Leseprobe zu "'Ich will eine Welt ohne Kriege'" von Arno Gruen
Vorwort
Dieses Buch wurde für junge Menschen geschrieben - in dem Glauben, dass diese noch stärker an ihrer eigenen Sicht der Wirklichkeit festhalten als ältere Generationen. Leider übernehmen wir ja mit dem Alter sehr oft die in unserer Gesellschaft üblichen Denksysteme, die sich in Sätzen wie "Der Beste gewinnt", "Wer verliert, ist selber schuld", "Der Mensch ist nun mal schlecht" ausdrücken. Man passt sich an, weil alles andere Angst macht. Die Jüngeren dagegen sehen noch andere Ufer. Sie möchte ich erreichen und ihre Wahrnehmung stützen. Natürlich wende ich mich auch an diejenigen, die in ihrem Denken jung geblieben sind und sich ihren eigenen Blick auf die Welt bewahrt haben, die sich noch anstecken lassen von der jugendlichen Lebendigkeit, der Intensität und der Hoffnung auf ein besseres Leben. All diesen Lesern möchte ich Mut machen, sich auf das Gute, das Kreative im Menschen zu besinnen.
"Ich will eine Welt ohne Kriege" - diesen Titel verdanke ich der Begegnung mit einer Gruppe von Jugendlichen, deren Begeisterung mich bewegte. Nach einem Vortrag in Stuttgart im Januar 2005 waren sie an mich herangetreten, um mich für die Jugendzeitung "kritische masse" zu interviewen. Sie wollten wissen, was man tun könne, um die Welt zu einem Ort zu machen, in dem Leben in all seiner Vielfalt möglich ist und bleibt. Diese Jugendlichen gingen mit ihren Fragen den Dingen ohne Furcht auf den Grund. Sie waren unerschütterlich in ihrem Wunsch nach einer friedvollen Welt. Wir stimmten darin überein, dass diese nur möglich wird, wenn "Maximen aus dem Bauch kommen", also aus dem Herzen und dem Mitgefühl.
Selbstverständlich geht es in diesem Buch nicht nur um Kriege, sondern um jede Art von Gewalt. Krieg ist jedoch die gefährlichste Form von Gewalt, denn er wird unter dem Signum der moralischen Gerechtigkeit ausgetragen. Immer wieder ziehen Nationen in den Krieg und glauben, in ihrem tödlichen Treiben eine "heilige Mission" zu erfüllen. Den darin liegenden Widerspruch erkennen Jugendliche oft viel deutlicher als ihre Eltern. Ich erinnere mich an meine Töchter, die schon während ihrer Schulzeit eine Erwachsenenwelt, die sie in der Schule zu Schutzübungen für den Kriegsfall aufforderte, für verrückt erklärten. Sie sagten: Was für ein Unsinn! Krieg war für sie unter keinen Umständen zu rechtfertigen oder entschuldbar.
In diesem Sinne widme ich dieses Buch der Jugend und den Erwachsenen, die wie ihre Kinder noch eine Hoffnung für die Menschheit in sich tragen.
Idee und Anregung für dieses Buch kamen von meiner Frau Simone. Das kritische Lesen übernahm unsere Tochter Zoé. Der Text selbst wurde gemeinsam mit Monika Schiffer geschrieben, deren einfühlsames Wirken dessen Gestaltung prägte.
Träume sind Lebendigkeit
Wünscht sich ein Kind eine Welt ohne Kriege, wird es von Erwachsenen als naiv abgetan, genauso wie der Jugendliche, der für Frieden demonstriert. Aber was ist naiv an solchen Wünschen? Was ist lächerlich daran, sich eine Welt ohne Gewalt vorzustellen? Warum wird ein von Liebe bestimmtes menschliches Zusammenleben verächtlich als naiver Traum abgetan? Es gilt als erwachsen und realistisch, sich mit Kriegen abzufinden. "Erwachsene" halten Gewalt für ein Naturgesetz. Der Mensch sei nun mal böse, heißt es. Sogenannte Realisten haben viele solcher Weisheiten auf Lager: "Was im Leben zählt, ist der Erfolg", "Einer muss immer das Sagen haben", "Wenn man etwas haben will, muss man es sich erkämpfen", "Die Welt ist schlecht": Sätze wie in Stein gemeißelt, die vermeintliche Wahrheiten verkünden und doch nichts anderes sind als Behauptungen von Menschen, die nicht mehr bereit sind, an die Möglichkeit einer anderen und besseren Welt zu glauben. "Vielleicht fehlt uns der Träumer, und wir wissen noch nicht einmal, dass er uns fehlt ... der Träumer, der wahre begeisterte Irre, der Einsame, der wirklich Verlassene, der einzige tatsächliche Rebell."1 Das schrieb vor etwa 60 Jahren der Schrift