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| Bewertung von Margarete Noack aus Berlin am 21.08.2011 | |
| Zwischen Poesie und Tretminen Es gibt Bücher, die uns lehren auszuhalten, durchzuhalten, um am Ende neue Impulse für das eigene Leben zu empfangen. Eines davon ist Susanne Krahes Autobiografie „Der Geschmack von Blau“ Was ich weiß, seit ich nichts mehr sehe. Auf 264 Seiten, reflektiert die Autorin ihr Leben. Ein Leben, das von Krankengeschichten bestimmt wird. Geballt treten sie auf: erblinden mit 30, eine Folge von Diabetes, dann Nierenversagen, Transplantation. Die einst nach außen strebende Susanne beginnt nun ihren Ehrgeiz nach innen zu wenden. Zahlreiche Bücher, Hörspiele, Vorträge, zeugen davon. Im Angesicht von Leid ein Dennoch zu finden, das macht die Autorin einer Journalistin, die auf der Suche nach Überlebenskünstlern ist, mit einem Augenzwinkern deutlich. Seite 11: „Zwei Möglichkeiten blieben mir: mich aufzuhängen oder zu überleben: Zum Aufhängen fehlte mir der Mut.“ Es ist die Ehrlichkeit, die Klarheit der Sprache, die mich fasziniert, die mich vom Buch nicht los lässt. Weder Selbstmitleid noch Heldentum erniedrigen oder erhöhen das Buch. Das würde die kraftvolle Sprache der Autorin gar nicht zulassen. Trauer, Zorn, Freude sind Gefühle die den Leser berühren. Doch sie lassen ihn nicht dahinschmelzen, halten ihn wach, machen ihn aufmerksam – wach auch für die Gedanken einer Theologin auf Gottessuche. „Hast du nie mit deinem Gott gehadert?“ So beginnt die Autorin Kapitel 3 „Gottessuche“ S.110 Wen die Frage, warum Gott Leid zulässt, aufwühlt, der erfährt, dass es wohl eine Vollendung des göttlichen Werkes gibt, von der auch Christenmenschen nichts wissen, vielleicht aber erahnen könnten, durch ihren Glauben. Und da ist auch der Besuch der amerikanischen Freundin. Kapitel 2. Beeindruckend diese Begegnung nach langen Jahren. Die Autorin erzählt wie sie fühlt was ihr von den Augen nicht mehr gesagt werden kann. „ Mary fühlt sich weicher und wärmer an als früher. Ich hoffe dass auch meine Schroffheiten sich abgeschliffen haben.“ (S.21) Ihre Schroffheit. Noch einmal ganz am Ende des III . Teil leuchtet sie auf, wenn sie Oma Brille beschreibt, die an einem Schlaganfall erkrankt war und dem Kind, Susanne, eher komisch erschien. Doch genau hier wird ein Wandel der Autorin deutlich. Plötzlich versteht sie das ständige Weinen der Oma. Die schroffen Worte werden zum Spiegel einer unwissenden Welt, die nicht versteht was sie sieht. Wer nun glaubt, dass er sich nicht zumuten will, als Leser in eine Krankengeschichte einzutauchen, dem empfehle ich das Buch dennoch. Nicht um sein eigenes Leid daran zu messen, nicht um das eigene Leid als leichter zu erkennen, sondern weil die Autorin unerwartet an seine Seite tritt, als Freundin, die etwas mitzuteilen hat. Sorgsam, geht sie mit der Sprache um, auch wenn so manche Tretmine den Leser erschrecken könnte, etwa durch die detaillierten Ausführungen zu ihrer Erblindung, dem hilflosen Versuch der Ärzte sie operativ davor zu bewahren, Sie erkennt wenn das Thema gewechselt werden muss, um es auf eine bereichernde Weise zu vertiefen. Sie eröffnet Blickwinkel die staunen lassen, so ihre veränderte Einstellung zur Transplantation, die Veränderung ihres Denkens, wenn aus der Zuschauerin eine Betroffene wird, wenn sie beobachtend erzählt wie ebenso betroffene Patienten wenig Solidarität füreinander entwickeln können. Spannend wird es wenn die Theologin Ihre Erkrankungen, im Bezug zur Bibel, zu Jesus stellt. „So viele Blindengeschichten gab es in der Bibel. Warum mussten die eigentlich immer mit einer Heilung der kaputten Augen enden?“ ( Seite.225) Gehen wir noch einmal zurück zu Kapitel 2, das vom Besuch der amerikanischen Freundin erzählt. Susanne hatte Angst vor der Begegnung. „Nach zwei, drei Tagen kommt eine Bemerkung, die mich erleichtert: Ich lache viel öfter als früher, stellte Mary fest. „Wirklich?“ Ich nehme das als Kompliment. „Kein Wunder“, gebe ich zu. „Ich bin glücklicher als früher.“ (S.21) |
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