Russisches Tagebuch - Politkowskaja, Anna

Anna Politkowskaja 

Russisches Tagebuch

Mit e. Vorw. v. Monika Maron. Ausgezeichnet mit dem Geschwister-Scholl-Preis 2007

Übersetzer: Umbreit, Hannelore; Frank, Alfred
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Russisches Tagebuch

Das »Russische Tagebuch« entstand zwischen Dezember 2003 und September 2005. Anna Politkowskajas Aufzeichnungen beginnen mit Putins Kampagne zu seiner Wiederwahl und enden mit der eindringlichen Frage: »Habe ich Angst?« Sie schreibt über den politischen Alltag dieser weichenstellenden Jahre in Russland über die Kälte von Putins Machtsystem, aber auch über eine sich in Rivalitäten neutralisierende Opposition. Immer wieder beklagte Anna Politkowskaja die Blindheit und mutwillige Ignoranz des Westens gegenüber den Missständen in ihrer Heimat. Nun, da sich die Welt betroffen zeigt und um sie trauert, sollten wir endlich hören, was sie zu sagen hat.

»Mit analytischer Schärfe benennt sie Verletzungen fundamentaler Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit und deren Auswirkungen auf eine Bevölkerung, die sich resigniert aus der politischen Verantwortung verabschiedet hat«, aus der Begründung der Jury des Geschwister-Scholl-Preises 2007.


Produktinformation

  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 458 S.
  • Seitenzahl: 458
  • Fischer Taschenbücher Bd.17928
  • Deutsch
  • Abmessung: 194mm x 128mm x 25mm
  • Gewicht: 345g
  • ISBN-13: 9783596179282
  • ISBN-10: 3596179289
  • Best.Nr.: 23314442

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Diese "politische Lehrstunde" lässt Michael Schindhelm die Angst spüren, die Anna Politkovskaja nicht hatte. Die im Tagebuch festgehaltene hoffnungslose Suche der engagierten Journalistin nach einer "letzten Opposition" in Putins Autokratie belegt Schindhelm mit langen Zitaten. Schindhelm spricht von dem "brisanten" Text als von einem "Horrorfilm", der die Erniedrigten und Beleidigten einer autoritären Staatsbürokratie porträtiert. Die von Politkovskaja gewählte Form des "klassischen Journals" verstärkt diesen Eindruck des Rezensenten ganz offensichtlich noch: Eine Chronik des russischen politischen Alltags zwischen Dezember 2003 und August 2005, deren Schrecken gerade in der von Schindhelm konstatierten Detailliertheit der Beobachtungen und Analysen zu stecken scheint.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 05.03.2007

Du bist eine Feindin
Postum erschienen: Das letzte Werk der ermordeten Journalistin Anna Politkovskaja

Der vielleicht gespenstischste Eintrag in Anna Politkovskajas nachgelassenem Manuskript stammt vom 13. Februar 2004. Zwei Jahre, sechs Monate und zweiundzwanzig Tage bevor die russische Journalistin erschossen im Aufzug ihres Moskauer Wohnhauses aufgefunden wird, klingelt in der Redaktion von "Nowaja gaseta" das Telefon. Es meldet sich jemand aus russischen Geheimdienstkreisen, eine Nachricht soll übermittelt werden. Der Empfänger ist Iwan Rybkin. Die Botschaft: Falls Rybkin aus seinem Londoner Exil in einer Fernsehdiskussion belastendes Material gegen Putin auf den Tisch lege, gebe es einen Terroranschlag. Politkovskaja schreibt: "Ich tue, worum ich gebeten worden bin. Doch auch ohne die Warnung hat Rybkin bereits alle Fernsehauftritte abgesagt. Sein Leben ist ihm lieber."

Warum? Warum war nicht auch Politkovskaja ihr Leben lieber? Der Buchumschlag ihres "Russischen Tagebuchs" zeigt die Autorin, die für ihre Schriften von einem Auftragskiller abgeknallt wurde: eine Frau Mitte vierzig, mittellange Haare, Ohrringe, Brille. Rybkins Schicksal …

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"Das gleichermaßen funkelnde wie packende Vermächtnis der ermordeten russische Journalistin, die vor Putins entstehender Autokratie einfach nicht kuschen wollte." -- WELT AM SONNTAG

"Das Buch kommt als nachgelassener Schrecken. Man liest es mit Frösteln. Was kann das für ein Text sein, der mit dem Leben bezahlt wurde? Wofür muss man in Moskau sterben?" -- DIE ZEIT

"Während sich 2004 der Strick um freie Presse und Rechtssprechung immer enger zog, Politiker, Journalisten und Menschenrechtler verschwanden, bedroht wurde oder Asyl beantragten, während der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder in Machtumarmungstaumel Putin einen 'lupenreinen Demokraten' nannte, [...] blieb sie auf unerklärliche Weise: kaltschnäuzig, unbeeindruckt. Sie, die es besser wusste als jeder andere, dass sie unterlegen war, urteilte über die Mächtigen stets auf Augenhöhe - sogar mit Herablassung." -- FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

"Besonders die chronologische Struktur macht das 'Tagebuch' für ausländische Leser interessant: Weil die beschriebene Epoche so nah an der Gegenwart liegt, wirken Politkovskajas Kommentare vor dem Hintergrund der jüngeren Berichterstattung - und differenzieren das Gesamtbild dabei stärker, als es ihre früheren Bücher taten." -- DER TAGESSPIEGEL

"Das 'Russische Tagebuch' kommt fast ganz ohne das Ich der Autorin aus. Minuziös werden die politischen Ereignisse notiert und in einem Inventar des Schreckens festgehalten. [...] Mit ihrem wachen Blick sah Anna Politkovskaja alles um sich herum, verlor sich dabei aber zuletzt selbst aus dem Blick." -- NEUE ZÜRCHER ZEITUNG

"Das Tagebuch gleicht einem Horrorfilm aus dem Totenhaus des wieder als Großmacht auftretenden Russland. Thema dieses Buches sind die Erniedrigten und Beleidigten, Hungernden, Gefolterten und Rechtlosen, Männer und Frauen aus der Vorhölle Moskau oder aus dem stummen, frostklirrenden Grauen der kaukasischen und sibirischen Provinzen. [...] Das 'Russische Tagebuch' ist für uns eine politische Lehrstunde." -- TAZ

"In ihrem Buch, das zwischen Dezember 2003 und September 2005 entstand, öffnet sie uns die Augen für menschliche Schicksale und politische Missstände in Putins Demokratur. Ihren Mut, die Verantwortlichen zu nennen, hat die Russin mit dem Leben bezahlt. Was wir tun können? Endlich ihre unbequemen Wahrheiten zur Kenntnis nehmen." -- STERN

"Der Mord an Anna Poltkovskaja ist von absurder Tragik, weil ihr Tagebuch zeigt, wie leise und Machtlos die Stimme der Kritik in Russland geworden ist." -- BUCHJOURNAL

"Sie war Anwältin der Opfer und hat die Täter beim Namen genannt. Dafür bezahlte Anna Politkovskaja mit dem Leben. [...] Wie niemand anderer hat sich Politkovskaja denjenigen Menschen in Russland gewidmet, die unter Gewalt und Willkür leiden." -- TAGES-ANZEIGER

"Ein ebenso deprimierendes wie aufrüttelndes journalistisches Arbeitsdokument." -- RHEINISCHER MERKUR

"'Russisches Tagebuch' ist en aufwühlendes Dokument, das seinen Leser nicht mehr loslässt. Ein Buch, das in Deutschland zur Pflichtlektüre erklärt werden sollte, insbesondere für Politiker - für Abgeordnete, Minister, Ministerpräsidenten und Kanzler - und die Spitzen der Wirtschaft." -- MÜNCHNER MERKUR

"Die Texte dieser mutigen, ja obsessiven Frau, die den Schatten ihres Landes ausleuchtete, stossen im Westen auf weit mehr Resonanz als in Russland - wo ihr Tagebuch bisher nicht erschienen ist. Auch posthum bleibt Politkovkaja in ihrer Heimat Persona non grata. Ihr Tagebuch ist bestimmt für jene, die genau hinschauen wollen." -- BERNER ZEITUNG

Das gleichermaßen funkelnde wie packende Vermächtnis der ermordeten russische Journalistin, die vor Putins entstehender Autokratie einfach nicht kuschen wollte. WELT AM SONNTAG Das Buch kommt als nachgelassener Schrecken. Man liest es mit Frösteln. Was kann das für ein Text sein, der mit dem Leben bezahlt wurde? Wofür muss man in Moskau sterben? DIE ZEIT Während sich 2004 der Strick um freie Presse und Rechtssprechung immer enger zog, Politiker, Journalisten und Menschenrechtler verschwanden, bedroht wurde oder Asyl beantragten, während der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder in Machtumarmungstaumel Putin einen 'lupenreinen Demokraten nannte, [ ] blieb sie auf unerklärliche Weise: kaltschnäuzig, unbeeindruckt. Sie, die es besser wusste als jeder andere, dass sie unterlegen war, urteilte über die Mächtigen stets auf Augenhöhe sogar mit Herablassung. FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG Besonders die chronologische Struktur macht das 'Tagebuch für ausländische Leser interessant: Weil die beschriebene Epoche so nah an der Gegenwart liegt, wirken Politkovskajas Kommentare vor dem Hintergrund der jüngeren Berichterstattung und differenzieren das Gesamtbild dabei stärker, als es ihre früheren Bücher taten. DER TAGESSPIEGEL Das 'Russische Tagebuch' kommt fast ganz ohne das Ich der Autorin aus. Minuziös werden die politischen Ereignisse notiert und in einem Inventar des Schreckens festgehalten. [ ] Mit ihrem wachen Blick sah Anna Politkovskaja alles um sich herum, verlor sich dabei aber zuletzt selbst aus dem Blick. NEUE ZÜRCHER ZEITUNG Das Tagebuch gleicht einem Horrorfilm aus dem Totenhaus des wieder als Großmacht auftretenden Russland. Thema dieses Buches sind die Erniedrigten und Beleidigten, Hungernden, Gefolterten und Rechtlosen, Männer und Frauen aus der Vorhölle Moskau oder aus dem stummen, frostklirrenden Grauen der kaukasischen und sibirischen Provinzen. [ ] Das 'Russische Tagebuch ist für uns eine politische Lehrstunde. TAZ In ihrem Buch, das zwischen Dezember 2003 und September 2005 entstand, öffnet sie uns die Augen für menschliche Schicksale und politische Missstände in Putins Demokratur. Ihren Mut, die Verantwortlichen zu nennen, hat die Russin mit dem Leben bezahlt. Was wir tun können? Endlich ihre unbequemen Wahrheiten zur Kenntnis nehmen. STERN Der Mord an Anna Poltkovskaja ist von absurder Tragik, weil ihr Tagebuch zeigt, wie leise und Machtlos die Stimme der Kritik in Russland geworden ist. BUCHJOURNAL Sie war Anwältin der Opfer und hat die Täter beim Namen genannt. Dafür bezahlte Anna Politkovskaja mit dem Leben. [ ] Wie niemand anderer hat sich Politkovskaja denjenigen Menschen in Russland gewidmet, die unter Gewalt und Willkür leiden. TAGES-ANZEIGER Ein ebenso deprimierendes wie aufrüttelndes journalistisches Arbeitsdokument. RHEINISCHER MERKUR 'Russisches Tagebuch ist en aufwühlendes Dokument, das seinen Leser nicht mehr loslässt. Ein Buch, das in Deutschland zur Pflichtlektüre erklärt werden sollte, insbesondere für Politiker für Abgeordnete, Minister, Ministerpräsidenten und Kanzler und die Spitzen der Wirtschaft. MÜNCHNER MERKUR Die Texte dieser mutigen, ja obsessiven Frau, die den Schatten ihres Landes ausleuchtete, stossen im Westen auf weit mehr Resonanz als in Russland wo ihr Tagebuch bisher nicht erschienen ist. Auch posthum bleibt Politkovkaja in ihrer Heimat Persona non grata. Ihr Tagebuch ist bestimmt für jene, die genau hinschauen wollen. BERNER ZEITUNG
Anna Politkowskaja wurde 1958 geboren. Sie war die bekannteste russische Journalistin, mit ihren Berichten und Reportagen über Tschetschenien erlangte sie Berühmtheit und wurde dafür mit zahlreichen Preisen geehrt: 2001 erhielt sie den Preis der russischen Journalistenunion und 2005 den Olof-Palme-Preis sowie den Leipziger Medienpreis.
Sie arbeitete für die Moskauer Zeitung 'Nowaja Gaseta' und verbrachte seit dem Anfang des zweiten Tschetschenien-Krieges im September 1999 viele Monate als Korrespondentin in der Kaukasus-Republik. Am 7. Oktober 2006 wurde Anna Politkowskaja in Moskau erschossen.

Blick ins Buch "Russisches Tagebuch"


Leseprobe zu "Russisches Tagebuch" von Anna Politkowskaja

Teil 1

Dezember 2003 bis März 2004

Wie Wladimir Putin zu seiner zweiten Amtszeit kam

Die jüngste Volkszählung im Oktober 2003 ergab, dass in der Russischen Föderation 145,2 Millionen Menschen leben. Damit nimmt Russland hinsichtlich der Bevölkerungszahl Platz sieben in der Welt ein. Fast 116 Millionen Bürger, 79,8% der Bevölkerung, bezeichnen sich der ethnischen Zugehörigkeit nach als Russen. Die Zahl der Wahlbe-rechtigten beträgt 116 Millionen.

Das Ende der parlamentarischen Demokratie in Russland

Der Wahlkampf für die zweiten Amtszeit Wladimir Putins als Präsident begann Ende 2003, genauer gesagt am 8. Dezember 2003, gleich am Tag nach der Abstimmung der Bürger über die Zusammensetzung des Parlaments - der Staatsduma. Am Tag des Urnengangs hatte das Fernsehen den Präsidenten in einem Wahllokal gezeigt: freudig erregt und in gehobener Stimmung. Ungewöhnlich, wirkt der Präsident doch für gewöhnlich eher bärbeißig. Und da auf einmal erklärt ein lächelnder Putin der versammelten Menge, seine geliebte Labrador-Hündin Conni habe in der Nacht Welpen geworfen. 'Wladimir Wladimirowitsch war so aufgeregt, wirklich aufgeregt', tönt hinter der Schulter ihres Gatten hervor Madame Putina, unsere First Lady sozusagen. 'Jetzt wollen wir ganz schnell nach Hause' - zu Conni, die mit ihrem Wurf haargenau zur richtigen Zeit der Partei Einiges Russland kein besseres Wahlgeschenk hätte bescheren können. Am gleichen Morgen wurden in Jessentuki, einem kleinen Kurort im Nordkaukasus, die ersten 13 der 45 Opfer bestattet, die am 6. Dezember bei dem Terroranschlag eines Selbstmordattentäters in einem Pendler-Zug ums Leben gekommen waren. Zumeist Studenten, auf dem Weg zu den Vorlesungen. Als der sichtlich bewegte Putin vor die Kameras und Mikrofone trat, erwarteten alle, er würde den Familien der Opfer sein Mitgefühl bekunden, die Eltern um Verzeihung bitten dafür, dass der Staat ihre Söhne und Töchter - wieder einmal - nicht geschützt hatte. Doch weit gefehlt: Labradorhündin Conni und die neugeborenen Welpen waren es, die den Präsidenten umtrieben. Freunde riefen mich an: 'Nach dem Fauxpas geht Einiges Russland baden, jetzt wählt todsicher kein Mensch in Russland mehr diese Pro-Putin-Partei!'Doch als das Fernsehen gegen Mitternacht die ersten Abstimmungsergebnisse - aus dem Fernen Osten, dann aus Sibirien, aus dem Ural - meldete, waren viele fassungslos. Wieder klingelte das Telefon, Freunde und Bekannte meinten ungläubig: 'Das kann nicht sein ... Wir haben für Jawlinski gestimmt, obwohl ...' Andere hatten ihr Kreuz hinter den Namen von Irina Chakamada gesetzt. Protest regte sich allerdings nicht am nächsten Morgen. Das Land, enttäuscht von den Lügen und der Arroganz der Demokraten, gab sich widerspruchslos in Putins Hände: Die Stimmenmehrheit ging an Einiges Russland, jene Partei ohne Programm, deren einziges Ziel in der Unterstützung Wladimir Putins besteht und die sich allein dadurch auszeichnet, dass sie die russischen Bürokraten in ihren Reihen vereint. Ehemalige sowjetische Partei- und Komsomolfunktionäre, heute in den unzähligen Verwaltungsinstanzen des Staates beschäftigt, waren ihr in Massen zugeströmt und hatten für die verlogene Wahlkampagne ihrer Partei in alter Disziplin gewaltige Mittel bereitgestellt. Wie man sich diese Wahl vorstellen muss, zeigen Meldungen aus verschiedenen Regionen Russlands: In Saratow beispielsweise stand neben dem Eingang in ein Wahllokal ein Tisch mit dem Schild 'Stimmt für Tretjak!'. Die Dame hinter dem Tisch schenkte kostenlosen Wodka aus. Kein Wunder, dass Tretjak - auch er Kandidat der Partei Einiges Russland - gewann. Alle anderen Kandidaten für die Duma waren von der Gebietsverwaltung mit eiserner Hand gegen langjährige oder gerade frisch eingetretene Einig-Russland-Mitglieder ausgetauscht worden. Wobei man sich nicht gerade zimperlich zeigte in der Wahl der Mittel: Wer Widerstand leistete, wurde 'von Unbekannten' verprügelt. Bis schließlich sämtliche Bewerber, die eigentlich gegen die Partei Einiges Russland antreten wollten, freiwillig das Feld räumten. Dem unliebsamen Konkurrenten, der in einem Wahlbezirk einem wichtigen Einig-Russland-Kandidaten partout nicht weichen wollte, wurden zweimal Beutel mit menschlichen Organen - abgeschnittene Ohren und ein herausgerissenes Herz - durch das Fenster in die Wohnung geworfen. Natürlich hatte rein äußerlich alles seine Ordnung: Die Wahlkommission des Gebiets richtete eine Hotline ein für Beschwerden und Hinweise auf Unregelmäßigkeiten im Wahlkampf sowie bei der Stimmabgabe. Doch 80 Prozent der Anrufer ging es weniger um Politik als darum, aus den Wahlen für sich Kapital zu schlagen durch Erpressung der Lokalpolitiker nach dem Prinzip: Repariert endlich die Dächer, sorgt für warme Heizungen und eine ordentliche Wasserversorgung - oder wir gehen nicht wählen. Eine Rechnung, die mehr als aufgehen sollte: Die Einwohner der Saratower Stadtbezirke Sawodski und Leninski erhielten Wasser und Fernwärme, im Kreis Atkar (Gebiet Saratow) wurden die Stromleitungen repariert, und auf einmal funktionierte das Telefon wieder. Die Menschen zeigten sich dankbar: In der Stadt Saratow lag die Wahlbeteiligung bei mehr als 60 Prozent, im Gebiet Saratow bei 53 Prozent. Gerade genug, um die Gültigkeit der Wahlen zu sichern. Die Dankbarkeit der Einwohner war so grenzenlos, dass sie von den Glück verheißenden Lügen gar nicht genug bekommen konnten: Eine Wahlbeobachterin der Demokraten sah, wie in einem Wahllokal in der Stadt Arkadak Wähler ihre Stimme gleich zweimal abgaben. Zunächst in der Kabine, dann direkt am Tisch des örtlichen Wahlleiters, unter seiner persönlichen Aufsicht. Als die Beobachterin ihre Feststellung über die Hotline an die Bezirkswahlkommission melden wollte, wurde sie an den Haaren vom Telefon fortgezerrt. Wjatscheslaw Wolodin, einer der Spitzenfunktionäre der Partei Einiges Russland, besiegte in seinem Wahlkreis Balakow (Gebiet Saratow) sämtliche Konkurrenten mit der gigantischen Stimmenmehrheit von sage und schreibe 82,9 Prozent. Ein Traumergebnis für einen Politiker ohne Charisma, dessen akustisch wie inhaltlich nur mit Mühe zu verstehende Fernsehreden sprichwörtlich waren. Darin hatte er zwar Lobeshymnen auf Präsident Putin gesungen, aber kein einziges konkretes Vorhaben präsentiert. Insgesamt stimmten im Gebiet Saratow 48,2 Prozent der Wähler für die Liste der Partei Einiges Russland (ER), während die Kommunistische Partei der Russischen Föderation (KPRF) 15,7 Prozent, die Liberal-Demokratische Partei Russlands (LDPR) 8,9 Prozent und die Heimat-Partei Rodina 5,7 Prozent der Stimmen erhielten. Doch es blieb ein Wermutstropfen: Ein Zehntel der Wähler stimmte 'gegen alle'. Man kam in das Wahllokal, trank den spendierten Wodka und wünschte sämtliche Kandidaten zur Hölle.

In Tschetschenien, das unter totaler militärischer Kontrolle steht, gab es hingegen 10 Prozent mehr abgegebene Stimmen als eingetragene Wähler. Und dies laut offiziellen Dokumenten der Zentralen Wahlkommission der Russischen Föderation.

In St. Petersburg, das immer noch im Ruf steht, die fortschrittlichste Stadt mit der demokratischsten Gesinnung in Russland zu sein, sieht das Bild folgendermaßen aus: Einiges Russland 31 Prozent, Rodina ca. 14 Prozent, Union der Rechten Kräfte (SPS) und Wahlbündnis Jabloko weniger als 9 Prozent, die Kommunisten fast gleichauf mit 8,5 Prozent und Wladimir Shirinowskis Liberal-Demokraten etwa 8 Prozent. Die als Einzelkämpfer ohne Mandat einer Partei angetretenen Kandidaten Irina Chakamada, Alexander Golow, Igor Artemjew und Grigori Tomtschin - landesweit bekannte Demokraten und Liberale - erlitten eine vernichtende Niederlage. Die Machthaber reiben sich die Hände und präsentieren eine wohlfeile Erklärung für das Wahldebakel der Demokraten: Selbst Schuld, haben sich eben zu weit entfernt vom Volk, dessen Vertreter eben wir, die Regierenden, jetzt sind. Doch die nachfolgenden Auszüge aus Aufsätzen Petersburger Schüler zum Thema 'Was meine Eltern über die Wahlen denken' und 'Hilft die Wahl eines neuen Parlaments dem Präsidenten bei seiner Arbeit?' sprechen eine andere Sprache.- 'In letzter Zeit gehen meine Eltern nicht mehr wählen. Sie haben genug davon. Dem Präsidenten helfen die Wahlen nicht. Immer versprechen sie nur ein besseres Leben, aber dann ... Ich möchte, dass alle die Wahrheit sagen ...'- 'Ich pfeife auf die Wahlen. Egal, wer in die Duma gewählt wird, die Situation ändert sich sowieso nicht. Weil wir nicht diejenigen wählen, die die Lage im Lande verbessern, sondern Leute, die stehlen ... Diese Wahlen helfen niemandem, weder dem Präsidenten, noch den Normalsterblichen ...'- ... Meine Mama sagt, dass alles manipuliert ist und das Ergebnis schon vorher feststeht. Ich denke, es hat keinen Sinn, wählen zu gehen ... Als Kind habe ich immer gedacht, je bekannter ein Mensch ist, desto klüger und weiser ist er. Als ich älter wurde habe ich dann verstanden, dass selbst der dümmste Mensch es bis in die Regierung schaffen kann. Macht es Sinn, wählen zu gehen? Umso mehr, als kein vernünftiger Mensch je sagen würde, die Tschetschenen gehören in der Latrine ertränkt.- ... Über unsere Regierung kann man nur lachen. Ich denke, die sollten weniger aufs Geld fixiert sein und wenigstens ein paar moralische Grundsätze einhalten, damit sie die Bevölkerung nicht so unverschämt betrügen. Die Regierung ist der Diener des Volkes, denn wir wählen sie, nicht sie uns. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum wir diesen Aufsatz schreiben müssen, er stört nur den normalen Unterrichtsablauf, und die Regierung liest die Schreiberei sowieso nicht ...'- 'Meinen Eltern sind die Wahlen egal. Weil alle Gesetze, die die Duma angenommen hat, sinnlos und praktisch ohne jeden Nutzen für die Bevölkerung waren. Wenn das alles aber nicht für das Volk ist, für wen dann?'- 'Ob diese Wahlen helfen? Eine interessante Frage. Wir werden ja sehen. Aber höchstwahrscheinlich helfen sie überhaupt nicht. Ich bin kein Politiker, mir fehlt das entsprechende Wissen. Aber zuallererst würde ich die Korruption bekämpfen. Solange in Russland wichtige Positionen von Verbrechern bekleidet werden, wird das Leben nicht besser. Man braucht doch nur zu schauen, was heute in unserer Armee los ist. Die Langgedienten schikanieren die Rekruten, überall. Früher hieß es, vom Armeedienst käme man als echter Mann zurück, jetzt wird man als hundertprozentiger Invalide entlassen. Mein Vater sagt, in so eine Armee lässt er mich nicht. Damit sein Sohn nicht hinterher ein Krüppel ist oder, noch schlimmer, in irgendeinem Graben in Tschetschenien verreckt, ohne zu wissen, wofür er überhaupt gekämpft hat, bloß damit irgendwer die Republik unter seine Kontrolle bekommt ... Solange diese Regierung an der Macht ist, sehe ich keinen Ausweg. Ich bin ihr nicht dankbar für meine unglückliche Kindheit ...'Zeilen, die von Greisen zu stammen scheinen. Soll das etwa 'das neue Russland' sein? Der wahre Preis für unseren politischen Zynismus ist die Ablehnung seitens der Jugend.

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