 | Besprechung von 20.05.2005 |
Mit dem Kulturpessimismus ging die körperliche Entspannung flötenEin Durchbruch: Esther Sophia Sünderhauf erforscht Winckelmanns problematisches klassisches Erbe in der deutschen KulturGibt es sie noch, die Graecomanen: Zeitgenossen, die sich nicht allein in ihrem intellektuellen oder künstlerischen Trachten, sondern bis in ihre Körperlichkeit an einem fiktiven Griechentum orientieren? Die einstige Verbreitung dieser Spezies ist historisch bezeugt. Aber war sie - nach einer kurzen Aufbruchsphase im achtzehnten Jahrhundert - jemals mehr als eine Gruppe romantisch gesinnter Klassikverehrer, deren Denken und Treiben vor unserem heutigen Blick nur noch als marginale Facette der europäischen Kultur des neunzehnten und der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts auftaucht? Peripher im Verhältnis zu Phänomenen wie der Industrialisierung, den modernen Naturwissenschaften, Revolution, Nationalismus und Krieg und deren Niederschlag in Literatur und Kunst?
Eine kunstgeschichtliche Dissertation aus der Humboldt-Universität Berlin geht unter dem Leitmotiv "Körper" der deutschen Griechenverehrung in der Zeit von 1840 bis 1945 nach. Sie wählt …
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Esther Sophia Sünderhauf entwirrt das "Ideengeflecht" der deutschen Graecophilie von 1840 bis 1945, mit kunsthistorischen Mitteln und mit dem Blick auf die Körperkonzepte, und der Rezensent Lambert Schneider zollt ihr dafür höchste Anerkennung. "Durch überzeugende Analysen und durch Erschließung bislang unbeachteter Text- und Bildzeugnisse", so Schneider, gelinge es der Autorin, die ideengeschichtliche Dynamik des Klassikideals in deutschen Köpfen zu erhellen: von Winckelmanns "eminent libidinöser" Vorstellung von Natürlichkeit zum Klassikbezug als ideologischem Fundament von "Zucht und Selbstkontrolle" - von der Bejahung zur Abstrahierung der Körperlichkeit. Denn im Zuge eines modernefeindlichen Kulturpessimismus diente, so Schneider im Rückgriff auf die Studie, dienten die Bilder der Antike, produziert in Kunst und Archäologie, einem pädagogischen Ideal, das mit "Hyperkomplexität" herzlich wenig am Hut hatte und statt dessen "Beherrschung, Zügelung, Bindung, Ungebrochenheit, Ganzheit, Einfachheit und Harmonie" propagierte. "Der fiktive Grieche wird zum inneren Rekruten" - eine Entwicklung, die dieses Buch nach Information des Rezensenten vorbildlich, klug, aktuell und zudem "opulent bebildert" nachvollzieht.
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"Die Einbeziehung der lebensprakischen Anwendungen des geschilderten Klassikkonzepts etwa in Freikörperkultur, Aktfotografie und Sport wird dem opulent bebilderten Buch eine weit über die Kunstgeschichte und die Archäologie hinausgehende Resonanz sichern." (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
 | Besprechung von 11.05.2005 |
Man wird etwas
Esther Sünderhauf über Deutschlands Winckelmann
Johann Joachim Winckelmann (1717 - 1768) hat in der deutschen
Kultur des 19. und 20. Jahrhunderts als nationale
Identifikationsfigur eine eigentümliche Rolle gespielt, darin
durchaus mit Schiller (und vielleicht noch mit Luther)
vergleichbar. Die erste Grundlage zu dieser heroischen
Kanonisierung wurde 1805 in Weimar gelegt, als Goethe den Band
„Winckelmann und sein Jahrhundert” herausgab. Was hat man seither
in dieser Figur nicht alles gesehen: den Priester der griechischen
Antike, den Apostel des Heidentums und den Gesetzgeber der Kunst;
den Befreier des Vaterlandes, den Schutzgeist einer deutschen
Wiedergeburt, den ehrlichen Protestanten und den heimatverbundenen
Germanenforscher.
Esther S. Sünderhauf verfolgt die vielfältigen Stränge der
Winckelmann-Rezeption vom mittleren 19. Jahrhundert bis zum
Nationalsozialismus. Das Panorama, das sie entwirft, ist
vielfältig, in seiner Tendenz freilich eher deprimierend: Die
Rezeption erweist sich als fortgesetzter Missbrauch in defensiver
Absicht. Die klassischen Sprachen Griechisch und Latein hatten im
frühen 19. Jahrhundert zuerst in Bayern und …
"Die Einbeziehung der lebensprakischen Anwendungen des geschilderten Klassikkonzepts etwa in Freikörperkultur, Aktfotografie und Sport wird dem opulent bebilderten Buch eine weit über die Kunstgeschichte und die Archäologie hinausgehende Resonanz sichern." (Frankfurter Allgemeine Zeitung)"Die Einbeziehung der lebensprakischen Anwendungen des geschilderten Klassikkonzepts etwa in Freikörperkultur, Aktfotografie und Sport wird dem opulent bebilderten Buch eine weit über die Kunstgeschichte und die Archäologie hinausgehende Resonanz sichern." (Lambert Schneider in: Frankfurter Allgemeine Zeitung)
"Die Einbeziehung der lebensprakischen Anwendungen des geschilderten Klassikkonzepts etwa in Freikörperkultur, Aktfotografie und Sport wird dem opulent bebilderten Buch eine weit über die Kunstgeschichte und die Archäologie hinausgehende Resonanz sichern." Lambert Schneider in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Mai 2005 "Auf der Grundlage von einer Fülle bislang unbeachteter Archivalien, publizierter Quellen und bildlicher Darstellungen wird ein höchst komplexes Ideengeflecht untersucht. [...] In der Zusammenführung der Betrachtung von wissenschaftlicher, künstlicher und literarischer Produktion und politischen Diskurs werden bisher ungesehene Verbindungen dargestellt. Sie zeigen, auf welch problematische Weise Griechensehnsucht und Kulturkritik das Denken, Fühlen und Handeln der Intellektuellen zwischen 1840 und 1945 bestimmten." museo-on.com, Juli 2007 "Sünderhauf's study is wide-ranging and well-argued; her range of sources is impressive and her interpretation of them clear and persuasive. On the whole she is critical of the Winckelmann tradition, underlining throughout its conservatism, its intolerance toward other forms, and its tendency to gravitate toward racist, misogynist, and non-democratic worship of beautiful, athletic bodies." Suzanne Marchand in: Gnomon, Band 80 (2008), Heft 2 "Dies ist ein großartiges und faszinierendes Buch, das für alle Historiker und solche, die es werden wollen, zur Pflichtlektüre erklärt werden müßte. [...] Ein exemplarisches Werk, das wie kaum ein anderes den engen Zusammenhang von Geschichte und Gedächtnisgeschichte illuminiert." Otto Gerhard Oexle in: Historische Zeitschrift, Band 286 (2008) "[Renate Reschke schätzt] Sünderhaufs Darstellung, die [...] keineswegs apodiktisch einer eindimensionalen Linienführung von Winckelmann zum Dritten Reich das Wort redet, sondern in einer nie aufgegebenen Griechensehnsucht deren immer auch politische Dimension aufdeckt und ihre Anfälligkeit für ideologisierende Erneuerungs- und Erweckungsbewegungen als ein Moment ihrer fortgesetzten Modernität begreift." Renate Reschke in: Weimarer Beiträge, 54. Jg. (2008), Heft 2
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