Leseprobe zu "Immer geradeaus" von Landolf Scherzer
Von meiner Flucht vor den Ratten im Weinkeller, einem arbeitslosen Kroaten, der in seiner Wohnstube auf Ferrari Rennen in São Paulo fährt, und einer alten Serbin, die mich vor einer »betrügerischen, schlechten Frau« bewahrt (S. 67-68)
Hinter Vinogradi steigt die Straße – zum erstenmal auf der Tour – leicht an. Ich laufe zu den Weinfeldern hinauf. Oben angekommen, schaue ich auf das Land unter mir und setze mich neben die Weinstöcke. Ein Traktor, der eine Chemiewolke über dem Weinberg zerstäubt, fährt so dicht an mir vorbei, dass ich sofort wieder aufstehe und, nun wahrscheinlich resistent gegen alle möglichen Blatt- und Traubenpilze, weiterlaufe.
Noch vor dem Abend erreiche ich Zmajevac, das auf Ungarisch Vörösmart heißt. An der Hauptstraße steht kroatisch »Ulica Maršala Tito« und ungarisch »Tito Marsall utca«. Ein Reklameschild kündigt an, dass es im Ort ein ungarisches Fischrestaurant und auch eine Pension gibt.
Fisch und Wein und Ausschlafen!
Vor dem Restaurant wird auf einer Tafel die berühmte Fischsuppe Halászlé für umgerechnet 1,50 Euro angeboten. Aber der Wirt hat kein Zimmer für mich. Ausgerechnet heute Nacht sei er ausgebucht. Eine Delegation aus der ungarischen Zigarettenfabrik Pécs hat alle Zimmer belegt.
Ich sage, dass ich auch in einem Nebengelass oder einem Lagerraum schlafen kann. Doch der Wirt schüttelt den Kopf. Ziellos laufe ich durch das ungarisch-kroatische Dorf und finde an der Hauptstraße ein Schild, das den Weg zu den »Weinhäusern « weist. Rechts und links von einem schmalen steilen Pfad stehen kleine, spitzdächige, fensterlose Weinhäuser mit zweiflügligen Toren. In einem zerfallenen Weinhaus steht das Tor offen. Ich gehe hinein. Der lange Raum endet in einem tunnelartig in den Berghang getriebenen und ausgemauerten Weinkeller. Er ist leer. Ich werde mich heute Abend wohl nicht betrinken können.
Vor einem der Tore schürt ein Mann in hellblauem Shirt und dunkelblauer Trainingshose ein offenes Feuer. Darüber hängt ein Kessel, in dem der Mann – die Frau bringt nur ab und an neue Zutaten – Pörkölt mit dicken Bohnen und Kartoffeln kocht. Neben ihm sitzt ein graubärtiger Mann, der einen roten Stoffhut trägt, auf einer hölzernen Fußbank und trinkt Wein. Als er mich sieht, steht er auf, holt ein neues Glas, winkt mir einladend zu und sagt nicht auf Kroatisch »zivjeli«, sondern ungarisch »Egészségedre«.
Der Mann am Feuer rührt das Pörkölt noch einmal um, dann begrüßt er mich. »Károly Martin – zu einer Hälfte Ungar, zur anderen ein Deutscher. Also sag Karl zu mir.«
Darauf trinken wir das zweite Glas.
Nach dem dritten gemeinsamen Glas setze ich mich, um ihre Geschichte aufzuschreiben, vor dem Weinhaus auf die Erde. Karl Martin gibt mir auch eine Fußbank und sagt: »Sitz wie ein Mensch!«
Er hat als Vierzehnjähriger in Deutschland mit einem Beruf gleich drei Berufe erlernt, doch als er nach Jugoslawien zurückgekehrt war, besaß er keinen einzigen mehr.
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