Leseprobe zu "Mao" von Jung Chang; Jon Halliday
TEIL EINS
Halbherziger Anhänger
Eintritt in die Moderne (1893-1911, 1-17 Jahre)
Mao Tse-tung, der jahrzehntelang absolute Macht ausübte über das Leben eines Viertels der Weltbevölkerung, war verantwortlich für über 70 Millionen Tote in Friedenszeiten - kein anderer politischer Führer des 20. Jahrhunderts reicht hier an ihn heran. Mao wurde als Sohn einer Bauernfamilie geboren, die in der Provinz Hunan in einem Tal namens Shaoshan lebte, mitten im Herzen Chinas. Man schrieb den 26. Dezember 1893. Seine Vorfahren lebten seit 500 Jahren in diesem Tal.
Es war eine Welt uralter Schönheit, ein Landstrich mit einem gemäßigten, feuchten Klima und nebelverhangenen, welligen Hügeln, die seit der Jungsteinzeit besiedelt waren. Die buddhistischen Tempel stammten noch aus der Tang-Dynastie (618-906 n. Chr.), als der Buddhismus nach China kam, und sie wurden immer noch besucht. Ausgedehnte Bergwälder, in denen fast 300 verschiedene Baum- und Straucharten wuchsen, darunter Ahorn, Kampfer, Urwelt-Mammutbäume und der seltene Ginkgo, boten Tigern, Leoparden und Wildschweinen Unterschlupf. (Der letzte Tiger wurde 1957 erlegt.)
Die Berge, in denen es weder Straßen noch schiffbare Flüsse gab, schirmten das Dorf von der Außenwelt ab. Selbst eine Nachricht von so großer Tragweite wie die vom Tod des Kaisers 1908, drang nicht bis in die Bergdörfer vor, und so erfuhr Mao erst zwei Jahre später davon, als er Shaoshan verließ.
Das Tal von Shaoshan misst ungefähr 5 auf 3,5 Kilometer. Die etwa 600 Familien, die dort lebten, bauten Reis, Tee und Bambus an und hielten Wasserbüffel, mit denen sie die Reisfelder bearbeiteten. Schon seit Jahrhunderten hatte so der Alltag ausgesehen. Maos Vater Yi-chang wurde 1870 geboren. Im Alter von zehn Jahren wurde er mit einem 13-jährigen Mädchen aus einem etwa zehn Kilometer entfernten Dorf verlobt, das jenseits eines Passes lag, der "Pass, wo Tiger ruhen" genannt wurde, weil sich dort Tiger sonnten. Trotz der geringen Entfernung sprachen die Dorfbewohner so unterschiedliche Dialekte, dass sie sich untereinander kaum verständigen konnten. Als Mädchen erhielt Maos Mutter keinen Namen; sie war die siebte Tochter in der Familie Wen und hieß daher einfach Siebte Schwester Wen. Gemäß der jahrhundertealten Tradition waren ihr die Zehen gebrochen und die Füße gebunden worden, um sie am Wachsen zu hindern, damit sie dem damaligen Schönheitsideal der "Lotusfüße" entsprachen.
Die Verlobung der Kinder entsprach einer altehrwürdigen Tradition. Sie wurde von den Eltern arrangiert und basierte auf praktischen Überlegungen: Ein Großvater des Mädchens war in Shaoshan begraben, das Grab musste regelmäßig besucht und gepflegt werden, also würde es nützlich sein, eine Verwandte im Dorf zu haben. Siebte Schwester Wen zog nach der Verlobung zu den Maos und wurde 1885 als 18-Jährige mit dem 15-jährigen Yi-chang verheiratet.
Kurz nach der Hochzeit verpflichtete sich Yi-chang als Soldat, um Geld zu verdienen und damit die Schulden der Familie abzubezahlen, was ihm nach einigen Jahren auch gelang. Die chinesischen Bauern waren keine Leibeigenen, sondern frei. Es war allgemein üblich, dass man sich aus rein finanziellen Gründen zum Militär meldete. Yi-chang hatte Glück, er musste nicht im Krieg kämpfen, sondern lernte ein wenig die Welt kennen und schnappte ein paar Geschäftsideen auf. Im Gegensatz zu den meisten Dorfbewohnern konnte Yi-chang lesen und schreiben, und zwar gut genug, um seine Bücher zu führen. Nach seiner Rückkehr züchtete er Schweine und verarbeitete seine Reisernte zu Reis bester Qualität, den er in einem nahe gelegenen Marktstädtchen verkaufte. Er kaufte das Land zurück, das sein Vater verpfändet hatte, erwarb noch Land dazu und wurde zu einem der reichsten Männer im Dorf.
Obwohl Yi-chang relativ wohlhabend war, arbeitete er sein ganzes Leben lang hart und war sehr sparsam. Die Familie bewohnte sechs Zimmer in einem Flügel eines strohgedeckten Hofes. Später ersetzte Yi-chang das Stroh durch Ziegel, was eine erhebliche Verbesserung bedeutete, die Lehmwände und den Boden aus gestampfter Erde aber beließ er. Die Fenster hatten keine Scheiben, denn Glas war damals noch ein seltener Luxus. Die rechteckigen Fensteröffnungen mit hölzernen Stäben wurden nachts mit Holzläden verschlossen (die Temperatur sank selten unter den Gefrierpunkt). Die Möbel waren einfach: Holzbetten, schlichte Holztische und -bänke. In einem dieser spartanischen Räume, unter einer blauen, selbstgewebten Baumwolldecke und einem blauen Moskitonetz, wurde Mao geboren.
Mao war der dritte Sohn, aber der erste, der das Säuglingsalter überlebte. Das machte seine buddhistische Mutter noch frommer, und sie bat Buddha immer wieder, ihren Sohn zu beschützen. Mao erhielt den zweiteiligen Namen Tse-tung. Tse bedeutet "auf etwas scheinen"; dieser Name wurde allen Familienangehörigen seiner Generation gegeben, denn so hatte es die Familienchronik im 18. Jahrhundert festgelegt. Tung heißt "der Osten"; der ganze Name bedeutet daher "auf den Osten scheinen". Als 1896 und 1905 zwei weitere Jungen geboren wurden, erhielten sie die Namen Tse-min (min bedeutet "das Volk") und Tse-tan (tan bezog sich vermutlich auf die Region Xiangtan).
In den Namen spiegelte sich die tief verwurzelte Hoffnung der chinesischen Bauern, dass ihre Söhne im Leben Erfolg haben würden - und die Erwartung, dass dieser Erfolg möglich war. Hohe Ämter standen allen Chinesen offen, vorausgesetzt, sie verfügten über die entsprechende Bildung - die seit Jahrhunderten mit dem Studium der konfuzianischen Klassiker gleichgesetzt wurde. Hervorragende Leistungen ermöglichten es jedem jungen Mann unabhängig von seiner Herkunft, die kaiserlichen Prüfungen zu bestehen und ein Mandarin zu werden - es sogar bis zum Ministerpräsidenten zu bringen. Das Beamtentum war der Schlüssel für eine erfolgreiche Karriere. Die Namen drückten die Erwartungen aus, die in Mao und seine Brüder gesetzt wurden.
Ein großer Name konnte aber auch erdrückend sein und das Schicksal herausfordern, daher erhielten die meisten Kinder einen Kosenamen, der Bescheidenheit oder Härte oder auch beides signalisieren sollte. Mao war "der Junge aus Stein" - Shi san ya-zi. Zu seiner zweiten "Taufe" nahm seine Mutter ihn mit zu einem knapp zweieinhalb Meter hohen Fels, der als magisch galt, weil darunter eine Quelle entsprang. Mao erwies dem Felsen seine Ehrenbezeugungen und machte seine Kotaus. Danach galt er als Schützling des Steins, der Fels hatte ihn "adoptiert". Mao mochte seinen Kosenamen sehr und benutzte ihn auch noch als Erwachsener. Als er 1959 nach Shaoshan zurückkehrte und die Dorfbewohner zum ersten (und einzigen) Mal als der Große Vorsitzende wiedersah, scherzte er zu Beginn des Essens: "Nun sind alle da, außer meiner steinernen Mutter. Sollen wir auf sie warten?"
Seine richtige Mutter liebte Mao mit einer Intensität wie niemanden sonst. Sie war eine sanfte und tolerante Frau, die, wie er sich erinnerte, nie die Stimme gegen ihn erhob. Von ihr hatte er sein volles Gesicht, die sinnlichen Lippen und die ruhige Selbstbeherrschung in seinem Blick. Sein ganzes Leben lang sprach Mao voller Zuneigung von seiner Mutter. Nach ihrem Vorbild wurde er als Kind Buddhist. Jahre später erzählte er seinem Stab: "Ich verehrte meine Mutter... Ich folgte ihr überallhin... ging zum Tempel, verbrannte Räucherstäbchen und Papiergeld, huldigte Buddha... Weil meine Mutter an Buddha glaubte, glaubte ich auch daran." Als Jugendlicher wandte er sich jedoch vom Buddhismus ab.
Mao hatte eine sorgenfreie Kindheit. Bis zum Alter von acht Jahren lebte er bei der Familie seiner Mutter, den Wens, in ihrem Dorf, weil seine Mutter sich lieber bei ihren Leuten aufhielt. Seine Großmutter mütterlicherseits liebte ihn abgöttisch. Seine beiden Onkel und deren Frauen behandelten ihn wie ihren eigenen Sohn, und einer von ihnen wurde zu seinem "adoptierten Vater", der chinesischen Entsprechung des Taufpaten. Mao verrichtete leichte Arbeiten auf dem Hof, er sammelte Futter für die Schweine oder hütete die Büffel in den Kamelienhainen an einem von Bananenblättern beschatteten Teich. In späteren Jahren erinnerte sich Mao gern an diese idyllische Zeit. Während seine Tanten im Licht einer Öllampe spannen und nähten, lernte er lesen.
Im Alter von acht Jahren kehrte Mao im Frühjahr 1902 nach Shaoshan zurück, wo er im Haus eines Privatlehrers Unterricht erhielt. Die konfuzianischen Klassiker, die den Großteil des Unterrichtsstoffes ausmachten, überstiegen das Begriffsvermögen eines Kindes und mussten daher auswendig gelernt werden. Mao hatte ein außergewöhnliches Gedächtnis und war ein guter Schüler. Seine Mitschüler erinnerten sich an einen fleißigen Jungen, der die schwierigen Texte nicht nur auswendig aufsagen, sondern auch niederschreiben konnte. Mao machte sich außerdem mit den Grundlagen der chinesischen Sprache und Geschichte vertraut und bildete sich in den Künsten des Prosaschreibens, der Kalligraphie und der Poesie, denn das Verfassen von Gedichten war ein wichtiger Bestandteil der konfuzianischen Erziehung. Das Lesen wurde für ihn zu einer Leidenschaft. Die Dorfbewohner gingen in der Regel bei Sonnenuntergang zu Bett, um Öl für die Lampen zu sparen, doch Mao las im Schein einer Öllampe, die außerhalb seines Moskitonetzes auf einer Bank stand, bis tief in die Nächte hinein. Jahre später, als er der höchste Herrscher Chinas war, bedeckten ganze Bücherstapel, die chinesischen Klassiker, die Hälfte seines riesigen Bettes, und in seine Reden und Schriften streute er gern historische Bezüge ein. Seine Gedichte allerdings verloren an Reiz.
Mit seinen Lehrern geriet Mao häufig aneinander. Von der ersten Schule lief er weg, als er zehn war, und behauptete, sein Lehrer sei ein Leuteschinder. Er flog von mindestens drei Schulen, besser gesagt, er "wurde gebeten, sie zu verlassen", weil er eigensinnig und ungehorsam war. Seine Mutter war nachsichtig mit ihm, doch sein Vater war alles andere als erfreut. Der häufige Wechsel der Privatlehrer war nur eine Ursache für die Spannungen zwischen Vater und Sohn. Yi-chang bezahlte Maos Unterricht, weil er hoffte, sein Sohn könnte ihm zumindest einmal helfen, die Bücher zu führen und das Geld der Familie zu verwalten, aber Mao gefiel diese Aufgabe nicht. Sein ganzes Leben lang hatte er Probleme mit Zahlen, und in den Wirtschaftswissenschaften erwies er sich als hoffnungsloser Fall. Aber auch körperliche Arbeit war nicht nach seinem Geschmack. Als seine bäuerliche Phase hinter ihm lag, vermied er sie nach Kräften.
Yi-chang konnte den Müßiggang Maos nicht mit ansehen. Da er selbst jede Minute des Tages arbeitete, erwartete er von seinem Sohn das Gleiche und schlug ihn, wenn er sich nicht fügte. Mao hasste seinen Vater. Als er 1968 Rache an seinen politischen Widersachern nahm, sagte er den Kommandanten der Roten Garden, er hätte es gern gesehen, wenn auch sein Vater so brutal misshandelt worden wäre: "Mein Vater war schlecht. Wenn er noch am Leben wäre, sollte man mit ihm 'das Flugzeug machen'" - eine qualvolle Haltung, bei der die Arme des Opfers hinter seinem Rücken verrenkt wurden und der Kopf nach unten gedrückt wurde.
Doch Mao war nicht nur Opfer seines Vaters. Er wehrte sich und war bei ihren Auseinandersetzungen oft der Sieger. Er sagte seinem Vater, dass er als der Ältere mehr körperliche Arbeit verrichten müsse als er selbst, der Jüngere - nach chinesischen Maßstäben ein unglaublich unverschämtes Argument. Laut Mao hatten er und sein Vater eines Tages Streit vor Gästen. "Mein Vater schalt mich vor ihnen aus, nannte mich faul und nutzlos. Ich war wütend und aufgebracht. Ich beschimpfte ihn und verließ das Haus... Mein Vater... lief mir nach, er verfluchte mich und befahl mir gleichzeitig, zurückzukommen. Ich erreichte den Teich und drohte hineinzuspringen, wenn er näher käme... Mein Vater gab nach." Als Mao diese Geschichte wieder einmal zum Besten gab, lachte er und fügte eine Beobachtung hinzu: "Alte Männer wie er wollen ihre Söhne nicht verlieren. Das ist ihre Schwäche. Ich traf ihn an seinem wunden Punkt und gewann!"
Die einzige Waffe von Maos Vater war das Geld. Nachdem 1907 auch der vierte Lehrer den Jungen nicht mehr unterrichten wollte, stellte der Vater die Zahlung für die Ausbildung ein, und der 13-Jährige musste den ganzen Tag auf dem Hof arbeiten. Doch er fand schon bald einen Weg, sich vor der Arbeit zu drücken und sich wieder seinen Büchern zu widmen. Yi-chang war sehr darauf aus, dass sein Sohn heiratete, denn dann, so dachte er, wäre er gebunden und müsse sich verantwortungsvoll benehmen. Seine Nichte hatte genau das richtige Alter für eine Ehefrau, denn sie war vier Jahre älter als Mao. Der Sohn fügte sich diesem Wunsch des Vaters und setzte nach der Heirat seine Ausbildung fort.
Die Hochzeit wurde 1908 gefeiert, als Mao 14 Jahre und seine Braut 18 Jahre alt war. Ihr Familienname lautete Luo. Das Mädchen selbst hatte keinen eigenen Namen, sondern wurde nur "Frau Luo" genannt. Offenbar hat Mao sie nur ein einziges Mal in der Öffentlichkeit erwähnt, und zwar 1936 gegenüber dem amerikanischen Journalisten Edgar Snow. Mao spielte das Ganze sehr herunter, aber übertrieb den Altersunterschied: "Meine Eltern hatten mich als 14-Jährigen mit einem 20-jährigen Mädchen verheiratet, aber ich hatte nie mit ihr zusammengelebt... Ich hielt sie nicht für meine Frau und dachte wenig an sie." Dass sie nicht mehr lebte, erwähnte er mit keinem Wort. Frau Luo war bereits 1910 gestorben, nur gut ein Jahr nach der Hochzeit.
Seine frühe Heirat machte aus Mao einen erbitterten Gegner von arrangierten Ehen. Neun Jahre später schrieb er einen schneidenden Artikel zu diesem Thema: "In westlichen Familien akzeptieren Eltern den freien Willen ihrer Kinder. Aber in China entsprechen die Anordnungen der Eltern überhaupt nicht dem Willen der Kinder... Das ist eine Art 'indirekte Vergewaltigung'. Chinesische Eltern vergewaltigen die ganze Zeit indirekt ihre Kinder..."
Gleich nach dem Tod seiner Frau bestand der 16-jährige Witwer darauf, Shaoshan zu verlassen. Sein Vater wollte ihn als Lehrling bei einem Reishändler in der Bezirkshauptstadt unterbringen, aber Mao hatte sich eine moderne Schule in den Kopf gesetzt, die etwa 25 Kilometer entfernt lag. Er hatte erfahren, dass die kaiserlichen Prüfungen abgeschafft worden waren. Stattdessen gab es nun moderne Schulen, in denen Naturwissenschaften, Weltgeschichte, Geographie und Fremdsprachen unterrichtet wurden, und genau diese Schulen boten Bauernkindern wie Mao ganz neue Möglichkeiten.Ende des 19. Jahrhunderts vollzog sich in China ein dramatischer gesellschaftlicher Wandel. Die Mandschu-Dynastie, die seit 1644 herrschte, hatte den Aufbruch in die Moderne eingeläutet. Auslöser für den Wandel war eine Folge von schweren Niederlagen gegen die europäischen Mächte und Japan, die mit dem Sieg der Briten im Opiumkrieg von 1839-1842 ihren Anfang nahm, als die fremden Mächte erstmals an die verschlossenen Pforten Chinas klopften. Vom Hof der Mandschu bis hin zu den Intellektuellen war man sich weitgehend einig, dass sich das Land verändern musste, um überlebensfähig zu sein.
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