Schöne Literatur - Mosebach, Martin

Martin Mosebach 

Schöne Literatur

Essays

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Schöne Literatur

Martin Mosebach über Literatur und Kunst, Politik und Religion.

Martin Mosebach zählt seit Langem zu den bedeutendsten Essayisten der deutschsprachigen Literatur. Virtuos und mit beeindruckender Kennerschaft verfolgt er Literatur und Kunst, aber auch Politik und Religion – in Aufsätzen, die immer überraschend und unzeitgemäß sind. Eine große Verteidigung des Romans, der Kunst und des Denkens gegen alle Moden des Zeitgeistes.


Produktinformation

  • Verlag: Dtv
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 224 S.
  • Seitenzahl: 240
  • dtv Taschenbücher Bd.13837
  • Deutsch
  • Abmessung: 193mm x 120mm x 15mm
  • Gewicht: 210g
  • ISBN-13: 9783423138376
  • ISBN-10: 3423138378
  • Best.Nr.: 26366498
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 28.06.2007

Bürger auf Abwegen
Der Büchnerpreisträger Martin Mosebach in seinen Essays

Derzeit dürfte Martin Mosebach an seinem Schreibtisch sitzen, grübelnd, was ihm Georg Büchner zu sagen hat. Nicht ganz freiwillig: Es gehört zu den Pflichten des Büchnerpreisträgers, sich auf den Namenspatron einzulassen. Mosebach und den revolutionären Feuerkopf der Menschenrechte scheint indes nicht viel zu verbinden. Das Problem ist nicht neu. Mit Golo Mann etwa erhielt ein anderer Konservativer den Büchner-Preis, ausgerechnet im studentenunruhigen Jahr 1968. Seine Rede über "Georg Büchner und die Revolution" wurde von Tumulten begleitet.

Golo Mann war es, der den Schriftsteller Martin Mosebach entdeckte und ihm 1980 den Förderpreis der Ponto-Stiftung zuerkannte - nicht ohne dem jungen Mann ins Gewissen zu reden, er hoffe doch, dieser werde seinen erlernten Beruf, die Juristerei, nicht für das unsichere Los der freien Schriftstellerei aufgeben. Manchmal ist es erfreulich, wenn ein wohlgemeinter Rat ausgeschlagen wird.

Mosebach wird die Herausforderung Büchner meistern. Vielleicht mit einer überraschenden Wendung, etwa indem er uns Büchner als …

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Eine große Bewunderung spricht aus Martin Zinggs Besprechung dieses Essaybandes. Gewissermaßen leitmotivisch wird auf die "unaufdringliche" Noblesse von Martin Mosebachs Stil verwiesen, der umfassendes Wissen und weit reichende intellektuelle Neugier spielerisch zu verbergen versteht. Ein weiteres Kunststück Mosebachs sei der Überraschungseffekt, einerseits durch seinen erstaunlich "aktuellen" Blick auf die vermeintlich jenseitigen Klassiker, andererseits durch kühne Vergleiche beispielsweise zwischen Rüpeleien in Kleists "Penthesilea" und Shakespeares "Sommernachtstraum". Und wenn dann noch die unzeitgemäße Frage als Titel auftaucht: "Was ist katholische Literatur", dann sei man als Leser vollends irritiert und zugleich beglückt. Denn Martin Mosebach, so der Rezensent, gehe es auch hier um Dinge, die man nie erraten hätte, und die er mitnichten einfach so beantworte.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Martin Mosebach ... ist sicher einer der besten lebenden deutschsprachigen Autoren." Michael Klonovsky, Focus, 13.03.06 "Das Überraschende ist, wie aktuell diese Klassiker sich unter Mosebachs Zugriff präsentieren, wie frisch und so gar nicht erledigt." Martin Zingg, Neue Züricher Zeitung, 05.09.06 "Dem intellektuellen Charme dieser Aufsätze ist schwer zu widerstehen." Martin Zingg, Neue Züricher Zeitung, 05.09.06
Martin Mosebach, geboren 1951 in Frankfurt am Main, lebt dort als Schriftsteller nach dem Studium der Rechtswissenschaften. Zahlreiche Buchveröffentlichungen. Auszeichnungen: 1980 Förderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung, 1999 Heimito-von-Doderer-Preis und 2002 Heinrich-von-Kleist-Peis, 2006 Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 2007 Georg-Büchner-Preis.

Leseprobe zu "Schöne Literatur" von Martin Mosebach

LESEPROBE ZU:

Martin Mosebach, Schöne Literatur

Essays

Schriftstellers Deutsch

Antwort auf eine Umfrage

Leicht ist es nicht, als deutscher Schriftsteller über die deutsche Sprache Auskunft zu geben. Die Sprache, mit der man aufwächst, ist das schlechthin Selbstverständliche und beinahe schon Unwahrnehmbare. Keinen Gedanken hat man seit den frühesten Tagen, an die man sich erinnern kann, fassen, kein Gefühl hat man kennen können, ohne sie in das Gewand der Muttersprache zu kleiden, und die Laute dieser Sprache haben in ihrer Eigentümlichkeit den Gegenständen und Empfindungen ihre spezifische Farbe gegeben, die sie in einem ganzen Leben, auch wenn es polyglott verlaufen sollte, nie wieder verlieren werden. Die Sprache macht es möglich, sich im Chaos der Realität zurechtzufinden; mit dem Mittel der Abstraktion ordnet sie die Vielfalt der Phänomene und zwingt sie in das System der Grammatik. Mit dem je besonderen Charakter ihrer Ordnung benennt sie die Realität jedoch nicht nur einfach, sondern färbt sie zugleich. Die Gegenstände verwandeln sich durch ihre Benennung. Jede Sprache hebt einen anderen realen Aspekt der Dinge hervor. Einem Deutschen wird immer bewußt sein, daß die Sonne eine Frau ist und sich auf Wonne reimt. Ein Klang wie dunkles Glockenläuten tönt aus der Sonne. Ein ruhiges, üppiges, geradezu fließendes Strahlen ist der Sonne eigen. Ihre Farbe ist altgolden, prunkvoll wie eine Krönungskutsche rollt sie über das Firmament. Die Sonne ist eine Mutter, ihre Wärme gleicht einem Federbett, das sie über die frierenden Menschenkinder deckt. Die Sonne kann niemals das Gefährliche und Sengende haben, das der kriegerische und männliche Sol ausstrahlt, der Sonnengott, der im Mythos oft genug Pfeile auf die Menschen abschießt. Indem die Sprache den Himmelslichtern Geschlechter zuweist, erschafft sie ein bestimmtes Bild von Mann und Frau, von dem sich niemand, der diese Sprache spricht, ausnehmen kann.

So ist der Schriftsteller, der die Sprache als Material benutzen will, aus dem er seine Werke knetet und meißelt und malt, schon bevor er mit der Arbeit beginnt, von der Sprache seinerseits zurechtgeknetet und geschaffen worden. Er ist Geschöpf dessen, woraus er die eigenen Geschöpfe bilden will, also in vollständig anderer Lage als alle anderen Künstler: er ist nicht der Herr seines Materials, sondern er kommentiert, er interpretiert die vorgegebene Sprache, er versucht ihre Grenzen zu weiten, sich durch ihre Hindernisse hindurchzuwinden, sie in ein überraschendes Licht zu setzen, sie zu verdunkeln, sie zu verknappen, ihre Wirkung zu steigern, ihren Klang zu inszenieren - und er wird ihr bei allem Erfindungsreichtum seiner Anstrengungen dennoch niemals als Sieger gegenüberstehen. Zwischen dem größten Sprachkunstwerk und einem Artikel in der vulgärsten Boulevardzeitung ist oft, was die Struktur der Sprache betrifft, kaum ein wahrnehmbarer Unterschied. Kein Dichter konnte das Wort "Sonne" erfinden. In jedem Gedicht, dem lächerlichsten Reim oder dem entrücktesten Zauberspruch, in dessen Zeilen das Wort "Sonne" steht, wird diese Sonne aus eigenem Recht und aus eigener Kraft hervorleuchten und dem Gedicht Licht und Wärme spenden, als sei dies Wort die Sonne selbst, die ohne Unterschied über den Guten und über den Bösen scheint.

Ist die deutsche Sprache eine schöne Sprache? Schöne Sprachen haben, nach deutsch-musikalischen Maßstäben, viele Vokale, vor allem As und Os, stark rollende Silben, volltönende Klänge. In der deutschen Hochsprache sind viele einst starke, betonte Silben zu schwachen, beinahe tonlosen verflacht. Endsilben werden geradezu verschluckt, die Sätze scheinen zu versickern. Wer nicht künstlich hochartikuliert spricht, neigt im Deutschen oft dazu, Klangloses zu nuscheln. "Wie klingt Deutsch in Ihren Ohren?" fragte ich einmal eine intelligente alte Bäuerin am Golf von Neapel. "Brutto - häßlich!" antwortete sie und wollte sich ausschütten vor Lachen. Und tatsächlich kamen mir die ersten deutschen Worte, die ich nach langem Aufenthalt im Haus dieser Frau hörte, erloschen und erstickt in ihrer Sprachmelodie vor, oder besser, in ihrem Mangel an jeglicher Melodie. Die deutsche Sprache ist von Gelehrten, von Theologen und Juristen vor allem, geschaffen worden. Sie ist keine Sprech-, sondern eine Lesesprache. Ihre ästhetischen Reize sind verborgen, weniger kindlich offensichtlich als bei den O- und A-Sprachen. Ihre Klangreize müssen aus der unmelodiösen, tonlosen Sprechweise der gebildeten Deutschen gleichsam ausgegraben werden. "Einsam", "Allein" - das sind wahrhaft keine klang- und melodielosen Wörter, und von solchen Wörtern gibt es Tausende. Sie fallen wie Tropfen in ein tiefes Gewölbe, schlagen im Dunkel sehr tief mit einem silbernen Ton auf und erzeugen im Innern des Hörers einen sich immer weiter verbreitenden Hall. Die deutsche Sprache ist vollgeladen worden mit Begriffen, die aus dem Lateinischen und Griechischen übersetzt worden sind, diese Begriffe sind brauchbar und völlig unentbehrlich, aber die älteren Wörter sind die schöneren, und in ihnen liegt auch noch etwas von der Musik einer Zeit, in der das Sprechen mit dem Singen enger verwandt war.

Das ältere, farbigere Deutsch lebt noch in den Dialekten. Seit dem neunzehnten Jahrhundert hat es viele und zum Teil sehr bedeutende Dialekt-Dichter gegeben, die eine überwältigend komische und poetische Literatur hervorgebracht haben, dafür aber einen großen Verzicht leisten mußten: außerhalb ihrer Dialektregion verstanden und gelesen zu werden. Der Dialekt, vor allem der Dialekt meiner Geburtsstadt Frankfurt am Main, ist für mich der eigentliche Körper der Sprache, ihr Blut, ihre Muskulatur, über die sich die glatte Haut der Hochsprache spannt. Wie in der Malerei der Vergangenheit, als man die Modelle zunächst nackt zeichnete und dann erst mit Farbe anzog, lohnt sich auch bei der Sprache zu entdecken, welch lieblicher Leib in ihr verborgen ist.

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