Blut und Gold - Rice, Anne

Blut und Gold

Anne Rice 

Aus d. Amerikan. v. Barbara Kesper
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Blut und Gold

Ein opulenter Streifzug durch die Geschichte: das zweitausendjährige Leben des Vampirs Marius.
Ob im antiken Rom, in Konstantinopel, Florenz,dem dekadenten Venedig oder in Dresden - überall stillt Marius seinen Durst nach dem köstlichen roten Saft. Sein Liebeshunger jedoch bleibt unbefriedigt..

Marius ist ein Gralshüter der Vampire. Von der Königin der Bluttrinker hat der große Vampir im alten Ägypten den Auftrag bekommen, sie und ihren ebenfalls erstarrten Gemahl vor Übergriffen zu schützen. Wohin auch Marius sich in seinem langen Leben wendet, der Schrein mit dem statuengleichen Königspaar ist immer dabei.
Auch in Antiochia, wo Marius seiner großen Liebe Pandora verfällt. Doch als er christliche Vampire vernichten muss, die nach dem Blut des Königspaars verlangen, stürzt Marius in tiefe Verzweiflung und verlässt die Geliebte. Ein Fehler, den der Bluttrinker noch bitter bereuen wird, denn eine vergleichbare Liebe findet er nicht - auch nicht, als er in Florenz dem Maler Botticelli begegnet. Er kann gerade noch dem Impuls widerstehen, den Künstler zum Vampir und zu seinem Gefährten zu machen.
Nachdem Marius mit der Kurtisane Bianca in ein kleines Schloss bei Dresden gezogen ist, kommt es schließlich zum lang ersehnten Wiedersehen mit Pandora, das aber kein gutes Ende findet: Seine Geliebte ist von einer rätselhaften geistigen Krankheit befallen und kann sich nicht an ihn erinnern. Wenig später muss sie ihn jedoch aus großer Gefahr retten ...


Produktinformation

  • Verlag: Hoffmann Und Campe
  • 2004
  • Ausstattung/Bilder: 2004. 591 S.
  • Seitenzahl: 591
  • Aus der Chronik der Vampire Bd.8
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm x 150mm x 57mm
  • Gewicht: 870g
  • ISBN-13: 9783455062663
  • ISBN-10: 3455062660
  • Best.Nr.: 12441877
"Rice erschafft mit der ihr eigenen Meisterschaft eine einzigartige erotisch knisternde und historische farbenprächtige Atmosphäre." -- People

"Faszinierend und spannend bis zum Schluss." -- USA Today

"Ein wunderbares Abenteuer. Die Leser werden begeistert sein." -- The Dallas Morning News
Anne Rice wurde mit ihren Vampir-Romanen berühmt und gilt als eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Welt. Sie lebt in New Orleans. Bei Hoffmann und Campe erschienen bisher: 'Memnoch der Teufel' (auch als Hörbuch erhältlich), 'Engel der Verdammten', 'Pandora', 'Armand der Vampir', 'Vittorio' und 'Merrick oder Die Schuld des Vampirs'. Mehr Informationen unter: www.annerice.com.

Leseprobe zu "Blut und Gold"

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Der Lauscher 1 Sein Name war Thorne. In der alten Sprache der Runen war er noch länger gewesen - Thornevald. Aber als er zum Bluttrinker wurde, hatte er ihn auf Thorne verkürzt. Und so war er nun immer noch Thorne, Jahrhunderte später, während er in einer Höhle aus Eis lag und träumte.

Als er damals in das Land des Eises gekommen war, hatte er gehofft, auf ewig schlafen zu können. Doch der Durst nach Blut weckte ihn hin und wieder, und dann erhob er sich dank der Gabe der Lüfte über die Wolken und begab sich auf die Suche nach den Schneejägern.

Von ihnen nährte er sich, gab jedoch Acht, dass er nie zu viel Blut von einem einzelnen Schneejäger trank, denn er wollte nicht, dass seinetwegen ein Mensch sterben musste. Und wenn er Pelze und Stiefel brauchte, nahm er sich die und kehrte anschließend in sein Versteck zurück.

Die Schneejäger gehörten nicht zu seinem Volk. Sie waren dunkelhäutig und schlitzäugig, auch sprachen sie eine andere Sprache. Er hatte sie schon in den alten Zeiten kennen gelernt, als er seinen Onkel in das Land im Osten begleitet hatte, der dort Handel trieb. Das war seine Sache nicht, er war schließlich Krieger. Aber Thorne hatte auf diesen abenteuerlichen Reisen viel gelernt.

Hier im Norden hatte er Träume, wenn er schlief. Er konnte nichts dagegen tun. Die Gabe des Geistes ließ ihn die Stimmen anderer Bluttrinker hören.

Ohne es zu wollen, schaute er durch ihre Augen und sah die Welt, wie sie sie sahen. Manchmal machte ihm das nichts aus, es gefiel ihm sogar. Diese neuzeitlichen Dinge belustigten ihn. Er lauschte fernen elektrischen Klängen. Mit der Gabe des Geistes sah er Dampfmaschinen und Eisenbahnen, Computer und Automobile, er begriff sogar ihre Funktionsweise. Thorne hatte das Gefühl, dass diese Städte ihm nicht fremd waren, wenngleich er sie vor Jahrhunderten hinter sich gelassen hatte.

Ihm war bewusst, dass er nicht sterben würde. Die Einsamkeit konnte ihn nicht vernichten. Es half auch nichts, seinen Durst zu missachten. Also schlief er.

Dann geschah etwas Merkwürdiges. Die Welt der Bluttrinker wurde von einer Katastrophe heimgesucht.

Ein junger Barde war aufgetaucht. Sein Name war Lestat, und in seinen elektrischen Gesängen erzählte er von uralten Geheimnissen, Geheimnissen, von denen Thorne nie gehört hatte.

Daraufhin hatte sich die Königin erhoben, ein böses, ehrgeiziges Geschöpf. Sie behauptete, den heiligen Urkern aller Bluttrinker in sich zu tragen, sodass bei ihrem Tod die ganze Art mit ihr vergehen würde.

Thorne waren diese Mythen nie zuvor zu Ohren gekommen, und er mochte auch nicht so recht daran glauben.

Aber während er in seiner Eishöhle schlief, träumte und schaute, begann diese Königin, mit der Gabe des Feuers Bluttrinker in der ganzen Welt zu töten. Thorne hörte deren Schreie, als sie zu entkommen versuchten, und sah ihren Tod durch die Augen anderer Bluttrinker.

Auf ihrem Streifzug über die Erde kam diese Königin auch in Thornes Nähe, doch sie zog über sein Versteck hinweg. Er lag still und verborgen in seiner Höhle. Vielleicht konnte sie seine Gegenwart nicht spüren. Er jedoch hatte die ihre gespürt, und nie zuvor war er einem Bluttrinker von so hohem Alter oder solcher Kraft begegnet, sah man von jener ab, die ihm Das Blut gegeben hatte. Und so fand er sich wieder in Gedanken an dieses eine Wesen gefangen, an die rothaarige Hexe mit den blutenden Augen, an seine Schöpferin.

Die Verheerung nahm immer schlimmere Ausmaße an. Mehr und mehr ihrer Art wurden niedergemacht; Bluttrinker, so alt wie die Königin, kamen aus ihren Verstecken, und Thorne beobachtete diese Geschehnisse mit Interesse.

Zuletzt erschien die Rothaarige, die ihn geschaffen hatte. Er sah sie durch die Augen der anderen Bluttrinker. Erst konnte er nicht glauben, dass es sie noch gab; seit er sie weit im Süden verlassen hatte, war so viel Zeit vergangen, dass er nicht zu hoffen gewagt hatte, sie könnte noch leben. Doch die Augen und Ohren ferner Bluttrinker gaben ihm den untrüglichen Beweis. Und als er ihr so in seinen Träumen begegnete, wurde er von Zuneigung und Wut überwältigt.

Dieses Geschöpf, das ihm Das Blut gegeben hatte, war das blühende Leben, sie verachtete die Böse Königin und wollte sie aufhalten. Der Hass zwischen den beiden loderte schon seit Tausenden von Jahren.

Schließlich kam es zu einer Zusammenkunft all jener Wesen - den ganz Alten aus der ersten Blutlinie und denen, die der Bluttrinker namens Lestat liebte und die die Böse Königin nicht vernichtet hatte.

Während Thorne reglos im Eis lag, vernahm er verschwommen die seltsamen Gespräche derer, die da um eine Tafel versammelt saßen wie eine Schar mächtiger Ritter, nur dass an diesem Ratstisch die Frauen den Männern ebenbürtig waren.

Sie versuchten, die Königin durch Vernunft zu überzeugen, mühten sich, sie zu überreden, dass sie ihre Gewaltherrschaft aufgäbe und von ihren üblen Plänen abließe.

Er lauschte, aber er verstand nicht alles, was dort gesagt wurde. Er wusste nur, dass es galt, die Königin aufzuhalten.

Die Königin liebte den Bluttrinker Lestat. Doch selbst er konnte sie nicht von ihrem unheilträchtigen Unterfangen abbringen, so rücksichtslos war ihre Vision, so verderbt ihr Geist.

Trug diese Königin wahrhaftig den heiligen Urkern aller Bluttrinker in sich? Und wenn, konnte man sie dann überhaupt vernichten?

Thorne wünschte, dass die Gabe des Geistes bei ihm stärker ausgeprägt wäre oder dass er sie häufiger angewandt hätte. Seine Kräfte waren zwar während der langen, im Schlaf verbrachten Jahrhunderte gewachsen, doch machte ihm die große Entfernung zu schaffen wie auch seine momentane Schwäche.

Doch wie er nun diese Szene betrachtete, mit weit geöffneten Augen, als könne er so besser sehen, schob sich noch eine Rothaarige in sein Blickfeld; sie war die Zwillingsschwester derer, die ihn vor so vielen Jahren geliebt hatte. Und Thorne machte sich klar, dass sie, seine Schöpferin, ihre Schwester schon vor vielen tausend Jahren verloren hatte.

Die Böse Königin hatte dieses Unheil bewirkt. Sie verachtete das Zwillingspaar mit den roten Haaren. Sie hatte sie auseinander gerissen. Und die verschollene Zwillingsschwester war nun gekommen, einen uralten Fluch zu erfüllen, den sie einst über die Böse Königin verhängt hatte. Und während sie näher und näher kam, war sie allein von einem Wunsch besessen: die Königin zu vernichten. Sie setzte sich nicht zu den anderen an den Ratstisch. Für sie gab es weder Vernunft noch Mäßigung.

"Wir werden alle sterben", flüsterte Thorne schlaftrunken in der Landschaft aus Schnee und Eis, während ihn die endlose arktische Nacht mit ihrer Kälte einhüllte. Er machte keine Anstalten, sich seinen unsterblichen Gefährten zu nähern. Aber er beobachtete. Er lauschte. Das würde er bis zum letzten Moment tun. Das war das Mindeste, was er tun konnte.

Endlich erreichte die verschollene Zwillingsschwester ihr Ziel. Sie erhob sich gegen die Königin. Die anderen anwesenden Bluttrinker sahen voller Entsetzen zu. Die beiden Frauen kämpften, und während sie aufeinander losgingen wie zwei Krieger auf dem Schlachtfeld, entstand in Thornes Geist plötzlich ein seltsames, alles andere überdeckendes Bild. Es war, als läge er im Schnee und schaute hoch zum Firmament. Und was er sah, war ein riesiges, verschlungenes Netz, das sich in alle Himmelsrichtungen erstreckte, und darin eingebettet blinkten viele Lichtpunkte. Im Zentrum dieses Netzes lohte eine einzelne kraftvolle Flamme. Er wusste, dies war die Königin; und er wusste, dass all die anderen Lichter Bluttrinker waren. Er selbst war einer dieser winzigen grellen Punkte. Die Sage von dem heiligen Urkern war also wahr. Er konnte es mit seinen eigenen Augen sehen. Und nun kam für alle der Augenblick, sich der Finsternis und dem Schweigen zu ergeben. Nun kam das Ende.

Das weit ausgespannte Netz flackerte hell auf; der Kern schien zu explodieren; und dann, einen sich dehnenden Augenblick lang, verdunkelte sich alles, und er spürte ein köstliches Prickeln in seinen Gliedern, wie es ihn oft im Schlaf überkam; er dachte bei sich: So sterben wir jetzt. Ganz ohne Schmerz.

Und doch war es wie der Tag Ragnarök für seine alten Götter, die Weltendämmerung, wenn der Gott Heimdall, der Weltenerleuchter, sein Horn blies, um die Götter Aesirs zu ihrer letzten Schlacht zu rufen.

"Und ein Krieg ist auch unser Ende", flüsterte Thorne.

Nicht mehr zu leben schien ihm die beste Lösung zu sein, bis er an sie dachte, seine rothaarige Schöpferin, die ihn zum Bluttrinker gemacht hatte. Er hatte sich so lange schon gewünscht, sie wiederzusehen.

Warum hatte sie ihm nie von ihrer verschollenen Zwillingsschwester erzählt? Warum hatte sie ihm nie die Mythen anvertraut, von denen der Bluttrinker Lestat sang? Gewiss hatte sie das Geheimnis der Bösen Königin, die den heiligen Urkern in sich trug, gekannt.

Er änderte seine Lage, regte sich im Schlaf. Das weit sich hinstreckende Netz war seinem Blick entschwunden. Doch die rothaarigen Zwillinge sah er außerordentlich deutlich.

Die beiden stattlichen Frauen standen Seite an Seite, eine in Lumpen gehüllt, die andere in prächtiger Robe. Und durch die Augen der anderen Bluttrinker sah er, dass die fremde Zwillingsschwester die Königin erschlagen und den heiligen Urkern in sich aufgenommen hatte.

"Seht her - die Königin der Verdammten", sagte die, die ihm Das Blut gegeben hatte, und stellte den anderen ihre lang verschollene Schwester vor. Thorne verstand sie. Er sah ihrem Gesicht an, wie sehr sie litt. Doch das Gesicht der Fremden, der Königin der Verdammten, war ausdruckslos und leer.

Die Überlebenden der Katastrophe blieben in den folgenden Nächten zusammen. Sie erzählten sich gegenseitig ihre Erlebnisse. Und die Luft war gesättigt von ihren Geschichten wie einst von den alten Liedern, die die Barden in den Hallen der Langhäuser sangen. Lestat hatte seine elektrischen Musikinstrumente beiseite gelegt und betätigte sich abermals als Chronist, indem er die Geschichte dieser geschlagenen Schlacht niederschrieb und als Roman in die Welt der Sterblichen entließ.

Die rothaarigen Schwestern waren bald schon fortgegangen, in ein Versteck, in dem Thornes Gabe des Geistes sie nicht ausmachen konnte.

Sei ruhig, sagte er zu sich selbst. Vergiss, was du gesehen hast. Es gibt keinen Grund, sich aus deinem eisigen Bett zu erheben. Der Schlaf ist dein Freund. Träume sind nur unwillkommene Gäste. Lieg still, und du wirst wieder in deinen friedvollen Zustand zurücksinken. Sei wie der Gott Heimdall vor dem Schlachtruf, so still, dass du die Wolle auf dem Rücken der Schafe wachsen hören kannst und das Gras in den fernen Landen, in denen der Schnee schmilzt.

Aber immer neue Visionen erreichten ihn.

Der Bluttrinker Lestat trug neue, Verwirrung stiftende Unruhe in die Welt der Sterblichen. Er brachte ein wundersames Geheimnis aus der christlichen Vergangenheit, das er einem sterblichen Mädchen anvertraute.

Für diesen da, dessen Name Lestat war, würde es nie Frieden geben. Er war wie einer von Thornes Volk, wie einer der Krieger aus Thornes Zeiten als Sterblicher.

Thorne beobachtete, wie seine Rothaarige abermals auf der Bildfläche erschien, sie, dieses reizvolle Wesen, die ihm Das Blut gegeben hatte; ihre Augen waren, wie stets, rot von menschlichem Blut, sie war fein gekleidet und strahlte Autorität und Macht aus. Und dieses Mal war sie gekommen, um den unglückseligen Bluttrinker Lestat in Fesseln zu schlagen.

Fesseln, die einen so Mächtigen binden konnten?

Thorne grübelte. Welche Ketten konnten das bewerkstelligen, fragte er sich. Die Antwort auf diese Frage musste er finden. Er sah die Rothaarige geduldig neben dem Bluttrinker Lestat sitzen, während jener hilflos in seinen Fesseln tobte und kämpfte, ohne sich befreien zu können.

Woraus bestanden sie, diese so weich und schmiegsam wirkenden Kettenglieder, dass sie ein solch mächtiges Wesen halten konnten? Diese Frage ließ Thorne keine Ruhe. Und warum liebte seine rothaarige Schöpferin diesen Lestat und ließ ihn am Leben? Warum blieb sie so ruhig, während der junge Vampir raste? Wie es wohl war, von ihren Ketten gefesselt und ihr so nahe zu sein?

Thorne erinnerte sich ... sah quälende Bilder von ihr ... wie er, der sterbliche Krieger dort in dem nordischen Land, das damals seine Heimat war, ihr in einer Höhle zum ersten Mal begegnete. Nacht war es gewesen, als er sie erblickt hatte, mit ihrer Spindel und dem Rocken und ihren blutenden Augen.

Sie hatte flink und schweigend gearbeitet, hatte ein Haar ums andere aus ihren langen roten Locken gerissen und in ihrem Faden verwoben.

Es war im bittersten Winter gewesen, und das hinter ihr brennende Feuer loderte so hell, dass es ihm wie Zauberei schien, als er da im Schnee stand und sie beobachtete, wie sie ihren geheimnisvollen Faden spann.

"Eine Hexe", hatte er laut gesagt.

Er verbannte diese Erinnerung aus seinem Gedächtnis.

Jetzt sah er sie, wie sie Lestat bewachte, der ihr an Stärke gleichkam. Er sah die seltsamen Ketten, die Lestat banden und gegen die er nun nicht länger ankämpfte.

Schließlich hatte sie Lestat aus seinen Fesseln befreit und ihn und seine Gefährten verlassen.

Abermals schwor sich Thorne, seinen Schlummer fortzusetzen. Er öffnete seinen Geist dem Schlaf. Aber eine Nacht nach der anderen ging hin in seiner eisigen Höhle. Der Lärm der Welt war betäubend und gestaltlos.

Und im Fluss der vergehenden Zeit konnte er doch nicht das Bild der einen, lang Verlorenen aus seinem Gedächtnis streichen; er konnte nicht vergessen, dass sie so lebendig und schön war wie je, und vergessen geglaubte Gedanken erwachten mit bitterer Schärfe in seinem Kopf.

Warum hatten sie gestritten? Hatte sie ihn denn wirklich einmal im Stich gelassen? Warum hatte er ihre anderen Gefährten so sehr gehasst? Warum missgönnte er ihr, dass umherschweifende Bluttrinker, die auf sie trafen, ihr sofort Verehrung entgegenbrachten, wenn sie sich über ihre Reisen unterhielten?

All die Mythen über die Königin und den heiligen Urkern - hätten sie ihm etwas bedeutet? Er wusste es nicht. Er hungerte nicht nach Mythen. Sie verwirrten ihn nur. Aber er konnte das Bild des in jene mysteriösen Ketten geschlagenen Lestat nicht aus seinem Geist verbannen.

Die Erinnerungen ließen ihm keine Ruhe.

Mitten im Winter, als endloses Dunkel über dem Eis herrschte, wurde ihm endgültig klar, dass der Schlaf ihn geflohen hatte. Er würde keinen Frieden mehr finden.

Und so erhob er sich aus seiner Höhle und begann seine lange Wanderung durch den Schnee gen Süden. Er nahm sich Zeit, lauschte auf die elektrischen Stimmen der Welt dort unten und war im Ungewissen, wo er wieder in sie eintreten würde.

Der Wind riss an seinem langen roten Haar; er stellte seinen pelzbesetzten Kragen auf und wischte sich das Eis von den Augenbrauen. Bald schon waren seine Stiefel nass, und so breitete er die Arme aus, befahl wortlos die Gabe der Lüfte herbei und hob sich empor, sodass er in geringer Höhe über das Land reisen konnte, während er nach anderen seiner Art Ausschau hielt und hoffte, dass er jemanden fände, alt wie er selbst, dem er willkommen wäre.

Der zufälligen Botschaften, die die Gabe des Geistes ihm vermittelten, überdrüssig, wollte er gesprochene Worte hören.

2 Einige sonnenlose Tage und Nächte eilte er durch tiefen Winter. Doch schon nach kurzer Zeit vernahm er den Ruf eines anderen Bluttrinkers, älter als er selbst und aus einer Stadt, in der Thorne vor Jahrhunderten einmal gewesen war. Selbst in seinem die Nächte überdauernden Schlaf hatte er diese Stadt nicht vergessen. Damals war sie ein großer Marktflecken mit einer schönen Kathedrale gewesen. Jedoch hatte er sie zu jener Zeit auf seiner langen Reise in den Norden von der gefürchteten Pest heimgesucht vorgefunden, und er hatte nicht geglaubt, dass sie sich davon erholen würde.

Thorne war es sogar so vorgekommen, als ob alle Völker der Erde an dieser schrecklichen Seuche sterben würden, so grausam und gnadenlos hatte sie gewütet.

Wieder bohrten qualvolle Erinnerungen in ihm.

Er sah und roch diese Pestilenz, in deren Verlauf Kinder ohne ihre Eltern ziellos umherirrten und überall Berge von Leichen lagen. Nirgends konnte man dem Gestank von faulendem Fleisch entgehen. Wie hätte er jemandem erklären können, wie viel Kummer ihm dieses Unheil bereitet hatte?

Er mochte diese Städte und Dörfer nicht sterben sehen, auch wenn er nicht zu ihnen gehörte. Er steckte sich nicht an, wenn er von den Kranken trank; aber heilen konnte er auch niemanden. So hatte er seinen Weg in den Norden fortgesetzt, musste aber unentwegt daran denken, dass vielleicht bald Schnee oder Gestrüpp all die herrlichen Dinge überdecken würden, die von den Menschen erschaffen worden waren, oder die weiche Erdkrume sie schließlich verschlänge.

Aber seine schlimmen Befürchtungen waren nicht eingetreten; nicht alle waren gestorben, sogar Menschen aus jener Stadt hatten es überstanden, und ihre Nachfahren lebten immer noch in den engen, gepflasterten mittelalterlichen Gassen, durch die er nun schritt, und angesichts der herrschenden Reinlichkeit fühlte er sich besänftigt - mehr, als er es je für möglich gehalten hätte. Ja, es tat ihm gut, hier in diesem wohl geordneten Gemeinwesen zu sein. Wie fest gebaut und schön die alten Fachwerkhäuser waren, wenn auch in ihrem Innern moderne Geräte tickten und summten. Nun sah er die Wunder mit eigenen Augen, die er zuvor nur durch die Gabe des Geistes wahrgenommen hatte. Bunte Träume flimmerten über die Fernsehschirme. Und die Menschen waren vor Schnee und Eis so sicher geborgen, wie sie es sich zu seiner Zeit nie hätten vorstellen können.

Er wollte mehr über diese Wunder wissen, was ihn selbst erstaunte. Er wollte Eisenbahnen und Schiffe sehen, Flugzeuge und Automobile, Computer und schnurlose Telefone.

Vielleicht gelang es ihm ja. Vielleicht konnte er sich die Zeit dafür gönnen. Das war zwar nicht sein Ziel gewesen, als er sich erneut aufgerafft hatte, aber wer sagte denn, dass er sich bei seinem Vorhaben beeilen musste? Niemand wusste von seiner Existenz, außer vielleicht der Bluttrinker, dessen Ruf er vernommen hatte, der, der ihm seinen Geist so offen darbot.

Wo war dieser Bluttrinker, den er vor ein paar Stunden noch gehört hatte? Thorne sandte einen langen, stummen Ruf aus, gab zwar seinen Namen nicht preis, versprach jedoch seine Freundschaft.

Schnell kam eine Antwort. Mit der Gabe des Geistes sah er einen blonden Fremden. Das Wesen saß im Hinterzimmer eines besonderen Lokals, eines Versammlungsorts der Bluttrinker.

Komm her, gesell dich zu mir.

Die Richtung war klar, und Thorne beeilte sich, dorthin zu kommen. Während des ganzen letzten Jahrhunderts waren Stimmen von Bluttrinkern zu ihm gedrungen, die von solchen sicheren Häfen sprachen. Vampirschenken, Bluttrinkerbars, Bluttrinkerclubs. Treffpunkte für die Bruderschaft der Vampire. So etwas gab es! Er musste lächeln.


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Bewertung von dame_noire aus Eschenbach am 07.11.2008   sehr gut
Anne Rice ist eine großartige Autorin. Auch dieses Werk von ihr ist wundervoll! Man begleitet den Protagonisten Marius auf eine Reise durch die Geschichte, auf der man viele bekannte Künstler und Charaktere wie z.B. Boticelli wiedertrifft.
Dieses Buch gefällt mir deshalb so gut weil der Vampir Marius nicht als Menschen meuchelnder Dämon dargestellt wird (wie es so oft in Vampirromanen der Fall ist), sondern als sensible, romantische und verlorene Seele, die ihrer großen Liebe nachtrauert und für alle Ewigkeit auf Erden wandelt.
Eine fantastisches Buch und es lohnt sich auf jeden Fall dieses Werk zu lesen.

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