser gesagt: Ich bin 1995 befreit worden. Freiwillig war mein Austritt aus meinem Orden nicht, ich bin dazu gedrängt worden, weil zu vieles in meinem Leben passierte, für das ich keine ehrlichen Antworten erhielt, weil zu vieles in meinem Leben über meinen Kopf hinweg beschlossen wurde. Aber nichts kann mich von einer weiteren Suche nach Wahrheit entbinden, der Suche nach einer besseren, aufrichtigeren Kirche. Vierzig Jahre lang war ich Mitglied in einer Gemeinschaft, in der mir die Schwestern nahestanden, die einen offeneren Umgang mit den Ordensregeln leben wollten. Dreiunddreißig Jahre war ich als Schwester Maria Lauda im Dienst der Kirche in Afrika tätig. Dreiunddreißig Jahre lang habe ich Menschen geholfen, insbesondere Kranken, damit sie ein Leben in Würde führen konnten. Die Menschen litten unter Cholera, Malaria, HIV, Aids - ihr Unglück hat mich mutig werden lassen. Bis es zum finalen Skandal kam: Ich wurde als "Kondom-Nonne" stigmatisiert, weil ich mich - gegen die Gebote der Kirche - für Verhütungsmittel einsetzte, als eine Möglichkeit, der Immunschwäche Aids präventiv entgegenzuwirken. Für mich war das eine Notwendigkeit, denn ich habe das Elend in den Hütten der verwaisten Kinder in Ostafrika erlebt, habe die entsetzlich abgemagerten Körper der gezeichneten Frauen gesehen, ihre entkräfteten Hände gehalten und in ihre sorgenvollen, tief liegenden Augen geschaut. Doch trotz all meiner Kritik an der katholischen Kirche und den Konflikten mit ihr: Nicht ein Jahr möchte ich von meiner Zeit als Ordensschwester missen. Dazu habe ich auch zu viel Glück in den Augen der Menschen gesehen, denen ich helfen konnte. Und das allein war auch der Grund, warum ich Missionarin werden wollte - nicht, um andere Menschen zum Glauben zu bekehren oder mich mit den Kirchenfunktionären auseinanderzusetzen. Aber was wusste ich als junges Mädchen schon von der Geschichte der Missionsarbeit? Eigentlich nichts, außer, dass eine Tante von mir diese Tätigkeit in Afrika ausübte, mein Vater selbst gern Missionar geworden wäre.

Wenn ich im Austausch mit anderen Menschen von meinem Leben erzähle, stoße ich auf die unterschiedlichsten Reaktionen. "Das System Kirche ist wirklich kaum zu verstehen", meinen viele. Oder schlicht: "Sie haben aber Mut!"

Wiederholt wurde ich ermutigt, alles aufzuschreiben. "Maisha ni safari ndefu - das Leben ist eine lange Reise", heißt es auf Swahili. Meine Lebensreise führte mich dreiunddreißig Jahre lang nach Afrika, auf diesen wunderbaren und doch so unbekannten Kontinent. Diese Jahre sind ein Teil von mir. In dieser Zeit konnte ich mich zu dem Menschen entwickeln, der ich jetzt bin. Dafür bin ich sehr dankbar. Gleichzeitig drängte es mich, auch das festzuhalten, was ich für Unrecht halte, was mich zutiefst demütigte, die Erfahrung, dass wir Schwestern als Einzelne uns dem System unterordnen müssen und im Grunde wie in einem Gefängnis leben. Vielleicht regen meine Zeilen zum Dialog oder wenigstens zum Nachdenken an.

Ich lernte im Kloster, perfekt zu funktionieren, und musste, als ich von meinen Gelübden entbunden wurde, feststellen, dass meine bisherige Lebensweise in der sogenannten säkularen Welt nicht mehr griff. Mit dieser Erfahrung wurde ich nicht nur von der Kirche alleingelassen, sondern ich war, wie jede Nonne, die austritt, stigmatisiert, ähnlich den HIV/Aids-Patienten, die ich in den letzten Jahren meiner Schwesternzeit betreuen durfte.

"Die Wahrheit bedarf eines mutigen Menschen, der sie ausspricht!" Diese Worte werden den unterschiedlichsten Vorbildern in den Mund gelegt, etwa Mahatma Gandhi, Sigmund Freud oder Albert Einstein. Jeder Einzelne von ihnen hat auf seine Art Zeugnis für die Wahrheit abgelegt. Sie waren Propheten ihrer Zeit. Und wir? Können wir nicht alle Propheten unserer Zeit sein?

Warum kann die Kirche nicht eine solche Rolle übernehmen? Statt Neues zu wagen, wird es reflexhaft verurteilt. Als das Kirchenoberhaupt im März 2009 zu seiner ersten Afrikareise seit seiner Wahl aufbrach, verbot er weiterhin kategorisch den Gebrauch von Kondomen, obwohl seit den achtziger Jahren mehr als fünfundzwanzig Millionen Menschen auf diesem Kontinent an Aids gestorben sind. Seine Worte auf dem Weg nach Kamerun: "Man kann das Aids-Problem nicht durch die Verteilung von Kondomen regeln. Ihre Benutzung verschlimmert vielmehr das Problem." Die Lösung liege in einem "spirituellen und menschlichen Erwachen" und der "Freundschaft für die Leidenden". Was für ein Hohn. In meinem Orden habe ich genau das gelebt, als "Mama Twiga" oder "Schwester Giraffe".

Flug über den Wolken

Im April 1955 nahm die Lufthansa, zum ersten Mal nach dem Krieg, ihre Flüge wieder auf, und schon bald war der Luftverkehr die gängige Verbindung zwischen den Kontinenten. Der Seeweg dauerte bedeutend länger und war zudem teurer. Auch wenn ich das bedauerte - ich hätte mich gern langsam dem afrikanischen Kontinent genähert -, so gehörte ich zu denjenigen, die sich am 8. Dezember 1959 auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol versammelten. Eine Maschine war extra für uns Missionare bereitgestellt worden. Deshalb wimmelte es in der Abflughalle nur so von Ordensleuten. Es war ein denkwürdiger Tag, und wir wurden mit viel Begleitung verabschiedet, denn alle wollten an diesem großen Ereignis teilhaben. Der äußere Trubel half, die innere Aufregung zu überspielen. Damals waren noch drei Tage nötig, um von Amsterdam nach Tabora in Tanganjika zu gelangen, meinem Ziel.

Der erste Stopp war in Rom, wo damals Papst Johannes XXIII. residierte; dass er die Kirche durch Reformen beleben wollte, ahnte noch niemand. In einer Audienz wurden wir gemeinsam nochmals kirchlich ausgesandt, also mit dem Segen der Kirche in die Mission geschickt. Danach folgte eine weitere Zwischenlandung - direkt in der Wüste - zum Auftanken, wie es hieß. Eine Baracke mit einer Girlande aus vertrockneten Orangen blieb mir in Erinnerung, dazu der heiße, trockene Wüstensand und ein wunderbar funkelnder Sternenhimmel, der mein Herz höherschlagen ließ und leicht aufkeimendes Heimweh besänftigte. Immerhin hatte ich noch nie eine so weite Reise unternommen. Ich wusste nicht, wann ich meine Eltern wiedersehen würde. Zehn Jahre würden es sicher sein, so wurde uns gesagt.

Als wir in Entebbe landeten, der damaligen Hauptstadt Ugandas (heute Kampala), ging die Sonne bereits wieder unter, und der Schlafsaal bei den Karmeliterinnen bot eine willkommene Bleibe für die Nacht im Unbekannten. Der Zementboden war kalt, jedes Geräusch hallte durch den Saal. Wir mussten uns mit Kerzenlicht behelfen, die einzelnen Betten waren notdürftig durch Laken voneinander abgegrenzt. Moskitos schwirrten überall herum. Doch auch das Zirpen der Grillen war zu hören und das Gequake der Frösche aus dem nahen Ufergras. Im Innenhof konnte ich wieder zu einem sternenübersäten Himmel aufblicken, der sich in atemberaubender Leuchtkraft über mir ausspannte. Der Anblick war überwältigend. Genauso faszinierend wie zuvor der schwerelose Flug über den Wolken. Angst? Nein, die ließ ich nicht zu. Jetzt konnte ich in diesem Neuanfang mein Gottvertrauen auf die Probe stellen. Seit dem siebten Lebensjahr und dem Tag der Ersten Heiligen Kommunion glaubte ich, dem inneren Drang meiner Berufung folgen zu müssen. Wie meine Patentante im fernen Afrika wollte ich ein ähnliches Abenteuer wagen, wollte erfüllen, was sich mein Vater immer erträumt hatte, aber aus familiären Gründen nicht realisieren konnte. Und so war ich mit fünfzehn als Aspirantin im Missionsinternat Neuenbeken in der Nähe von Paderborn aufgenommen worden. Jetzt war ich einundzwanzig - und hatte ostafrikanischen Boden betreten.

Achttausend Kilometer Entfernung lagen zwischen der Heimat und dieser neuen Welt, die ich nur flüchtig kannte, etwa durch die Berichte und Briefe meiner Tante. War es nun die Erfüllung meines eigenen, persönlichen Traumes? Folgte ich nicht nur dem Wunsch meiner Tante und meines Vaters? War ich wirklich Missionarin geworden, um anderen Menschen zu helfen? Und zwar hier, in Afrika, wo der schneebedeckte Kilimandscharo, der höchste Berg Afrikas, mit 5895 Metern aus der Tropenlandschaft herausragte?

Im November 1938 kam ich in Aachen zur Welt. Meine Eltern, Erika und Ludwig Lenzen, gaben mir den Namen Majella, der oft als ungewöhnlich angesehen wurde. Das lag daran, dass ich eine Ordensfrau als Taufpatin hatte. Sie hieß Majellina, was ihr nicht sonderlich gefiel, und sie wünschte sich für mich die kürzere Form: Majella, nach dem heiligen Bruder Gerhard Majella.

Als meine Mutter guter Hoffnung war, pflanzte mein Vater zwei kleine Apfelbäume in unserem Garten, die unterschiedliche Sorten tragen sollten, aber für ihn auch mit einer jeweiligen Bedeutung versehen waren: Boskop stand für einen Jungen und Goldrenette für ein Mädchen. Er pflegte beide hingebungsvoll, ohne eines vorzuziehen, als erwarte er ein Zeichen, aber keines der Bäumchen verriet, welches Geschlecht das erste Kind haben würde. Als ich dann auf die Welt kam, war es eine Überraschung - und ich wurde genauso freudig empfangen, als sei ich ein Junge.

Manchmal dachte ich später, dass die fürsorgliche Pflege beider Bäumchen doch eine Auswirkung auf mein weiteres Leben haben sollte, denn ich zeigte keine besonderen Vorlieben, die mich als Mädchen ausgezeichnet hätten. Im Gegenteil: Ich kletterte gern auf Bäume und spielte nicht schlecht Fußball. Dass im selben November die "Reichskristallnacht" - und schon bald ein sinnloser Weltkrieg - viele Menschen das Leben kostete und uns bis ins Mark erschütterte, gehört auch zum Beginn meines Lebens. Ich lernte früh, schwer zu Verstehendes erst einmal zu akzeptieren.

Als ich drei war, kam mein Bruder Lothar zur Welt. Mit seinen hellblauen Augen und dem blonden Lockenkopf gewann er die Herzen der Menschen. Die Eltern waren stolz auf uns beide und hofften, dass wir gemeinsam die Grausamkeit des Krieges heil überstehen würden.

Mein Vater war der Jüngste von sechzehn Kindern. Sein Vater starb, als er erst sieben Jahre alt war. Die Mutter klammerte sich an ihn, als sei er ein Ersatz ihres so früh verstorbenen Mannes. Sie bat ihn später, als mein Vater bereits eine Klosterschule besuchte, weil er gern Missionar werden wollte, seinen Lebenswunsch hintanzustellen, um im elterlichen Betrieb - eine Bäckerei und Konditorei - zu arbeiten und so die Familie vor dem Ruin zu bewahren. Es war die Zeit der großen Wirtschaftskrise, Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre. Seine Mitarbeit im Familienbetrieb setzte er sogar fort, als er bereits als Redakteur beim Politischen Tageblatt in Aachen arbeitete. Deutsch und Literatur waren schon früh das bevorzugte Interessengebiet meines Vaters. Bereits im Konvikt, im Klosterstift, schrieb er Dramen, nun konnte er als Journalist sein Talent verwirklichen. Als Volontär hatte er über Sportereignisse zu berichten. Er schrieb anschaulich, spannend und traf den Ton der "Zuschauer". Sie liebten diese Lebendigkeit, und die Zeitung erfuhr durch ihn eine gewaltige Auflagensteigerung. Das sicherte ihm den Arbeitsplatz, und später konnte er das Feuilletonressort übernehmen.

1945 rollten die russischen Panzer über die Elbe. In mondheller Nacht stolperten wir über einen Kornacker.

Ich war fast sieben, und wir lebten damals im Erzgebirge, weil mein Vater als bekennender und parteiloser Katholik bei einem politischen Blatt, noch dazu in leitender Stellung, in Gefahr war. Es war für ihn nicht mehr möglich, in Aachen zu bleiben, und so war er in der Endphase des Krieges mit uns in ein kleines Erzgebirgsdorf gezogen, wo uns der heimische Pfarrer eine Unterkunft besorgte. Mein Vater arbeitete in Chemnitz, um bei der dortigen, politisch weniger bedeutungsvollen Zeitung unverfängliche Artikel zu schreiben - etwa Geschichten über Tiere und Landschaften. An freien Wochenenden kam er uns besuchen, wenn möglich.

Am Ende des Krieges kamen die Russen, und die Sicherheit, in der wir uns bislang gewähnt hatten, war vorbei. Zu Tausenden wurden deutsche Gefangene über einen Feldweg abtransportiert. Ihr dumpfes Singen sowie die Peitschenhiebe der Russen, die die deutschen Soldaten vorwärtstrieben, und die schrillen Pfiffe prägten sich mir tief ein. Aus diesem Grund hatte mein Vater beschlossen, in den amerikanischen Sektor zu fliehen, der nicht weit entfernt war. Es war geplant, dass er uns bei Nacht über die Sektorengrenze führen sollte. Meine Mutter hielt uns Kinder fest an der Hand, während mein Vater seine Schreibmaschine und etwas Wäsche trug. Aber wir wurden entdeckt und mit vorgehaltenen Karabinern untersucht. Mein Vater konnte nur stümperhaft Russisch, weshalb er die Soldaten nicht von seiner Arbeit als Journalist überzeugen konnte. Im Gegenteil, er wurde sogar für einen orthodoxen Priester gehalten, der mit seiner Familie fliehen wollte. Das vergoldete Kruzifix, das er immer bei sich trug, schien das zu belegen. Man schickte uns also in den Wald zurück, aus dem wir gerade gekommen waren. Wir glaubten uns dem Freischuss ausgeliefert. Aber wir erreichten das schützende Dunkel der Bäume, ohne dass uns etwas passierte. Wir lebten!

Die ganze Nacht wanderten wir weiter, immer auf der Suche nach der Grenze zwischen russischem und amerikanischem Besatzungsgebiet, immer darauf bedacht, die elektrisch geladenen Warnleitungen zu umgehen. Der dreijährige Lothar wimmerte vor Müdigkeit auf Vaters Schultern, während ich wiederholt stolperte und vor Erschöpfung erbrechen musste. "Angst dürfen wir nicht aufkommen lassen", sagte mein Vater wieder und wieder, "sonst schaffen wir es nicht."

Beim ersten Morgengrauen versuchten wir erneut den Durchbruch. Vater versteckte uns hinter Sträuchern und ging mutig auf die vermeintlichen Wachen zu, die sich beim Nähertreten als dunkle Wacholderbäume entpuppten. Deshalb antworteten sie auch nicht auf seine vorsichtigen Fragen. Aber Arbeiter, die auf ihren Fahrrädern näher kamen, zeigten den sicheren Weg über die Straße. Auf der anderen Seite hatten wir die Grenze bereits überschritten - und waren frei.

In dem nächstgelegenen Ort suchten wir das Pfarrhaus auf, das als Sammelstelle für einen Transport in die Lüneburger Heide diente. Als Flüchtlinge und Ausgebombte - unsere Wohnung in Aachen war zerstört - wurden wir nach Tagen in einem Dorf mit acht Bauernhöfen in der Nähe von Lüneburg einquartiert. Der kleine Ort lag idyllisch zwischen weiten Feldern, einem klaren Bach und bewaldeten Hängen. Ein Paradies für Kinder. Dennoch gab es auch hier Hürden zu nehmen, denn wir galten als Fremde, noch dazu als Katholiken (das Dorf war evangelisch), und wurden nur widerwillig aufgenommen.

Anfangs brachte man uns in einem Raum unter, in dem schon andere Flüchtlinge gelebt hatten, die an Typhus erkrankt waren. Dass nur Vater sich ansteckte, war erstaunlich. Denn wir besaßen damals nur eine einzige Waschschüssel für uns alle. Er kam ins Krankenhaus, aber es blieb für ihn nicht nur bei diesem einen Aufenthalt. Die Typhusbazillen setzten sich in der Gallenblase fest und sorgten für Entzündungen und Koliken. In der Folge musste er mehrmals operiert werden.

Somit waren die Jahre in der Heide auch eine harte Prüfung. Wenn wir Kinder zum Spielen gingen, mussten wir in Rufweite bleiben, damit die Eltern immer mit unserer Unterstützung rechnen konnten. Zum Beispiel half ich meiner Mutter bei Einläufen, wenn sie es selbst nicht schaffte, oder kochte für meinen Vater wässrigen Brei und dünnen Kamillentee. Durch unseren "Bereitschaftsdienst" wurden Lothar und ich zu Außenseitern, weil die anderen Kinder nicht begreifen konnten, dass es uns nicht erlaubt war, mit ihnen durch die Wiesen und Wälder zu toben.

Die Volksschule besuchten wir in Kolkhagen - wegen meines Alters wurde ich sofort in die zweite Klasse eingestuft -, später gingen wir beide auf das Gymnasium in Lüneburg. Ich erinnere mich noch, dass mein Klassenlehrer in der Volksschule oft heftige Schläge austeilte und uns ängstigte; geprügelte Schüler flohen sogar durchs Fenster. Als Vater gesünder wurde, übernahm er den Religionsunterricht an der Volksschule und führte mildere Methoden ein. Aber der Religionsunterricht machte nur eine Stunde im wöchentlichen Schulalltag aus, und so hieß es in meinen Zeugnissen aus dieser Zeit, dass ich mich nicht genug am Unterricht beteilige. War ich so verängstigt, dass ich mich nur meldete, wenn ich meiner Sache sicher war? Bestimmt.

Für die Erziehung von uns Kindern hatte mein Vater feste Regeln aufgestellt, etwa, dass wir bei Tisch oft nur "ein Kolloquium mit gutem Deutsch" führen durften, eine schnoddrige Sprache war tabu. Sonst hieß es "Stillschweigen", wie im Kloster. Das kannte Vater ja. Dieses Redeverbot führte manchmal dazu, dass Lothar und ich so laut lachten, bis uns die Tränen kamen. Dann war an ein Stillschweigen nicht mehr zu denken. Gott sei Dank war Mutter immer auf unserer Seite. Sie erlaubte auch, dass wir uns unter dem Tisch eine Art Zeltlager bauten und an kalten Regentagen dort spielen durften. Aber wir mussten immer leise sein, um Vater nicht zu stören. Diese ständige Rücksichtnahme wurde mir zur zweiten Natur - sie führte auch dazu, dass ich während meines Klosterlebens erst sehr spät kritisch wurde. War er nicht krank, schrieb er. Das gleichmäßig klappernde Geräusch seiner Schreibmaschine habe ich so verinnerlicht, dass ich in späteren Jahren, in Afrika, auch in der Nacht noch wichtige Reporte tippen wollte. Verständlicherweise waren die Mitschwestern nicht erbaut von der Störung.

Eine weitere Regel betraf die Pünktlichkeit. Vater drohte mit Strafen bei Nichteinhaltung einer verabredeten Uhrzeit, wenngleich erst nach zweimaliger Warnung. Ich schaffte es trotzdem, ihn so herauszufordern, dass ich noch mit zehn Jahren eine heftige Tracht Prügel bekam. Vor Schreck darüber gab meine Blase nach, und ich stand auf einmal in einer Lache. Ich fühlte mich gekränkt und unverstanden, denn die Zeiteinteilung meiner Eltern war rigoros. Aber feige war ich nicht. Im Gegenteil. Zum Beispiel stellte ich mich einer Gruppe von Jungen, die meinen Bruder verdreschen wollten. Ich verprügelte deren Anführer so gründlich, dass sich alle verzogen. Und auch bei den vielen schweren Gewittern in der Heide blieb ich erstaunlich ruhig. Meine Angst besiegte ich mit Stoßgebeten.

Zu den vielfachen Erinnerungen meiner Jugend gehören die langen Gespräche im Familienkreis, bei denen Vater uns ein lebendiges Bild von Gott ausmalte. Dabei glühten seine Augen vor Eifer, er wurde in diesen Momenten gewissermaßen zum Missionar, der seine innere Überzeugung von der Liebe Gottes an seine Zuhörer weitergeben wollte. Aber bei diesen Erzählungen ging es nicht nur um Gott. So berichtete er uns zum Beispiel von einer abenteuerlichen Reise als Korrespondent, die ihn auf einem Fischkutter nach Lappland brachte. Da sich diese Möglichkeit unerwartet bot, hatte er kaum mehr als Unterwäsche im Gepäck. Aber es blieb noch Zeit, einen wunderbaren Strauß Sonnenblumen in einem Floristengeschäft für meine Mutter zu bestellen, als Symbol seiner Liebe. Mit leicht geröteten Wangen konnte er auch von seinem Flug mit der berühmten deutschen Pilotin Hanna Reitsch sprechen. Sie, über die er einen Artikel verfassen sollte, hatte 1931 den Weltrekord im Dauer-Segelflug für Frauen errungen. Sie fand es toll, dass mein Vater sich zu ihr in die Maschine setzte - und ich träumte zeitlebens vom Fliegen. Ob auch das vererbt wurde?


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Bewertung von fairness aus berlin am 15.09.2009   weniger gut
Interessantes Thema, aber um sich ein eigenes Urteil zu bilden, sollte man fairerweise auch die "Gegenseite" zur Kenntnis nehmen. Dies fand ich im Internet:
Stellungnahme der Missionsschwestern von Kostbaren Blut zu Buchveröffentlichung von Majella Lenzen: „Das möge Gott verhüten“
Heute wie vor 13 Jahren, als Frau Lenzen erstmalig an die Medien ging, haben wir uns aus Rücksicht auf die Betroffene mit Gegendarstellungen weitgehend zurückgehalten. Ferner gab es in diesen 13 Jahren Gespräche zwischen der Ordensleitung und Frau Lenzen, deren Ausgang wie eine Klärung erschien. Eine erneute Veröffentlichung ist daher für uns schwer nachvollziehbar. Wir möchten klären:
Majella Lenzen sagt, sie sei aus dem Orden entlassen worden bzw. gezwungen worden, diesen zu verlassen, weil sie Kondome verteilt habe.
Fakt ist: Der befristete Arbeitsvertrag mit der Diözese Moshi, Tansania, in der sie im Rahmen der Gesamtgesundheitsfürsorge als „Aids-Koordinatorin“ tätig war, lief Ende 1993 aus und wurde vom Bischof der Diözese nicht erneuert. Die Nichterneuerung des Arbeitsvertrages hat keinerlei Wirkung auf die Mitgliedschaft in unserer Ordensgemeinschaft.
Frau Lenzen sagt und schreibt, dass sie als Provinzoberin in Simbabwe „abgewählt“ worden sei, obwohl sie sehr viel Zuspruch erfahren habe. Fakt ist: Die Amtszeit einer Provinzoberin endet turnusmäßig nach 5 Jahren. Die Mehrzahl der Schwestern ihrer Provinz sprach sich nicht für eine zweite Amtszeit von Sr. Maria-Lauda aus. Die Ordensleitung hat dem Wunsch der Schwestern entsprochen. Daraufhin bat Sr. Maria-Lauda um eine Auszeit, um ihren Beruf und ihre geistliche Berufung zu klären, welche ihr gewährt wurde.
Frau Lenzen sagt und schreibt in ihrem Buch, dass die damalige Generaloberin ihr gesagt habe, sie habe keine Verwendung mehr für sie. Fakt ist: Frau Lenzen hat mehrere Angebote bekommen, in denen sie sich mit ihrem Fachwissen und ihrer Kompetenz gut hätte einbringen können (u.a. bei „Solwodi“). Sie lehnte alle Angebote ab.
Frau Lenzen spricht von Mobbing. Fakt ist: Sr. Maria-Lauda bat nach der Nichterneuerung des Arbeitsvertrages1993 um Sonderurlaub zur Pflege ihrer Mutter, der ihr gewährt wurde. Trotz mehrmaliger mündlicher und schriftlicher Bitte kehrte sie nicht mehr in eine unserer Gemeinschaften zurück. Zu keiner Zeit hat die Absicht bestanden, sie aus unserer Ordensgemeinschaft zu entlassen.
Immer wieder veröffentlicht Frau Lenzen, dass keine Sozialabgaben und keine Krankenkassenbeiträge für sie bezahlt wurden. Fakt ist: Frau Lenzen erhielt monatlich angemessene finanzielle Zuwendungen für ihren täglichen Lebensunterhalt. Alle weiteren anfallenden Kosten trug weiterhin die Ordensgemeinschaft. Frau Lenzen war sowohl in einer gesetzlichen, als auch in einer privaten Zusatzversicherung rentenversichert und nach ihrem Ausscheiden wurde ihre Krankenversicherung ein halbes Jahr weiter für sie gezahlt. Außerdem erhielt sie eine angemessene Summe als Hilfe für den Einstieg in ihre neue Lebenssituation. Heute erhält Frau Lenzen eine Rente, die sich in dem finanziellen Rahmen bewegt, wie jemand, der 30-40 Jahre erwerbstätig war.
...
Am Ende ihres Buches bedauert Frau Lenzen, dass sie immer wieder in ihrem (Ordens-)Leben behindert wurde, „so dass der Durchbruch zu einer Karriere nie gelang“. Fakt ist: Viele unserer Missionsschwestern, gestandene und selbstbewusste Frauen, arbeiten mit hohem Engagement aus christlicher Überzeugung vor allem in Südafrika, Simbabwe, in Mosambik, im Kongo und auch in Ostafrika in der Aids-Prävention, sowie in der Sorge um und in der Pflege für Aids-Kranke und deren Familien. Dass ihr selbstverständlicher und unermüdlicher Einsatz, der den Menschen vor Ort und nicht der eigenen Karriere dient, nicht diffamiert wird, ist uns ein Anliegen. Deshalb wollten wir hier den „Erinnerungen“ und der „persönlichen Meinung, die sich durch subjektive Empfindungen gebildet hat“ (Majella Lenzen auf der Buch-Innenseite) einige objektive Fakten gegenüberstellen.

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundenes Buch

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