Das alte Land - Simonds, Merilyn

Das alte Land

Roman

Merilyn Simonds 

Dtsch. v. Elke Link
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Das alte Land

Mit "Das alte Land" legt sie nach "Der Sträfling" und "Der Löwe im Zimmer nebenan" nun ihren lang erwarteten ersten Roman vor, der von der kanadischen Kritik enthusiastisch gefeiert wurde und monatelang auf der Bestsellerliste der unabhängigen kanadischen Buchhändler stand.

"Zwei Frauen, die sich über die Jahrhunderte hinweg begegnen. Ein extrem sinnliches Buch, üppig und genüsslich zu lesen." National Post


Produktinformation

  • Verlag: Btb
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 287 S.
  • Seitenzahl: 287
  • Deutsch
  • Abmessung: 22 cm
  • Gewicht: 480g
  • ISBN-13: 9783442751495
  • ISBN-10: 3442751497
  • Best.Nr.: 20943456
Merilyn Simonds wurde in Winnipeg, Manitoba, geboren und verbrachte ihre Kindheit in Brasilien. Für ihre Arbeit als Schriftstellerin und freie Journalistin wurde die Kanadierin vielfach mit Preisen ausgezeichnet. Mit ihrem zweiten Ehemann lebt Merilyn Simonds auf einer alten Farm nördlich von Kingston, Ontario.

Leseprobe zu "Das alte Land"

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Margaret hält inne, der letzte Satz ist ihr zu knapp geraten. Aber ihn einfach durchzustreichen, das hilft ihr nicht. Ihr bleiben nur noch wenige Seiten für ihre Geschichte hinten in dem alten Buch. Sie weiß kaum, wie sie alles bewältigen soll. Wenn sie es doch nur so zu Papier bringen könnte, wie es in ihrem Kopf existiert, all die Jahre wie ein einziger Augenblick - die Kaimauer in Pittenweem, die Hügel von Madawaska, die Überfahrt, die Rodung, Ewan, alles ist eins.

Doch Zeit und Raum herrschen über das Papier und zwingen Margaret, an dem runden Stein der Erinnerung zu meißeln, mal hier ein Stückchen herauszuschälen, mal dort ein anderes abzuschlagen. Vieles wird dabei übersehen, bleibt zurück, während sie die Splitter neu ordnet, um einen Weg von damals ins Heute zu bahnen, von dort nach hier, wo sie auf einem Baumstumpf in Sichtweite der Hütte sitzt, die Teller mit Kanincheneintopf ungewaschen auf dem Tisch, die Sauce, die auf den Lippen ihrer Brüder geliert.

Es ist gerade noch Zeit für diese Aufzeichnungen, denn sie will noch etwas von sich hinterlassen und dann zusehen, dass sie von hier wegkommt.

Das war das Ende, aber wo hatte es begonnen?

Pittenweem. Ein kleines Mädchen auf den Knien, das grobe Gras schraffiert ihm die Haut. Sie schiebt ein Schiffchen in einer Pfütze herum, das sie aus einem aufgelesenen Fetzen Papier gebastelt hat. Vorhin noch hatte sie es sich als Hut aufgesetzt, als sie über den Küstenhang streifte und auf die kleinen Häuser hinunterblickte, die wie Tölpelnester an der Felswand am Ende der Bucht kleben. Dann entdeckte sie die Pfütze, nahm den Hut ab, küsste ihn und setzte ihn auf das Wasser. Mit einer Hand hielt sie das Schiff aufrecht, bis sie das braune Luggersegel der Mairead entdeckte, das Boot ihres Vaters, das auf der Jagd nach Heringen, den Silberschätzen, durch den Firth of Forth hinaus auf die gefahrvolle Nordsee fuhr.

Siebenmal zieht sie mit dem Boot einen Kreis, nicht mit der Sonne, sondern gegen deren Lauf, ohne dabei je den Blick von dem dunklen Segeltuch abzuwenden, selbst als es auf die Größe eines Taschentuchs, eines Briefumschlags, einer Briefmarke schrumpft. Dann lässt sie ab davon, als hätte sie genug von ihrem Spiel oder von einer räumlich so begrenzten Pfütze. Sie streicht das Papiersegel und lässt das Schiffchen kentern.

Das Kind hört, wie jemand seinen Namen ruft, und als es sich umwendet, sieht es seine Mutter durch den Stechginster herbeieilen, die Sträucher eine flackernde goldene Flamme vor dem dunklen Himmel, den die Röcke der Frau bilden.

Die Mutter schimpft das Mädchen aus und zieht es auf die Füße. Hast du denn gar nicht an deinen Vater und deine Brüder gedacht? Komm, bring dein kleines Boot sicher in den Hafen.

Sie zieht ihrer Tochter die Finger lang, zwingt sie an das schlaffe Segel, aber das Kind will nicht festhalten. Mit dem Rücken zum Meer stehen die beiden da, während der Wind ihnen die rotschwarzen Locken zaust, Mutter und Tochter, die sich gleichen wie zwei Blätter am selben Baum, eine so stur wie die andere.

Die Mutter gibt zuerst nach. Mit eigener Hand richtet sie das Schiffchen wieder auf und geleitet es ans Ufer, um es dann in ihrer Schürzentasche zu verstauen. Du bist schon seltsam, Margaret Jannet, mit deinen Launen und deinem stieren Blick. Was soll bloß aus dir werden?

Wir gehen weg von hier, antwortet sie. Diese Worte hat man ihr schon so oft vorgebetet, dass sie ihr sofort in den Sinn kommen.

Der Wind ist überall, wie ein Gerücht. Er fährt ihnen durch die Haare, als sie oben am Küstenhang stehen, und er streicht auch über den Dorffriedhof.

Margaret ist jetzt älter und so groß wie ihre Mutter. Ihre hüftlange Arbeitsjacke, bedruckt mit Ackerveilchen, bauscht sich sanft über ihrer Brust, und die Schichten von Röcken, von denen der oberste als Schürze zurückgebunden ist, erwecken den Eindruck breiter werdender Hüften, aber an ihren schlanken Händen sieht man, dass sie noch ein Mädchen ist. Sie steht mit ihrer Mutter vor dem Familiengrabstein, ein einfacher grauer Stein wie alle anderen. Er trägt schon zu viele Inschriften. Sophia, Robert Roy und James Henry, alle der Cholera zum Opfer gefallen, die Babys Isobel und Bride, die tot auf die Welt kamen, und zuletzt Angus Stewart, verschollen auf See, als Margaret erst sieben war. Bei ihm drückt der schwere Stein nichts nach unten.

Du verlangst zu viel von mir, flüstert die Mutter, obwohl Margarets Vater gar nicht in der Nähe ist.

Ein schwingender dunkler Rock. Margaret beugt sich nach vorne und erhascht einen Blick auf eine Frau, die zwischen den Gräbern hindurchschlüpft. Margaret folgt ihr, denn sie hat sie schon einmal gesehen, allerdings immer aus der Ferne, wenn die Frau Heilkräuter am Küstenhang sammelte oder bei Ebbe Seetang auf den Felsen; wenn sie sich am Kirchturm oder auf der Kaimauer ausruhte und zum Wasser hinunterblickte, das an den Steinen nagte, eine Hand auf dem letzten Poller, als wäre sie daran festgebunden. Ihre Kleidung hat etwas Seltsames, das altmodische weiße Tuch, das sie unter ihrem Kopftuch trägt, der grobe Stoff, aus dem ihr Rock genäht ist. Noch seltsamer allerdings ist ihr Gebaren: Trotz ihrer kräftigen Gestalt hat ihre Haltung etwas Verstohlenes, und ihr stechender Blick wirkt herausfordernd. Margaret ist ihr schon durch die engen Gassen von der High Street bis ans Ufer gefolgt, aber sie verliert sie jedes Mal, einmal an der Meereshöhle von St. Filian's, einmal in einem Knäuel von Fischern, die sich an einer weiter oben gelegenen Biegung versammeln, um über die Dächer hinweg das Wetter zu prüfen, das über den Firth zieht. Die alte Frau kommt von außerhalb, sie ist fremd in dem Dorf und scheint außer Margaret niemandem weiter aufzufallen.

Nun verfolgt Margaret die Frau zwischen den Obelisken und Grabmälern hindurch, bis sie schließlich in der Falle sitzt. Die alte Frau dreht sich zu ihr um, ein leichtes Lächeln auf den Lippen, gerade so, als hätte sie es darauf angelegt, dass die beiden alleine in einer Nische landen, wo das Gras hoch wächst und die Grabsteine flach auf dem Boden liegen, als wolle man sichergehen, dass die Toten an ihrem Platz bleiben. Die alte Frau betrachtet Margaret aufmunternd, ein Versprechen liegt in ihrem Blick, doch bevor es dem Mädchen einfällt zu fragen, wer sie ist oder was sie will, tritt die Frau einen Schritt zurück und löst sich zwischen den Steinen auf.

Doch nicht hier beginnt die Geschichte, nicht mit Kinderspielen oder Geistern mit einem angedeuteten Lächeln. Wie die Geburt beginnt sie mit Blut.

Mein Name ist Margaret Jannet, und ich stamme aus Pittenweem, wo Jannet Cornfoot, die Mutter der Mutter der Mutter meiner Mutter, als Hexe verurteilt starb.

Die Ebbe kommt, die See zieht sich in sich selbst zurück und offenbart ihre Knochen. Bald machen die Männer auf der Kaimauer die Leinen von den Pollern los, und die Deirdre, das Auswandererschiff, segelt hinaus aufs Meer, vorbei an May Island, das in dem unruhigen Licht des anbrechenden Frühjahrs über dem Firth zu schweben scheint.

Margaret lehnt sich an die Reling und sieht zu, wie die Felsrippen aufsteigen, dann fließt das Wasser noch weiter zurück, die Sonne verfinstert sich, und auch die alte Frau steigt auf. Man hat ihr ein Seil um den Körper gebunden. Es verläuft vom Bugspriet der Deirdre zu einer Gruppe von Männern auf der Kaimauer, die kräftig an dem Seil ziehen und die Frau nach oben holen, man sieht ihren Hals, ihre Arme, ihre Brust, und Margaret denkt: Sie wird gerettet! Aber die Männer lassen das Seil wieder los, und die Frau versinkt in den Wellen. Sie bleibt so lange unter Wasser, dass Margaret schon glaubt, sie wäre ertrunken. Dann machen sich die Männer an die Arbeit und ziehen sie spritzend wieder herauf.

Die am Ufer versammelten Dorfbewohner drängen sich zusammen, sie drücken nach vorne, um besser sehen zu können. Die Fischer achten darauf, dass sie sich nicht die Füße nass machen, die Frauen hingegen waten beherzt ins Meerwasser und raffen die Röcke, lassen jegliche Sittsamkeit fahren. Mit ihren Fischmarktstimmen stimmen sie einen schrillen Chor an, doch Margaret versteht nicht, was sie singen.

Nur ein einziger Mann ist so mutig oder so töricht, ins Meer zu steigen. Ein Seemann wirft ihm die Leine zu, und er stemmt sich gegen die Strömung, zieht den Körper der Frau heraus auf die nun freiliegenden Steine, Steine, auf denen Margaret beinahe jeden Tag ihres Lebens hockte, um für ihren Vater Muscheln und Schnecken als Köder zu sammeln und Knorpeltang für Carrageengelee, wenn ihre Brüder einen rauen Hals hatten.

Margaret wendet den Blick ab und schaut hinüber zu den Passagieren, die sich hinter ihr auf dem Deck drängen. Sie bewegen sich achtlos wie im Traum.

Der Frau werden die Kleider vom Leib gerissen, der kaputt und geschunden auf den Steinen liegt, die Gliedmaßen stehen merkwürdig verrenkt ab, sind unnatürlich angeschwollen, die Brüste von Feuer geschwärzt, und aus tausend kleinen Löchern im Bauch rinnen Flüssigkeiten.

Bei diesem Anblick hält der Mob unwillkürlich inne, und in dem jähen Moment der Stille meint Margaret die Frau atmen zu hören, sie vernimmt leise gehauchte Wörter, doch ob diese Wörter um Gnade flehen oder um den Tod bitten, dessen ist sie sich nicht sicher. Das Flüstern der Frau lässt die Meute auseinanderstieben wie ein Windstoß einen Laubhaufen, und die Zuschauer laufen unsicher hin und her. Dann verleiht ihnen ein lauter Ruf wieder Entschlossenheit, und sie machen ein paar Männern Platz, die hoch über dem Kopf eine Tür tragen wie die Bundeslade.

Die Männer werfen die Tür auf den geschundenen Leib, und als hätte sie auf dieses Signal gewartet, strömt die Horde über den Strand. Alle sammeln wie im Wahn Steinbrocken auf und werfen sie auf die Tür, Stein auf Stein auf Holz auf Bein; ein Trommeln wie Donner, wie schnelles Kanonenfeuer, während der Mann, der ins Meer gegangen ist, der Mann, der ganz schwarz gekleidet ist, das Gesicht zum Himmel richtet und singt:

Im Namen Jesu

Im Namen Jesu

an uns ist es zu siegen.

Im Namen Jesu

die Dämonen sind vertrieben.

Seine Worte gehen im Rumpeln eines Schlittens unter, der über das Ufer gezogen wird. Der Fahrer peitscht die Ochsen, lenkt sie auf die Steine, auf die Tür, die auf die Frau gepresst wird, treibt die Tiere vorwärts, reißt sie zurück, peitscht sie wieder nach vorne. Die anderen, erschöpft von der Plackerei, begnügen sich mit Hohn und Spott - was nützen dir jetzt deine Heilkräuter und deine Amulette, Jannet Cornfoot? -, bis schließlich kein Blut mehr zwischen den Steinen hindurchsickert.

Margaret senkt den Kopf in die Hände, drückt die Finger fest an die Schläfen, ihr Pulsschlag eine Beruhigung, ein Segen, ein Fluch.

Das Wetter ist meistenteils gut, und ein günstiger Wind schiebt die Deirdre durch die grünen Korridore der See. Manchmal weht der Wind so leicht, dass das Wasser vom Kiel des Schiffs kaum gestört zu werden scheint. Manchmal wiederum schläft er auch gänzlich ein, so dass die Segel mit einem Rauschen und einem Seufzer einfallen. Dann treibt das Schiff stundenlang dahin, ziellos, abwartend; die Passagiere unterhalten sich gedämpft und bewegen sich bedächtig, in dem Glauben, wenn sie ganz stillhielten, würden sie den Wind verleiten, die Segel mit seinem Atem zu füllen. Die Fischersleute unter ihnen pfeifen leise, um den Wind mit wortlosen Weisen anzulocken, während über ihnen die Matrosen an Deck aus möglichst großem Abstand Messer in den Mast schleudern, aus demselben Grund.

Einmal vollzieht der Wind eine launige Drehung und weht von Süden her, so dass er die Deirdre ungewollt auf die Spitze der Welt zutreibt, dann wirbelt er das Schiff herum wie ein Kind beim Blindekuhspiel, als wolle er sie völlig die Orientierung verlieren lassen, und bläst sie schließlich wieder dorthin zurück, wo sie herkam.

Im besten Falle dauert die Passage über den Atlantik vierzehn Tage, doch sie sind Wind und Wellen ausgeliefert. Gegen Ende der dritten Woche bemerkt Margaret nach einer unheimlichen Phase der Ruhe eine steife Brise, die auf sie zukommt, ein sich ausbreitender Fleck auf dem Wasser. Bei Einbruch der Nacht ist das ganze Meer am Brodeln. Der Kapitän refft die Segel in Erwartung des Sturms, doch der Wind treibt sie dennoch in eine flüssige Gebirgslandschaft und peitscht das Schiff erst steile Hänge hinauf, um es gleich darauf in schwarze Abgründe hinabzuschleudern. Meerwasser ergießt sich über die Decks, dringt durch die Ritzen in den hölzernen Flanken. Die Leinen und Rahen heulen, wenn der Wind an den Segeln zerrt, und trifft das Schiff frontal auf eine Welle, stöhnt es auf wie ein Seemann, der einen Schlag in die Rippen bekommt.

I saw the new mune late yestreen

Wi' the auld moon in her arms

An ever an alake, my friend

'Tis a token o' deidly storms,

singt ihr Vater, während sich die Familie in der unteren ihrer beiden Kojen zusammenkauert. Sie halten sich aneinander fest, um nicht in die Pfützen zu rutschen, die sich am Boden ausbreiten.

Die Mauer aus Hausrat, die die Auswanderer im Durchgang errichteten, um sich gemütliche Nischen zwischen den Kojenreihen zu schaffen, reißt auf. Schrankkoffer und Fässer, Kisten und Kästen, Körbe und Taschen fallen um, rutschen vom Bug zum Heck, von backbord nach steuerbord. Schließlich herrscht ein so wildes Durcheinander, dass es mehrerer windstiller Tage bedarf, bis jede Familie ihre Habseligkeiten wieder beisammen hat. Und wenn es so weit sein wird, dann wird tüchtig geflucht und tief geseufzt werden, denn wer so dumm war, eine Porzellankanne oder eine Lupe einzupacken, wird sie in tausend Splittern finden, und die Beutel und Kisten werden triefen von Meerwasser und Schlimmerem, denn die Eimer, in die man die Notdurft verrichtet und die voller Urin und Fäkalien sind, schwappen über, und die Planken sind glitschig von der eklen Brühe.

Kaum jemand ist gegen das wilde Schaukeln der Deirdre gefeit. Die nicht, die eine Mischung aus Whisky und Senf, Quires-Magenpulver oder ein paar Tropfen Laudanum einnehmen. Die nicht, die ein halbvolles Wasserglas mit ausgestrecktem Arm halten und sich darauf konzentrieren, den Spiegel der Flüssigkeit gerade zu halten. Die MacBaynes allerdings trinken einen Tee, den Margarets Mutter aus Pfefferminzblättern und gemahlenen Nelken brüht, und sie leiden weniger als die anderen.

Die Passagiere sind tagelang unter Deck gefangen, während der Sturm langsam nachlässt, doch Angst verspürt Margaret nie. Sie kennt die See seit ihrer Geburt und weiß, wie launisch sie ist, wie schnell sie sich von der nährenden Mutter in die Teufelin verwandeln kann, die Fische versteckt und Brüder und Söhne ertränkt. Ist man an eine Gefahr gewöhnt, schmälert das ihren Einfluss auf den Geist. So gelingt es Margaret weiterhin, klare Gedanken zu fassen, obwohl die Bedrohung als solche nicht verschwindet und auch nicht das Wissen darum. Und die Achtsamkeit richtet sich irgendwo ganz tief drinnen ein, wo sie das Herz auf unerwartete Weisen berühren kann.

Sie sitzen in völliger Dunkelheit, denn die Laternen sind gelöscht, aus Furcht, sie könnten beim Schlingern des Schiffs umschlagen und alles in Brand setzen. Sie sitzen da und lauschen dem Wind, den Wellen, den knarrenden Balken, dem Heben und Aufprallen des kleinen Schiffs, und sie sehnen sich nach dem ersten Anzeichen für das Nachlassen des Sturms, dem ersten Hinweis auf ihre Rettung oder ihren Untergang.

Einer nach dem anderen wird des Lauschens müde. So wie die wiegenden Bewegungen des Schiffes auf hoher See ganz alltäglich sind, so gewöhnen sie sich nun an das heftige Schaukeln. Robert Bruce wagt sich als Erster vor, er lehrt seine kräftigen Arme und Beine, sich in der Dunkelheit zurechtzufinden, hält sich oben an den Kojen fest, bewegt sich mit dem Stampfen des Decks voran. Wenn das Schiff kurz auf einer Welle ruht, macht er ein paar große Schritte, und wenn die Deirdre die nächste Welle in Angriff nimmt, läuft er rasch aufwärts oder abwärts und springt dabei über die widerwärtige Brühe, die über den Boden rinnt.

Als die weniger Angegriffenen unter ihnen ihre Flöten, Pfeifen und Fiedeln hervorholen, um die Lieder der Heimat zu singen, Lieder von einer ruhigeren See, zerrt Robert Bruce seinen mürrischen älteren Bruder auf die Füße, und bald klopfen die drei jungen MacBaynes mit ihren schweren Stiefeln den Rhythmus auf den hohlen Holzboden, William Wallace mit akkuraten Bewegungen, Robert Bruce tüchtig schwitzend vor Anstrengung, während der junge Harry Douglas rudert wie ein Betrunkener, denn seine ungestümen Tanzschritte werden von dem wilden Wogen der See gestört. Selbst Margarets Mutter summt mit, als ihr Ehemann singt:

When haddocks leave the Firth of Forth, and mussels leave

the shore,

When oysters climb up Berwick Law, we'll go to sea no

more.

No more - we'll go to sea no more.

Was Margaret jedoch rettet, ist nicht die Musik, es sind die Bäume. In der Dunkelheit schmiegt sie sich an den Schiffsrumpf und atmet den letzten Hauch der kräftigen Stämme ein, die zuvor darin die Überfahrt gemacht haben, ihrer Heimaterde entrissen, um Masten für englische Schiffe zu werden. Wildnis, Hinterland, Nadelwälder - darunter kann sie sich noch gar nichts vorstellen. Fife wurde zwar nach seinen Wäldern benannt, aber die schwanden so lange vor Margarets Zeit, dass sie als Kind Bäume nur einzeln stehend oder in armseligen Grüppchen kannte: die Birnbäume im Garten der Nachbarn, die vereinzelten Platanen an der Straße, die aus Pittenweem hinausführt. Einen Wald kann sie sich ebenso wenig vorstellen, wie sie das Meer vergessen kann.

Trotzdem riecht sie die Nadelbäume und kostet den Geruch aus, sie zupft an den glänzenden, bernsteinfarbenen Tränen, die die Wand hinunterlaufen, rollt das klebrige Harz zwischen den Fingern, schnuppert daran, legt es sich auf die Zunge. Es schmeckt scharf, geheimnisvoll. Jeden Abend zupft sie ein neues Stückchen ab, und sie bildet sich ein, wenn sie es bis zum Morgen in der Wange behält, dann träumt sie die Geheimnisse des Ortes, den sie nach dem Willen ihres Vaters Zuhause nennen sollen.

Mein Vater war ein Fischer aus Fife, aber das Meer hat er nie geliebt. Er stammte von den Highlands, und im Herzen sehnte er sich nach den weiten Hügeln.Also setzten wir die Segel und brachen in die kanadische Wildnis auf, um zu leben, wie Gott es wollte, als Herren der Seen und der Wälder.

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