Die Freiheit und das Gehirn - Linke, Detlef B.
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Trickst das Gehirn das Ich aus, und wo bleibt dann unsere Verantwortung? Die Freiheit des menschlichen Denkens steht zur Debatte. Prominente Vertreter der neuesten Hirnforschung bestreiten sie grundsätzlich. Zu Unrecht, wie der Neurologe und Philosoph Detlef B. Linke mit guten Gründen meint. E zeigt, dass der Kreativität und der Zeit eine zentrale Rolle im menschlichen Denken und Handeln zukommt, und weshalb sich genau darin die Freiheit des Denkens manifestiert…mehr

Produktbeschreibung

Trickst das Gehirn das Ich aus, und wo bleibt dann unsere Verantwortung?

Die Freiheit des menschlichen Denkens steht zur Debatte. Prominente Vertreter der neuesten Hirnforschung bestreiten sie grundsätzlich. Zu Unrecht, wie der Neurologe und Philosoph Detlef B. Linke mit guten Gründen meint. Er zeigt, dass der Kreativität und der Zeit eine zentrale Rolle im menschlichen Denken und Handeln zukommt, und weshalb sich genau darin die Freiheit des Denkens manifestiert.
  • Produktdetails
  • rororo science
  • Verlag: Rowohlt TB.
  • Seitenzahl: 335
  • Gewicht: 285g
  • ISBN-13: 9783499621222
  • ISBN-10: 3499621223
  • Best.Nr.: 20754433

Autorenporträt

Detlef Linke ist Mediziner und Professor für Klinische Neurophysiologie und Neurochirurgische Rehabilitation an der Universität Bonn.

Rezensionen

Detlef B. Linke ist einer "der interessantesten Denker unserer Zeit".
Neue Zürcher Zeitung
Besprechung von 18.03.2005
Das unfixierte Reich
Gehirn, nächste Runde: Benjamin Libet und Detlef Linke
Der Amerikaner Benjamin Libet zählt zu den bekanntesten Neurowissenschaftlern der Gegenwart. Obwohl der fast neunzigjährige Emeritus zahlreiche wegweisende Untersuchungen gemacht hat, verdankt er seinen Ruhm vor allem einer einzigen Studie: der zur Willensfreiheit. Sie wird in der Regel als Widerlegung der Willensfreiheit interpretiert, obwohl der Autor selbst diese Konsequenz nie gezogen hatte. In späteren Aufsätzen hatte er sich sogar als Dualist zu erkennen gegeben - seine experimentellen Ergebnisse wurden dagegen vor allem von Materialisten in Anspruch genommen.
Schon aus diesem Grund verdient Libets Buch „Mind Time” besonderes Interesse, denn hier stellt der Autor seine bisherigen Arbeiten und seine Grundannahmen im Zusammenhang dar. Den ersten Schwerpunkt bilden ältere Untersuchungen, in denen Libet zu zeigen versuchte, dass neuronale Aktivitäten in der Regel erst mit einer Verzögerung von einer halben Sekunde ins Bewusstsein treten. Offenbar hinkt unser Bewusstsein den realen Ereignissen hinterher; schnellere Reaktionen, etwa im Sport, geschehen unbewusst. Verwirrung entsteht dadurch nicht, denn das Gehirn datiert Wahrnehmungen automatisch auf den „richtigen” Zeitpunkt zurück.
Ein spätes Veto ist möglich
Den zweiten Schwerpunkt bilden die Experimente zur Willensfreiheit. Libet stellte fest, dass die Hirnaktivität, die eine Handlung einleitet, früher einsetzt als de bewusste Entschluss zu dieser Handlung. Die eigentliche Festlegung scheint also auf der neuronalen Ebene zu fallen; der bewusste Willensakt dagegen ist offenbar nur ein wirkungsloses Nachspiel. Libet berief sich jedoch von vornherein auf die Möglichkeit eines bewussten „Vetos”, durch das der Handelnde spontan auch noch im letzten Moment die Handlung unterlassen kann. Dieses Veto hat allerdings in der weiteren Diskussion keine große Rolle gespielt - zu Recht, muss man sagen, denn Libets experimenteller Nachweis ist mehr als fragwürdig: Die Versuchspersonen waren von Beginn an instruiert, die Handlung zu einem vorgegebenen Zeitpunkt zu unterbrechen - von einer spontanen Unterlassung konnte also keine Rede sein.
Libets eigene Theorie der Willensfreiheit ist untrennbar verbunden mit seiner dualistischen Auffassung, dass Willensakte - wie alle anderen geistigen Prozesse auch - keine physischen Prozesse sind. Dennoch können sie auf physische Prozesse einwirken: Dieses Thema bildet den dritten Schwerpunkt des Buches. Libet postuliert hier die Existenz „bewusster mentaler Felder”. Diese Felder sind keine physischen Phänomene, dennoch ist ihr Einfluss auf das Gehirn im Prin-zip experimentell nachweisbar. Libet schlägt hierzu sogar ein konkretes Experiment vor. Doch damit nicht genug: Er hält sogar einen empirischen Nachweis für die Fortexistenz der Seele bei einem vorübergehenden vollständigen Ausfall neuronaler Prozesse für denkbar.
Anders als viele Autoren, die sich auf ihn berufen, sieht Libet daher ein religiös geprägtes, dualistisches Menschen- und Weltbild keineswegs in Gefahr. Dabei wagt sich der begnadete Experimentator weit vor in den Bereich philosophischer Deutung seiner Befunde. Doch unterlaufen ihm hier, bei allem philosophischen Interesse, einige Missgriffe. So identifiziert er Materialismus und Determinismus, obwohl der Materialismus nicht deterministisch und der Determinismus nicht materialistisch sein muss, und er unterstellt einfach, dass Freiheit in einer deterministischen Welt nicht möglich sei - dafür müssten zumindest Argumente gebracht werden.
Zudem fällt auf, dass neuere empirische Befunde nicht immer ausreichend berücksichtigt werden. Die experimentell hervorragend belegten Thesen Singers zum so genannten Bindungsproblem werden kurzerhand als „spekulativ” vom Tisch gewischt - wohl, weil sie Libet ein Argument für den Dualismus zu rauben drohen. Doch bei aller Kritik im Einzelnen: Es handelt sich bei Libets Buch um eine äußerst lesenswerte und lehrreiche Arbeit.
Detlef B. Linke, der kürzlich früh verstorbene Bonner Neurologe, war einer der profiliertesten Grenzgänger zwischen Neurowissenschaften und Philosophie. So lässt denn auch der Titel seines letzten Buches, „Die Freiheit und das Gehirn”, einen Beitrag zur gegenwärtigen Debatte um die Konsequenzen der Hirnforschung für die Willensfreiheit erwarten. Doch ist die Willensfreiheit nur eines der vielen Themen, die das Buch anschneidet. Daneben geht es - zuweilen arg assoziativ - um Kreativität und Liebe, um Individualität, die Neurotheologie und die Neuroökonomik und schließlich um eine schwer fassbare „Ethik des Denkens”.
Linkes Position zur Willensfreiheit erscheint zunächst gut nachvollziehbar. Er macht darauf aufmerksam, dass Freiheit auch in einer determinierten Welt möglich ist; er plädiert für eine vorsichtige Interpretation der Libet-Experimente und verweist auf den Unterschied von Gründen und Ursachen. Dabei betont er, dass ein Freiheitsbegriff zu kurz griffe, würde er sich allein auf die menschliche Fähigkeit stützen, aus Gründen zu handeln.
Leider erschwert Linke mit seinen oft unklaren Formulierungen die Auseinandersetzung mit seinen Thesen zur Willensfreiheit: „Man muss sich dem Faktum aussetzen, . . . dass die zunehmende Reflexion über Fragen der Freiheit aus Gründen aber auch denAnlass bieten könnte, nach neuen Freiheitskonzepten Ausschau zu halten, die nicht ein fixiertes kanonisiertes Reich der Vernunft . . . zur Orientierung nehmen, wobei bei einer derartig verstandenen Freiheit nicht nur Gründe, sondern auch emotionale Cluster, produktive Punkte und dergleichen ins Spiel kommen könnten.” Genau genommen ist dieses vermeintliche Plädoyer für eine neue Freiheitskonzeption nur die wenig spektakuläre Feststellung, es „könnte” sich ein Anlass zur Suche nach einer solchen Konzeption bilden.
Problematisch ist zudem Linkes Einwand gegen Descartes’ Dualismus von räumlichem Körper und raumlosem Geist: Unser Geist könne gar nicht raumlos sein - schließlich hätten wir doch räumliche Vorstellungen. Doch wird damit wirklich die cartesische Position getroffen? Um zu räumlichen Repräsentationen fähig zu sein, muss der Geist selbst genau so wenig räumlich sein, wie er golden oder schwer sein muss, um etwas Goldenes oder Schweres zu repräsentieren. Zweifeln wird man auch an Linkes Überlegungen zur Bedeutung des Katholizismus für Wolf Singers Freiheitsskepsis. Kurz, Linkes Buch enthält viele treffende Bemerkungen. Wer aber eine weiterführende Auseinandersetzung mit dem Problem von Freiheit und Hirnforschung sucht, der ist hier weniger gut aufgehoben.
Die Debatte und die Standards
Beide Bücher zeigen, dass die Debatte um die Konsequenzen der Hirnforschung auf der naturwissenschaftlichen wie der philosophischen Ebene in vollem Gange ist. Sie zeigen aber auch, wie wichtig es ist, dass in dieser Auseinandersetzung die Standards beider Disziplinen eingehalten werden. Gerade wenn es um für unser Selbstverständnis zentrale Fragen geht, sollten wir keine falschen Kompromisse machen. Auch die besten empirischen Erkenntnisse können zu falschen Schlussfolgerungen führen, wenn die Maßstäbe und Begriffe unklar sind, die wir an sie anlegen und in denen wir sie formulieren.
MICHAEL PAUEN
BENJAMIN LIBET: Mind Time. Wie das Gehirn Bewusstsein produziert. Übersetzt von Jürgen Schröder. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005. 304 Seiten, 19,80 Euro.
DETLEF B. LINKE: Die Freiheit und das Gehirn. Eine neurophilosophische Ethik. C. H. Beck Verlag, München 2005. 272 Seiten, 19,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Als einen der "profiliertesten Grenzgänger zwischen Neurowissenschaften und Philosophie" würdigt Rezensent Michael Pauen den kürzlich verstorbenen Bonner Neurologen Detlef B. Linke, dessen Buch "Die Freiheit und das Gehirn" nun vorliegt. Die Problematik der Willensfreiheit ist nach Auskunft Pauens aber nur eines der vielen Themen, die das Buch anschneidet. Daneben gehe es um Kreativität und Liebe, um Individualität, die Neurotheologie und die Neuroökonomik und um eine "schwer fassbare" "Ethik des Denkens". Im Blick auf die Thematik der Willensfreiheit mache Linke darauf aufmerksam, dass Freiheit auch in einer determinierten Welt möglich sei; er plädiere für eine vorsichtige Interpretation der Libet-Experimente und verweise auf den Unterschied von Gründen und Ursachen. Dabei betone er, dass ein Freiheitsbegriff zu kurz griffe, würde er sich allein auf die menschliche Fähigkeit stützen, aus Gründen zu handeln. Zu Pauens Bedauern erschwert Linke mit seinen "oft unklaren Formulierungen" die Auseinandersetzung mit seinen Thesen zur Willensfreiheit. Für "problematisch" erachtet er zudem Linkes Einwand gegen Descartes? Dualismus von räumlichem Körper und raumlosem Geist. Auch Linkes Überlegungen zur Bedeutung des Katholizismus für Wolf Singers Freiheitsskepsis sieht Pauen skeptisch. Insgesamt findet er in Linkes Buch dennoc "viele treffende Bemerkungen". "Wer aber eine weiterführende Auseinandersetzung mit dem Problem von Freiheit und Hirnforschung sucht", resümiert Pauen, "der ist hier weniger gut aufgehoben."

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