Produktdetails
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  • Verlag: dtv
  • 2001
  • ISBN-13: 9783423242325
  • ISBN-10: 3423242329
  • Best.Nr.: 08982643
Rezensionen
"Christian Nürnbergers sehr lesbare und lesenswerte Abrechnung."'Süddeutsche Zeitung'

"Ein polemisches, aufregendes und widerspenstiges Buch, das zwar apodiktisch, aber nie rechthaberisch und äußerst geistreich ist und dessen Denkanstöße man sich nicht nur zu Herzen nehmen, sondern auch in der Praxis umsetzen sollte."'forum'

"Nürnberger hat ein leidenschaftliches und, wenn zum Glauben er Zweifel gehört, auch ein eigenartig frommes Buch geschrieben. Es ist, wie immer wenn Emotionen im Spiel sind, nicht in gesetztem Ton gehalten und manches mag als nicht zu Ende gedacht erscheinen. Letztlich staunt man aber über die Erwartungen, die Nürnberger dennoch mit seiner Kirche verbindet. Allerdings: um diese Erwartungen auch einzulösen, hilft eine kritisch distanzierte Haltung wenig. Vermutlich werden Autor wie Leser den eigenen Erwartungen ein Stück näher rücken, wenn die distanzierende Frage des Titels "Kirche, wo bist du?" zurück verwandelt würde in die biblische Ausgangsfrage "Adam, wo bist du?"" Deutsches Pfarrer Blatt

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Lesbar und lesenswert sei dieses Buch nicht wegen seiner Antworten, sondern um der Fragen willen, die es bohrend stelle. So formuliert Edo Reents seinen Lektüreeindruck. Reichlich ausgestattet mit polemischem Talent stelle der Autor die nicht eben neue Diagnose einer allgemeinen Orientierungslosigkeit und Glaubenskrise, allerdings "mit beachtlicher Schärfe". Besonders reizvoll findet der Rezensent das ironische Verhältnis des Autors zu seinem Gegenstand. Der ironische Blick auf die Welt als Lösungsvorschlag für ein korrumpiertes Christentum, wie ihn das Buch bereithält, interessiert Reents indes weniger, denn das wäre ja eine Antwort.

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Besprechung von 17.02.2001
Lesetipp zum Wochenende
Die Dienstleister Gottes und die Hölle für unschuldige Instrumente
Überall und nirgendwo: „Kirche, wo bist du?” – Christian Nürnberger auf der Suche nach dem Christentum
„Wo warst Du Nero”, fragte Wiglaf Droste vor einigen Jahren, „und vor allem: Wo waren Deine hungrigen Löwen, als Ende Mai 1990 die Katholiken in Berlin einfielen und in vielfacher Divisionsstärke durch die Rabatten trampelten? Als sie tagelang ungebeten wehrlose Ungläubige anfrömmelten und selig-duselig in sich hinein- und in die Welt hinausstrahlten? Als, bunt wie die kleine Welt von Benetton, mit Brotschuh und Sandale am Fuß, dem lila Dreieckstuch um den Hals und dem meist glockenrockumwogten Der-reicht-auch-für-zwei-Hintern, ihre Frauen mit sakralem Singsang den weniger abergläubischen Bewohnern dieser Erde einen Vorgeschmack der Hölle zelebrierten” Als die ,Kritischen‘ unter ihnen Kabarett aufführten und Kolping-Opern verbrachen, als Gruppen, die ,Ein Stück weit‘ oder ,Steine weinen‘ heißen, unschuldige Instrumente folterten?”
Dass Nero seine Löwen je auf Kirchentagsbesucher gehetzt hätte, ist nicht bekannt. Wiglaf Droste ist ein Polemiker, der noch in der cholerisch-zugespitztesten Form auf der Suche nach etwas ist, dessen Verschwinden nicht nur er beklagt: Ideologie, Fundamentalismus, etwas, das – jawohl! – einst Helmut Kohl anlässlich der Ernennung des damals noch als Finanzminister agierenden Gerhard Stoltenberg zum Verteidigungsminister einen „klaren Kompass” nannte, den dieser, Gerhard Stoltenberg, eben habe.
Einen klaren Kompass – wer hat den heute schon? Die Kirche offensichtlich nicht, sonst hätte der polemisch gleichfalls reichlich talentierte Mainzer Publizist Christian Nürnberger wohl kein ganzes Buch geschrieben: „Kirche”, fragt er, „wo bist du?” Überall und nirgendwo, lautet die unbefriedigende, aber eben leider wohl zutreffende Antwort: In einer von Wirtschaftsinteressen nicht nur restlos beherrschten, sondern auch korrumpierten Welt gibt es kein Christentum mehr, jedenfalls keines, das nicht vom Ökumene-Gedanken wie auch von einer falsch verstandenen Weltlichkeit verwässert wäre: „Wenn die Kirche anfängt, sich als Dienstleister zu betrachten, darf sie sich nicht wundern, dass ihre Mitglieder anfangen, sich wie Kunden zu verhalten. ” Oder ist es nicht doch umgekehrt? „Kunden”, so Nürnberger, „handeln ökonomisch. ” Glaube ist jedenfalls nicht umsonst zu haben. Und Glaube – dies an die Adresse der Verfechter einer unverbindlichen Beliebigkeit – ist auch keine Privatsache.
Die Diagnose einer allgemeinen „Orientierungslosigkeit” und auch „Glaubenskrise” ist nicht sonderlich originell, aber sie ist triftig und muss immer wieder einmal ausgesprochen werden. Und Nürnberger tut das mit beachtlicher Schärfe, obwohl sein Pamphlet „letztlich ein Buch im Geist des Christentums” ist, wie er behauptet. Ob das in allen Punkten zutrifft, ist genauso wenig die Frage, wie der „Plan” von Interesse ist, den Nürnberger in den hinteren Passagen aufstellt – als Lösungsvorschlag für eine, soviel steht für ihn fest, tief in der Krise steckende christliche Kirche insgesamt.
Hier schreibt einer, der nicht an das Christentum glaubt, der es aber ernst und streckenweise auch beim Wort nimmt – immer auf der Suche nach einer verlorenen Moral. Das ist nicht der schlechteste Beobachtungsposten für jemanden, der ein Schreckgespenst in besonders kräftigen Farben malt: die McKinseyisierung einer Institution, die sich auf die Grundlagen einer ja auch geistig-moralischen Welt erst wieder besinnen müsste, bevor sie sich auf diese Welt einlässt. Leise empfiehlt er dabei, was er – und das macht den paradoxen Reiz seiner oftmals überspitzenden Auslassungen aus – auch selbst zu pflegen scheint: ein ironisches Verhältnis zur Welt, die er, in Anlehnung an Peter Glotz, tief in den digitalen Kapitalismus versunken sieht.
Christian Nürnbergers sehr lesbare und lesenswerte Abrechnung ist, abgesehen von ihrem stellenweise offensichtlich nicht bezähmbaren privaten Mitteilungsdrang, ein Buch, das nicht unbedingt um der Antworten willen interessant ist, sondern um der Fragen willen, die es bohrend stellt.
EDO REENTS
CHRISTIAN NÜRNBERGER: Kirche, wo bist du? Deutscher Taschenbuch Verlag München 2000, 310 Seiten, 28 Mark.
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Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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