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Rezensionen
Besprechung von 19.06.2006
Schachmatt
Gruß an Hulk: Philipp Blom überfrachtet seinen Roman

Vielleicht hat Philipp Blom an Neverland gedacht, als er seinen neuen Roman begann: James Matthew Barries Reich der ewigen Kindheit, wo Feen, Seeräuber und Indianer locken und die "Lost Boys", angeführt von Peter Pan, gegen Captain Hook kämpfen. Denn Bloms Ich-Erzähler, ein Lehrer in den Dreißigern, fühlt sich wie ein großer verlorener Junge, der die verwunschene Abenteuerwelt gegen das gewöhnliche Leben eingetauscht hat. Unzufrieden mit seinem Beruf und von der Liebe enttäuscht, erinnert er sich an seine Jugendträume, in denen er ein Filmheld war, ein Pirat oder gar Hulk, jener kleine Angestellte, "der so aussah, wie ich heute aussehe, und den jede Ungerechtigkeit in einen unheimlich brüllenden grünen Supermann verwandeln konnte".

Nach einem Unfall lernt er im Krankenhaus den Ungarn Kertesz kennen, einen genialen Schachspieler, der für ihn zum Führer ins Zauberland wird. Dieses verbirgt sich hinter der Eingangstür des "Luxor", eines kleinen Lichtspielhauses, das für Alltagsmenschen unsichtbar ist. Dort wird unser namenloser Held in den Film in seinem eigenen Kopf versetzt, darf endlich das Krummschwert schwingen, Sarazenen bezwingen, Sklavinnen befreien, als Freibeuter die Weltmeere unsicher machen und wird noch dazu von einem dankbaren Publikum verehrt. Wie in Neverland geschieht in diesem Traumkino, woran man glaubt. Hinter der Kulisse der Wirklichkeit scheinen Ruhm, Nervenkitzel und die Verlockungen unbürgerlicher Liebe durch. Am Ende fegt der Protagonist nicht nur seinen Lehrmeister vom Schachbrett, sondern landet auch noch mit der Schülerin Eve auf dem Bärenfell. Dem Leser kann es egal sein, ob der Held gerade durch reale oder erträumte Welten reist, die Grenzen verschwimmen mehr und mehr. Blom spürt dem nach, was unter der Oberfläche des Erwachsenendaseins immer wieder aufbricht, an ihr nagt wie verborgene Wasseradern, die irgendwann ihren Weg durch das nur scheinbar stabile Fundament finden. Sein Buch ist ein subtiler Aufruf zu Subversion und Totalopposition, seine Botschaft, daß Müßiggang, nutzloses Spiel und produktiver Schlendrian die Welt humaner und poetischer machen. Der Eskapismus seines Helden läßt sich auch als eine Verbeugung vor Phantasie und Leidenschaft lesen. Wäre da nicht dieser feine Haarriß im Schädel, den sich sein Protagonist bei dem Unfall zugezogen hat. Ist der Träumer also ein Kranker? Vielleicht ist es klug, daß Blom diese Frage offenläßt, vielleicht aber auch schade. Denn ein Traum, der in Erfüllung geht, ist erledigt, ein utopischer Ort, an dem man sich zu lange aufhält, entpuppt sich als statisch. Dem muß sich der Autor nicht stellen: Während das Leben weitergehen muß, kann ein Roman aufhören, bevor es langweilig wird.

Den Figuren haftet mit ihren phantasierten Abenteuern und Leidenschaften die Kälte eines gedanklichen Entwurfs an, als wären sie Teilnehmer einer Versuchsanordnung. Dennoch hätte "Luxor" ein schönes Buch werden können, wenn man ihm den letzten Schliff gegönnt hätte und ein umsichtiges Lektorat Patzer und Schlampereien ausgebügelt hätte: "Dann, so dachte ich mir, stünde meinem Interesse für sie ethisch nichts mehr im Wege."

Der 1970 in Hamburg geborene, in Paris lebende Romancier, der zuletzt in "Das vernünftige Ungeheuer" die Geschichte von Diderots großer Enzyklopädie erzählte, schrieb vorher meistens auf englisch, das merkt man manchen Satzkonstruktionen an. So ist die reizvolle Geschichte vom Traumkino in allzu grobe Formen gefaßt. Da sucht jemand nach dem echten Leben im falschen und findet es weder hier noch dort.

ANDREA NEUHAUS

Philipp Blom: "Luxor". Roman. Tisch 7 Verlagsgesellschaft, Köln 2006. 175 S., geb., 14,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Die Rezensentin Andrea Neuhaus mochte Philipp Bloms "reizvolle" Geschichte, in der der Ich-Erzähler sich in eine jugendliche Traumwelt zurückzieht. Nach einem Unfall erlebt der Protagonist als Filmheld eine Menge Abenteuer und führt dadurch ein Leben als Pirat und Supermann, das er sich als Kind immer gewünscht hat. Allmählich vermischt sich auch für den Leser die Grenze zwischen Fantasie und Realität, was die Rezensentin überhaupt nicht schlimm findet, im Gegenteil: Bloms Buch sei "ein subtiler Aufruf zu Subversion und Totalopposition", meint Neuhaus. Der Autor löse die Frage, ob die Geschichte nur im verletzten Kopf des Protagonisten geschieht, nie auf. Die Rezensentin bedauert dies, weil damit das Buch etwas an Substanz verliert und wie eine "Versuchsanordnung" wirkt. Tadel empfängt auch das Lektorat, das es versäumt hat, die manchmal allzu ungelenken Satzkonstruktionen des bisher auf Englisch publizierenden Blom zu glätten.

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