Die ich nie war - Axelsson, Majgull

Die ich nie war

Roman

Majgull Axelsson 

Aus d. Schwed. v. Christel Hildebrandt
Broschiertes Buch
 
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Die ich nie war

"Ein großartiger Lesegenuss." -- Neue Zürcher Zeitung

"Majgull Axelsson schreibt mit einem außerordentlichen Gespür für den Schmerz und die Einsamkeit der aus der Wohlstandsgesellschaft herausgepurzelten Menschen." -- Focus

"Ein überwältigender, kunstvoller Roman über Schuld und Versöhnung, Lebensentwürfe und Identitätssuche." -- Upsala Nya Tidning


Produktinformation

  • Verlag: Btb
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 431 S.
  • Seitenzahl: 431
  • btb Bd.73995
  • Deutsch
  • Abmessung: 184mm x 117mm x 30mm
  • Gewicht: 352g
  • ISBN-13: 9783442739950
  • ISBN-10: 3442739950
  • Best.Nr.: 26273071
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 29.07.2008

Schwedische Zukunft
Zwei Leben: Majgull Axelssons Roman „Die ich nie war”
Immer wieder hat die 1947 geborene Majgull Axelsson in ihren Romanen die Schattenseiten des „Volksheims” Schweden behandelt. Im wieder stehen darin Frauen im Vordergrund, und nunmehr haben sie sich bis an die politische Spitze vorgearbeitet. Den Rahmen liefert die Entwicklung eines Kreises talentierter junger Gymnasiasten, die der Gewinn eines Essay-Wettbewerbs für ihre Plätze in der künftigen Elite des Landes prädestiniert hat.
Nicht ohne Ironisierung sozialdemokratischer Zukunftserwartungen haben sie ihren lockeren Verbund „Billardverein Zukunft” benannt. Man trifft sich ein paar Mal im Jahr zu Sonnenwendfeiern und anderen Festen und verfolgt, wie sich die Karrieren und Ehen der anderen entwickeln. Der eine wird Diplomat, die andere Museumsdirektorin, ein dritter Künstler, und die Achse dieses Reigens bilden Mary und Sverker – durch die Ehe verbunden. Sverker leitet bald eine erfolgreiche Werbeagentur. Mary, die sich in Anspielung auf die englisch-schwedischen Formen ihres Namens MaryMarie nennt, wird zur Karrierejournalistin. Doch ihre Gemeinsamkeit und auch die Achse des …

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"Majgull Axelssons vielschichtiger Frauenroman verbindet literarischen Anspruch mit der Spannung eines Thrillers." Die Welt (über "Aprilhexe")

"Majgull Axelsson schreibt mit einem außerordentlichen Gespür für den Schmerz und die Einsamkeit der aus der Wohlstandsgesellschaft herausgepurzelten Menschen." Focus

"'Die ich nie war' ist ein beängstigendes gutes Buch: Eines, an das man nicht aufhören kann zu denken. Majgull Axelsson ist eine Meisterin der psychologischen Intrige." Dagens Nyheter

"'Die ich nie war' ist ein überwältigender, kunstvoller Roman über Schuld und Versöhnung, Lebensentwürfe und Identitätssuche." Upsala Nya Tidning

"Majgull Axelsson fordert heraus, lässt keine Ruhe und beschert gleichzeitig einen großartigen Lesegenuss." Neue Zürcher Zeitung

"Ein großartiger Lesegenuss." Neue Zürcher Zeitung

Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Angetan scheint Ulrich Baron von Majgull Axelssons Roman "Die ich nie war". Wie er berichtet, thematisiert die schwedische Autorin in ihren Romanen immer wieder die Schattenseiten des "Volksheims" Schweden, wobei zumeist Frauen im Vordergrund stehen. Diesmal eine Frau, die politisch an der Spitze steht, die höchst erfolgreiche Journalistin Mary, die Ministerin wird. Deren Ehe mit dem Werber Sverker ist lange nicht mehr in Ordnung, dennoch bleibt sie bei ihm, auch als er aus dem Fenster einer minderjährigen Prostituierten stürzt und querschnittsgelähmt bleibt. Schließlich kommt diese vertuschte Geschichte bei einer Konferenz über Zwangsprostitution zum Vorschein. Baron hebt das erzähltechnische Verfahren der Autorin hervor, das er als "literarisches Pendant zur Heisenbergschen Unschärferelation" beschreibt. Wenn neben der Politikerin Mary, die unter Druck der Aphasie verfällt, Marie ins Spiel kommt, die Sverker das Beatmungsgerät abgeschaltet, bleibt seines Erachtens unklar, was Realität und was Imagination ist. So liest er den Roman auch als das "alte Drama zweier Seelen, die in einer Brust leben", wenngleich "in neuer Form".

© Perlentaucher Medien GmbH

Angetan scheint Ulrich Baron von Majgull Axelssons Roman "Die ich nie war". Wie er berichtet, thematisiert die schwedische Autorin in ihren Romanen immer wieder die Schattenseiten des "Volksheims" Schweden, wobei zumeist Frauen im Vordergrund stehen. Diesmal eine Frau, die politisch an der Spitze steht, die höchst erfolgreiche Journalistin Mary, die Ministerin wird. Deren Ehe mit dem Werber Sverker ist lange nicht mehr in Ordnung, dennoch bleibt sie bei ihm, auch als er aus dem Fenster einer minderjährigen Prostituierten stürzt und querschnittsgelähmt bleibt. Schließlich kommt diese vertuschte Geschichte bei einer Konferenz über Zwangsprostitution zum Vorschein. Baron hebt das erzähltechnische Verfahren der Autorin hervor, das er als "literarisches Pendant zur Heisenbergschen Unschärferelation" beschreibt. Wenn neben der Politikerin Mary, die unter Druck der Aphasie verfällt, Marie ins Spiel kommt, die Sverker das Beatmungsgerät abgeschaltet, bleibt seines Erachtens unklar, was Realität und was Imagination ist. So liest er den Roman auch als das "alte Drama zweier Seelen, die in einer Brust leben", wenngleich "in neuer Form".

© Perlentaucher Medien GmbH
Majgull Axelsson, geboren 1947, ist eine der renommiertesten Journalistinnen Schwedens und erhielt mit dem Augustpriset die wichtigste Literaturauszeichnung ihres Landes. Axelsson, die Astrid Lindgren als ihr Vorbild bezeichnet, lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in Väsby.

Leseprobe zu "Die ich nie war" von Majgull Axelsson

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Die Unterhose war weiß und von außergewöhnlich guter Qualität.

Die Krankenschwester, die ihn fand, konnte nicht anders, sie musste sie berühren. Leichthin strich sie über den Stoff und ließ den Zeigefinger an dem grauen Etikett verweilen: Björn Borg underwear. Das sagte ihr nichts. Von Björn Borg hatte sie noch nie gehört.

Es war ein kalter Morgen, und einen Moment lang erwog sie, ihren Mantel auszuziehen und über ihn zu breiten, sah dann jedoch flüchtig vor sich, wie Menschen auftauchten, wenn der Krankenwagen kam, und wie jemand - eine Russin vermutlich - den Mantel an sich reißen und behaupten würde, es wäre ihrer. Sie konnte es sich nicht leisten, den Mantel zu verlieren. Stattdessen nahm sie ihr kariertes Kopftuch ab und legte es ihm über den Brustkorb. Sie konnte ihn nicht darin einhüllen, sie durfte ihn nicht bewegen. Die geringste Berührung konnte ihn unwiderruflich lähmen. Wenn er nicht bereits gelähmt war.

Mit der offenen Hand strich sie ihm über den Arm, der stark behaart war. Er war ein schöner Mann, das konnte man sehen, obwohl die Muskeln bereits so schlaff waren, dass es aussah, als würden sie ihm im nächsten Moment von den Knochen gleiten. Sein Gesicht war sehr blass, nur seine halb geöffneten Augen waren dunkel. Vielleicht war er ja bei Bewusstsein.

"Alles wird gut", flüsterte sie. "Du wirst sehen. Warte nur ab."

Ein Knall. Sie schaute die Hausfassade hinauf. Ein offenes Fenster klapperte im Wind.

Erinnerung

In der dritten Nacht begann ich zu träumen.

Obwohl ich nicht schlief. Ich saß mit offenen Augen auf dem Besucherstuhl neben Sverkers Bett, als ich mich plötzlich selbst unter einer Straßenlaterne im Krankenhauspark stehen sah. Ich hatte den Kragen meiner Schaffelljacke hochgeschlagen und schob das Kinn in den weißen Pelz. Es war sehr kalt. Vielleicht gefriert sogar mein Atem zu Eis, dachte ich, vielleicht bleibt er in der Luft hängen wie ein kleiner Bausch Zuckerwatte. In dem Augenblick entdeckte ich die andere Frau. Sie kam über den Rasen gelaufen, nur in einem dünnen Sommerkleid, weiß mit grünen Punkten, und die Absätze ihrer Riemchensandalen bohrten kleine viereckige Löcher in den Schnee. Zunächst erkannte ich sie nicht wieder, ich hatte schließlich seit vielen Jahren nicht an sie gedacht, sie hatte sich ganz am Rande meines Bewusstseins befunden, so vertraut und selbstverständlich wie die Narben der kleinen Wunden aus der Kindheit und ebenso wenige Gedanken wert. Sie muss doch frieren, dachte ich nur und bohrte das Kinn noch tiefer in den Kragen, sie trägt ja nicht einmal Strümpfe. Da blieb sie vor mir stehen, und wir sahen uns an.

"Marie", sagte ich. "Bist du es wirklich?" Mit einer Grimasse antwortete sie: "Mary", sagte sie. "Bin ich es wirklich?"

"Mary-Marie", fragte eine gedämpfte Stimme, "wollen Sie sich nicht hinlegen?"

Eine Krankenschwester hockte neben meinem Stuhl und strich mir vorsichtig über den Arm. Sie war jung und blond, gekleidet in Blau und Weiß. Frühlingsfrisch. Ich schaute sie kurz an, während ich die Zungenspitze über die Vorderzähne gleiten ließ. Die pelzig waren. Wann hatte ich mir zuletzt die Zähne geputzt? Ich konnte mich nicht erinnern. Irgendwann.

Die Krankenschwester trug ein kleines Namensschild auf der Brust. Jennifer. Hallo, Jennifer, dachte ich. Du hättest Sverker gefallen. Wie schade, dass er dir nicht begegnen wird. Oder auch wie gut. Wie außerordentlich gut sowohl für dich als auch für mich.

Jennifer legte den Kopf schräg und versuchte ein Lächeln.

"Sie brauchen Schlaf, Mary-Marie. Es wird ja nichts besser, wenn Sie auch noch krank werden."

Das war eine abgedroschene Phrase, und wie die meisten abgedroschenen Phrasen enthielt sie ein Fünkchen Wahrheit. Nichts würde dadurch besser werden, dass ich auch noch krank wurde. Andererseits würde auch nichts schlechter werden. Es war völlig gleich.

Sie wartete ein paar Sekunden auf Antwort, als jedoch keine kam, wurde sie regelrecht aufmunternd.

"Passen Sie auf", sagte sie. "Wir haben genügend Patienten hier auf der Station, noch eine mehr können wir nicht gebrauchen ... Jetzt stehen Sie auf, und dann helfe ich Ihnen dort zum Bett hinüber."

Sie schob ihren Arm unter meinen und zog mich auf die Füße. Von der schnellen Bewegung wurde mir ganz schwindlig, doch ich sträubte mich nicht. Ein paar Atemzüge lang stand ich unbeweglich da, schloss die Augen und wartete, dass der Fußboden aufhören würde, sich unter mir zu bewegen, bevor ich mich freimachte. Ich brauchte keine Stütze.

Ich konnte allein gehen. Außerdem stand das Besucherbett nur ein paar Schritte entfernt.

Als ich mich hinlegte, spürte ich, wie müde mein Körper war. Der Rücken tat mir weh. Der Nacken schmerzte. Dennoch wusste ich, dass ich nicht schlafen würde. Deshalb zupfte ich an Jennifers Kittel, als sie die gelbe Piquedecke über mich zog. Aber meine Sprache war verloren gegangen, während der letzten Tage hatte ich nur ein einziges Wort sagen können, und das genügte nicht, um zu erklären, dass ich etwas haben wollte, um schlafen zu können. Eine Schlaftablette zum Beispiel. Oder einen Schuss in die Schläfe. Trotzdem konnte ich dieses einzige Wort nicht aufhalten, es rollte wie ein kleines Ei aus meinem Mund, ob ich wollte oder nicht.

"Albatros?"

Angst flackerte in Jennifers Augen auf, aber die wehrte sie rasch ab. Schließlich gab es nichts, wovor sie hätte Angst haben müssen. Als frisch ausgebildete Krankenschwester wusste sie, wie man mit Verrückten und Schockpatienten umgehen musste. Bisher hatte sie sich noch nicht so recht entscheiden können, in welche Kategorie ich eigentlich gehörte, aber das machte nicht so viel, da es sowieso nichts an ihrer Verhaltensweise änderte. Freundlich, aber bestimmt. Und ruhig natürlich. Mit unerschütterlicher Ruhe.

"So, so", sagte sie nur.

Sie hatte nicht verstanden. Noch eine schlaflose Nacht lag vor mir. Ich seufzte.

"Seufze, mein Herz, doch breche nicht", sagte Jennifer. "Den du liebst, den kriegst du nicht."

Ich blinzelte verwundert. Hä?

Man hätte es eleganter formulieren können, doch es genügte, um Jennifer klarzumachen, was sie da gesagt hatte. Sie schlug sich die Hand vor den Mund und riss die Augen auf.

"Oh, Entschuldigung", sagte sie dann. "Entschuldigen Sie bitte. Das ist mir so rausgerutscht. Es ist nur ein Spruch, den meine Großmutter immer gesagt hat, wenn jemand seufzte ... Ich habe mir gar nichts dabei gedacht."

So ängstlich wird man, wenn man begreift, dass man ganz unfreiwillig die Wahrheit gesagt hat. Den du liebst, den kriegst du nicht. Als ob ich das nicht wüsste. Als ob ich das nicht immer schon gewusst hätte. Deshalb schüttelte ich kurz den Kopf, um sie zu beruhigen. Nichts passiert.

Als sie ging, schaltete sie die kleine Nachtlampe aus. Das wunderte mich. Wie sollte sie all die Schläuche und Apparate überprüfen, wenn es dunkel im Zimmer war? Andererseits wurde es nicht vollkommen dunkel, das merkte ich rasch. Die Straßenlaternen draußen verwandelten das Fenster in ein graues Rechteck mitten in all dem Schwarz.

Die Unterhose war weiß und von außergewöhnlich guter Qualität.

Die Krankenschwester, die ihn fand, konnte nicht anders, sie musste sie berühren. Leichthin strich sie über den Stoff und ließ den Zeigefinger an dem grauen Etikett verweilen: Björn Borg underwear. Das sagte ihr nichts. Von Björn Borg hatte sie noch nie gehört.

Es war ein kalter Morgen, und einen Moment lang erwog sie, ihren Mantel auszuziehen und über ihn zu breiten, sah dann jedoch flüchtig vor sich, wie Menschen auftauchten, wenn der Krankenwagen kam, und wie jemand - eine Russin vermutlich - den Mantel an sich reißen und behaupten würde, es wäre ihrer. Sie konnte es sich nicht leisten, den Mantel zu verlieren. Stattdessen nahm sie ihr kariertes Kopftuch ab und legte es ihm über den Brustkorb. Sie konnte ihn nicht darin einhüllen, sie durfte ihn nicht bewegen. Die geringste Berührung konnte ihn unwiderruflich lähmen. Wenn er nicht bereits gelähmt war.

Mit der offenen Hand strich sie ihm über den Arm, der stark behaart war. Er war ein schöner Mann, das konnte man sehen, obwohl die Muskeln bereits so schlaff waren, dass es aussah, als würden sie ihm im nächsten Moment von den Knochen gleiten. Sein Gesicht war sehr blass, nur seine halb geöffneten Augen waren dunkel. Vielleicht war er ja bei Bewusstsein.

"Alles wird gut", flüsterte sie. "Du wirst sehen. Warte nur ab."

Ein Knall. Sie schaute die Hausfassade hinauf. Ein offenes Fenster klapperte im Wind.

Erinnerung

In der dritten Nacht begann ich zu träumen.

Obwohl ich nicht schlief. Ich saß mit offenen Augen auf dem Besucherstuhl neben Sverkers Bett, als ich mich plötzlich selbst unter einer Straßenlaterne im Krankenhauspark stehen sah. Ich hatte den Kragen meiner Schaffelljacke hochgeschlagen und schob das Kinn in den weißen Pelz. Es war sehr kalt. Vielleicht gefriert sogar mein Atem zu Eis, dachte ich, vielleicht bleibt er in der Luft hängen wie ein kleiner Bausch Zuckerwatte. In dem Augenblick entdeckte ich die andere Frau. Sie kam über den Rasen gelaufen, nur in einem dünnen Sommerkleid, weiß mit grünen Punkten, und die Absätze ihrer Riemchensandalen bohrten kleine viereckige Löcher in den Schnee. Zunächst erkannte ich sie nicht wieder, ich hatte schließlich seit vielen Jahren nicht an sie gedacht, sie hatte sich ganz am Rande meines Bewusstseins befunden, so vertraut und selbstverständlich wie die Narben der kleinen Wunden aus der Kindheit und ebenso wenige Gedanken wert. Sie muss doch frieren, dachte ich nur und bohrte das Kinn noch tiefer in den Kragen, sie trägt ja nicht einmal Strümpfe. Da blieb sie vor mir stehen, und wir sahen uns an.

"Marie", sagte ich. "Bist du es wirklich?" Mit einer Grimasse antwortete sie: "Mary", sagte sie. "Bin ich es wirklich?"

"Mary-Marie", fragte eine gedämpfte Stimme, "wollen Sie sich nicht hinlegen?"

Eine Krankenschwester hockte neben meinem Stuhl und strich mir vorsichtig über den Arm. Sie war jung und blond, gekleidet in Blau und Weiß. Frühlingsfrisch. Ich schaute sie kurz an, während ich die Zungenspitze über die Vorderzähne gleiten ließ. Die pelzig waren. Wann hatte ich mir zuletzt die Zähne geputzt? Ich konnte mich nicht erinnern. Irgendwann.

Die Krankenschwester trug ein kleines Namensschild auf der Brust. Jennifer. Hallo, Jennifer, dachte ich. Du hättest Sverker gefallen. Wie schade, dass er dir nicht begegnen wird. Oder auch wie gut. Wie außerordentlich gut sowohl für dich als auch für mich.

Jennifer legte den Kopf schräg und versuchte ein Lächeln.

"Sie brauchen Schlaf, Mary-Marie. Es wird ja nichts besser, wenn Sie auch noch krank werden."

Das war eine abgedroschene Phrase, und wie die meisten abgedroschenen Phrasen enthielt sie ein Fünkchen Wahrheit. Nichts würde dadurch besser werden, dass ich auch noch krank wurde. Andererseits würde auch nichts schlechter werden. Es war völlig gleich.

Sie wartete ein paar Sekunden auf Antwort, als jedoch keine kam, wurde sie regelrecht aufmunternd.

"Passen Sie auf", sagte sie. "Wir haben genügend Patienten hier auf der Station, noch eine mehr können wir nicht gebrauchen ... Jetzt stehen Sie auf, und dann helfe ich Ihnen dort zum Bett hinüber."

Sie schob ihren Arm unter meinen und zog mich auf die Füße. Von der schnellen Bewegung wurde mir ganz schwindlig, doch ich sträubte mich nicht. Ein paar Atemzüge lang stand ich unbeweglich da, schloss die Augen und wartete, dass der Fußboden aufhören würde, sich unter mir zu bewegen, bevor ich mich freimachte. Ich brauchte keine Stütze.

Ich konnte allein gehen. Außerdem stand das Besucherbett nur ein paar Schritte entfernt.

Als ich mich hinlegte, spürte ich, wie müde mein Körper war. Der Rücken tat mir weh. Der Nacken schmerzte. Dennoch wusste ich, dass ich nicht schlafen würde. Deshalb zupfte ich an Jennifers Kittel, als sie die gelbe Piquedecke über mich zog. Aber meine Sprache war verloren gegangen, während der letzten Tage hatte ich nur ein einziges Wort sagen können, und das genügte nicht, um zu erklären, dass ich etwas haben wollte, um schlafen zu können. Eine Schlaftablette zum Beispiel. Oder einen Schuss in die Schläfe. Trotzdem konnte ich dieses einzige Wort nicht aufhalten, es rollte wie ein kleines Ei aus meinem Mund, ob ich wollte oder nicht.

"Albatros?"

Angst flackerte in Jennifers Augen auf, aber die wehrte sie rasch ab. Schließlich gab es nichts, wovor sie hätte Angst haben müssen. Als frisch ausgebildete Krankenschwester wusste sie, wie man mit Verrückten und Schockpatienten umgehen musste. Bisher hatte sie sich noch nicht so recht entscheiden können, in welche Kategorie ich eigentlich gehörte, aber das machte nicht so viel, da es sowieso nichts an ihrer Verhaltensweise änderte. Freundlich, aber bestimmt. Und ruhig natürlich. Mit unerschütterlicher Ruhe.

"So, so", sagte sie nur.

Sie hatte nicht verstanden. Noch eine schlaflose Nacht lag vor mir. Ich seufzte.

"Seufze, mein Herz, doch breche nicht", sagte Jennifer. "Den du liebst, den kriegst du nicht."

Ich blinzelte verwundert. Hä?

Man hätte es eleganter formulieren können, doch es genügte, um Jennifer klarzumachen, was sie da gesagt hatte. Sie schlug sich die Hand vor den Mund und riss die Augen auf.

"Oh, Entschuldigung", sagte sie dann. "Entschuldigen Sie bitte. Das ist mir so rausgerutscht. Es ist nur ein Spruch, den meine Großmutter immer gesagt hat, wenn jemand seufzte ... Ich habe mir gar nichts dabei gedacht."

So ängstlich wird man, wenn man begreift, dass man ganz unfreiwillig die Wahrheit gesagt hat. Den du liebst, den kriegst du nicht. Als ob ich das nicht wüsste. Als ob ich das nicht immer schon gewusst hätte. Deshalb schüttelte ich kurz den Kopf, um sie zu beruhigen. Nichts passiert.

Als sie ging, schaltete sie die kleine Nachtlampe aus. Das wunderte mich. Wie sollte sie all die Schläuche und Apparate überprüfen, wenn es dunkel im Zimmer war? Andererseits wurde es nicht vollkommen dunkel, das merkte ich rasch. Die Straßenlaternen draußen verwandelten das Fenster in ein graues Rechteck mitten in all dem Schwarz.


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Bewertung von justine aus Xanten am 22.04.2010   ausgezeichnet
Mary Marie ist eine Frau die zwei verschiedene Leben führt. Eigentlich ist sie die Mary, die schwedische Ministerin nach ihrer journalistischen Karriere wurde. Sie gab ihre Karriere auf für ihren Mann Sverker, der nach einem ungeklärten Sturz aus einem Hotelfenster querschnittsgelähmt war. Sverker wurde aus dem Fenster gestoßen, nach einem Besuch bei einer minderjährigen russischen Prostituierten. Mary gab alles dafür, dass das keiner rauskriegt. Aber gleichzeitig hasst sie Sverker, sie bleibt bei ihm, denn sie fühlt sich an ihn gebunden. In dieser Lage verliert Mary ihre Stimme und schottet sich immer mehr in ihre eigene Welt ab. Um dieser grausamen realität zu entkommen, verwandelt sie sich in Marie, die bei ihrer Wut handelt. Marie handelt endlich mit Sverker und schaltet sein Beatmungsgerät aus. Die Folge: Eine Haftstrafe von sieben Jahren. Sie bewältigt die sieben Jahre und fängt ein neues Leben als sie selbst: Als: MaryMarie .
Die ich nie war ist ein gelungener Roman,in den man total versinken kann. Dieses Buch lässt einen einfach nicht mehr los, man kann es weder aus der Hand legen, noch aufhören an es zu denken, wenn es zu Ende ist.Der Roman weckt viele Gefühle in einen. Das Buch vergisst man nicht mehr so schnell.

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