Puppenmord - Sharpe, Tom

Tom Sharpe 

Puppenmord

oder Bis dass ihr Tod ihn scheidet. Roman. Aus d. Engl. v. Benjamin Schwarz

Übersetzer: Schwarz, Benjamin
Broschiertes Buch
 
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Puppenmord

Henry Wilt ist Hilfslehrer an einer Berufsschule auf dem platten Lande, beruflich und im Eheleben tritt er auf der Stelle. Der Mittdreißiger hat es seit zehn Jahren mit künftigen Gasinstallateuren, Maurern und Fleischern zu tun, denen er die hohe Literatur näher bringen soll. Daheim erwartet ihn seine Frau Eva, sexuell unbefriedigt und schnell für alle möglichen modischen Ersatzbeschäftigungen zu begeistern: Judo, Töpfern, Meditation. Schließlich, an einem ihrer erträglicheren Tage und durch nie zuvor gehörte Libertinage-Phrasen aufgestachelt, ist sie fest entschlossen zur Emanzipation von ihrem Gatten und lustlosen Bettmuffel. Dass dies Wilt zum Äußersten treibt, ist nur allzu verständlich. Der Pechvogel probt den Aufstand und Mord an einer Sexpuppe, aber das hat äußerst peinliche Nebenwirkungen...


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 2001
  • Ausstattung/Bilder: 2001. 313 S.
  • Seitenzahl: 320
  • Goldmann Taschenbücher Bd.44914
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 125mm x 25mm
  • Gewicht: 250g
  • ISBN-13: 9783442449149
  • ISBN-10: 3442449146
  • Best.Nr.: 09488268
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 08.07.2006

Band 26
Die Rache des Berufsschullehrers
Tom Sharpes Kriminalroman „Puppenmord”
Weil Henry Wilt ohnmächtig ist, ein Schwächling und ein Ehekrüppel außerdem, träumt er davon, „dass Mrs. Wilt für immer verschwände, dass er plötzlich reich und mächtig wäre, und was er täte, wenn er zum Erziehungsminister oder, besser noch, zum Premierminister ernannt würde”. Auf seinen Spaziergängen brabbelt der Lehrer deshalb oft vor sich hin und hält diktatorische Volksreden, die weder das Volk hört noch sein Hund, der ihn auf seinen Ausflügen begleitet. Verzweifelt über sein berufliches und häusliches Unglück malt sich Wilt immer wieder neue Unfälle aus, mit denen sich wenigstens das Eheversprechen ohne größere Komplikationen aufheben ließe. Doch wenn er in sein Haus zurückkehrt, sitzt Eva noch immer da, figuriert vorder- und hinterasiatisches Yoga, schwärmt von dem neuen Kursleiter an der Volkshochschule und beklagt Wilts durch ihren Putzfimmel schon nicht mehr zu erschütternde Passivität.
Wie anders sind da die Amerikaner, die in der Nähe eingezogen sind! Er ist Professor und seine Frau Sally erotisch …

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»Das Witzigste, das ich seit Ewigkeiten gelesen habe!«

"Köstliche Krimi-Satire von 1976, die vielstimmige Lesung von Olli Dittrich ist ein guter Grund, sie neu zu entdekcen." P.M. CIT

"Olli Dittrich liest dieses Hörbuch und lässt dabei viele Figuren mit einer eigenen Stimmnuance erklingen. Die dadurch unterstützte humorvolle Stimmung des Romans lässt den Hörer bis zuletzt nicht los. (...) Dieses Hörbuch lohnt sich. Die von Tom Sharpe aufgebaute Story um den Mord an einer Sexpuppe und die Unfähigkeit der Polizei Wahrheit von Lüge zu unterscheiden, treibt in all seiner Skurrilität dem Hörer die Lachtränen in die Augen. Britischer Humor der Extraklasse!"

Band 26

Die Rache des Berufsschullehrers

Tom Sharpes Kriminalroman „Puppenmord”

Weil Henry Wilt ohnmächtig ist, ein Schwächling und ein Ehekrüppel außerdem, träumt er davon, „dass Mrs. Wilt für immer verschwände, dass er plötzlich reich und mächtig wäre, und was er täte, wenn er zum Erziehungsminister oder, besser noch, zum Premierminister ernannt würde”. Auf seinen Spaziergängen brabbelt der Lehrer deshalb oft vor sich hin und hält diktatorische Volksreden, die weder das Volk hört noch sein Hund, der ihn auf seinen Ausflügen begleitet. Verzweifelt über sein berufliches und häusliches Unglück malt sich Wilt immer wieder neue Unfälle aus, mit denen sich wenigstens das Eheversprechen ohne größere Komplikationen aufheben ließe. Doch wenn er in sein Haus zurückkehrt, sitzt Eva noch immer da, figuriert vorder- und hinterasiatisches Yoga, schwärmt von dem neuen Kursleiter an der Volkshochschule und beklagt Wilts durch ihren Putzfimmel schon nicht mehr zu erschütternde Passivität.

Wie anders sind da die Amerikaner, die in der Nähe eingezogen sind! Er ist Professor und seine Frau Sally erotisch überhaupt nicht rückständig. Eva blüht auf, und Henry wird gleich noch abweisender gegen die neuerdings vorgetragenen sexuellen Zumutungen. Seiner Frau fehlt jedes Verständnis für das, was er Tag für Tag an der Berufsschule zu leiden hat, wo er Maurer- und Metzgerlehrlingen die Schönheiten englischer Prosa einbimsen soll. Seine Beschwerden interessieren Eva nicht, er hasst sie dafür und er hasst sich, weil er aus dieser Falle in diesem Leben nicht herauskommt.

Sharpe hat zumindest das Elend der Berufsschule selber erlebt. Wenn Wilt mit George Orwell oder D. H. Lawrence unterm Arm das Klassenzimmer betritt, fläzen sich die Schüler auf den Bänken, machen obszöne Bemerkungen und brüsten sich damit, einen seiner Kollegen in den Selbstmord getrieben zu haben. Wilt versucht, dessen Ehre wiederherzustellen, dafür bekommt er von einem Schüler einen Fausthieb auf die Nase und vom Direktor eine Abmahnung. Mit Literatur hat das wenig zu tun, doch viel mit dem Alltag des modernen Geistesarbeiters. Bei Sharpe wird nicht lang geklagt, da jagt eine Zumutung die nächste, je geschmackloser, desto besser.

Ausgerechnet Judy bringt Wilts Rettung aus dem südenglischen Jammertal. Die aufblasbare Gummipuppe, gerät durch ein typisch Wilt’sches Missgeschick in seine Hände. Um diese Peinlichkeit zu entsorgen, probiert er an ihr den perfekten Mord. Er bekleidet sie mit abgelegten Sachen seiner Frau, setzt ihr eine Perücke auf und schmeißt sie nachts in ein Loch, das Bauarbeiter am nächsten Tag für das Fundament des neuen Schultrakts ausgießen werden. Es geht um das nackte Leben und nicht um Literatur.

Daher findet der Literaturlehrer Wilt auch erstaunlich viel Gefallen daran, von den Kollegen und der Polizei als Gattenmörder verdächtigt zu werden und endlich im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Vor Gericht bekäme er mildernde Umstände, im Roman ergeht es ihm noch besser. Seine Frau bleibt ihm zwar, aber endlich wird er befördert und kann auf diesem Weg Kollegen, Chefs, die Polizei, eigentlich die ganze Welt düpieren. Wie er das anstellt, zu welch subtilen Mitteln er Zuflucht nimmt, gehört aber nicht in eine Familienzeitung, das müssen Sie schon selber lesen.

WILLI WINKLER

Tom Sharpe

Foto

: Brigitte Friedrich

SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH

Tom Sharpe wurde 1928 in England geboren, studierte in Cambridge, lernte als Buchhalter, Sozialarbeiter und Fotograf Südafrika kennen, bis er ausgewiesen wurde. Anschließend unterrichtete er als Hilfslehrer an einer Berufsschule in Cambridge, bis ihm der Erfolg seiner Bücher die Freiheit schenkte, mit Frau und drei Töchtern als Schriftsteller zu leben.

Leseprobe zu "Puppenmord" von Tom Sharpe

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Leseprobe zu "Puppenmord" von Tom Sharpe

Wenn Henry Wilt den Hund zu einem Spaziergang ausführte, oder richtiger, wenn der Hund ihn ausführte, oder um genau zu sein, wenn Mrs. Wilt beiden sagte, sie sollten bloß sehen, dass sie aus dem Hause kämen, damit sie ihre Yogaübungen machen könne, schlug er stets denselben Weg ein. Das heißt, der Hund folgte dem Weg, und Wilt folgte dem Hund. Sie gingen am Postamt vorbei, über den Spielplatz, unter der Eisenbahnbrücke durch und zum Fußweg am Fluss. Eine Meile am Fluss lang, dann wieder unter der Eisenbahn durch und durch Straßen zurück, in denen die Häuser größer als Wilts halbes Doppelhaus, die Bäume und Gärten riesig und alle Autos Rovers und Mercedesse waren. Und hier verrichtete Clem, ein rassereiner Neufundländer mit Stammbaum, der sich in dieser Gegend offenbar heimischer fühlte, sein Geschäft, während Wilt dastand und sich ziemlich nervös umsah, weil er wusste, dass das nicht seine Gegend war, und er doch wollte, sie wäre es. Das war während des Spazierganges ungefähr das einzige Mal, dass er sich überhaupt seiner Umgebung bewusst wurde. Den ganzen übrigen Weg begaben sich seine Gedanken auf die Reise und schlugen Richtungen ein, die mit seinem Äußeren auf dem Weg überhaupt nichts zu tun hatten. Es war eine Reise voller Wunschträume, eine Pilgerfahrt auf den Spuren entfernter Möglichkeiten, wie zum Beispiel, dass Mrs. Wilt für immer verschwände, dass er plötzlich reich und mächtig wär, und was er täte, wenn er zum Erziehungsminister oder, besser noch, zum Premierminister ernannt würde. Zum Teil setzte sich das aus einer Reihe verzweifelter Ausflüchte zusammen, zum Teil aus einem stummen Dialog, sodass jeder, dem Wilt aufgefallen wäre (aber den meisten fiel er nicht auf), hätte bemerken können, wie sich hin und wieder seine Lippen bewegten und sein Mund sich zu einem Lächeln kräuselte, was er albernerweise für sardonisch hielt, während er Streitpunkte erörterte oder mit unglaublicher Schlagfertigkeit Gegenargumente parierte. Und auf einem dieser Spaziergänge, den er nach einem besonders aufreibenden Tag in der Berufsschule im Regen machte, kam Wilt zum ersten Mal der Gedanke, dass sich nur dann seine geheime Hoffnung erfüllen und er sein Leben selber in die Hand nehmen könne, wenn seine Frau irgendein nicht unbedingt zufälliges Unglück ereile.

Wie alles in Henry Wilts Leben war das keine plötzliche Entscheidung. Er war kein entscheidungsfreudiger Mensch. Zehn Jahre als Hilfslehrer (zweiter Klasse) an der Berufsschule für Geisteswissenschaften und Gewerbekunde von Fenland waren dafür der Beweis. Zehn Jahre saß er nun schon in der Abteilung Allgemeinbildung fest und unterrichtete klassenweise Gasinstallateure, Gipser, Maurer und Klempner. Oder hinderte sie am Schwatzen. Und zehn lange Jahre nun schon verbrachte er seine Tage damit, mit zwei Dutzend Exemplaren von 'Söhne und Liebhaber' oder Orwells 'Essays' oder 'Candide' oder 'Der Herr der Fliegen' von Klassenzimmer zu Klassenzimmer zu ziehen und sein Menschenmöglichstes zu tun, die Sensibilität von Lehrlingen, die einen Tag für die Schule frei bekamen, zu steigern - mit bemerkenswerter Erfolglosigkeit.

"Das Ausgeliefertsein an die Kultur", nannte es Mr. Morris, der Leiter der Abteilung Allgemeinbildung, aber von Wilts Warte aus erschien es ihm mehr wie sein persönliches Ausgeliefertsein an die Unkultur, und zweifellos waren die Ideale und Illusionen, die ihn in seinen jungen Jahren bei der Stange gehalten hatten, inzwischen durch seine Erfahrungen zerstört worden. Dasselbe hatten ihm zwölf Jahre Ehe mit Eva eingebracht.

Wenn die Gasinstallateure von der Gefühlsbedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen, wie sie in 'Söhne und Liebhaber' dargestellt werden, völlig unbeeindruckt und von D. H. Lawrences tiefgründigen Einblicken in die Geschlechtlichkeit des Daseins rüde amüsiert durchs Leben gehen konnten, so war Eva Wilt einer solchen Gleichgültigkeit nicht fähig. Sie kniete sich in kulturelle Aktivitäten und ihre eigene Weiterbildung mit einem Enthusiasmus, der Wilt schwer zu schaffen machte. Schlimmer noch, was sie für Kultur hielt, änderte sich von einer Woche zur anderen und kreiste einmal um Barbara Cartland und Anya Seton, ein andermal um Ouspensky, dann wiederum Kenneth Clark, öfter aber um den Lehrer der Töpfereiklasse am Dienstag oder um den Dozenten für Transzendentale Meditation am Donnerstag, sodass Wilt nie wusste, was ihn zu Hause erwartete, außer einem in Eile gekochten Abendbrot, irgendwelchen eindringlich geäußerten Ansichten über seinen mangelnden Ehrgeiz und einem halb garen intellektuellen Mischmasch, der ihn ratlos machte.

Um der Erinnerung an die Gasinstallateure als angeblich menschliche Wesen und an Eva im Lotussitz zu entfliehen, spazierte Wilt am Fluss entlang und ging dunklen Gedanken nach, die noch dunkler wurden, als ihm zu Bewusstsein kam, dass jetzt das fünfte Jahr hintereinander sein Gesuch, zum Hauptlehrer befördert zu werden, fast sicher abgelehnt werden würde und dass er, wenn er nicht bald was unternähme, den Rest seines Lebens zu Gasinstallateuren III und Gipsern II - und zu Eva - verdonnert wäre. Die Aussicht war unerträglich. Er würde entschlossen handeln. Über ihm donnerte ein Zug vorbei. Wilt beobachtete die entschwindenden Lichter und dachte über die Möglichkeit von Unfällen an unbeschrankten Bahnübergängen nach.

"Er benimmt sich im Augenblick so komisch", sagte Eva Wilt, "ich weiß gar nicht, was ich von ihm halten soll."

"Ich habe es bei Patrick aufgegeben", sagte Mavis Mottram und musterte kritisch Evas Vase. "Ich denke, ich rücke die Lupine ein Millimeterchen weiter nach links. Da steigert sie die orchestrale Wirkung der Rose. Nun die Iris hier herüber. Man muss versuchen, gewissermaßen eine hörbare Wirkung der gegensätzlichen Farben zu erzielen. Kontrapunktisch, könnte man sagen."

Eva nickte und seufzte. "Er war immer so aktiv", sagte sie, "aber jetzt sitzt er bloß im Hause rum und sieht fern. Das Einzige, wozu ich ihn noch kriege, ist, dass er mit dem Hund spazieren geht."

"Wahrscheinlich fehlen ihm Kinder", sagte Mavis, "ich weiß, bei Patrick ist es so."

"Darum haben wir ja keine", sagte Eva bitter, "weil Henry sich nicht mal dazu aufraffen kann."

"Tut mir Leid, Eva. Ich hab nicht dran gedacht", sagte Mavis und stellte die Lupine so um, dass sie sich wirkungsvoller gegen eine Geranie abhob.

"Das braucht dir nicht Leid zu tun", sagte Eva, die Selbstmitleid nicht zu ihren Fehlern zählte, "ich sollte vielleicht lieber dankbar sein. Ich meine, stell dir vor, ich hätte Kinder wie Henry. Er ist so unkünstlerisch, und Kinder sind außerdem so hinderlich. Sie beanspruchen deine ganze schöpferische Kraft."

Mavis Mottram zog weiter, um jemand anderem dabei behilflich zu sein, eine kontrapunktische Wirkung zu erzielen, diesmal mit Brunnenkresse und Stockrosen in einer kirschroten Schale. Eva fummelte mit ihrer Rose herum. Was für ein Glück Mavis hatte. Sie hatte Patrick, und Patrick Mottram war so ein aktiver Mann. Eva legte trotz ihres Riesenwuchses größten Wert auf Aktivität, Aktivität und Kreativität, sodass selbst wirklich verständnisvolle Leute, die nicht besonders leicht zu beeindrucken waren, sich nach zehn Minuten in ihrer Gesellschaft total ausgelaugt fühlten. Sie bekam es fertig, in ihrem Yogakurs sogar im Lotussitz Aktivität auszustrahlen, und ihre Versuche bei der Transzendentalen Meditation hatte jemand mit einem Dampfkochtopf unter Druck verglichen. Und mit der schöpferischen Aktivität kam die Begeisterung, diese fieberhafte Begeisterung der sichtlich unerfüllten Frau, der jede neue Idee den Anbruch eines neuen Tages verkündete und umgekehrt. Aber weil die Ideen, für die sie eintrat, banal oder ihr unverständlich waren, war die Begeisterung entsprechend kurz und half nicht, die Lücke zu füllen, die Henry Wilts Versagen in ihr Leben gerissen hatte. Während er in seiner Fantasie ein leidenschaftliches Leben führte, lebte Eva, der jegliche Fantasie abging, wirklich leidenschaftlich. Sie stürzte sich auf Dinge, Situationen, neue Freunde, Leute und Ereignisse mit einer hemmungslosen Unbekümmertheit, die den Umstand verbarg, dass sie nicht genug Gefühlsbeständigkeit besaß, um länger als einen Augenblick durchzuhalten. Als sie jetzt von ihrer Vase zurücktrat, prallte sie gegen jemanden hinter sich.

"Bitte um Entschuldigung", sagte sie und drehte sich um. Sie blickte in zwei dunkle Augen.

"Da gibt's nichts zu entschuldigen", sagte die Frau mit amerikanischem Akzent. Sie war schlank und in dem schlichten Gammellook gekleidet, der für Eva Wilts bescheidene Einkünfte nicht erreichbar war.

"Ich bin Eva Wilt", sagte Eva, die einmal in der Volkshochschule in Oakrington einen Kursus 'Wie lerne ich Leute kennen?' besucht hatte. "Mein Mann unterrichtet an der Berufsschule, und wir wohnen in der Parkview Avenue 34."

"Sally Pringsheim", sagte die Frau mit einem Lächeln. "Wir wohnen im Rossiter Grove. Wir sind zu einem Forschungssemester in Europa. Gaskell ist Biochemiker."

Eva Wilt schluckte die Unterschiede und gratulierte sich zu ihrem hellen Köpfchen wegen Sally Pringsheims Bluejeans und Wolljacke. Leute, die im Rossiter Grove wohnten, standen eine ganze Stufe über denen in der Parkview Avenue, und Gatten, die Biochemiker auf Forschungssemester waren, lehrten natürlich an der Universität. Evas Welt bestand aus solchen feinen Unterscheidungen.

"Wissen Sie, ich bin da nicht so sicher, ob ich mit einer orchestralen Rose leben könnte", sagte Sally Pringsheim. "Im Konzertsaal find ich Symphonien okay, aber in Vasen komme ich ohne aus."

Eva starrte sie mit einer Mischung aus Staunen und Bewunderung an. Mavis Mottrams Blumenarrangements offen zu kritisieren, war in der Parkview Avenue glatte Gotteslästerung. "Wissen Sie, ich wollte das auch schon immer sagen", sagte sie in einer plötzlichen Wallung von Herzenswärme, "aber ich habe mich nie getraut."

Sally Pringsheim lächelte. "Meiner Meinung nach sollte man immer sagen, was man denkt. Die Wahrheit ist für jede Beziehung von wirklicher Bedeutung so wesentlich. Ich sage G-Baby immer genau, was ich denke."

"Gee-Baby?", sagte Eva Wilt.

"Gasken, mein Mann", sagte Sally. "Nicht, dass er so ein richtiger normaler Ehemann wäre. Wir haben halt vereinbart, vorläufig zusammenzuleben. Klar, wir haben 'n Trauschein und den ganzen Quark, aber meiner Meinung nach ist es in sexueller Hinsicht wichtig, sich seine Wahlmöglichkeiten offen zu halten, nicht?"

Als Eva nach Hause kam, hatte sich ihr Wortschatz um ein paar neue Wörter erweitert. Wilt lag im Bett und tat, als ob er schliefe, aber sie machte ihn wach und erzählte ihm von Sally Pringsheim. Wilt drehte sich auf die andere Seite, versuchte weiterzuschlafen und wünschte sich beim Himmel, sie wäre bei ihren kontrapunktischen Blumensträußen geblieben. Vorläufige frei schwebende sexuelle Wahlmöglichkeiten waren gerade jetzt das Letzte, was er brauchte, und dass sie von der Frau eines Biochemikers kamen, der es sich leisten konnte, im Rossiter Grove zu wohnen, verhieß für die Zukunft nichts Gutes. Eva Wilt war von Reichtum, Geistesgaben und neuen Bekanntschaften zu leicht zu beeindrucken, als dass man ihr den Umgang mit einer Frau erlauben durfte, die meinte, die klitorale Stimulation auf orale Weise sei einfach ein Begleitumstand total emanzipierter Beziehungen, und die Gleichgeschlechtlichkeit werde sich bestimmt einbürgern. Wilt hatte schon genug Kummer mit seiner eigenen Männlichkeit, auch wenn Eva nicht verlangte, dass ihre ehelichen Rechte oral ergänzt würden. Er verbrachte eine ruhelose Nacht voller pechschwarzer Grübeleien über Unfalltodesursachen, die um Schnellzüge, unbeschrankte Bahnübergänge, ihren Ford Escort und Evas Sicherheitsgurt kreisten, dann stand er zeitig auf und machte sich selber das Frühstück. Er wollte gerade zum 9-Uhr-Unterricht der Autoschlosser III losfahren, als Eva mit verträumter Miene die Treppe herunterkam.

"Mir ist gerade was eingefallen, was ich dich gestern Abend schon fragen wollte", sagte sie. "Was heißt eigentlich 'Transsexuelle Diversifikation'?"

"Schwule Verse machen", sagte Wilt schnell und ging zum Auto hinaus. Er fuhr die Parkview Avenue hinunter und blieb im Kreisverkehr in einem Stau stecken. Er saß da und fluchte leise vor sich hin. Er war vierunddreißig und hatte seine Gaben an KFZ III und eine Frau zu vergeuden, die bildungsmäßig klar unterbelichtet war. Was aber das Schlimmste war, er musste sich eingestehen, dass Eva Recht hatte mit ihrem dauernden Gemäkele, dass er kein Mann sei. "Wenn du ein richtiger Mann wärst", sagte sie immer, "zeigtest du mehr Willensstärke. Du musst entschieden auftreten."

Wilt trat in dem Kreisverkehr entschieden auf und kriegte Krach mit einem Mann in einem Minibus. Wie üblich schnitt er als Zweiter Sieger ab.

"So wie ich das Problem mit Wilt sehe, fehlt es ihm an Schwung", sagte der Leiter der Englischabteilung, selbst ein schwungloser Mann mit der Neigung, Probleme mit einer gewissen Doppeldeutigkeit zu betrachten und zu lösen, die seinen angeborenen Mangel an Autorität ausglich.

Die Beförderungskommission nickte nun schon das fünfte Jahr hintereinander einstimmig mit den Köpfen.

"Es mag ihm ja an Schwung fehlen, aber er setzt sich doch ein", sagte Mr. Morris, der sich wieder sein alljährliches Rückzugsgefecht zu Gunsten von Wilt lieferte.

"Setzt sich ein?", schnaubte der Leiter der Nahrungsmittelkunde. "Setzt sich ein wofür? Für die Abtreibung, den Marxismus oder die wilde Ehe? Eins von den Dreien ist es auf jeden Fall. Ich bin noch keinem Lehrer der Allgemeinbildung über den Weg gelaufen, der kein Spinner, Perverser oder rot glühender Revoluzzer gewesen wäre, und ein Gutteil war alles auf einmal."

"Hört, hört", sagte der Leiter des Maschinenbaus, auf dessen Drehbänken mal ein durchgeknallter Student mehrere Rohrbomben gedreht hatte.

Mr. Morris setzte sich zur Wehr. "Ich gebe zu, dass ein oder zwei Lehrer politisch ein bisschen ... äh ... übereifrig gewesen sind, aber mich ärgert die Beschuldigung, dass ..."

"Lassen wir doch das Allgemeine und kommen wir wieder auf Wilt zurück", sagte der Stellvertretende Direktor. "Sie sagten eben, er setze sich ein."

"Er braucht eine Ermunterung", sagte Mr. Morris. "Meine Güte, der Mann ist jetzt zehn Jahre bei uns und immer noch bloß Hilfslehrer."

"Genau das meine ich ja mit seinem fehlenden Schwung", sagte der Leiter der Englischabteilung. "Wenn er die Beförderung verdient hätte, wäre er mittlerweile längst Hauptlehrer."

"Ich muss sagen, ich bin derselben Ansicht", sagte der Leiter der Geografie. "Jeder, der bereit ist, sich zehn Jahre mit Gasinstallateuren und Klempnern herumzuschlagen, ist offenbar ungeeignet, einen Verwaltungsposten zu bekleiden."

"Müssen wir denn immer einzig und allein aus Verwaltungsgründen befördern?", fragte Mr. Morris müde. "Wilt ist zufällig ein guter Lehrer."

"Wenn ich nur eben eine Feststellung machen darf", sagte Dr. Mayfield, der Leiter der Soziologie, "in diesem Augenblick wird es langsam zu bedenken unumgänglich, dass angesichts der bevorstehenden Einführung des neuen Unterrichtszweiges 'Städtebau und Dichtung des Mittelalters', dessen vorläufige Genehmigung durch den Rat Nationaler Wissenschaftlicher Entscheidungen wenigstens prinzipiell in Aussicht stellen zu dürfen ich mich glücklich schätze, man besser eine stabile Lehrkörpersituation hinsichtlich

der Hauptlehrerstellen aufrechterhalten sollte, indem man die Stellen Kandidaten mit Spezialkenntnissen in besonderen Bereichen akademischer Forschung zuweist, als dass man ..."

"Wenn ich eben mal für einen Moment unterbrechen darf, ob nun zur rechten Zeit oder nicht", sagte Dr. Board, der Leiter der Modernen Fremdsprachen, "so wollen Sie damit sagen, wir sollten die Hauptlehrerstellen lieber hoch qualifizierten Spezialisten vorbehalten, die nicht unterrichten können, als Hilfslehrer ohne Doktortitel zu befördern, die es können?"

"Wenn Dr. Board mir fortzufahren gestattet hätte", sagte Dr. Mayfield, "hätte er dem entnehmen können, dass ich zu sagen im Begriff ..."

"Das bezweifle ich", sagte Dr. Board, "von ihrem Satzbau mal ganz abgesehen ..."

Und so wurde nun schon das fünfte Jahr hintereinander Wilts Beförderung vergessen. Die Berufsschule für Geisteswissenschaften und Gewerbekunde von Fenland wuchs. Immer neue Leistungskurse sprossen aus der Erde, und immer mehr Schüler mit immer weniger Voraussetzungen strömten heran, um von immer mehr Lehrern mit immer größeren Fähigkeiten unterrichtet zu werden, bis eines Tages die Berufsschule nicht mehr bloß einfach eine Berufsschule sein, sondern sich zu einer Berufsfachschule mausern würde. Das war der Traum jedes Abteilungsleiters, und dabei blieben Wilts Selbstachtung und Eva Wilts Hoffnungen auf der Strecke.Wilt erfuhr die Neuigkeit vor dem Mittagessen in der Kantine.

Leseprobe zu "Puppenmord" von Tom Sharpe

Wenn Henry Wilt den Hund zu einem Spaziergang ausführte, oder richtiger, wenn der Hund ihn ausführte, oder um genau zu sein, wenn Mrs. Wilt beiden sagte, sie sollten bloß sehen, dass sie aus dem Hause kämen, damit sie ihre Yogaübungen machen könne, schlug er stets denselben Weg ein. Das heißt, der Hund folgte dem Weg, und Wilt folgte dem Hund. Sie gingen am Postamt vorbei, über den Spielplatz, unter der Eisenbahnbrücke durch und zum Fußweg am Fluss. Eine Meile am Fluss lang, dann wieder unter der Eisenbahn durch und durch Straßen zurück, in denen die Häuser größer als Wilts halbes Doppelhaus, die Bäume und Gärten riesig und alle Autos Rovers und Mercedesse waren. Und hier verrichtete Clem, ein rassereiner Neufundländer mit Stammbaum, der sich in dieser Gegend offenbar heimischer fühlte, sein Geschäft, während Wilt dastand und sich ziemlich nervös umsah, weil er wusste, dass das nicht seine Gegend war, und er doch wollte, sie wäre es. Das war während des Spazierganges ungefähr das einzige Mal, dass er sich überhaupt seiner Umgebung bewusst wurde. Den ganzen übrigen Weg begaben sich seine Gedanken auf die Reise und schlugen Richtungen ein, die mit seinem Äußeren auf dem Weg überhaupt nichts zu tun hatten. Es war eine Reise voller Wunschträume, eine Pilgerfahrt auf den Spuren entfernter Möglichkeiten, wie zum Beispiel, dass Mrs. Wilt für immer verschwände, dass er plötzlich reich und mächtig wär, und was er täte, wenn er zum Erziehungsminister oder, besser noch, zum Premierminister ernannt würde. Zum Teil setzte sich das aus einer Reihe verzweifelter Ausflüchte zusammen, zum Teil aus einem stummen Dialog, sodass jeder, dem Wilt aufgefallen wäre (aber den meisten fiel er nicht auf), hätte bemerken können, wie sich hin und wieder seine Lippen bewegten und sein Mund sich zu einem Lächeln kräuselte, was er albernerweise für sardonisch hielt, während er Streitpunkte erörterte oder mit unglaublicher Schlagfertigkeit Gegenargumente parierte. Und auf einem dieser Spaziergänge, den er nach einem besonders aufreibenden Tag in der Berufsschule im Regen machte, kam Wilt zum ersten Mal der Gedanke, dass sich nur dann seine geheime Hoffnung erfüllen und er sein Leben selber in die Hand nehmen könne, wenn seine Frau irgendein nicht unbedingt zufälliges Unglück ereile.

Wie alles in Henry Wilts Leben war das keine plötzliche Entscheidung. Er war kein entscheidungsfreudiger Mensch. Zehn Jahre als Hilfslehrer (zweiter Klasse) an der Berufsschule für Geisteswissenschaften und Gewerbekunde von Fenland waren dafür der Beweis. Zehn Jahre saß er nun schon in der Abteilung Allgemeinbildung fest und unterrichtete klassenweise Gasinstallateure, Gipser, Maurer und Klempner. Oder hinderte sie am Schwatzen. Und zehn lange Jahre nun schon verbrachte er seine Tage damit, mit zwei Dutzend Exemplaren von 'Söhne und Liebhaber' oder Orwells 'Essays' oder 'Candide' oder 'Der Herr der Fliegen' von Klassenzimmer zu Klassenzimmer zu ziehen und sein Menschenmöglichstes zu tun, die Sensibilität von Lehrlingen, die einen Tag für die Schule frei bekamen, zu steigern - mit bemerkenswerter Erfolglosigkeit.

"Das Ausgeliefertsein an die Kultur", nannte es Mr. Morris, der Leiter der Abteilung Allgemeinbildung, aber von Wilts Warte aus erschien es ihm mehr wie sein persönliches Ausgeliefertsein an die Unkultur, und zweifellos waren die Ideale und Illusionen, die ihn in seinen jungen Jahren bei der Stange gehalten hatten, inzwischen durch seine Erfahrungen zerstört worden. Dasselbe hatten ihm zwölf Jahre Ehe mit Eva eingebracht.

Wenn die Gasinstallateure von der Gefühlsbedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen, wie sie in 'Söhne und Liebhaber' dargestellt werden, völlig unbeeindruckt und von D. H. Lawrences tiefgründigen Einblicken in die Geschlechtlichkeit des Daseins rüde amüsiert durchs Leben gehen konnten, so war Eva Wilt einer solchen Gleichgültigkeit nicht fähig. Sie kniete sich in kulturelle Aktivitäten und ihre eigene Weiterbildung mit einem Enthusiasmus, der Wilt schwer zu schaffen machte. Schlimmer noch, was sie für Kultur hielt, änderte sich von einer Woche zur anderen und kreiste einmal um Barbara Cartland und Anya Seton, ein andermal um Ouspensky, dann wiederum Kenneth Clark, öfter aber um den Lehrer der Töpfereiklasse am Dienstag oder um den Dozenten für Transzendentale Meditation am Donnerstag, sodass Wilt nie wusste, was ihn zu Hause erwartete, außer einem in Eile gekochten Abendbrot, irgendwelchen eindringlich geäußerten Ansichten über seinen mangelnden Ehrgeiz und einem halb garen intellektuellen Mischmasch, der ihn ratlos machte.

Um der Erinnerung an die Gasinstallateure als angeblich menschliche Wesen und an Eva im Lotussitz zu entfliehen, spazierte Wilt am Fluss entlang und ging dunklen Gedanken nach, die noch dunkler wurden, als ihm zu Bewusstsein kam, dass jetzt das fünfte Jahr hintereinander sein Gesuch, zum Hauptlehrer befördert zu werden, fast sicher abgelehnt werden würde und dass er, wenn er nicht bald was unternähme, den Rest seines Lebens zu Gasinstallateuren III und Gipsern II - und zu Eva - verdonnert wäre. Die Aussicht war unerträglich. Er würde entschlossen handeln. Über ihm donnerte ein Zug vorbei. Wilt beobachtete die entschwindenden Lichter und dachte über die Möglichkeit von Unfällen an unbeschrankten Bahnübergängen nach.

"Er benimmt sich im Augenblick so komisch", sagte Eva Wilt, "ich weiß gar nicht, was ich von ihm halten soll."

"Ich habe es bei Patrick aufgegeben", sagte Mavis Mottram und musterte kritisch Evas Vase. "Ich denke, ich rücke die Lupine ein Millimeterchen weiter nach links. Da steigert sie die orchestrale Wirkung der Rose. Nun die Iris hier herüber. Man muss versuchen, gewissermaßen eine hörbare Wirkung der gegensätzlichen Farben zu erzielen. Kontrapunktisch, könnte man sagen."

Eva nickte und seufzte. "Er war immer so aktiv", sagte sie, "aber jetzt sitzt er bloß im Hause rum und sieht fern. Das Einzige, wozu ich ihn noch kriege, ist, dass er mit dem Hund spazieren geht."

"Wahrscheinlich fehlen ihm Kinder", sagte Mavis, "ich weiß, bei Patrick ist es so."

"Darum haben wir ja keine", sagte Eva bitter, "weil Henry sich nicht mal dazu aufraffen kann."

"Tut mir Leid, Eva. Ich hab nicht dran gedacht", sagte Mavis und stellte die Lupine so um, dass sie sich wirkungsvoller gegen eine Geranie abhob.

"Das braucht dir nicht Leid zu tun", sagte Eva, die Selbstmitleid nicht zu ihren Fehlern zählte, "ich sollte vielleicht lieber dankbar sein. Ich meine, stell dir vor, ich hätte Kinder wie Henry. Er ist so unkünstlerisch, und Kinder sind außerdem so hinderlich. Sie beanspruchen deine ganze schöpferische Kraft."

Mavis Mottram zog weiter, um jemand anderem dabei behilflich zu sein, eine kontrapunktische Wirkung zu erzielen, diesmal mit Brunnenkresse und Stockrosen in einer kirschroten Schale. Eva fummelte mit ihrer Rose herum. Was für ein Glück Mavis hatte. Sie hatte Patrick, und Patrick Mottram war so ein aktiver Mann. Eva legte trotz ihres Riesenwuchses größten Wert auf Aktivität, Aktivität und Kreativität, sodass selbst wirklich verständnisvolle Leute, die nicht besonders leicht zu beeindrucken waren, sich nach zehn Minuten in ihrer Gesellschaft total ausgelaugt fühlten. Sie bekam es fertig, in ihrem Yogakurs sogar im Lotussitz Aktivität auszustrahlen, und ihre Versuche bei der Transzendentalen Meditation hatte jemand mit einem Dampfkochtopf unter Druck verglichen. Und mit der schöpferischen Aktivität kam die Begeisterung, diese fieberhafte Begeisterung der sichtlich unerfüllten Frau, der jede neue Idee den Anbruch eines neuen Tages verkündete und umgekehrt. Aber weil die Ideen, für die sie eintrat, banal oder ihr unverständlich waren, war die Begeisterung entsprechend kurz und half nicht, die Lücke zu füllen, die Henry Wilts Versagen in ihr Leben gerissen hatte. Während er in seiner Fantasie ein leidenschaftliches Leben führte, lebte Eva, der jegliche Fantasie abging, wirklich leidenschaftlich. Sie stürzte sich auf Dinge, Situationen, neue Freunde, Leute und Ereignisse mit einer hemmungslosen Unbekümmertheit, die den Umstand verbarg, dass sie nicht genug Gefühlsbeständigkeit besaß, um länger als einen Augenblick durchzuhalten. Als sie jetzt von ihrer Vase zurücktrat, prallte sie gegen jemanden hinter sich.

"Bitte um Entschuldigung", sagte sie und drehte sich um. Sie blickte in zwei dunkle Augen.

"Da gibt's nichts zu entschuldigen", sagte die Frau mit amerikanischem Akzent. Sie war schlank und in dem schlichten Gammellook gekleidet, der für Eva Wilts bescheidene Einkünfte nicht erreichbar war.

"Ich bin Eva Wilt", sagte Eva, die einmal in der Volkshochschule in Oakrington einen Kursus 'Wie lerne ich Leute kennen?' besucht hatte. "Mein Mann unterrichtet an der Berufsschule, und wir wohnen in der Parkview Avenue 34."

"Sally Pringsheim", sagte die Frau mit einem Lächeln. "Wir wohnen im Rossiter Grove. Wir sind zu einem Forschungssemester in Europa. Gaskell ist Biochemiker."

Eva Wilt schluckte die Unterschiede und gratulierte sich zu ihrem hellen Köpfchen wegen Sally Pringsheims Bluejeans und Wolljacke. Leute, die im Rossiter Grove wohnten, standen eine ganze Stufe über denen in der Parkview Avenue, und Gatten, die Biochemiker auf Forschungssemester waren, lehrten natürlich an der Universität. Evas Welt bestand aus solchen feinen Unterscheidungen.

"Wissen Sie, ich bin da nicht so sicher, ob ich mit einer orchestralen Rose leben könnte", sagte Sally Pringsheim. "Im Konzertsaal find ich Symphonien okay, aber in Vasen komme ich ohne aus."

Eva starrte sie mit einer Mischung aus Staunen und Bewunderung an. Mavis Mottrams Blumenarrangements offen zu kritisieren, war in der Parkview Avenue glatte Gotteslästerung. "Wissen Sie, ich wollte das auch schon immer sagen", sagte sie in einer plötzlichen Wallung von Herzenswärme, "aber ich habe mich nie getraut."

Sally Pringsheim lächelte. "Meiner Meinung nach sollte man immer sagen, was man denkt. Die Wahrheit ist für jede Beziehung von wirklicher Bedeutung so wesentlich. Ich sage G-Baby immer genau, was ich denke."

"Gee-Baby?", sagte Eva Wilt.

"Gasken, mein Mann", sagte Sally. "Nicht, dass er so ein richtiger normaler Ehemann wäre. Wir haben halt vereinbart, vorläufig zusammenzuleben. Klar, wir haben 'n Trauschein und den ganzen Quark, aber meiner Meinung nach ist es in sexueller Hinsicht wichtig, sich seine Wahlmöglichkeiten offen zu halten, nicht?"

Als Eva nach Hause kam, hatte sich ihr Wortschatz um ein paar neue Wörter erweitert. Wilt lag im Bett und tat, als ob er schliefe, aber sie machte ihn wach und erzählte ihm von Sally Pringsheim. Wilt drehte sich auf die andere Seite, versuchte weiterzuschlafen und wünschte sich beim Himmel, sie wäre bei ihren kontrapunktischen Blumensträußen geblieben. Vorläufige frei schwebende sexuelle Wahlmöglichkeiten waren gerade jetzt das Letzte, was er brauchte, und dass sie von der Frau eines Biochemikers kamen, der es sich leisten konnte, im Rossiter Grove zu wohnen, verhieß für die Zukunft nichts Gutes. Eva Wilt war von Reichtum, Geistesgaben und neuen Bekanntschaften zu leicht zu beeindrucken, als dass man ihr den Umgang mit einer Frau erlauben durfte, die meinte, die klitorale Stimulation auf orale Weise sei einfach ein Begleitumstand total emanzipierter Beziehungen, und die Gleichgeschlechtlichkeit werde sich bestimmt einbürgern. Wilt hatte schon genug Kummer mit seiner eigenen Männlichkeit, auch wenn Eva nicht verlangte, dass ihre ehelichen Rechte oral ergänzt würden. Er verbrachte eine ruhelose Nacht voller pechschwarzer Grübeleien über Unfalltodesursachen, die um Schnellzüge, unbeschrankte Bahnübergänge, ihren Ford Escort und Evas Sicherheitsgurt kreisten, dann stand er zeitig auf und machte sich selber das Frühstück. Er wollte gerade zum 9-Uhr-Unterricht der Autoschlosser III losfahren, als Eva mit verträumter Miene die Treppe herunterkam.

"Mir ist gerade was eingefallen, was ich dich gestern Abend schon fragen wollte", sagte sie. "Was heißt eigentlich 'Transsexuelle Diversifikation'?"

"Schwule Verse machen", sagte Wilt schnell und ging zum Auto hinaus. Er fuhr die Parkview Avenue hinunter und blieb im Kreisverkehr in einem Stau stecken. Er saß da und fluchte leise vor sich hin. Er war vierunddreißig und hatte seine Gaben an KFZ III und eine Frau zu vergeuden, die bildungsmäßig klar unterbelichtet war. Was aber das Schlimmste war, er musste sich eingestehen, dass Eva Recht hatte mit ihrem dauernden Gemäkele, dass er kein Mann sei. "Wenn du ein richtiger Mann wärst", sagte sie immer, "zeigtest du mehr Willensstärke. Du musst entschieden auftreten."

Wilt trat in dem Kreisverkehr entschieden auf und kriegte Krach mit einem Mann in einem Minibus. Wie üblich schnitt er als Zweiter Sieger ab.

"So wie ich das Problem mit Wilt sehe, fehlt es ihm an Schwung", sagte der Leiter der Englischabteilung, selbst ein schwungloser Mann mit der Neigung, Probleme mit einer gewissen Doppeldeutigkeit zu betrachten und zu lösen, die seinen angeborenen Mangel an Autorität ausglich.

Die Beförderungskommission nickte nun schon das fünfte Jahr hintereinander einstimmig mit den Köpfen.

"Es mag ihm ja an Schwung fehlen, aber er setzt sich doch ein", sagte Mr. Morris, der sich wieder sein alljährliches Rückzugsgefecht zu Gunsten von Wilt lieferte.

"Setzt sich ein?", schnaubte der Leiter der Nahrungsmittelkunde. "Setzt sich ein wofür? Für die Abtreibung, den Marxismus oder die wilde Ehe? Eins von den Dreien ist es auf jeden Fall. Ich bin noch keinem Lehrer der Allgemeinbildung über den Weg gelaufen, der kein Spinner, Perverser oder rot glühender Revoluzzer gewesen wäre, und ein Gutteil war alles auf einmal."

"Hört, hört", sagte der Leiter des Maschinenbaus, auf dessen Drehbänken mal ein durchgeknallter Student mehrere Rohrbomben gedreht hatte.

Mr. Morris setzte sich zur Wehr. "Ich gebe zu, dass ein oder zwei Lehrer politisch ein bisschen ... äh ... übereifrig gewesen sind, aber mich ärgert die Beschuldigung, dass ..."

"Lassen wir doch das Allgemeine und kommen wir wieder auf Wilt zurück", sagte der Stellvertretende Direktor. "Sie sagten eben, er setze sich ein."

"Er braucht eine Ermunterung", sagte Mr. Morris. "Meine Güte, der Mann ist jetzt zehn Jahre bei uns und immer noch bloß Hilfslehrer."

"Genau das meine ich ja mit seinem fehlenden Schwung", sagte der Leiter der Englischabteilung. "Wenn er die Beförderung verdient hätte, wäre er mittlerweile längst Hauptlehrer."

"Ich muss sagen, ich bin derselben Ansicht", sagte der Leiter der Geografie. "Jeder, der bereit ist, sich zehn Jahre mit Gasinstallateuren und Klempnern herumzuschlagen, ist offenbar ungeeignet, einen Verwaltungsposten zu bekleiden."

"Müssen wir denn immer einzig und allein aus Verwaltungsgründen befördern?", fragte Mr. Morris müde. "Wilt ist zufällig ein guter Lehrer."

"Wenn ich nur eben eine Feststellung machen darf", sagte Dr. Mayfield, der Leiter der Soziologie, "in diesem Augenblick wird es langsam zu bedenken unumgänglich, dass angesichts der bevorstehenden Einführung des neuen Unterrichtszweiges 'Städtebau und Dichtung des Mittelalters', dessen vorläufige Genehmigung durch den Rat Nationaler Wissenschaftlicher Entscheidungen wenigstens prinzipiell in Aussicht stellen zu dürfen ich mich glücklich schätze, man besser eine stabile Lehrkörpersituation hinsichtlich

der Hauptlehrerstellen aufrechterhalten sollte, indem man die Stellen Kandidaten mit Spezialkenntnissen in besonderen Bereichen akademischer Forschung zuweist, als dass man ..."

"Wenn ich eben mal für einen Moment unterbrechen darf, ob nun zur rechten Zeit oder nicht", sagte Dr. Board, der Leiter der Modernen Fremdsprachen, "so wollen Sie damit sagen, wir sollten die Hauptlehrerstellen lieber hoch qualifizierten Spezialisten vorbehalten, die nicht unterrichten können, als Hilfslehrer ohne Doktortitel zu befördern, die es können?"

"Wenn Dr. Board mir fortzufahren gestattet hätte", sagte Dr. Mayfield, "hätte er dem entnehmen können, dass ich zu sagen im Begriff ..."

"Das bezweifle ich", sagte Dr. Board, "von ihrem Satzbau mal ganz abgesehen ..."

Und so wurde nun schon das fünfte Jahr hintereinander Wilts Beförderung vergessen. Die Berufsschule für Geisteswissenschaften und Gewerbekunde von Fenland wuchs. Immer neue Leistungskurse sprossen aus der Erde, und immer mehr Schüler mit immer weniger Voraussetzungen strömten heran, um von immer mehr Lehrern mit immer größeren Fähigkeiten unterrichtet zu werden, bis eines Tages die Berufsschule nicht mehr bloß einfach eine Berufsschule sein, sondern sich zu einer Berufsfachschule mausern würde. Das war der Traum jedes Abteilungsleiters, und dabei blieben Wilts Selbstachtung und Eva Wilts Hoffnungen auf der Strecke.Wilt erfuhr die Neuigkeit vor dem Mittagessen in der Kantine.

Kundenbewertungen zu "Puppenmord" von "Tom Sharpe"

4 Kundenbewertungen (Durchschnitt 4 von 5 Sterne bei 4 Bewertungen ***** sehr gut)
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(1)
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Bewertung von Kojack aus NRW am 06.02.2011 ***** schlecht
Hat mir überhaupt nicht gefallen. Ich bin nicht prüde, aber dies ist ein typisch englisches Werk: plumpeste Fäkalausdrücke gepaart mit üblicher Nazi-Sprache (immer wieder "vergasen") reihen sich aneinander. Prinz Harry wird diesen Mist lieben. Ich nicht. Die an sich schöne Idee der Handlung verkommt zu platten Sätzen.

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Bewertung von txstrasser am 23.12.2004 ***** ausgezeichnet
Humoristen aufgepaßt - Ihr krümmt euch vor Lachen, das ist das Beste was ich bisher gelesen habe - so wie die anderen Sharpe´s auch !!!

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Bewertung von Gerd am 03.02.2002 ***** ausgezeichnet
Mit dem Puppenmord fing alles an ...
Wer dieses Buch gelesen hat (die Verfilmung kann man vergessen), der rollt sich zunächst vor Lachen auf dem Boden - und dann liest er alle anderen Sharpes! Eines der lustigsten Bücher aller Zeiten!

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Bewertung von Herold aus Karlstein am 30.06.2001 ***** ausgezeichnet
Super gut, man kommt aus dem Lachen kaum heraus.

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