Erst lesen. Dann schreiben

Erst lesen. Dann schreiben

22 Autoren und ihre Lehrmeister

Hrsg. v. Stephan Porombka u. Olaf Kutzmutz
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Erst lesen. Dann schreiben

Autoren wie Daniel Kehlmann, Robert Gernhard, Marcel Beyer oder Ulrike Draesner und Hanns-Josef Ortheil erläutern im Detail, wie sie sich Vorbilder gesucht und an den Texten dieser Autoren schreiben erlernt haben. Damit geben eine große Anzahl namhafter Schriftsteller in diesem Band Einblick in den intimen Vorgang, wie ihre Werke entstehen. Daraus können nicht nur diejenigen lernen, die mit dem Schreiben selber ernst machen wollen. Diese Selbstauskünfte geben auch den Lesern, die an den Autoren dieses Bandes interessiert sind, welche alle zu den wichtigen der heute schreibenden Schriftstellern gehören, überraschende und äußerst informative Einblicke in ihre Werke.

"Dass sich dabei sehr seltsame Kombinationen ergeben, die man vorher nie vermutet hätte, macht den Reiz dieses Bändchens aus." Die Welt

"Der deutsche Schreiber sieht sich noch immer als Originalgenie, das seine Inspiration direkt aus dem Himmel bezieht. Das ist ein gewaltiger Irrtum." Hanns-Josef Ortheil, erster Lehrstuhlinhaber für Kreatives Schreiben in der Bundesrepublik

"Ratschläge für produktives Lesen als inspirativen Dialog für Schreibende vermitteln Olaf Kutzmutz und Stephan Porombka." OTZ


Produktinformation

  • Abmessung: 185mm x 121mm x 24mm
  • Gewicht: 264g
  • ISBN-13: 9783630621159
  • ISBN-10: 3630621155
  • Best.Nr.: 20948451
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 08.10.2007

Der Autor als Leser

Das reine Genie ist tot, es lebe der Leser. Denn nur der große Leser wird es auch zum großen Autor bringen. Oder ist das ein Trugschluss? Ist es vielleicht doch anders zu verstehen, wenn es heißt, große Schriftsteller waren stets Novizen, die nachfragten und die energiegeladene Leser waren? "Erst lesen. Dann schreiben" lautet der Titel eines Bandes, in dem Daniel Kehlmann, Robert Gernhardt und 21 weitere Autoren darüber berichten, wie sie andere Autoren lesen, so dass sie etwas über das Schreiben lernen. Immer ist die Frage Truffauts im Hintergrund: "Wie haben Sie das gemacht, Mr. Hitchcock?". Doch vergisst der ein oder andere Autor diese Frage im Laufe seines Essays, und so bleibt am Ende nur die Einsicht, dass das Geniale weiterhin unergründlich bleibt. Aber immerhin: Gilt nicht auch Truffaut als Autodidakt, der seine Bildung nur der Liebe zum Buch verdankte? (Stephan Porombka / Olaf Kutzmutz [Hrsg.]: "Erst lesen. Dann schreiben". 23 Autoren und ihre Lehrmeister. Sammlung Luchterhand, München 2007, 271 S., br., 8,- [Euro].)

phil

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main

"Dass sich dabei sehr seltsame Kombinationen ergeben, die man vorher nie vermutet hätte, macht den Reiz dieses Bändchens aus." Die Welt

"Ratschläge für produktives Lesen als inspirativen Dialog für Schreibende vermitteln Olaf Kutzmutz und Stephan Porombka."

"Ratschläge für produktives Lesen als inspirativen Dialog für Schreibende vermitteln Olaf Kutzmutz und Stephan Porombka."
Olaf Kutzmutz wurde 1965 in Gelsenkirchen-Schalke geboren. Seit 1999 ist er Programmleiter Literatur der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel. Er veröffentlichte u.a. "Grabbe. Klassiker ex negativo" (1995) und gab unter anderem Bücher über Harry Potter und Max Frisch und zum Thema Warum wir lesen, was wir lesen und Fragen literarischer Übersetzungen heraus.

Stephan Porombka, geboren 1967 in Salzgitter, ist Professor für Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Von ihm erschien u. a. "Hypertext" (2001) und zuletzt "Kritiken schreiben. Ein Trainingshandbuch". (2006)

Leseprobe zu "Erst lesen. Dann schreiben"

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Leseprobe zu "Erst lesen. Dann schreiben"

John von Düffel (S. 87-88)

Der magische Realist Joseph Conrad: Herz der Finsternis [1902] Joseph Conrad gehört zu den Autoren, die mir mein Vater empfohlen hat, deswegen habe ich lange Zeit einen Bogen um ihn gemacht. Seine berühmteste Erzählung Herz der Finsternis – Vorbild für so legendäre Filme wie Apocalypse Now von Francis Ford Coppola – habe ich erst vor wenigen Jahren in New York zur Hand genommen. Aus irgendeinem Grund glaubte ich, dass die Zeit reif sei für diese Geschichte, dass sie jetzt in mein Leben passte. Zum größten Teil habe ich sie in der New Yorker U-Bahn gelesen. Vielleicht tut das etwas zur Sache, vielleicht auch nicht.

Was ihre Entstehung angeht, könnte man lange darüber spekulieren, wie viel der Autor von seiner eigenen verhängnisvollen Kongo-Fahrt in dieser Geschichte verarbeitet hat. Joseph Conrad war Seemann, heuerte schon mit achtzehn Jahren bei der französischen Handelsmarine an und wechselte wenig später in die Dienste der Briten. Fast zwanzig Jahre war er auf den Weltmeeren unterwegs, bevor er sich als Schriftsteller in Südengland niederließ.

Wie so viele Autoren wurde auch er oft auf das Autobiographische reduziert. Hier ist einer zur See gefahren und schreibt Seefahrer- Romane. Hier hat jemand an vielen Expeditionen in die entlegensten Winkel des Kolonialismus teilgenommen und erzählt davon. Man glaubt diesem Mann seine Geschich ten. Aber man vergisst darüber leicht den Schriftsteller Joseph Conrad. Dabei ist schon allein dieser Autor eine Fiktion. Joseph Conrad ist Pole, mit wirklichem Namen Józef Teodor Konrad Nalecz Korzeniowski, Sohn eines verarmten polnischen Landadeligen mit musischen Neigungen, der als Gutsverwalter versagte und aufgrund seiner patriotischen Pamphlete von den Russen in die Verbannung geschickt wurde.

Seine Mutter starb früh an Tuberkulose, sein Vater siechte dahin. Vormund und Mentor wurde sein Onkel, Tadeusz Bobrowski, ein Mann mit festen Grundsätzen und viel Übersicht, der den jungen Józef jedoch nicht halten konnte. Mit siebzehn brach er die Schule ab und verließ das Land, um sich zu erfinden. In das Bild des autobiographischen Abenteuerschriftstellers passt nicht, dass Joseph Conrad in einer Fremdsprache schrieb, die er erst spät – im Alter von fast zwanzig Jahren – zu sprechen gelernt hat. Jedes Wort in einer solchen Sprache ist eine bewusste Entscheidung, das Ergebnis einer Suche und Auswahl.

Nichts ist unbefragte Natur, angeborene, unreflektiert übernommene Rede. Selbstverständlich war Englisch die Verkehrssprache auf den Schiffen, auf denen Conrad arbeitete. Viele seine Erfahrungen hat er in und mit dieser Sprache gemacht. Und möglicherweise hat er irgendwann auch angefangen, in dieser Sprache zu träumen. Doch man darf sich keinen Illusionen darüber hingeben, wie damals auf See gesprochen wurde. Die Währung der Verständigung war eine abgegriffene, sparsame. Sie ähnelte in nichts dem Reichtum und der Tiefe der Beschreibungen, für die Conrad berühmt geworden ist.

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