Leseprobe zu "Deutschland vor Ort" von Wilfried F. Schoeller
Gralsburg des Historismus
Literaturschloß Lichtenstein
Alles hat angefangen mit einem Roman, der nur als Sprosse auf der Leiter literarischen Erfolgs gedacht war: 1826 veröffentlichte der Hauslehrer Wilhelm Hauff aus Stuttgart, einigen Vertrauten als Musterschüler in Erinnerung, als Theologe auf dem Tübinger Stift, der Elite-Dressuranstalt des Landes, mit achtbarem Ergebnis promoviert, zu dieser Zeit hingegen für die Schriftstellerei beurlaubt und damit weit abseits von seiner vorbestimmten Bahn, einen kühl kalkulierten Schmachtfetzen. Der Roman "Lichtenstein" war als "romantische Sage aus der württembergischen Geschichte" an großgläubige Herzen und patriotische Gefühle adressiert. Der Roman führt in ein heroisch verklärtes Mittelalter hinein, präsentiert reichlich viel männliche Bewährung und weiblichen Adel, pochende Sehnsucht und verzehrende Blickwechsel. Über Abgründe an Eifersucht hinweg und durch Tränennebel hindurch führt er einen Ritter und ein Schloßfräulein zu idealer Ehe zusammen. Hauff hatte sich einiges vorgenommen: er wollte in Deutschland den Erfolg haben, den Walter Scott mit seinen "Waverly Novels" in England erzielt hatte: "Mein Entschluß stand fest; einen historischen Roman à la Walter Scott mußt du schreiben, sagte ich zu mir, denn nach allem, was man gegenwärtig vom Geschmack des Publikums hört, kann nur diese und keine andere Form Glück machen. Freilich kamen mir bei diesem Gedanken noch allerlei Zweifel; ich mußte die Werke dieses großen Mannes nicht nur lesen, sondern auch studieren, um ihm sein Geheimnis abzulauschen, und dann mußte ich irgendein Stück aus der Geschichte ausfindig machen, um es zu meinem Zweck zu benützen."
Machwerke solcher Art sind zum raschen Vergessen bestimmt. Im Fundus falscher Gefühle und herziger Verlogenheiten, die mitten in der Restaurationszeit zu einer vielgestaltigen Kunstmode aufblühten, wirkt heute alles verstaubt. Überdies ist nichts schwieriger, als einen Trivialroman haltbar und wetterfest für einige Jahrzehnte zu schreiben; unter diesem Gesichtspunkt ist die Leistung von Hedwig Courths-Mahler ebenso bemerkenswert wie die von Fontane. Aber der 24jährige Wilhelm Hauff legte einen Geniestreich vor. Dieser nachgeborene Spätromantiker aus der schwäbischen Provinz versammelte die Wonneschauer ganzer Leihbibliotheken in seinem Buch; er legte es als kompletten Spielplan zeitgenössischer Fluchtphantasien an.
Die rührende Liebesgeschichte wurde mit dem Drama des irrenden, aber edlen Landesfürsten Ulrich von Württemberg aus der Reformationszeit verbunden. Er wird durch ein Heer des Schwäbischen Bundes 1519 vertrieben.. Der edle Ritter Georg von Sturmfeder liebt die Grafentochter Marie von Lichtenstein, wechselt ihretwegen ins fürstliche Lager und hat entscheidenden Anteil an der Rettung des bedrängten Herrschers. Auf Schloß Lichtenstein winkt dafür ein unvergängliches Familienglück - ganz in der bürgerlichen Gloriole. Einige wenige historische Tatsachen leuchten im Halbdunkel der Erzählung als erhabene Sagenbilder auf. Die Ritter- und die Liebesgeschichte schlingen sich vor prächtigen Prospekten altdeutscher Masken- und Kostümfeste ineinander, laben sich an munter sprudelnden Kommentaren über vorbildlichen Anstand und rühmenswerte Sitte unserer Ahnen wie an einem moralischen Jungbrunnen. Als mythischen Gegenort zur hellen Burg gibt es das dunkle Versteck, die Nebelhöhle, den schwäbischen Kyffhäuser. Dort hat Wilhelm Hauff seinen Herzog Ulrich von Württemberg zeitweilig versteckt. Und so wird noch jedes Landeskind zu einem kryptonymen Ausflug verschleppt. Die Stalagmiten im Dämmerlicht wachsen dem Fremdenführer zu Kapelle und Kanzel, zu Schlössern und zu Goethe, Bischof mit Dienern und Fröschen aus. Seine Arme vollführen den Zickzacktaumel von Fledermäusen nach, während sich beim Besuchertrupp ein erdgeschichtlicher Grusel breitmacht. Früher haben die Fackeln die Sinterformationen unweigerlich verrußt, heute ist elektrisches Licht installiert. Weil sich durch die ständige Beleuchtung und heftig atmende Besucher die Binnentemperatur erhöht, wächst den Kegeln, Zapfen und Säulen ein Pelz aus Algen. Bisweilen weiß sich die Natur durch ihre eigene Verunstaltung der Funktion als Denkmal zu erwehren.
Als patriotisches Heldenbuch, als kulturgeschichtliches Gemälde eines aufgeräumten Mittelalters, als Brevier beständiger Lebensregeln hat der "Lichtenstein" ein Jahrhundert lang zum poetischen Hausschatz gehört. Enthusiasten aus gegensätzlichen Lagern haben sich auf dieses regionale Kulturgut berufen. Auch die Burschenschaften bezogen sich, nach dem Hambacher Fest von 1830, im Zeichen der demokratischen Farben Schwarzrotgold, auf Wilhelm Hauff. Der konnte seinen Ruhm nicht mehr genießen, denn er war bereits 1827, im Alter von 25 Jahren, unerwartet an "Nervenfieber" verstorben und wurde von kundigen Sachwaltern als "Jünglingsgestalt der deutschen Literaturgeschichte" in einen wurmstichigen Klassikerolymp geschoben.
Der zeitgenössische württembergische König verstand den Roman als Apotheose des Landesfürsten und als Anschauungsunterricht für Untertanentreue. Jedenfalls schenkte er die Grafschaft Lichtenstein einem Vetter, damit dieser auf verfallenden Grundmauern und statt eines verlotterten Jägerhäuschens eine "ideale Burg des Mittelalters" wiedererstehen lasse. So wurde 1840/41 in der Nähe von Reutlingen getreu nach dem Roman ein Literaturschloß gebaut, eine Märchenburg aus neogotischen Versatzstücken, eine Theaterkulisse mit Zugbrücke und Zinnen, Türmchen und Erkerchen, Waffenkammer und Trinkstube, Andachtskapelle, Rittersaal und schöner Aussicht.
In dieser Gestalt ist Hauffs Spekulation auf verschollene Größe versteinert und hat die Krisen des vaterländischen Bewußtseins und zwei Weltkriege sieghaft verschlafen. Noch heute pilgern die Schulklassen aus Deutschlands Südwesten zu dieser Gralsburg des Historismus auf der schwäbischen Alb. Sie bleibt ein Traumgelände frühkindlicher Vorstellungsgaukeleien. Als Zauberberg mit Waldesweben und Sagenraunen, Legendenspiel und Mythengeflüster mag der Lichtenstein ausgedient haben, aber er hat sich als solcher noch in den Bildvorrat jenes Kindes hineingeschmuggelt, das ihn in den fünfziger Jahren auf einer frühen Klassenfahrt kennenlernte. Andererseits ist diese Bilderbuchburg, dieses schwäbische Neuschwanstein für fast jedes württembergische Kind ein Alltagsbekannter. Er thront als Modell in unzähligen Gärten. In unserem Fall in dem eines Sattlers. Im Sommer war er hinter einem Vorhang aus Kletterrosen fast verborgen, aber im Herbst trat er leuchtend aus dem Dickicht hervor, und der Wind strich durch zwei Äolsharfen in der Nähe. So lebt der Lichtenstein als tönende Burg in der Erinnerung auf. Der Sattler hingegen hatte ein Kehlkopfleiden und mußte auf einen Knopf drücken, wenn er sprechen wollte. Weil ihm oft kaum mehr als ein Pfeifen und Gurgeln entfuhr, hat er seine Redseligkeit auf eine Folge von unverbundenen Preßwörtern beschränkt. So trat die Geschichte des Lichtenstein dem Kind als gestammeltes historisches Telegramm und im Augenschein ohnmächtiger Bedürftigkeit entgegen.
Das Liliput-Monument im Garten gehört zu den schwäbischen Auffälligkeiten wie die von einem pietistischen Pfarrerfanatiker verursachte einheimische Uhrenindustrie, das Bausparerwesen, die Kehrwoche und die paragraphenreichsten Hausordnungen der Welt. Man möchte in Schwaben gerne zurück bis zu jenem Ursprung, wo das Mittelalter überall war, wo sich die Bilder zu einem Arsenal an hel- len Siegen und dunklen Ängsten zusammenfügten und die Innenwelt mit Helden und Flüchtlingen, Schreckensfiguren und Sehnsuchtsbräuten bevölkert wird. Deshalb die Sucht zum steinernen Jugendtraum. Fachkenntnisse im Modellbau werden für den Lichtenstein im Garten verlangt und von den Miniaturexperten ausgebreitet: Innengerüst aus Beton und Zementguß, Sandsteinsorten und Bearbeitungsarten. Bastlerfleiß und Burgenseligkeit gebären Wahrträume. Mancher Garten ist zum monströsen Spielfeld mutiert: Breitspureisenbahnen rollen über Abgründe und durch Tunnels, Seilbahnen führen von Gipfel zu Gipfel und immer in der Mitte thront der Lichtenstein, der anbetungswürdige. Gegen die Möglichkeit zum unvorhersehbaren Geschmackswechsel und gegen das eigene Altern haben sich diese Landschaftsgestalter mit Tonnen von Gestein gewappnet. Wenn die Nachfahren einst den Garten als Grünfläche zurückerobern wollen, werden sie mit Sprengstoff arbeiten müssen. Es gibt den Lichtenstein als Hundehütte und Rückzugsort für Goldhamster, als Kombination von Blumentisch und Modell. In den hohen Sockel ist häufig auch die Nebelhöhle eingelassen, in die Hauff den aus seinem Land vertriebenen Herzog Ulrich plazierte.
Selten genug, daß einer dieser Traumarchitekten die literarische Vorlage gelesen hat. Man kann auch ohne sie auskommen, die Erzählung aus großen Zeiten hat sich von ihrem Verfasser gelöst und selbständig gemacht. In der Erinnerung irrlichtert sie als verjährte Jugendaffäre herum. Der Roman von Wilhelm Hauff dient, wenn überhaupt, nur noch als Wegmarke für die Literaturgeschichte: mit ihm ist der Beginn des historischen Heimatromans in Deutschland zu datieren.
Die Bastlerleidenschaft, die eine unnennbare Sehnsucht zu einem zähen Freizeitringen um ein Burgenmodell treibt, ist wortkarg: keiner der Baumeister wüßte zu begründen, was genau ihn angetrieben hat. Dieser stumme Enthusiasmus wirkt komisch und monströs - und er wird kaum mehr benötigt. Die Winkel und Nischen auch der schwäbischen Gärten werden zunehmend von grinsenden Gartenzwergen aus dem Kaufhaus besetzt.
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