Leseprobe zu "Eine Kalorie kommt selten allein" von Reiner Calmund
Einfach lecker! (S. 55-56)
Genießer des Jahres
Es gibt Tage, da stehst du morgens auf, du schaust aus dem Fenster, und die Sonne lacht – am Himmel und in deinem Herzen. Du freust dich des Lebens und denkst, du könntest Bäume ausreißen. Du gehst zum Briefkasten – und die Zeitung ist nicht da! Die Kaffeemaschine ist kaputt, und das Internet funktioniert nicht. Dicke Wolken schieben sich vor die Sonne, und was eben noch strahlte, kommt dir jetzt düster und grau vor. Dann gibt es Tage, da schaust du raus und würdest am liebsten im Bett bleiben.
Im Kalender steht Sommer, doch draußen ist es kühl, nass und regnerisch. Das Telefon klingelt, und du brummst irgendwas in den Hörer, das nach deinem Namen klingt. Plötzlich stellen sich dir die Nackenhaare auf, weil du fürchtest, einem dieser fragwürdigen Telefonspaßvögel wie Jörg Knör, Bodo Bach oder Paul Panzer auf den Leim zu gehen. Der Herr, der sich meldet, sagt, er sei vom »Busche«-Verlag und man wolle dich zum »Genießer des Jahres 2006« küren. Genau das ist mir passiert. Es dauerte ein Weilchen, ehe mich der junge Mann von seinen ehrlichen und durchaus wohlmeinenden Absichten überzeugte.
Als er es geschafft hatte, war dieser graue, trübe Tag plötzlich ein Festtag für mich. »Genießer des Jahres« – das ist eine Auszeichnung, über die ich mich mehr als gefreut habe. Vergeben wird sie für »Herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Hotellerie und Gastronomie«. Unbescheiden flüsterte ich mir zu: »Da hat es nicht den Falschen getroffen. « Tatsächlich sollte der 24. Oktober 2005, der Tag der Auszeichnung (sie gilt dann für das Folgejahr), ein ganz besonders schönes Erlebnis werden, an das ich mich immer wieder gerne erinnere. Ich kam mir vor wie ein Fan, der nicht nur mit der Nationalmannschaft trainieren darf, sondern in einem WM-Spiel aufgestellt wird.
Inmitten von 25 hochdekorierten Sterneköchen aus Deutschland, Frankreich, Österreich, Holland und der Schweiz stand ich, Reiner Calmund, und sollte dafür geehrt werden, dass ich in der Vergangenheit Freude am Genuss vermittelt hatte – eine meiner leichtesten Übungen. Die Laudatio hielt Angela Wepper, die Ehefrau meines zu diesem Zeitpunkt erkrankten Vorgängers Fritz Wepper, und in meiner kurzen Dankesrede machte ich deutlich, wie viel mir dieser Titel bedeutete:
»Ich habe, davon können Sie sich überzeugen, wenn Sie mich anschauen, jahrelang auf diese Auszeichnung hingearbeitet!«, wies ich auf das Offensichtliche hin. Beim Mann ist es wie bei einer bequemen Sitzgruppe: Auf die Polsterung kommt es an. An diesem Tag stimmte einfach alles – auch das Ambiente. Die Ehrung fand im architektonisch wunderbar gestalteten Kuppel-und Konzertsaal der Botschaft der Russischen Föderation statt.
Ein imposantes Gebäude »Unter den Linden«, eine der weltweit größten Botschaften, in allerbester Berlin-Lage nahe dem Brandenburger Tor, direkt neben dem Hotel »Adlon«. Über den Innenhof des geschichtsträchtigen Gemäuers war schon der »Kurier des Zaren« mit seinem Rappen galoppiert, aus jeder Mauerritze atmete Geschichte. Der damalige russische Botschafter Vladimir Kotenev, zwischenzeitlich Deutschlandchef des Energieriesen »Gazprom«, und seine charmante Gattin Maria waren formvollendete Gastgeber. Die beiden, ein Paar wie aus dem Bilderbuch, verzückten ganz Berlin während der Amtszeit des Botschafters. Noch heute sind sie in aller Munde – die kulturellen Highlights, Feste und Galas, mit denen die beiden viele Sympathien für ihr Land einheimsten.
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