Leseprobe zu "Schattenschwester" von Simone van der Vlugt
1
Plötzlich hat er ein Messer. Er hat es so blitzschnell gezückt, so unerwartet, dass ich vor Schreck wie gelähmt bin. Ich will etwas sagen, aber die Worte bleiben mir im Hals stecken. Ich kann nur die scharfe Klinge anstarren. Sie glänzt im Sonnenlicht, das durch die Klassenzimmerfenster fällt.
Ganz vorsichtig mache ich einen Schritt rückwärts, auf die offene Tür zu. Gleichzeitig kommt Bilal einen Schritt auf mich zu, sodass das Messer nach wie vor drohend auf mich gerichtet ist.
Ich habe in einem Kurs gelernt, wie man mit solchen Situationen am besten umgeht. Ich sehe die Kursunterlagen vor mir, sogar die Seite mit den Tipps. Nur fällt mir kein einziger davon ein. Wahrscheinlich befolge ich die meisten Ratschläge intuitiv: Ich suche keinen Blickkontakt zu Bilal und bewege mich langsam, aber sicher zum einzigen Fluchtweg, zur Tür. Aber werde ich es schaffen?
Ein kurzer Blick genügt, um zu wissen, dass ich ernsthaft in Gefahr bin. Bilal fixiert mich unnatürlich starr, wie ein Raubtier seine Beute. Er registriert jede meiner Bewegungen, angefangen vom Herzschlag, den ich bis zum Hals spüre, bis hin zu meinen unbeholfenen Schritten zur Tür. Ich versuche zu vermeiden, dass mein Gesicht irgendetwas ausdrückt, weiß aber nicht, ob mir das gelingt. Vermutlich wirke ich eher bestürzt als ängstlich.
Bestürzt, weil ich das nicht habe kommen sehen. Ich hätte darauf gefasst sein müssen, gerade bei diesem Jungen. Bilal Assrouti ist einer meiner Oberstufenschüler, zu dem ich nie richtig Zugang gefunden habe. Er war schon letztes Jahr in meiner Klasse, und wir hatten immer wieder heftige Konflikte. Bilal ist ein Machotyp, der zu Hause viel zu melden hat und glaubt, das gelte auch in der Schule.
Seit sieben Jahren unterrichte ich nun Niederländisch, und noch nie hatte ich das Gefühl, Problemen mit Schülern nicht gewachsen zu sein. Bilal aber gelingt es täglich aufs Neue, mir zu vermitteln, dass ich als Lehrerin versage. Dass ich bei dem scheitere, was ich so gern erreichen möchte. Seit Beginn des letzten Schuljahrs, als Bilal neu in die Klasse kam, habe ich versucht, diesen Panzer aus Abwehr und Verachtung zu durchdringen - vergeblich. Die Krönung ist nun dieses Szenario, an einem sonnigen Vormittag Ende April.
Es wundert mich selbst, dass ich so ruhig bleibe. In all den Jahren, die ich nun an der Gesamtschule unterrichte, habe ich einiges erlebt, aber so etwas noch nie. Ich hätte auch nie damit gerechnet, nicht einmal bei Bilal. Trotz unserer Probleme oder, besser gesagt, trotz seiner Probleme mit mir als weiblicher Lehrkraft, hätte ich nie gedacht, dass er ein Messer ziehen könnte. Aber das Messer ist da, und er kommt jetzt langsam auf mich zu.
Die anderen Schüler sind mucksmäuschenstill. Ich starre das Messer an, und die Welt verengt sich zu einem Tunnel, in dem ich nur noch die lange Klinge und Bilals funkelnde Augen sehe.
Ich merke, wie mein Blick vor Angst glasig wird, und die Spannung scheint sich minutenlang hinzuziehen. Wahrscheinlich sind es nur ein paar Sekunden, aber das reicht, um zu bemerken, dass ich mich ernstlich in Gefahr befinde. Der Neunzehnjährige, der mir gegenübersteht, mag zwar ein Schüler sein, aber er überragt mich um Haupteslänge, hat kräftige Arme, und an seinem Hals zuckt ein Muskel. Ein angehender Mann, in dessen Blick eine tödliche Drohung liegt.
Verzweifelt versuche ich, den dichten Nebel in meinem Kopf zu durchdringen. Reden muss ich. Ihn ruhig und gelassen in ein Gespräch verwickeln. Ihm klarmachen, dass das keine Lösung ist, aber dass ich seine Gefühle durchaus ernst nehme.
Nach einem trockenen Räuspern finde ich endlich meine Stimme wieder. "Leg das Messer weg, Bilal", sage ich so ruhig wie möglich. "Das willst du doch gar nicht, und du erreichst auch nichts damit. Warum bist du so wütend?"
"Warum ich wütend bin?", brüllt er mich an. "Das fragst du noch, du Miststück? Hast du nicht eben mit deiner gelackten Fresse gesagt, dass ich von der Schule muss?"
"Das habe ich nicht gesagt ...", fange ich an, aber mein Widerspruch bringt ihn nur noch mehr auf. Sein Gesicht verzerrt sich, und ich renne zur Tür, flüchte in den Flur. In der Klasse entsteht ein Riesentumult, aber das ist mir egal.
Ich laufe zum Büro von Jan van Osnabrugge, dem Rektor, und reiße die Tür auf. Ein kurzer Blick über die Schulter: Nein, Bilal ist mir nicht gefolgt.
Jan hat den Telefonhörer in der Hand, aber als er mich so aufgelöst sieht, legt er sofort auf. "Marjolein! Was ist los?"
Ich mache die Tür hinter mir zu und lehne mich dagegen. Im ersten Moment bringe ich kein Wort hervor.
"Bilal", sage ich schließlich. "Er hat mich mit einem Messer bedroht."
Mit den Fingern zeige ich, wie groß das Messer war, und Jans Augen weiten sich entsprechend.
"Du bist ja kreidebleich! Warte, ich hol dir ein Glas Wasser." Er will aufstehen, aber ich schüttle den Kopf, weil ich hier nicht allein sein will, während er Wasser holt.
"Setz dich", sagt Jan und deutet auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. "Und jetzt erzähl: Was ist genau passiert?"
Zitternd setze ich mich und will von meiner Auseinandersetzung mit Bilal berichten, aber zu meiner Verwunderung kann ich mich an kein Wort mehr erinnern. Ich kann nicht sagen, wie es zu dem Streit gekommen und wie er verlaufen ist, nur das Messer sehe ich noch vor mir. Ich schlage die Hände vors Gesicht und heule los.
Jan ist im Nu aufgestanden, beugt sich zu mir und legt den Arm um meine Schultern.
"Wein dich ruhig aus. Das tut gut. Wir werden das nicht auf sich beruhen lassen. Wo ist Bilal jetzt?"
Ich zucke hilflos mit den Schultern.
"Ich schicke jemanden in deine Klasse, der sich um die Schüler kümmert." Jan geht mit großen Schritten aus dem Büro, und ich will ihm nachrufen, dass er bleiben soll, aber aus meiner Kehle kommt kein Laut.
Wie benommen sitze ich da. Blöd, dass ich einfach losgeheult habe. Als ob Bilal wirklich zugestochen hätte. Aber woher will ich wissen, dass er das nicht vorhatte? Schließlich ist er mir bedrohlich nahe gekommen. Nur gut, dass die Tür des Klassenzimmers offen stand und ich ganz in der Nähe war - weiß der Himmel, was sonst passiert wäre.
Ich schaue aus dem Fenster auf den Schulhof. Das Rotterdams College hat einen Hauptschul-, einen Realschul- und einen Gymnasialzweig, wird aber vor allem von
Hauptschülern besucht. Meist sind es nette, vernünftige Jugendliche, die man zwar an die Kandare nehmen muss, mit denen es sich aber gut arbeiten lässt. Wie an jeder anderen Schule auch. Und wie an jeder Schule gibt es auch hier Problemschüler mit irgendwelchen Störungen wie ADHS, Autismus, Asperger oder Legasthenie. Früher wären sie auf Sonderschulen gegangen, heutzutage landen sie alle im Sammelbecken Gesamtschule.
Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich seit jeher viel Zeit und Energie in meine Schüler investiere, dass ich mich sogar außerhalb der Arbeitszeit mit ihnen beschäftige, Hausbesuche mache oder hin und wieder zu McDonald's gehe, wo sie meist zu finden sind, damit wir ein wenig plaudern können. In der Regel schätzen die Schüler mein Engagement und Interesse. Viele haben mir das irgendwann gesagt, andere zeigen es, indem sie mir ihre großen und kleinen Geheimnisse anvertrauen und erzählen, wie es zu Hause so läuft. Und das ist wahrhaftig keine Selbstverständlichkeit, denn das Schamgefühl bei Kindern und Jugendlichen ist oft stärker als das Bedürfnis, über die eigenen Probleme zu sprechen.
Anfangs wollten mich manche gar nicht in die Wohnung lassen, wenn ich unangemeldet vor der Tür stand, aber inzwischen habe ich doch bei den meisten meiner Schüler zu Hause auf dem Sofa gesessen, und darauf bin ich - zugegebenermaßen - ganz schön stolz.
Aber Bilal Assrouti hat von Anfang an Ärger gemacht.
Als die Schulglocke durch die Flure schrillt, zucke ich zusammen.
Im Nu herrscht ein Höllenlärm, und kurz darauf füllt sich der Hof mit Schülern. Überall dunkle Köpfe, Baseballmützen und Kopftücher. Ob Bilal dabei ist? Oder hat er sich davongemacht? Womöglich lauert er mir auf, wenn ich nach dem Unterricht aus dem Schulhaus komme. Nervös rutsche ich auf dem Stuhl hin und her und nehme mir vor, die Schule nicht zu verlassen, bevor Bilal nicht von der Polizei abgeführt worden ist.
2
Die Tür geht auf, und ich werfe einen kurzen Blick über die Schulter. Jan kommt herein und schließt die Tür hinter sich.
"Bilals Freunde sagen, dass er die Schule verlassen hat. Ich werde mich nachher mit seinen Eltern in Verbindung setzen und sie über den Vorfall informieren." Er nimmt an seinem Schreibtisch Platz und sieht mich an: "Marjolein, ich versichere dir, dass ich die Sache sehr ernst nehme und keinesfalls auf sich beruhen lassen werde."
Mir entschlüpft ein Seufzer, und ich lächle schwach. "Danke, Jan. Vielleicht kann mich der Hausmeister nachher zur Polizei begleiten. Ich traue mich nicht allein auf die Straße, solange Bilal da noch irgendwo mit seinem Messer rumläuft."
Stille. Jan hüstelt und betrachtet den Stifteständer auf seinem Tisch. Nach einer Weile blickt er auf und sagt: "Ich weiß nicht, ob eine Anzeige sinnvoll ist. Ich kann dich natürlich nicht davon abhalten, aber wenn du mich fragst, bringt das gar nichts. Höchstwahrscheinlich wird man die Sache aus Mangel an Beweisen nicht weiterverfolgen."
"Mangel an Beweisen? Bei vierundzwanzig Zeugen?"
"Vierundzwanzig Schüler, von denen die meisten mit Bilal befreundet sind", klärt Jan mich auf. "Alles Jugendliche, die für ihn Partei ergreifen oder den Vorfall herunterspielen werden. Aus Angst vor Rache, aus Loyalität, warum auch immer. Du solltest dich lieber nicht zu sehr auf seine Klassenkameraden verlassen. Außerdem möchte ich sie da lieber raushalten, verstehst du?"
Ich starre Jan an, als sähe ich ihn zum ersten Mal. "Nein, Jan, das verstehe ich ganz und gar nicht. Ich bin mit einem Messer bedroht worden, und du willst so tun, als wäre nichts passiert? Darauf läuft es doch hinaus, oder? Dir wäre es lieber, ich ginge nicht zur Polizei. Warum?"
Noch während ich das frage, ist mir die Antwort bereits klar. Eine Anzeige würde bedeuten, dass Bilal festgenommen wird, und das wiederum würde dem Ruf des Rotterdams College schaden, dessen Schülerzahlen trotz der Zusammenlegung mit zwei anderen Schulen schon seit Jahren rückläufig sind. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass wir auf diese Weise in die Schlagzeilen geraten.
Die Empörung steht mir offenbar ins Gesicht geschrieben, denn Jan hebt beschwörend die Hände: "Es geht mir nicht um die Schule, Marjolein. Aber ich glaube aufrichtig, dass es die Situation nur verschlimmern würde. Bilal ist jetzt in der zwölften Klasse, wir können ihn nicht einfach von der Schule werfen. Er hat ein Recht darauf, sein Abitur zu machen, also müssen wir ihm Gelegenheit dazu geben. Das heißt, wir müssen noch ein Schuljahr miteinander auskommen. Eine Anzeige würde nur bedeuten, Öl ins Feuer zu gießen", sagt Jan eindringlich.
Ich zögere. Schon bei der Vorstellung, Bilals grinsende Visage demnächst wieder in meiner Klasse zu sehen, bekomme ich Beklemmungen.
"Kann sein, aber ich will den Typ hier an der Schule nicht mehr sehen. Ich will ihn nicht mehr in meiner Klasse haben, ihm nicht mehr auf dem Flur oder auf dem Schulhof begegnen."
Jan faltet die Hände und macht eine ernste Miene.
"Ich verstehe sehr gut, dass du erschrocken bist, Marjolein. Und ich versichere dir, dass Bilal nicht so glimpflich davonkommen wird."
"Und was hast du vor?", frage ich.
"Ich will ihn genauso wenig wie du weiter hier haben", antwortet Jan. "Er wird für eine Weile suspendiert, danach kann er seine restliche Schulzeit in einer Dependance absolvieren. Auf diese Weise hat er die Möglichkeit, sein Abitur zu machen, und du brauchst ihm nicht mehr zu begegnen. Du erholst dich jetzt erst mal von der Aufregung, und ich informiere seine Eltern und spreche noch heute Nachmittag mit ihnen - einverstanden?"
Ich fahre mir über die Stirn, um die beginnenden Kopfschmerzen wegzumassieren.
"Ich weiß nicht. Ich will, dass er verhaftet wird. Er soll begreifen, was passiert, wenn er jemanden mit dem Messer bedroht! Verdammt noch mal, Jan, er hätte mich glatt erstechen können!"
"Das hat er aber nicht", sagt Jan begütigend, ganz so, als würde er mit einem zornigen Kleinkind sprechen. "Weißt du was? Du nimmst dir den Rest des Tages frei. Nimm so lange frei wie nötig. Erhol dich von dem Schreck, verarbeite alles in Ruhe, und sag mir Bescheid, wenn du wieder einsatzbereit bist. Im Moment bist du sowieso viel zu mitgenommen, um noch unterrichten zu können."
Ich schiebe meinen Stuhl zurück und stehe auf. "Gut, dann nehme ich mir heute Nachmittag frei. Aber was die Anzeige betrifft, will ich mich nicht festlegen. Meiner Meinung nach sollte Bilal nicht so einfach davonkommen."
Jan nickt mir beruhigend zu. "Da bin ich vollkommen deiner Meinung, aber es ist für alle Beteiligten das Beste, wenn wir die Sache intern regeln. Eine negative Zeitungsmeldung kostet uns im nächsten Schuljahr rund zwanzig Anmeldungen, und etwa genauso viele Schüler werden sich abmelden. Das macht eine ganze Klasse aus, vielleicht sogar zwei. Und das würde bedeuten, dass wir zwei Planstellen streichen müssen, also zwei Kollegen arbeitslos werden und womöglich in finanzielle Schwierigkeiten geraten."
Ich schweige, weil ich einfach nicht weiß, was ich tun soll. Das heißt, eigentlich weiß ich es ganz genau: Am liebsten würde ich sofort zur Polizei gehen, aber die möglichen Folgen für die Schule und meine Kollegen lassen mich zögern.
3
Nach unserem Gespräch stehe ich auf dem Flur, mitten im Gewühl der Schüler, und bin auf einmal todmüde. Langsam gehe ich auf Raum 209 zu, das Klassenzimmer, aus dem ich vor einer halben Stunde geflüchtet bin. Es ist abgeschlossen, aber ich habe den Schlüssel. Ich mache die Tür auf und gehe hinein. Mein Blick wandert unwillkürlich zu der Stelle, an der ich stand, als Bilal mich bedrohte. Vor meinem inneren Auge sehe ich ihn zustechen, mich mit dem Messer im Hals zu Boden fallen oder mit zerschnittenem Gesicht. Ich sehe Blut fließen, und mich überläuft unwillkürlich ein Schauder.
Schnell gehe ich zum Lehrertisch, packe meine Unterlagen zusammen und verstaue sie in der Tasche, die noch auf dem Podest steht. Dann verlasse ich hastig das Klassenzimmer und gehe den Flur entlang. Eigentlich will ich nach Hause, aber das Bedürfnis, noch rasch mit Jasmijn zu sprechen, überwiegt. Die Pause ist zwar fast um, aber ich muss ihr trotzdem schnell erzählen, was passiert ist.
Jasmijn ist meine Kollegin und Freundin. Vor sieben Jahren kamen wir beide frisch von der Uni an diese Schule und haben sämtliche Disziplinprobleme mit Schülern gemeinsam gemeistert. Anfangs wohnte Jasmijn außerhalb von Rotterdam, aber als sie dann eine feste Stelle am Rotterdams College bekam, kauften sie und ihr Mann Lex ein Haus in Hillegersberg, in der gleichen Straße, in der auch
Raoul und ich wohnen. Mit Jasmijn verstand ich mich auf Anhieb, und dass wir uns als Nachbarinnen spontan auf eine Tasse Kaffee besuchen oder gegenseitig auf unsere Kinder aufpassen, hat bewirkt, dass wir uns noch schneller angefreundet haben als unter normalen Umständen. Nicht dass ich ständig bei ihr auf der Matte stehe. Wir haben beide Familie, eine mehr als ausgefüllte Arbeitswoche und wenig Freizeit, sodass wir uns eigentlich vor allem in der Schule sehen.
"Meine Güte, wie siehst du denn aus! Was ist passiert?" Jasmijn sitzt im Lehrerzimmer vor ihrem Kaffeebecher. Der eine Blick genügt, um sie in Alarmbereitschaft zu versetzen. Es klingelt, die Pause ist vorbei, und die Kollegen um uns herum packen ihre Taschen, räumen die leeren Becher weg und verlassen plaudernd das Zimmer.
"Hast du jetzt Unterricht?", frage ich.
Jasmijn nickt und mustert mich besorgt. "In der 8 b. Warum? Was ist los?"
"Bilal", sage ich nur. "Er hatte ein Messer."
"Wie bitte?!"
Nach dem entgeisterten Ausruf meiner Freundin fühle ich mich schon etwas besser, bestätigt er mir doch, was ich ohnehin weiß, nämlich dass das nicht normal ist.
"Du wirst es nicht glauben, aber auf einmal zog er ein Messer", fahre ich fort. "Und zwar kein kleines. Es hatte eine lange dünne Klinge. Und das hat er mir an den Hals gehalten."
Jasmijn starrt mich mit offenem Mund an. "Das ist doch nicht dein Ernst!"
Ich sage nichts mehr. Meine Hände fangen an zu zittern, und ich würde am liebsten losheulen.
"Hör mal, darüber müssen wir unbedingt reden. Aber jetzt hab ich Unterricht", sagt Jasmijn nervös. "Weißt du was, ich lasse sie einen Aufsatz schreiben, dann haben wir Zeit. Die 8b ist eine ruhige Klasse, die kann ich schon mal eine Weile allein lassen. Setz dich hin und trink einen Kaffee, ich bin gleich wieder da."
Jasmijn geht zum Automaten, zieht einen Becher Kaffee und stellt ihn mir hin. Im nächsten Moment ist sie weg, und ich bin allein im Lehrerzimmer. Mir gegenüber hängt das Schwarze Brett, und ich lese, ohne zu begreifen, was da steht. Ich kann nur noch daran denken, ob ich Anzeige erstatten soll oder lieber nicht. Aus den Augenwinkeln beobachte ich die Tür - ich habe Angst, dass Bilal jeden Moment hereinstürmt.
Ich erschrecke, als Jasmijn wieder ins Zimmer kommt.
"Das ist doch wirklich der Gipfel! Ist dieser Bilal denn völlig verrückt geworden?", schimpft sie. "So geht das nicht weiter, solche Scherze brauchen wir uns nicht gefallen zu lassen! Erzähl, was ist genau passiert?"
Ich schaue nachdenklich vor mich hin. "Wir hatten eine Auseinandersetzung, aber das Verrückte ist, dass ich mich kaum noch daran erinnere."
"Weil du unter Schock stehst", sagt Jasmijn verständnisvoll. "Aber der Anlass ist im Moment nicht weiter wichtig. Ihr hattet also eine Auseinandersetzung - und dann?"
"Er ist aufgestanden und auf mich zugekommen. Sein Gesicht war so wutverzerrt, dass ich es mit der Angst bekam. Und plötzlich hat er ein Messer gezogen und es auf meinen Hals gerichtet." Drei Sätze, und schon wieder heule ich.
Jasmijn legt den Arm um mich und tröstet mich wie ein kleines Mädchen. "Du Arme, du musst dich furchtbar erschreckt haben."
Jasmijn streicht mir übers Haar. "Wo ist Bilal jetzt?", fragt sie. "Wann ist das genau passiert, und hast du schon mit Jan gesprochen?""Ich bin aus dem Klassenzimmer gerannt und sofort zu Jans Büro gelaufen. Zum Glück war er gerade am Platz." "Und? Was hat er gesagt?"