Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension
Rezensent Oliver Pfohlmann ist im Großen und Ganzen sehr angetan davon, wie der Autor Louis Begley die schon ausführlich erforschte Affäre Dreyfus in seinem Buch aufbereitet: "Kenntnisreich, spannend und glänzend erzählt". Auch die Parallelen zu den Geschehnissen im US-amerikanischen Gefangenenlager Guantanamo, die der Autor zieht, findet er ziemlich offensichtlich und überzeugend - allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt. Zu Pfohlmanns Bedauern versäumt Begley es nämlich, die Unterschiede ähnlich gründlich zu untersuchen wie die Gemeinsamkeiten. Ein wesentlicher Unterschied ist nach Ansicht des Rezensenten nämlich, dass bei der Dreyfus-Affäre jemand aus der Mitte der Gesellschaft zum Sündenbock wurde, während bei Guantanamo der Subtext eher generell fremdenfeindlicher, weniger antiislamischer Natur ist.
© Perlentaucher Medien GmbH
 | Besprechung von 08.07.2009 |
Die Erfindung der Teufelsinsel
Aktualität einer Rechtsbeugung: Der amerikanische Anwalt und
Schriftsteller Louis Begley über den „Fall Dreyfus” und
Guantánamo
Wenn ein bekannter amerikanischer Schriftsteller, der sich auch als
Anwalt einen Namen machte, heute das aus vielen Lügen, Fälschungen
und antisemitischen Vorurteilen dicht gewebte Labyrinth, das den
Fall Dreyfus so exemplarisch macht, minutiös aufdröselt und
darstellt, führt er Aufklärung sehr gegenwärtiger Vorkommnisse im
Schild. Das macht bereits der deutsche Titel des jüngsten Buches
von Louis Begley unmissverständlich deutlich: „Der Fall Dreyfus:
Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte.”
Die Peripetien der „Dreyfus-Affäre”, die das Frankreich der III.
Republik Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts
erschütterten und das Land in zwei miteinander tief verfeindete
Lager spalteten, bieten unter sehr unterschiedlichen Perspektiven
ein erschütterndes Spektakel. Ein Aspekt dabei ist etwa die aus
politischen Rücksichten geförderte Verabsolutierung des Militärs,
das im Ruf stand, der den Parteienkämpfen enthobene Sachwalter der
nationalen Interessen zu sein.
"Was hat der Fall Dreyfus mit Guantánamo zu tun? Louis Begley hat in seinem Essay "Der Fall Dreyfus" ein politisches Statement vorgelegt, das es in sich hat. Begley, nicht nur ein begnadeter Schriftsteller, sondern darüber hinaus auch ein Jurist von hohen Graden, hat sich eines Themas angenommen, das die amerikanische Öffentlichkeit gegenwärtig in starkem Maße beschäftigt. Müssen wir, so fragt Begley, Guantánamo nicht anders beurteilen, liegt es nicht sehr viel näher an der vor Französisch Guayana liegenden Teufelsinsel, auf der einst der aus dem Elsass stammende französische Hauptmann Alfred Dreyfus 1894 auf Grund falscher Anschuldigungen hin verbannt worden war."
Julius H. Schoeps Die Welt
»Der versierte Anwalt und meisterliche Schriftsteller rekonstruiert den berühmten und berüchtigten Fall Dreyfus, die Hintergründe und Intrigen, die kriminellen Manipulationen in höchsten Kreisen, die Spaltung der französischen Gesellschaft in >Dreyfusards< und ihre konservativen Gegner. ... Begley zeigt, wie Antisemitismus und Rassismus in einer vermeintlich liberalen Gesellschaft funktionieren, damals wie heute.«
"Was hat der Fall Dreyfus mit Guantánamo zu tun? Louis Begley hat in seinem Essay "Der Fall Dreyfus" ein politisches Statement vorgelegt, das es in sich hat. Begley, nicht nur ein begnadeter Schriftsteller, sondern darüber hinaus auch ein Jurist von hohen Graden, hat sich eines Themas angenommen, das die amerikanische Öffentlichkeit gegenwärtig in starkem Maße beschäftigt. Müssen wir, so fragt Begley, Guantánamo nicht anders beurteilen, liegt es nicht sehr viel näher an der vor Französisch Guayana liegenden Teufelsinsel, auf der einst der aus dem Elsass stammende französische Hauptmann Alfred Dreyfus 1894 auf Grund falscher Anschuldigungen hin verbannt worden war."
Julius H. Schoeps Die Welt
Eine traumatisierte Nation, eine gefährdete Sicherheitslage, nichöffentliche Militärprozesse, fabrizierte Beweise und eine entlegene Insel, auf die zu Unrecht Angeklagte verbracht werden - für Louis Begley sind die Parallelen zwischen der Affäre Dreyfus und den heutigen Gefangenen von Guantanamo frappierend. Und die Rezensentin Renate Wiggershaus folgt ihm in dieser Einschätzung. "Wichtig und beeindruckend" findet sie dieses Buch, in dem der Jurist und Schriftsteller der amerikanischen Nation noch einmal die Geschichte des jüdischen Generals Dreyfus erzählt, der 1894 zu Unrecht der Spionage für Deutschland beschuldigt wurde, degradiert, verhöhnt, vom antisemitischen Mob verfolgt und zur lebenslangen Haft auf der Teufelsinsel vor Französisch-Guyana verurteilt wurde. Frösteln lässt sie der geradezu "unheimliche Widerhall", den Begley aus dem Regelwerk für die Behandlung von Guantanamo klingen hört: Isolationshaft, Ankettung, Folter - das alles stand auch schon in den "Anweisungen für die Deportationsbehörde der Teufelsinsel".
© Perlentaucher Medien GmbH
Louis Begley wurde am 6. Oktober 1933 unter dem Namen Ludwik Begleiter als Sohn polnischer Juden in einer kleinen Stadt im Osten Polens (heute Ukraine) geboren. Er selbst und seine Mutter entgingen, als katholische Polen getarnt, dem Holocaust. Nach dem Ende des Krieges kam die Familie wieder zusammen. Vier Monate blieben sie in Paris, wo Vater und Sohn Englisch lernten. Im März 1947 siedelte die Familie Begleiter in die USA über und ließ sich in Flatbush/Brooklyn nieder, wo sie den Namen Begley annahm.1950 erhielt Louis Begley ein Harvard-College-Stipendium und wurde damit zum Harvard College zugelassen; 1954 legte er sein Examen in Englischer Literatur ab. Von 1956 bis 1959 studierte er an der Harvard Law School und arbeitete im Anschluss bis zum Jahr 2004 als Anwalt in der Kanzlei Debevoise & Plimpton. Ende der sechziger Jahre arbeitete er bei der französischen Niederlassung von Debevoise in Paris. 1991 legte Louis Begley seinen ersten Roman vor. Seine Werke wurden in 15 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Louis Begley lebt in New York.