Leseprobe zu "In Asien" von Tiziano Terzani
Wie alles anfing
Journalist bin ich geworden, weil ich bei jedem Wettlauf grundsätzlich als Letzter ins Ziel kam. Damals besuchte ich in Florenz das Gymnasium und wollte partout bei jedem Laufwettbewerb mitmachen, der draußen in Cascine stattfand. Erfolg hatte ich mit meinen sportlichen Bemühungen nicht, abgesehen davon, dass ich damit bei meinen Kameraden wahre Heiterkeitsstürme auslöste. Eines Tages nun, ich durchlief gerade die Ziellinie, während das Publikum schon längst auf dem Heimweg war, kam ein etwa dreißigjähriger Herr auf mich zu und sagte: "Du bist Abiturient? Also, wenn du schon unbedingt bei solchen Wettkämpfen mitmischen willst, dann schreib doch lieber drüber." Das war meine erste Begegnung mit einem Journalisten, dem ich mit meinen sechzehn Jahren auch gleich meinen ersten Job verdankte: Ich wurde Sportjournalist für das Giornale del mattino, eine Florentiner Tageszeitung. Zuerst berichtete ich über Laufwettbewerbe, wechselte dann zum Radsport und landete schließlich beim Fußball. Am Sonntag ging ich nicht zu den diversen Tanzvergnügen, sondern tuckerte mit meiner Vespa 98 durch die Toskana, von Dorf zu Dorf und von Städtchen zu Städtchen.
"Macht Platz, da kommt unser Journalist!", riefen die Veranstalter, sobald sie mich kommen sahen. Ich war noch grün hinter den Ohren, und von Sport verstand ich wenig bis gar nichts. Aber vielleicht gerade deswegen bekam ich immer einen guten Platz auf den vordersten Rängen und am nächsten Tag eine Spalte für mein Artikelchen auf dem rosaroten Papier der Florentiner Zeitung - lange Beschreibungen, kurze Resümees, aber mein Name stand darüber. Diese zwei Dinge, die eigentlich Privilegien sind, haben mir zeit meines Lebens viel bedeutet. Der Beruf des Journalisten, der für mich zur Lebensform geworden ist, hat mich vor allem deshalb fasziniert, weil er mir die Möglichkeit gab, bei wichtigen Ereignissen immer in vorderster Linie zu stehen, jedermann die unmöglichsten Fragen zu stellen, den Mächtigen auf die Finger zu sehen und hinterher darüber zu berichten.
Dieses "Macht Platz, da kommt der Journalist" habe ich immer wieder vernommen, in den verschiedensten Ländern und in den verschiedensten Sprachen. Es hat mir Türen zu Räumen geöffnet, in denen Geschichte geschah, die meist traurige Geschichte meines Jahrhunderts. Ich war Augenzeuge sinnloser Kriege, fand mich vor Massengräbern wieder, in denen man die Toten grauenvoller Massaker verscharrt hatte, warf meinen Blick in menschenunwürdige Gefängnisse und auf weich gepolsterte Diktatorensessel. Stets hatte ich dabei das Gefühl, mit meinen Berichten eine Mission erfüllen zu müssen, für die Leser, die sich nicht selbst vor Ort ein Bild machen konnten, Auge, Ohr, Nase und Herz zu sein. Und nicht nur für die Leser.
Sicher, einerseits stimmt das Sprichwort: "Mit der Zeitung von gestern kannst du nur die Fische einwickeln." Andererseits aber ist es genauso richtig, dass der Journalismus an den Wurzeln der Geschichte steht. Und dieser Verantwortung war ich mir immer bewusst. Aus ihr speist sich mein Respekt für das Detail, mein Bemühen, Fakten, Zahlen und Namen so präzise wie möglich wiederzugeben. Wenn die Versatzstücke eines bestimmten Ereignisses, dessen Zeuge man war, nicht den Fakten entsprechen, wie soll dann das Puzzle, das jemand aus diesen Stücken zusammensetzt, ein richtiges Bild ergeben?
Damit will ich natürlich nicht behaupten, dass die folgenden Seiten frei sind von Irrtümern. Ich möchte nur deutlich machen, dass ich mein Möglichstes getan habe, um korrekt Bericht zu erstatten. Und dass ich nie etwas erfunden habe, um fehlende Informationen zu kaschieren oder die Story noch etwas aufzupeppen. Einige der folgenden Artikel sind schnell und unter großem Termindruck entstanden, bei anderen hatte ich Tage und Wochen Zeit für Recherchen und konnte mir alles gründlich durch den Kopf gehen lassen.
Ein paar präsentieren nur geschichtliche Fakten, andere wiederum bedienen sich ebendieser Fakten, um ein umfassenderes Bild einer Situation oder eines Landes zu zeichnen. Alle aber haben Asien zum Thema, denn Asien ist seit mehr als 25 Jahren die Bühne meines Vagabundenlebens.
Weshalb Asien? Zunächst einmal zog es mich dorthin, weil es weit weg war und weil mir schien, dass es dort noch einiges zu entdecken gab. Ich war auf der Suche nach dem "Anderen", nach einer Welt, die ich nicht kannte. Ich wollte Ideen, Menschen, Geschichten nachspüren, die ich nur aus Büchern kannte. Ich fing an, Chinesisch zu lernen, weil ich in China leben und den Maoismus höchstpersönlich kennenlernen wollte. Ich nahm einen Posten als Kriegsberichterstatter an, weil ich das Gefühl hatte, dass das, was damals in Vietnam vorging, mich direkt betraf. Danach entwickelten sich die Dinge fast von selbst, einschließlich der Wahl jener Länder, in denen wir leben wollten. Wir trafen solche Entscheidungen als Familie und immer, weil das fragliche Land uns interessierte, nie, weil man mich dorthin schickte oder weil "es sich anbot".
Der Vorteil des Journalistendaseins - im Vergleich zu einer Diplomatenexistenz zum Beispiel - liegt in seiner Ungebundenheit. Man ist nicht nur frei zu sagen, was man will, man kann auch den Arbeitgeber wechseln, wenn man mit den Arbeitsbedingungen nicht mehr einverstanden ist. Ein Botschaftsangestellter, der von einer Hauptstadt in die andere versetzt wird, kann nicht einfach sagen: "Nein, ich bleibe hier und vertrete ein anderes Land." Als Journalist hingegen kann man in einem solchen Fall die Zeitung wechseln. Ich hatte in dieser Hinsicht Glück. Ohne mir einen neuen Herausgeber suchen zu müssen, konnte ich immer dort leben, wo ich wollte: von 1971 bis 1975 in Singapur, von 1975 bis 1979 in Hongkong, von 1979 bis 1984 in China, danach wieder ein Jahr in Hongkong, von 1985 bis 1990 in Japan, danach vier Jahre in Thailand und seit 1995 in Indien.
Das lag daran, dass ich den richtigen Verleger gefunden hatte: Rudolf Augstein, Gründer und Herausgeber des Spiegel, der mir 1971, amüsiert vielleicht von diesem seltsamen "Gastarbeiter", der ihn da um Arbeit bat, anbot, zuerst als "Springer" und einige Monate danach als Auslandskorrespondent für sein Blatt zu arbeiten. Seit dieser Zeit war ich ein "deutscher Journalist". Dabei hatte ich durchaus versucht, für italienische Zeitungen zu schreiben, aber wie mit meinen läuferischen Ambitionen hatte ich damit keinen Erfolg gehabt. In den siebziger Jahren hatte kein einziges italienisches Blatt einen Auslandskorrespondenten in Asien und sah hierzu auch keine Notwendigkeit.
Dass ich in einer Sprache schreiben musste, die nicht die meine war, und für Leser, die ich nicht kannte, belastete mich manchmal. Daher sandte ich hin und wieder auch Artikel an italienische Zeitungen. Ich schrieb für Il Giorno, Il Messaggero, für den Espresso, die Repubblica und seit 1989 immer wieder für den Corriere della Sera. Die Tagebücher allerdings, aus denen später meine Bücher wurden, schrieb ich in Italienisch.
Die hier versammelten Artikel sind journalistische Arbeiten aus den letzten 25 Jahren, die in drei verschiedenen Sprachen entstanden sind - in Deutsch, Englisch und Italienisch. Ich habe mir erlaubt, daran nichts zu verändern. Die älteren Artikel erscheinen in der Form, wie ich sie als Telex an den Verlag geschickt habe, die jüngeren so, wie sie auf der Festplatte meines Computers gespeichert waren.In letzter Zeit heißt es immer häufiger, das Aufkommen der elektronischen Arbeitsmittel habe das journalistische Handwerk verändert, der Sensationsjournalismus untergrabe die ethischen Grundsätze unseres Berufes und Leute wie ich, die sich vor Ort auf die Suche nach ihrem Körnchen Wahrheit machen, gehörten zu einer aussterbenden Zunft. Das ist wahr, und ich bedauere das. 1993 zum Beispiel zeigte ich in einer Aufwallung von Zorn einen italienischen Kollegen beim Presserat an, weil er eine Serie von offenkundig falschen Artikeln veröffentlicht hatte.