 | Besprechung von 15.03.2006 |
Abenteuer NachkriegszeitProvinz ist im Kopf: Ralf Bönts Helden auf der LebensfluchtWenn ein Buch "Berliner Stille" heißt, erwartet man, daß es in der Hauptstadt spielt. Lange war es in Mode, dort den Stoff für eine große Erzählung zu suchen. Aber vielleicht verklingen langsam die Stimmen, die die deutsche Metropole mit ihrer ganzen Widersprüchlichkeit als mythisches Sehnsuchtsziel beschwören. Einen Berlin-Roman hat Ralf Bönt mit "Gold" schon im Jahr 2000 vorgelegt. Die Abenteurer und Sinnsucher, die seinen neuen Erzählungsband bevölkern, finden Berlin zwar aufregender als München, suchen ihr Glück aber meistens in der Fremde - in Ägypten, Rom, Moskau oder in der Wüste Sinai und vor allem in New York, diesem ungleich größeren urbanen Fluchtpunkt.
Wie etwa der einsam reisende Nachwuchswissenschaftler, der New York für eine Stadt hält, wo die Zivilisation wieder abenteuerlich wird; eine Stadt für Täter, nicht für Opfer, straucheln sie auf ihren Routen, verheddern sich im Gestrüpp der Weltstädte. Ihm gelingt es ohne fremde Hilfe noch nicht einmal, sich bei McDonald's Pommes frites zu kaufen, die dort French Fries heißen. …
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Andrea Neuhaus ist von diesem Band mit neun Erzählungen sehr angetan, wobei sie diejenigen, die sich hier "deutsche Metropolitanliteratur" versprechen, vorwarnt. Denn die Erzählungen, die von Protagonisten handeln, die sich in einer "fortdauernden Übergangszeit" dem Erwachsenwerden verweigern, sind zumeist auf Reisen in der Ferne, erklärt die Rezensentin. Zudem bilden die Geschichten über "Sinnsuche und Lebensflucht" sehr präzise "das Provinzielle" ab, wobei es hier laut Neuhaus maßgeblich um die "Provinzialität der Seelen" geht, der man durch keine Reise in eine noch so pulsierende Metropole entgehen kann. Die "kleinen und feinen Beobachtungen" sind die "Stärke" des Autors, lobt die Rezensentin, die schwärmt, dass sich hinter den kargen, melancholisch vorgetragenen Andeutungen "weite Räume" für die Leser auftun.
© Perlentaucher Medien GmbH
 | Besprechung von 13.06.2006 |
Das blöde Grinsen des unentschlossenen Gehirns
„Berliner Stille”: In seinem Erzählungsband erkundet Ralf Bönt die
Versuchungen der Passivität
Auch eine Fußballgeschichte findet sich in Ralf Bönts Erzählband
„Berliner Stille”. Unter allen, die jetzt termingerecht
veröffentlicht werden, dürfte sie eine der traurigsten, aber auch
eine der gelungensten sein, schon deshalb, weil sie das
Fußballmotiv mit absoluter Sinnlosigkeit gleichsetzt. Sie zeigt die
Stärken des Autors, der vor sechs Jahren unter dem Titel „Gold”
einen etwas angestrengten Berlin-Roman vorgelegt hat und sich nun
um einiges schlichter, gelassener und feinfühliger mit der kurzen
Form zurückmeldet.
Die Faszination der Metropole ist bei dem 1963 geborenen, in
Bielefeld aufgewachsenen Bönt inzwischen einer coolen Zuneigung zur
Wahlheimatstadt gewichen. Seine Helden treiben sich, obwohl sie
alles andere sind als Kosmopoliten, ohnehin häufig in der großen
weiten Welt herum, auf Korsika oder in Rom, in Moskau oder in der
Wüste Sinai, in New York oder in den gefährlichen Armenvierteln von
Valparaíso. Was ihnen dort zustößt, ist manchmal spektakulär, dann
wieder banal. Auf ihr …
"Selbstsuche und Lebensflucht, Unentschiedenheit und das leise Auseinanderbrechen von Beziehungen sind die Themen, um die diese neun schmalen, schlanken, elegant erzählten Geschichten...kreisen."
(Andrea Neuhaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.3.2006)
"Ralf Bönts stille und unaufgeregte Prosa lehrt die Freude an der Normalität - aller Sinnlosigkeit und allem Scheitern zum Trotz. Und da zu dieser Normalität ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit gehört, sind seine Geschichten vor allem eine Schule der Wahrnehmung und Sensibilität. Es muss nicht immer ein Paukenschlag sein."
(Sascha Michel, Frankfurter Rundschau, 15.3.2006)
"Ralf Bönts Figuren, die gewisse biographische Merkmale mit ihrem Erfinder teilen, sind Heroen des passiven Widerstands. Sie setzen sich nur im äußersten Notfall zur Wehr, aber sie ergreifen auch nicht die Flucht. Stilles, unauffälliges Durchhalten und Durchkommen scheint ihre Devise zu sein."
(Kristina Maidt-Zinke, Süddeutsche Zeitung, 13.6.2006)
"Ralf Bönts stille Geschichten lenken die Aufmerksamkeit auf diese Momente, in denen für kurze Zeit wirklich alles stillzustehen scheint. Das ist nicht unbedingt aufregend. Aber unbedingt lesenswert."
(Anne Kraume, taz, 10.6.2006)
"Klar und schnörkellos geschriebene Erzählungen, die ein erfreulich präziser Blick für die Wirklichkeit auszeichnet."
(Kieler Nachrichten, 15.3.2006)
"Bönt...schreibt lakonisch und einfühlsam. Er nimmt seine Figuren ernst; nur hin und wieder erlaubt er sich einen ironischen Schlenker."
(Der Tagesspiegel, 23.3.2006)
"Ralf Bönts Geschichten sind traurige Miniaturen aus einer irgendwie fremden Welt. Man wundert sich über sie wie über das Ausbleiben einer Sehnsucht."
(Ronald Meyer-Arlt, Hannoversche Allgemeinen Zeitung, 4.4.2006)
"Leise kommen diese Erzählungen daher, deuten in Nebensätzen eine zweite Bedeutungsebene an, die unter der offensichtlichen Oberfläche liegt. Eine Bedeutungsebene, die mit verdrängten Emotionen und Erinnerungen der Protagonisten - und vielleicht auch ihres Autors - zusammenhängt, mit ihren existentiellen Fragen und Bedürfnissen."
(Hessischer Rundfunk, Mikado, 31.07.2006)
"In seinem Leben und dem der anderen Helden von Ralf Bönts Geschichten, einer Lebensweise der Fluchten, gibt es weder Ruhepunkte noch Ruheorte. Sie würden dem selbst verordneten Stets-In-Bewegung-Sein zuwiderlaufen.
Bönts Sprache ist ein großer Kontrast dazu. Zurückhaltend, leise, nuanciert, mit vielen zarten Beobachtungen versehen und auf Abstand bedacht, belegt sie ein Stück Gegenwart und bezeugt die Moderne des Vagantentums."
(Aargauer Zeitung)
"Selbst der scheinbaren Normalität des Alltäglichen verleiht Bönt mit wacher Beobachtungsgabe und großem Detailreichtum noch eine spezielle Würze. (...) Es passiert in Bönts Prosa viel zwischen den Zeilen, was neben der eigentlichen Handlung Bilder hervorruft - Bilder, die man glaubt, auch aus eigener Erfahrung zu kennen."
(Annika Senger, www.literaturkritik.de Nr.9, 14.09.2006)
"Man liest seine Geschichten gerne öfter, sinkt tiefer hinein und läßt die Saite schwingen."
(Michael Sailer, Konkret, H.1. Januar 2007)
Ralf Bönt, geb. 1963, machte eine Handwerkerlehre, studierte Physik und promovierte über Quarks. Er war zu Forschungsaufenthalten in Brookhaven, New York, am Genfer CERN und am DESY, Zeuthen. Seine Essays und Erzählungen erscheinen in allen großen deutschen Tageszeitungen, dem Cicero, bei Akzente, im Merkur und beim Guardian online. Bönt wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. von der Deutschen Akademie Rom, Villa Massimo. Zuletzt erschienen die Erzählungen "Berliner Stille" und der Roman "Die Entdeckung des Lichts" über den Physiker Michael Faraday. Ralf Bönt lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Berlin.