 | Besprechung von 17.08.2010 |
Köderfisch
Roberto Bolaños „Lumpenroman“ erzählt von einer räudigen Jugend und
vom Erwachsenwerden als Höllenfahrt
Die einzige Bianca, die in die Literaturgeschichte eingegangen ist,
hat drei kurze Auftritte in Shakespeares Tragödie „Othello“. Diese
Bianca ist räudige Hure und große Liebende zugleich, vereint also
Treue und Treulosigkeit in sich. Jetzt gilt es, eine neue Bianca
kennenzulernen, und auch diese Bianca ist Weltliteratur. Und
treulos-treu wie ihr Vorbild. Die Ich-Erzählerin aus Roberto
Bolaños nachgelassenem „Lumpenroman“ („Una novelita lumpen“), der
jetzt auf Deutsch erscheint, macht sich die sexuelle Hörigkeit der
Männer zunutze, um sich von ihnen zu befreien.
Shakespeares Bianca ist eine betrogene Betrügerin, Bolaños
allenfalls eine betrügerische Betrogene, obwohl sie sich selbst
eine „Kriminelle“ nennt, eine „Ratte“, einen „Maulwurf“ oder einen
„Köderfisch“. Denn auf die Frage, welcher Fisch sie gerne wäre,
wenn sie ein Fisch sein könnte, antwortet Bianca: „Einer von denen,
die man als Köder verwendet“. Die Frage steht in einem Fragebogen
aus einer der Frauenzeitschriften, die in dem …
Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension
Rezensentin Cristina Nord zeigt sich sehr angetan von Roberto Bolanos "Lumpenroman", dem letzten Werk des 2003 verstorbenen chilenischen Schriftstellers. Dessen Talent, mit klaren Worten eine diffuse, undurchschaubare Atmosphäre zu erzeugen - sie spricht von einer "paradoxen Gabe" -, kommt auch hier wieder zum Tragen. So bleibt für sie auch im vorliegenden Roman unklar, was es eigentlich mit der Beziehung der jungen, haltlosen Bianca, die sich und ihren Bruder nach dem Tod der Eltern über Wasser halten muss, zum einstigen Bodybuilder und Filmstar Maciste auf sich hat, den sie regelmäßig besucht, um einen vermuteten Tresor in dessen Haus auszukundschaften. Nord findet aber eine Vielzahl von Anspielungen und Verweisen auf Mythen, Märchen und andere literarische Werke. Allerdings scheint ihr das Werk weniger aus- und abschweifend wie etwa Bolanos Roman "2666". Gleichwohl birgt das Buch nach Einschätzung von Nord "nicht weniger Könnerschaft im scheinbar fühllosen Vermessen moralischer Grauzonen".
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 | Besprechung von 28.11.2010 |
14. Der Blinde und das MädchenErst diese Woche wurde bekannt, dass es von Roberto Bolaño, dem vor sieben Jahren viel zu früh gestorbenen großen chilenischen Schriftsteller noch einen neuen Roman geben wird. Damit hatte nun wirklich niemand gerechnet - bis auf seine Witwe vielleicht, Carolina López, die, als ihr Ehemann starb, ein Arbeitszimmer in chaotischem Zustand vorgefunden hatte: Manuskripthaufen und Ordner, Notizen und Schreibmaschinenabschriften seiner eigenen PC-Dateien türmten sich hier. Es war das Gegenteil von Ordnung.
Carolina López war es nun, die im allmählich sich lichtenden Dickicht das 300 Seiten umfassende Manuskript von "Los sinsabores del verdadero policía" ("Die Unannehmlichkeiten des echten Polizisten") gefunden hat, das sich, wie der Leiter des Anagrama-Verlags, Jorge Herralde, diese Woche gegenüber "El País" versprach, "auf demselben Niveau wie das Meisterwerk ,2666'" bewege und in dem zwei Figuren aus "2666" sogar wieder auftauchen sollen. 13 Jahre lang soll Bolaño an diesem bisher unbekannten Buch gearbeitet haben. Es entstand in der Zeit zwischen seinem Roman "Die wilden Detektive" und "2666". So schön kann Unordnung …
"Roberto Bolanos "Lumpenroman" erzählt von einer räudigen Jugend und vom Erwachsenwerden als Höllenfahrt. Bianca beschreibt das Lebensgefühl heutiger Jugendlicher in Italien, in einer kranken, kaputten Gesellschaft. Diese Bianca ist Weltliteratur. Bolanos unvollendetes Werk umgibt die schmerzhafte Schönheit eines Torsos. Ein Wunder ist jeder Fund, mit dem Bolano aufs Neue berückt." Christopher Schmidt, Süddeutsche Zeitung, 17.08.10 "All denjenigen als hervorragender Einstieg in sein Werk empfohlen, die sich an "2666" noch heranwagen wollen." Björn Gauges, Fuldaer Zeitung, 28.08.10 "Es gibt Romane, die schlechterdings alles Essenzielle der vergangenen Jahrtausende verweben: die Mythen der Antike, die christliche Weltschöpfung, die ewigen Gegensätze von Helligkeit und Dunkelheit, von Glück und Schmerz, Aufklärung und Barbarei, Reinheit und Schuld. Roberto Bolano ist dieses Kunststück auf nur 110 Seiten gelungen: ein kleiner, teuflischer Roman über den Himmel." Adam Soboczynski, Die Zeit, 26.08.10 "Zwischen Märchen und Porno, Krimi und Asphaltliteratur, Sozialkritik und Metaphysik, Parabel und Satire schillert der Text, in dem sich die junge Ich-Erzählerin Bianca rückblickend an die Einsamkeit und die Leere ihrer Teenager-Jahre erinnert." Andreas Breitenstein, Neue Zürcher Zeitung, 31.08.10
"Roberto Bolanos "Lumpenroman" erzählt von einer räudigen Jugend und vom Erwachsenwerden als Höllenfahrt. Bianca beschreibt das Lebensgefühl heutiger Jugendlicher in Italien, in einer kranken, kaputten Gesellschaft. Diese Bianca ist Weltliteratur. Bolanos unvollendetes Werk umgibt die schmerzhafte Schönheit eines Torsos. Ein Wunder ist jeder Fund, mit dem Bolano aufs Neue berückt." Christopher Schmidt, Süddeutsche Zeitung, 17.08.10 "All denjenigen als hervorragender Einstieg in sein Werk empfohlen, die sich an "2666" noch heranwagen wollen." Björn Gauges, Fuldaer Zeitung, 28.08.10 "Es gibt Romane, die schlechterdings alles Essenzielle der vergangenen Jahrtausende verweben: die Mythen der Antike, die christliche Weltschöpfung, die ewigen Gegensätze von Helligkeit und Dunkelheit, von Glück und Schmerz, Aufklärung und Barbarei, Reinheit und Schuld. Roberto Bolano ist dieses Kunststück auf nur 110 Seiten gelungen: ein kleiner, teuflischer Roman über den Himmel." Adam Soboczynski, Die
 | Besprechung |
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Bianca und ihr Bruder stehen am Anfang ihrer Pubertät, als ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen. Auf einen Schlag ist ihre Kindheit vorbei. Schon bald verlassen beide die Schule und gehen jobben, da die Rente des Vaters nicht zum Leben reicht. Den Rest der Zeit verbringen sie bei Quiz-Shows und Pornos vor dem Fernseher. Als der Bruder zwei dubiose Freunde aus dem Fitnessstudio mitbringt, die sich im Elternschlafzimmer einnisten, verliert Bianca nicht nur ihre Unschuld, sondern allmählich auch jeglichen Bezug zum "rechten Weg". Schließlich prostituiert sie sich bei Maciste, einem blinden Ex-Bodybuilder und Schauspieler, um heimlich dessen Tresor zu knacken. Und was vielleicht das schlimmste ist: Niemand im Umfeld der Geschwister scheint sich für ihre Situation zu interessieren."Lumpenroman" ist das letzte Werk des 2003 verstorbenen Roberto Bolaño, der zu den größten literarische Entdeckungen des letzten Jahrzehnts gezählt wird. Mit karger, knapper Sprache, beizeiten durchsetzt von blumig-poetischen Einschüben, zeichnet er eine beklemmende Traurigkeit und Lethargie, die den Leser mit der Ich-Erzählerin fühlen lassen. So ist "Lumpenroman" ein eindringliches Bild von der Perspektivlosigkeit allein gelassener Jugendlicher. (ve)
"Die gelungene Umsetzung einer tragisch fesselnden Erzählung in ein ebenso fesselndes Hörerlebnis"
"Die gelungene Umsetzung einer tragisch fesselnden Erzählung in ein ebenso fesselndes Hörerlebnis"
Roberto Bolaño wurde 1953 in Santiago de Chile geboren. Mit 13 zog die Familie nach Mexiko City, wo er das Leben eines wilden Poeten führte. 1973 kehrte nach einer langen Busreise nach Chile zurück, um Allende zu unterstützen, geriet ins Gefängnis und kam erst nach Monaten nach Mexiko zurück. Später beginnt er in Spanien mit dem Schreiben von Romanen, um seine Familie durchzubringen. 2003 starb er, als er auf eine Lebertransplantation wartete und gerade an seinem Meisterwerk 2666 arbeitete.