Genannt: Shakespeare - Sobran, Joseph
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Eine leidenschaftliche Debatte wird seit 150 Jahren um Shakespeare, den Dichter aus Stratford geführt - um die Frage der Autorschaft. Mit detektivischem Scharfsinn erlaubt das Werk von Joseph Sobran, das Pro und Contra abzuwägen, um zu einem abschließenden Urteil zu kommen. Wir wissen sehr wenig über Shakespeare, aus der ersten Hälfte seines Lebens liegen fünf Küchenregistereintragungen vor, es gibt keine nachweisliche Verbindung zwischen den über diesen Mann bekannten Tatsachen und den ihm zugeschriebenen Werken: Shakespeares Leben und seine Person haben nichts Erkennbares mit den Dramen und…mehr

Produktbeschreibung
Eine leidenschaftliche Debatte wird seit 150 Jahren um Shakespeare, den Dichter aus Stratford geführt - um die Frage der Autorschaft. Mit detektivischem Scharfsinn erlaubt das Werk von Joseph Sobran, das Pro und Contra abzuwägen, um zu einem abschließenden Urteil zu kommen. Wir wissen sehr wenig über Shakespeare, aus der ersten Hälfte seines Lebens liegen fünf Küchenregistereintragungen vor, es gibt keine nachweisliche Verbindung zwischen den über diesen Mann bekannten Tatsachen und den ihm zugeschriebenen Werken: Shakespeares Leben und seine Person haben nichts Erkennbares mit den Dramen und Gedichten zu tun, die seinen Namen tragen. Sobran zeigt, wieviele Fragen der Mythos um Shakespeare unbeantwortet lässt: Wie konnte ein Provinzschauspieler aus Stratford so intime Kenntnisse des höfischen Lebens gewinnen, wie konnte er so viel von den klassischen Autoren wissen und nicht ein einziges Buch besitzen? Wie konnte er so viel von Italien erfahren, ohne es je zu besuchen? In der Kontroverse zwischen Stratfordianern und Anti-Stratfordianern tauchten neue Kandidaten auf, Christopher Marlowe oder Francis Bacon. Joseph Sobran zeigt, dass Edward de Vere, der siebzehnte Earl von Oxford als der 'wirkliche' Shakespeare zu gelten hat.
  • Produktdetails
  • Verlag: DuMont Buchverlag
  • ISBN-13: 9783832159528
  • ISBN-10: 3832159525
  • Best.Nr.: 10837065
Autorenporträt
Joseph Sobran spezialisierte sich bereits während seines Englisch-Studiums auf Shakespeare, anschließend war er langjähriger Redakteur beim National Review Magazine und Radio-Kommentator für CBS. Joseph Conran lebt als Publizist und Kolumnist u. a. der Los Angeles Times in Virginia.
Rezensionen
Besprechung von 03.12.2002
Ihr seid ein Fischhändler?
Luzide: Joseph Sobran über das Shakespeare-Rätsel
Drei hartnäckige Rätsel kennt Großbritannien: das Ungeheuer von Loch Ness, den Tod von Lady Diana und die Frage, wer Shakespeares Gesammelte Werke geschrieben hat. Doch während das erste wahrscheinlich nie geklärt werden wird und das zweite noch so frisch ist, dass auch die nächsten zwei bis drei Generationen sich ihre Verschwörungstheorien kaum werden rauben lassen, ist das dritte nun, soweit es sich überhaupt lösen lässt, vielleicht doch gelöst.
Mit diesem Gefühl jedenfalls legt man das Buch von Joseph Sobran „Genannt: Shakespeare – Die Lösung des größten literarischen Rätsels” nach der Lektüre aus der Hand; selten wird Geduld so reich belohnt wie hier. Denn wenn man bloß den Titel liest, rollt man erst einmal die Augen: Nicht schon wieder! Und macht sich innerlich gefasst auf eine jener kabbalistischen Zuschreibereien, die seit zwei Jahrhunderten wie Schlossgespenster durchs Gemäuer der Literaturgeschichte spuken, in einer Unsterblichkeit, die ein Fluch ist.
Sobrans Einleitung ruft die erbitterten Zwistigkeiten in Erinnerung, als „Stratfordianer” und „Anti-Stratfordianer” sich wechselseitig alle Moral und geistige Gesundheit absprachen. Sich in diesem stark strukturierten Kräftefeld mit der nötigen Freiheit zu bewegen, ist schwer. Sobran berichtet von reichen alten Dame in Mississippi, die ihm eine Million Dollar bot, falls er ein Buch schrieb, demzufolge der Graf von Oxford der wahre Shakespeare gewesen sei. „Zu meinem gelegentlichen Bedauern wies ich sie ab.” Andererseits hat er dieses Buch letzten Endes doch geschrieben. Der Umschlag zeigt groß im Vordergrund das berühmte Shakespeare-Porträt der Folio-Ausgabe von 1623, dieses, wie Sobran findet, etwas ausdruckslose Vollmondgesicht – und im Hintergrund, hinter einem Pfeiler gleichsam lauernd, das Bildnis von Edward de Vere, 17. Graf von Oxford, künstlerisch von weit höherer Qualität, fein, exzentrisch und vielleicht sogar böse; es weckt sofort Neugier.
Ein zügelloses Individuum
Wie ein riesiges Mobile aus Argumenten, von denen jedes seinen genauen Platz nach Gewicht und Hebelwirkung findet, schwebt dieses scharfsinnige Buch im Raum der Kontroverse. Es fährt im Wesentlichen auf zwei Gleisen. Zum einen versucht es plausibel zu machen, dass jener „William Shakspere”, der als Autor gilt, eine Landpomeranze ohne edlere Bildung und künstlerischen Ehrgeiz gewesen sei, nach der auch kein Hahn krähte, als sie 1616 starb. Da die Quellenlage dauerhaft unbefriedigend bleibt und es außer ein paar Eintragungen in Kirchbüchern, juristischen Schriftstücken und dem Testament auf diesem durchgesiebten Grund wohl ein für alle Mal nichts zu holen gibt, befindet sich Sobran hier in ähnlich undankbarer Lage wie die Skeptiker, die dem Ungeheuer von Loch Ness die Existenz bestreiten.
Weit fesselnder ist die positive Hälfte des Plädoyers: warum nur Graf Oxford als Verfasser in Frage komme. Hier leistet Sobran großartige Überzeugungsarbeit, so gut, dass man sie, selbst wenn sich seine These als falsch erweisen sollte, schon um ihrer durchkomponierten Eleganz willen bewundern muss. Und wenn man sonst gar nichts in die Hand bekäme – in jedem Fall erhält man ein überaus lebendiges Bild dieses Aristokraten, wie er in solcher zügellosen Individualität wohl nur in der elisabethanischen Epoche möglich war: eine frühere Zeit hätte ihn stärker in die Enge der Verhältnisse gezwängt, eine spätere seine staatsgefährdenden Extravaganzen unterdrückt.
Früh verwaist, von fast weiblicher Schönheit, der beste Tänzer seiner Zeit und der Liebling, vielleicht sogar der Liebhaber der Königin, war er mit Lord Burghley, dem Kanzler und mächtigsten Mann des Reiches, als seinem herrischen Schwiegervater geschlagen, erstach im Zorn dessen Koch, verschwendete unglaubliche Summen, wurde zusammen mit seiner Mätresse und ihrem unehelichen Kind von Elisabeth in den Tower gesteckt (aus Eifersucht?) und verbrachte den Rest seines Lebens in verarmter und verbitterter Zurückgezogenheit. Er ist wahrscheinlich der faszinierendste jener „wölfischen” Grafen der Zeit um 1600, von denen der Demokrat Walt Whitman so missbilligend spricht und die doch als Summe ihrer Egoismen ihr Land, politisch, gesellschaftlich und kulturell, in unglaublich kurzer Frist so unglaublich weit gebracht haben, nicht zuletzt auf die Höhe von Shakespeares Englisch.
Sobran macht glaublich, dass alle Shakespeare-Stücke bis zum Jahr 1604, dem Todesjahr Oxfords, vollendet vorlagen, und tritt den Beweis an, dass keine einzige Referenz mit späterem Erscheinungsdatum eingearbeitet ist; er zeichnet den Bildungshorizont und die Reiseerfahrung des Grafen nach und findet sie in genauer Deckung mit der Welt der Dramen, ja er vermag traditionelle Beweislinien fast wie mit einem Judogriff gegen den Gegner, der sie handhabt, umzukehren: Dass man bei Shakespeare per Schiff von Mailand nach Verona reisen kann, galt stets als Beweis, dass der Verfasser nie in Italien war; im Gegenteil, sagt Sobran, nur wer dort war, kann wissen, dass ein Großteil des oberitalienischen Binnenverkehrs damals tatsächlich über ein Netzwerk kleiner Kanäle lief. Sich zum eigenen Werk zu bekennen, wäre für ein Mitglied der Hocharistokratie nicht in Frage gekommen – und schon gar nicht zu den Sonetten, die ganz unverkennbar eine homosexuelle Liebschaft verherrlichen. All das zusammen mit dem schon länger nachgewiesenen Faktum, dass Oxford sich sehr für Literatur interessierte und als Mäzen von Shakespeares Truppe auftrat, ergibt ein schlüssiges Bild.
Fruchtbar ist vor allem ein leitender Gedanke Sobrans: Es gibt in den dramatischen Werken und in den Sonetten Shakespeares eine Fülle von Einzelheiten, die, so kraftvoll sie in sich selbst gearbeitet sind, für die Anlage des Ganzen doch nirgendwohin zu führen scheinen – ihren Sinn kann man nur ergründen, wenn man darin das Persönliche sucht, durchaus jenes verpönt Autobiografische, das beim Genuss des reinen Kunstwerks bitte außer Betracht bleiben soll. Nur wenn man Shakespeare den Künstler und Shakespeare den Mann in irgendeiner Weise in Verbindung bringt, wenn man das Unregelmäßige dieses Werks mit dem Unregelmäßigen, das jedem Lebenslauf anhaftet, in Beziehung setzt – schließt sich auch das Werk zu jener Komplettheit zusammen, die sonst zentrifugal verloren zu gehen droht.
Besonders dem Hamlet ist der Vorwurf gemacht worden, er verliere sich in zu viele Abschweifungen und Sonderbarkeiten. Wozu soll es zum Beispiel gut sein, wenn Polonius seinen Beinahe-Schwiegersohn Hamlet, den er für wahnsinnig hält, befragt: „Kennt ihr mich, gnäd’ger Herr?” und Hamlet erwidert: „Vollkommen. Ihr seid ein Fischhändler”? Es ist nicht Klatscherei, sondern vertieft das Verständnis des Dramas, wenn Sobran die Parallelen zwischen den Bühnenfiguren und den realen historischen Personen betont, des düsteren Hamlet mit dem gestürzten Oxford und des Polonius mit dessen Schwiegervater, dem Kanzler Burghley. Dieser hatte ein Gesetz eingebracht, dass die Engländer zwingen sollte, auch an einem zweiten Tag, neben dem Samstag auch am Mittwoch, Fisch zu essen, um die englischen Fangflotten besser auszunutzen, und war dafür verspottet worden. Auf die rätselhafte Stelle fällt so ein Licht von außen, das die produktive Kraft eines höchst privaten Ressentiments erhellt.
An solchen und ähnlichen Stellen ist Sobrans Buch reich. Mir gefällt am besten die folgende: Nachdem der unsympathische Polonius endlich gefallen ist, bezeichnet Hamlet, der ihn erstochen hat, die Leiche als „diet of worms”, als Diät für Würmer. Sobran gräbt eine Quelle aus, die bezeugt, Kanzler Burghley hätte gern betont, er sei zur Zeit des „Diet of Worms” geboren, des Wormser Reichstags also. Das ist in seinem sarkastischen Witz so wunderbar, das ließe den Verfasser des „Hamlet” auf einmal mit solcher Energie nicht nur als Dichter erscheinen, sondern als einen Charakter, und wäre so geeignet, die klassische Forschung in ihrer blasierten Neugierlosigkeit zu beschämen – dass man Sobran unbedingt wünschen muss, er hätte Recht!
BURKHARD MÜLLER
JOSEPH SOBRAN: Genannt: Shakespeare. Die Lösung des größten literarischen Rätsels. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. DuMont Verlag, Köln 2002. 368 Seiten, 34,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Neben dem Ungeheuer von Loch Ness und dem Tod von Lady Di beschäftigt die Engländer nach wie vor die Frage, wer William Shakespeare war. Joseph Sobran ist diesem Rätsel ganz heiß auf der Spur, so heiß, dass Burkhard Müller völlig aus dem Häuschen gerät. Egal ob Sobran Recht habe oder nicht, schwärmt er, die Lektüre des Buches werde reichhaltig gelohnt. Sobrans Argumentation fährt zweigleisig: er verdeutlicht die unzulängliche Quellenlage, wonach Shakespeare "eine Landpomeranze ohne edlere Bildung und künstlerischen Ehrgeiz" gewesen sei. Auf der anderen Seite holt er, wie Müller berichtet, zu einem großen Plädoyer dafür aus, dass der exzentrische Graf Oxford, ein Förderer der Truppe, der eigentliche Verfasser der Werke war. Einer jener "wölfischen Grafen" um 1600, die "als Summe ihrer Egoismen" sich und ihr Land enorm um- und vorantrieben, schreibt Müller. Sobrans Argumente ergäben ein schlüssiges Bild; darüber hinaus liefere der Autor zahlreiche Hinweise auf eher unverständliche Textstellen, die sich durch genaueste Kenntnis der politischen Gesellschaft Englands im 16./17. Jahrhundert erhellten. So komme im nachhinein so manche sarkastische Bemerkung des Wer-auch-immer-Shakespeares zum Vorschein, dass es Sobran unbedingt zu wünschen ist, findet Müller, dass er Recht habe.

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