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Wo Houllebecq aufhört, fängt Matias Faldbakken erst an. Selten hat ein Buch über die Abgründe der Konsensgesellschaft sowohl in Skandinavien als auch in den deutschen Feuilletons derart für Aufsehen gesorgt. Ein gut gelaunter, herrlich unterhaltender Angriff auf die großen Lebenslügen von Selbstverwirklichung und individuellem Glück.…mehr

Produktbeschreibung
Wo Houllebecq aufhört, fängt Matias Faldbakken erst an. Selten hat ein Buch über die Abgründe der Konsensgesellschaft sowohl in Skandinavien als auch in den deutschen Feuilletons derart für Aufsehen gesorgt. Ein gut gelaunter, herrlich unterhaltender Angriff auf die großen Lebenslügen von Selbstverwirklichung und individuellem Glück.

  • Produktdetails
  • Heyne Bücher Nr.40052
  • Verlag: Heyne
  • Seitenzahl: 461
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 461 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 186mm x 135mm x 35mm
  • Gewicht: 376g
  • ISBN-13: 9783453400528
  • ISBN-10: 3453400526
  • Best.Nr.: 12893438
Autorenporträt
Matias Faldbakken, geboren 1973, lebt als Schriftsteller und bildender Künstler in Oslo. 2001 erschien sein umstrittener und viel diskutierter Debütroman The Cocka Hola Company, 2007 vertrat er Norwegen bei der Biennale in Venedig. Faldbakken gilt als einer der wichtigsten literarischen Stimmen einer neuen Generation. Seine Romane wurden in Deutschland auch für das Theater inszeniert.
Rezensionen
Besprechung von 27.01.2004
Lust auf Kritik
Matias Faldbakkens Porno-Roman „The Cocka Hola Company”
Endlich liegt nun das libertäre Gegenbuch zu Michel Houellebecqs konservativen Beziehungsfibeln vor. Houellebecq hat eine einfache ideologische Botschaft. Jene Tabuzertrümmerer, die den Orgasmus in den Sechzigern von seinen gesellschaftlichen Zwängen befreien wollten, haben Liebe und Leidenschaft erst dem Kommerz geöffnet und der Porno-Industrie das Feld bereitet. Wo der Franzose mit den traurigen Augen die linke Emanzipationsgeschichte vorläufig hat enden lassen, im Swinger-Club und auf der Porno-Kassette – fängt der norwegische Jungautor Matias Faldbakken zu denken und zu schreiben an. In seinem Erstling „The Cocka Hola Company”, der in Norwegen für Aufsehen sorgte und nun im aufstrebenden kleinen Münchener blumenbar-Verlag erscheint, setzt Faldbakken eine alteuropäische Copula neu in ihr Recht: Theorie und Kritik, jene angestaubten, oft aufgegebenen Kategorien, sind hier wieder ein lustvoll praktiziertes Vergnügen. Bei Houellebecq ist die alte 68er-Kritik zum Porno verkommen, bei Faldbakken subventionieren die Pornogelder die neue Gesellschaftskritik. Der Porno-Konzern „Desirevolution”, so lässt sich der rasante, überkomplexe Drehbuch-Stoff abkürzen, hat den Mehrwert zu erwirtschaften, den Simpel, Faldbakkens eigentlicher Held, für seine subversive Arbeit benötigt.
Simpel führt einen Kreuzzug gegen den auf Dauer-Begeisterung eingestellten Kulturbetrieb. „Und da unser Land vor lauter Kulturarbeitern bald überläuft, dachte ich, es ist höchste Zeit, etwas gegen die Faszinations-Generation zu unternehmen, . . . denn die verdirbt einfach alles. . . Wenn man nachdenkt, sieht man, dass man schon überhaupt nichts mehr wirklich faszinierend finden kann.” Seine Suche nach echter Empathie endet vorläufig auf dem Bauch der Textil-Designerin Monica B. Lexow. Lexow ist die Ehefrau des Schulpsychologen Dr. Berlitz, der seinerseits Simpels verhaltensgestörten und carpaccioabhängigen Sohn Lyonel mit sanfter skandinavischer Pädagogik malträtiert. Simpel betäubt die Designerin mit erotischen Komplimenten, Folklore und Rotwein und tätowiert dann den Schriftzug „FasciNATION” auf ihren Wohlstandsbauch.
Eine solche Aktion mag nicht Jederfraus Geschmack treffen, auch kann man fragen, ob wir nicht momentan von ganz anderem „Terror” bedroht sind als von den „gewebten Standpunkten” einer skandinavischen Textil-Designerin. Gehört der Kampf gegen die ästhetische Verschmutzung des Alltags nicht zu den Frontstellungen einer alten Zeit, an die wir lieber nicht mehr so genau erinnert werden wollen? Faldbackens Roman, 2001 in Norwegen erschienen, der mit einem scharfen Porno-Dreh – „Yeah, baaaby” – beginnt und mit einigen Takes aufwartet, ist von den realen politischen Kampfzonen meilenweit entfernt. Hier heißt der Hauswart noch „Saddam” und versorgt Simpel nach seinen Aktionen mit Kopfschmerztabletten und neuem Wohnraum. Aber aus dieser skandinavischen Unschuld schöpft das Buch seinen Reiz. Als hätte der kulturkritische Ekel nie an ihr genagt, zeigt sich hier noch einmal die Ironie in ihrer vollen literarischen Potenz.
So genau Hinrich Schmidt-Henkel unlängst in seiner Neuübersetzung von Cèlines „Reise ans Ende der Nacht” den Argot der Pariser Banlieu wiedergab, so genau trifft er hier den von Faldbakken karikierten Kulturschaffendenjargon, den Argot des ewig heiß laufenden Betriebs. Siebzig Jahre nach Céline ist der Feind immer noch der ewige Bürger, Saubermänner wie der Waschmittelproduzent Göran Persson, die bei Faldbakken als bigotte Biedermänner vorgeführt werden. Aber auch wenn der Bürgerhass wiederkehrt, lässt Faldbakken seinen Roman nicht wie Céline in einer großen nihilistischen Welt- und Selbstzerstörung enden. Simpel kommt in eine andere Hölle. In einer Talkshow bleiben ihm zwanzig Minuten, um sein situationistisches Konzept zu erklären. Hier, im Folterkeller der Faszinationsdiktatur, ist die Toleranz am repressivsten. Auch die Studio-Masse bildet sich auf ihren zivilen Ungehorsam viel ein. Dagegen kann der Avantgardist Simpel nur anstottern: „Zustimmung ist der Satan. . .” Simpel mag sich gegen die Vereinnahmung sperren, seinem norwegischen Schöpfer Faldbakken können wir für seinen teuflisch komischen Roman Lob nicht ersparen.
STEPHAN SCHLAK
MATIAS FALDBAKKEN: The Cocka Hola Company. Skandinavische Misanthropie. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. blumenbar Verlag, München 2003. 462 Seiten, 24 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 27.02.2004
Ich bin alleine, und ich weiß es
Oslo-Pop: Matias Faldbakken ist geschunden durch den Batikverein

Monica B. Lexow hat nichts Unrechtes getan. Vielleicht ist ihre Frisur ein bißchen unmöglich, vielleicht trägt sie zu gern Wallekleider, hat ein paar Tuche zuviel gebatikt in ihrem Leben, einige Prosecco zuviel mit diesem Prosecco-Lächeln geleert, sicher hat sie deutlich zu oft "Spannungsverhältnis" gesagt oder "Gefühlstiefe", "interessant", "bereichernd", "Ausdruckskraft", "poetisch" oder "konträr". Definitiv hat Monica B. Lexow jedenfalls viel zuviel Zeit respektive Herzblut in viel zu gräßliche Knüpfkunst investiert, die sie viel zu instinktlos in ihrem Atelier für Textildesign über Wände und Einrichtung verteilt hat. Man mag das für verzeihlich halten. Man mag Monica B. Lexow eine Existenzberechtigung zubilligen, so wie man auch Götz Alsmann nicht direkt erwürgen würde, bloß weil er Götz Alsmann ist, so wie man auch ein lauschiges, regenbogenwindradbewehrtes Hamburg-Winterhude lieber einfach mal Hamburg-Winterhude sein läßt, statt nur seinetwegen zum Bombenbastler zu werden. Die Menschen haben ja nichts Schlimmes getan.

In diesem Buch ist das anders. Hier kommt eine fürchterliche, fluchende Nemesis über Monica B. Lexow - ein Mensch, der Simpel heißt und voller eruptiver Wut ist auf: Kindergartenkinder, Kunstprojekte, Straßenbahnpassagiere, Hilfsarbeiter, Medienmenschen, Piercingträger, Rentner, Designer, Mikrobiologen, Zeitgeschichtler ... noch wen vergessen? Egal. Simpel ist böse. Simpel hat ein paar Flaschen Rotwein im Gepäck, ein paar zünftige Schlaftabletten und alles, was man so braucht, um jemand Schlafenden zu tätowieren. Somit gut gerüstet, tritt er in geliehenen Kleidern, die ihn nach einem (verhaßten) Galeristen aussehen lassen, in Monica B. Lexows Atelier, spricht zu ihr unter Überwindung übelster innerer Widerstände von "starken Arbeiten" und "Atmosphäre auf mich wirken lassen", nimmt also die kulturpraktizierende Psychologengattin im Sturm und sorgt für den sehr witzigen und sehr boshaften Höhepunkt eines witzigen und von Boshaftigkeit zerfressenen Romans.

In diesem Roman steht Simpel einer Vereinigung namens "Desirevolution" vor, die sich mit dem Drehen von Pornofilmen finanziert und ansonsten das Überschreiten von Grenzen als ihren Auftrag sieht: Mitglied Ritmeester betreibt ein Isolationsprojekt, das ihn seit Jahren in seiner eigenen Wohnung gefangenhält, Mitglied Speedo ist vertraglich verpflichtet, sich auf Vereinskosten zu Tode zu saufen. Und Simpels eigene Projekte sind am besten unter dem Begriff "aktive Misanthropie" faß- sowie sämtlich strafbar. Ansonsten enthält das Buch: einen Pornodreh mit homoerotischem Überraschungsmoment, eine im falschesten Moment eingelegte Videokassette, ein verhaltensgestörtes Kind, einen vermeintlichen Selbstmord aus Verzweiflung über dieses Kind, einige ältere Herren, die sich viel mit sich selbst befassen (bei laufendem Fernseher), eine gemeinsame Orgie derselben, Rachefeldzüge hin und her, eine Strafvergewaltigung, eine Gefängnisstrafe, eine Talkshow voller dummer Menschen - Beleidigungen und Dauerschimpfen sowieso.

Autor Matias Faldbakken hat mit "The Cocka Hola Company" einen der Bucherfolge des Jahres 2001 in Norwegen gelandet. Er wolle nicht provozieren, sagt er, sondern das Provozieren thematisieren: Einer wie Simpel sei verzweifelt über die Begrenztheit künstlerischen Wollens, er wolle Extreme ausloten und müsse doch scheitern, weil letztlich jede Überschreitung absorbiert, internalisiert und gutgeheißen wird. Die Handlung habe er im Pornomilieu angesiedelt, weil der Porno sich in einem der wenigen unscharfen Bereiche bewege, gesellschaftlich zwar verschämt toleriert, aber doch immer noch in geheimen Schränken gelagert. Anders gesagt: Besser kann man Aufsehen kaum planen.

Das Buch ist anrüchig genug, um Skandalkrawall zu schlagen, ist aber auch Mainstream genug, um ein breites Publikum mitzureißen. Abgerundet wurde die Veröffentlichung durch ein punkiges Pseudonym und die nachfolgende Enthüllung, daß sich eben Matias Faldbakken dahinter verberge, seines Zeichens Sohn von Knut Faldbakken, der in Norwegen für einen wichtigen Autor gehalten wird und dessen Bücher (so nehmen wir an) von Monica B. Lexow sicher "regelrecht verschlungen" worden sind und ihr "unheimlich was gegeben" haben.

Jung und wild kommt dieser Norwegenseller daher, flott, heteromorph und streckenweise sehr lustig, läßt er sich immerhin besser weglesen als das meiste, was bedeutungsvoll als deutsche Gegenwartsliteratur dahertrabt und -wiehert. Wirklich anfreunden mag man sich dennoch nicht mit dem Werk: Zu sehr speist es sich, als "skandinavische Misanthropie" unterbetitelt, aus Verachtung: Man möchte nicht 460 Seiten lang nur von Antipathen umgeben sein, über die sich lustig zu machen leicht ist - was weidlich getan wird. Beim Lesen schleicht sich dasselbe schale Gefühl ein, das wir mit dem dummdeutschen Begriff der "Popliteratur" in Verbindung bringen: Der Ekel des Erzählers, schließt man als Leser irgendwann, schließt mich ein. Man mag eine solche Haltung provokant oder interessant finden. Man kann es aber auch als handwerklichen Fehler sehen. Ein gutes Buch, egal, von wem es handelt, muß den Leser zum Mitfühlen verführen. Hier aber regt sich fast ausschließlich: süffisante, eitle Erheiterung.

KLAUS UNGERER

Matias Faldbakken: "The Cocka Hola Company". Skandinavisk misantropi. Roman. Aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Blumenbar Verlag, München 2003. 462 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Die große norwegische Menschenverachtungsbibel

Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Das ist schon sehr komisch. Wie überhaupt dieser Roman bei aller Misanthropie und Schlechtgelauntheit vor burlesker Komik fast aus den Nähten platzt."

Die Tageszeitung
»Die große norwegische Menschenverachtungsbibel.«

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Frank Schäfer scheint sich bei der Lektüre dieses norwegischen Bestsellers von Matias Faldbakken gut amüsiert zu haben. Die Geschichte um eine Firma, die Pornofilme produziert, und um deren Kopf namens Simpel biete dem Autor einen hervorragenden Hintergrund für die Präsentation der "anarchistischen, misanthropischen, ja Punk-Philosophie" seines Underground-Romans. Dabei gelinge es Faldbakken, das Verhältnis von gewünschter Unabhängigkeit und notwendiger Abhängigkeit vom verhassten Publikum unter die Lupe zu nehmen. Zudem sei das Ganze trotz aller zur Schau gestellten schlechten Laune mit teils trashiger Ironie garniert, was einiges zum positiven Urteil des Rezensenten beizutragen scheint.

© Perlentaucher Medien GmbH